Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Apg 8,5-8.14-17)

5Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus.

6Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat.

7Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus; auch viele Lahme und Verkrüppelte wurden geheilt.

8So herrschte große Freude in jener Stadt.


14Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin.

15Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen.

16Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn.

17Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist.

Überblick

Große Freude! Wenn Wort und Tat ineinandergreifen, ist Gottes Geist nicht weit!

 

1. Verortung im Buch
Nachdem in den Kapiteln 1,5-8,4 Jerusalem der Dreh- und Angelpunkt der Apostelgeschichte (Apg), zeigt Lukas, der Autor des Evangeliums und der Apostelgeschichte nun, wie sich das Christentum in Samaria und Judäa verbreitet. Ausgangspunkt für die Ausbreitung ist die „Zerstreuung“ der Christen Jerusalems nach der Steinigung des Stephanus (Apg 8,54-60). Stephanus und Philippus, der nun in Samaria tätig wird, gehörten dem Kreis der Sieben an, die durch Gemeinde und Apostel dazu bestimmt wurden, die Versorgung der griechisch-sprechenden Witwen in der Jerusalemer Gemeinde zu gewährleisten (Apg 6,1-7). Wie viele andere Christen ist Philippus aus Jerusalem geflohen und wirkt nun als Verkündiger des Evangeliums in Samaria.
Für Lukas ist es wichtig, eine Kontinuität zwischen dem Wirken und Auftrag Jesu und der „Fortsetzung“ dieses Auftrags durch die zwölf Apostel und die Gemeinde darzustellen. Im vorliegenden Abschnitt vorliegenden Abschnitt stellt er dies nicht nur durch die Autorität der von Jesus ernannten stellt er dies nicht nur durch die Autorität der von Jesus ernannten Apostel, sondern auch durch die Parallelität von Ereignissen zwischen Jesus und seinen Jüngern dar.
Die Verse des Lesungstextes sind verwoben mit einer anderen Geschichte, die in den Versen 9-13 und 18-25 von einem angesehenen Zauberer namens Simon erzählt. Simon ist von der Predigt des Philippus so beeindruckt, dass er sich taufen lässt. Die Vollmacht der Apostel, die Hände aufzulegen und den Geist weiterzugeben, ist für Simon jedoch auf falsche Weise anziehend. So wird auch in der „Zwischengeschichte“ von Simon dem Zauberer das Thema der Wirksamkeit des Geistes und der sich zeigenden Vollmacht thematisiert, wenn auch auf ganz andere Weise.

 

 

2. Aufbau
Der Lesungstext ist aus zwei Sinnabschnitten zusammengesetzt, die über die örtliche Angabe (Samaria) miteinander verbunden sind. In den Versen 5-8 geht es um die verkündigende Tätigkeit des Philippus in Samaria. Die Verse 14-17 zeigen den Erfolg dieses Wirkens, indem die Apostel Petrus und Johannes durch die Geistweitergabe die neue Gemeinde dort legitimieren.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 5-8: Neben Stephanus war Philippus aus dem Kreis der Sieben bei der Darstellung ihrer Wahl besonders herausgehoben worden (Apg 6,5), die beiden führen die die Liste der Gewählten an. Philippus zieht wie die anderen Gläubigen, die zerstreut wurden herum und verkündet das Evangelium (Apg 8,4). Mit der Hauptstadt Samarias dürfte nicht Sebaste gemeint sein, da diese Stadt vollkommen durch die griechische Kultur geprägt und von Nicht-Juden bewohnt war. Da die Verkündigung an die Heiden erst später explizit erfolgt, ist eher an Sichem zu denken. Sie ist das religiöse Zentrum der Samaritaner, die auf dem Garizim und nicht in Jerusalem im Tempel Gott verehrten. Die unterschiedlichen Kultstätten sind ein wesentlicher Grund für die Auseinandersetzung zwischen Juden und Samaritanern. Für Lukas ist jedoch diese Differenz hier nicht so sehr von Bedeutung, ihm geht es um eine Verkündigung des Evangeliums an Juden – auch wenn diese auf dem Garizim ihren Ort der Gottesverehrung haben. Wenn Philippus „Christus verkündet“, ist damit gemeint, dass er Jesus von Nazareth als den ersehnten Messias/Christus Israels bekennt und verkündet. Lukas zeigt mit dieser Notiz, dass Philippus genau das tut, was auch die Apostel tun (vgl. Apg 5,42). Dies setzt sich auch in der weiteren Schilderung des Wirkens des Philippus fort. Denn die Menge hört „einmütig“ (vgl. Apg 2,45) den Worten des Philippus zu und sieht, die Zeichen, die er vollbringt (vgl. Apg 5,12-16). Das Motiv von Hören und Sehen wird auch bei der Schilderung der benannten Wunder wiederholt. Denn das Austreiben von Dämonen ist immer mit lautem Schreien des Dämons verbunden, es handelt sich also um eine Wunder, das sich den Zuschauern durchs Hören bestätigt (vgl. Lukasevangelium 4,31-37). Die Heilung von Lahmen und Verkrüppelten zeigt sich hingegen sichtbar, denn es wird berichtet, wie der Geheilte umher läuft und sichtbar frei von Beschwerden ist (vgl. Apg 3,1-11). 
Die sichtbaren und hörbaren Anzeichen vollmächtigen Handelns führen in der Stadt zu großer Freude. „Freude“ ist wie die Furcht seit der Erzählung von der Geburt Jesu (Lukasevangelium 2,10) das Zeichen für die Begegnung mit göttlichem Wirken. Freude ist die Konsequenz auf das Erleben göttlicher Wirkmacht unter den Menschen. Wo Gott sichtbar und erlebbar wird, da gibt es für die Menschen Grund zu jubeln (Apg 3,8).

 

Verse 14-17: Philippus spielt nun keine explizite Rolle mehr, allerdings setzt sein erfolgreiches Wirken erst die folgenden Ereignisse in Gang. Denn die Kunde von der gelungenen Verkündigung in Samarien gelangt bis zu den Aposteln in Jerusalem, die als von Jesus direkt Beauftragte einen klaren Autoritätsrang bei den jungen christlichen Gemeinden innehatten. Petrus und Johannes werden als Abgesandte für die Zwölf dorthin geschickt, wo sich das Evangelium offenbar erfolgreich verbreitet hatte und viele sich hatten taufen lassen (Apg 8,12). Die beiden Apostel bestätigen oder vervollständigen den Akt der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde, indem sie ihnen die Hände auflegen und durch Gebet den Heiligen Geist vermitteln.
Lukas schildert das Hinzukommen der Apostel und deren Handauflegung als einen bewussten Akt und verfolgt damit direkt mehrere Aussageabsichten: Zum einen macht er deutlich, dass die Gemeinde, die in Samaria aufgrund der Verkündigung des Philippus entstanden ist, zusammengehört mit der „Ursprungsgemeinde“ in Jerusalem. Christliche Gemeinschaften sind nie nur ein lokales Ereignis, sie dürfen sich verbunden wissen, mit der Gemeinde, die die Apostel selbst bilden und die der Ursprung der weiteren Verkündigung in der nachösterlichen Zeit ist. Die Apostel sind Garant der Einheit der Gemeinden. Zum anderen bestätigen die Apostel damit das Wirken des Philippus als Verkündigung aus der „Mitte der Gemeinde“. Außerdem geben die Apostel der Gemeinde das hinzu, was nur sie in direkter Nachfolge Jesu übertragen: Den Geist, der befähigt in der Nachfolge Jesu zu handeln. Philippus ist das direkte Beispiel dafür, was dies bedeutet. Ihm waren in Jerusalem die Hände aufgelegt worden und damit der Geist verliehen worden, als Jünger Jesu auch sichtbar zu handeln. Er verkündet das Evangelium mit Wort und Tat – dies soll nun auch in der Gemeinde in Samaria geschehen. Lukas verbindet mit der Entsendung von Petrus und Johannes also einerseits die Übertragung einer Vollmacht, die in der entstehenden Kirche klar an die Apostel gebunden war. Andererseits zeigt er so, dass eine Gemeinde nie nur für sich allein steht, sondern in ein Beziehungsnetz von Gemeinden hineinwächst, die Jesus als den Christus bekennen.

Auslegung

„So herrschte große Freude in jener Stadt“ – mit dieser Bemerkung schließt der Evangelist Lukas seine Darstellung von der Erstverkündigung des Philippus in Samaria ab. Philippus hatte wie viele andere nach der Steinigung des Stephanus Jerusalem verlassen. Nicht nur der gewaltsame Tod eines andren Mittglieds des Siebenerkreises, sondern auch die Verfolgung der Christen u.a. durch Paulus (Apg 8,1b-4) waren Auslöser dafür. Doch die Erlebnisse führen zwar zur Flucht, aber nicht zum Schweigen. Ganz im Gegenteil, die Gläubigen lassen sich nicht einschüchtern, sie ziehen weiter umher und verkünden die Botschaft von Jesus, dem Christus. So eben auch Philippus – die Erkenntnis, dass in Jesus von Nazareth der ersehnte Messias gekommen ist und dass dieser Jesus nach seinem gewaltsamen Tod von Gott wieder auferweckt wurde, sie will verkündet werden. Und so erzählt Lukas vom ersten großen Missionserfolg der christlichen Botschaft außerhalb Jerusalems und ohne direkte Mitwirkung der Apostel, die das Zentrum der ersten Kapitel der Apostelgeschichte bildeten. Dennoch ist das, was in Samaria geschieht, nicht ein Privatunternehmen des Philippus oder losgelöst von dem zu betrachten, was in Jerusalem bislang zu beobachten war. Und so zeigt sich an der Darstellung der Verkündigung in Samaria, was für den Evangelisten Lukas bei seiner Fortsetzung der Jesusgeschichte bedeutsam ist. Die Apostelgeschichte ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes eine Fortsetzungsgeschichte. Im Wirken der Apostel und der Christen setzt sich das heilsbringende Wirken Jesu fort: Kranke werden geheilt, Dämonen werden ausgetrieben und die Menschen hören von der Güte und Liebe Gottes. Und die Freude, die sich aus Reaktion auf die Begegnung mit der Botschaft ausbreitet, bestätigt die Authentizität der Verkündigung. Denn Freude, ebenso wie Furcht oder Staunen sind typische Reaktionen auf Gottes Wirklichkeit, die sich unter den Menschen zeigt.

In den ersten Kapiteln hatte Lukas die Apostel ins Zentrum gerückt. Sie verkünden nach der Gabe des Geistes an Pfingsten freimütig das Evangelium, die Gemeinde wächst und in ihrer Mitte wird das Reich Gottes sichtbar und hörbar: Wenn die Apostel (v.a. Petrus) die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes verständlich machen, wenn Kranke geheilt werden und sich die Gemeinschaft zusammenfindet, um zu beten, das Brot zu brechen und die Armen zu versorgen. Doch nicht nur die zwölf Apostel sind gerufen, weiterzugeben, was sie empfangen haben. Und so ist eben Philippus der erste, von dem eine eigene umfassende Verkündigungsgeschichte erzählt wird. Die Kontinuität seines Handelns zu dem Wirken der Apostel in Jerusalem zeigt sich in den Folgen seiner Verkündigung: Die Menschen können die Botschaft sehen und hören (Vers 6) und es breitet sich große Freude aus. Die Sichtbarkeit und Hörbarkeit der befreienden Kunde von Gottes Wirklichkeit und die entsprechende Antwort in der Reaktion der Menschen wird damit zum Kriterium einer Weitergabe des Glaubens, die im und durch den Heiligen Geist geschieht. Seit Jesu eigener Verkündigung stellt sich die Gottesreich-Botschaft sinnfällig dar und mit der Pfingsterzählung wird dies auch zum wesentlichen Kennzeichen der nachösterlichen Glaubensweitergabe. Mit ihrem Besuch in Samaria und der Geste der Handauflegung und Geistsendung bestätigen Petrus und Johannes die Ereignisse dort. Die Apostel garantieren so die Authentizität der Botschaft in Kontinuität zum Ausgangsereignis. Und sie befähigen mit ihrem Tun (Geistsendung) die Gläubigen der Gemeinde ihrerseits sinnfällig vom Reich Gottes zu künden. Gottes Geist so zeigt das Wirken des Philippus in Samaria macht sich dort bemerkbar, wo etwas von Gottes Botschaft sichtbar und hörbar wird und wo die Botschaft nicht folgenlos bleibt – Kriterien, die auch heute noch für eine wirkmächtige und gelungene Verkündigung stehen können.