Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 10,37-42)

37Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

38Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.

39Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.

40Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

41Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten.

42Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Überblick

Prophet, Gerechter, Geringer. Im Evangelium spricht Jesus den ausgesandten Jüngern eine besondere Würde zu und appelliert zugleich an ihr Selbstverständnis.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt), das durch fünf große Redeeinheiten Jesu geprägt ist, fokussiert sich in Mt 4,12-18,35 auf das Wirken Jesu in Galiläa. Innerhalb dieses Teils wählt Jesus die zwölf Apostel aus und sendet sie zu den „verlorenen Schafen Israels“ (Mt 10,5-15). Ausgangspunkt für die Aussendung der Jünger, die sein eigenes Wirken unterstützen soll, ist die Wahrnehmung, dass die Menschen auf der Suche und von der derzeitigen Situation ermattet sind. Die religiösen Anführer seiner Zeit taugen nicht als Hirten der Herde Israels und die Menschen sehnen sich nach dem Messias, der ihnen Richtung und Orientierung gibt. Wenn die Jünger in diese Situation hinein die Botschaft vom Himmelreich verkünden, werden sie, wie Jesus selbst, Widerspruch und Anfeindung erleben, darauf weist Jesus in Mt 10,16-25 hin. In Mt 10,26-33 hatte Jesus der Gefährdung der Jünger eine Ermutigung hinzugefügt und der Bedrohung durch Menschen die immer größere Macht und Sorge Gottes entgegengestellt. In Mt 10,34-36 hatte Jesus nach Mt 10,21 noch einmal das Thema der innerfamiliären Streitigkeiten als Folge der Verkündigung aufgegriffen. Hier schließt der vorliegende Abschnitt an.

 

2. Aufbau
Die Verse 37-39 gehören thematisch zusammen, sie haben noch die Auseinandersetzungen der Verse 34-36 im Blick und wenden diese in eine Aufforderung für die Jünger. Die Verse 40-42 haben zwar weiterhin das Geschick der ausgesandten Apostel im Blick, sie wenden sich aber indirekt an die weiteren Zuhörer und die Leser des Evangeliums und sprechen von der Gastfreundschaft gegenüber den Aposteln.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 37-39: In den vorausgegangenen Versen hatte Jesus den Jüngern unmissverständlich mitgeteilt, dass seine radikale Botschaft keine „Friedensbotschaft“ sei. Im Gegenteil, die Forderungen zu einem Leben in Gerechtigkeit (z.B. in der Bergpredigt) können selbst Familien entzweien. In diese Situation hinein fordert Jesus seine Jünger mit den Versen 37-39 auf, im Konfliktfall klar Stellung zu beziehen. Sollte es wirklich so kommen, dass selbst die nächsten Angehörigen sich von den Aposteln abwenden, weil sie die Botschaft vom Himmelreich verkünden, dann müssen sie bereit sein, die engen sozialen Bande hintenanzustellen.
Im Gegensatz zum Lukasevangelium 14,26 formuliert Matthäus hier nicht, dass die Familienangehörigen „geringzuachten“ sind. Vielmehr fasst er es positiv: Jesus ist mehr zu lieben als Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Wer nicht in der Lage ist, sich in einem möglichen Konfliktfall gegen die Familie und für Jesus Christus und seine Botschaft zu entscheiden, der verwirkt seinen Status als Erwählter und Gesendeter („ist meiner nicht wert“). Der Evangelist Matthäus formuliert hier offenbar auch mit Blick auf die reale Situation seiner Gemeinde die Aufforderung zu einer klaren Prioritätensetzung. Das Verkünden der Botschaft und damit das Festhalten an Jesus und seinem Wirken muss in Situationen der Bedrängnis und Auseinandersetzung immer den Vorrang bekommen.
Dass diese Entscheidung im schlimmsten Fall sogar zur Aufnahme des Kreuzes und damit dem Verlust des Lebens führen kann, führt die möglichen Konfliktfälle aus dem engen familiären Bereich wieder in den grundsätzlichen hinein. Wer wie „Schafe unter die Wölfe (Mt 10,16) gesendet wird, der muss wissen, dass das Leben in Gefahr geraten könnte. In Kombination mit Mt 10,23 wird hier jedoch sehr deutlich, dass es nicht um ein blindes Hineinlaufen in die Gefahr oder gar eine Martyriumssehnsucht geht. Die Apostel werden durch aus aufgefordert, die Situationen klug abzuschätzen und sich nicht in jede Gefahr hineinzustürzen. Wenn aber ein Konflikt unausweichlich ist, dann gilt es standhaft zu bleiben (Mt 10,22) und sich vor Augen zu führen, dass die Feinde nur den Leib, nicht aber die Seele töten können (Mt 10,28). So verlieren die Apostel in der Nachfolge vielleicht ihr irdisches Leben, „finden“ aber das ewige Leben mit Gott.

 

Verse 40-42: Die Art und Weise wie in diesen Verse von der Aufnahme der Jünger gesprochen wird, legt nahe, dass die Worte über die Annahme der Botschafter nicht nur den Aposteln selbst, sondern auch den weiteren Zuhörern und vor allem den Lesern des Evangeliums als Verstehens- und Motivationshilfe dienen sollen.

Zunächst wird in Vers 40 noch einmal die Gemeinschaft zwischen Jesus und den Ausgesandten betont. Weil diese mit ihrem Verkündigungsauftrag Teilhaber der Botschaft und Sendung Jesu sind, wird mit der Aufnahme der Apostel Jesu selbst aufgenommen. Und da Jesus der in die Welt gesandte Sohn Gottes ist, der in ewiger Gemeinschaft mit ihm ist, haben die Apostel als Teilhaber der Botschaft Jesu auch Anteil an der Gemeinschaft Jesu mit dem Vater. So kommt die Aufnahme der Jünger der Aufnahme Jesu und damit der Aufnahme Gottes gleich. Die Gastfreundschaft gegenüber den Verkündigern der Botschaft ist damit ein Zeichen Gott gegenüber und bringt dem Gastgeber auch einen entsprechenden Lohn ein, wie die Verse 41-42 zeigen. Die besondere Bedeutung der Jünger wird durch die Identifizierung als Propheten, Gerechte und Geringe dreifach entfaltet. Sie sind „Propheten“, weil sie die Heilsbotschaft Gottes treu verkünden. Sie sind „Gerechte“, indem sie selbst aus Gottes Willen heraus leben und damit in Gerechtigkeit handeln. Und indem sie bereit sind, auf alles zu verzichten, sich ganz Gottes Fügung anzuvertrauen und selbst die sozialen Kontakte hintenanzustellen, werden sie zu den „Geringen“ der Gesellschaft gezählt werden.

Auch hier wird die Situation der matthäischen Gemeinde hinter den Formulierungen des Evangelisten erkennbar. Matthäus, der selbst auf die Sammlung der Verkündigungssprüche von Wandermissionaren zurückgreift, um sein Evangelium zu verfassen, betont hier den großen Wert dieser umherziehenden Jünger. Damit ruft er sicher auch seinen Lesern in Erinnerung, dass sie den Glauben durch Menschen empfangen haben, die für die Botschaft Jesu etwas wagten und sich in unvorhersehbare Situationen hineinbegeben haben.

Auslegung

Der Evangeliumsabschnitt blickt in zwei Richtungen. Er nimmt zum einen noch einmal die Apostel in den Blick und fordert sie zu einer klaren Priorisierung ihres Lebens im Sinne der Botschaft Jesu auf. Zum anderen wird der Wert einer solchen Lebensbereitschaft und –entscheidung herausgestellt – im Hinblick auf die konkret ausgesendeten Jünger, aber auch auf die sie aufnehmenden Mitchristen hin. Dabei spielen die drei Bezeichnungen der Apostel „Propheten, Gerechte, Geringe“ eine wichtige Rolle. Sie sind Zusage und Auftrag zugleich, verbinden sie doch die Anerkennung der Bereitschaft zur Verkündigung des Evangeliums mit dem Anspruch auf ein besonderes Selbstverständnis. In der Aussendungsrede hat Jesus ausführlich auf die zu erwartenden Gefahren des Auftrags an die Apostel hingewiesen. Er zählt ihnen auf, dass sie Hass erleben, Verfolgung erleiden, Prozesse durchstehen und womöglich den Verlust des Lebens einkalkulieren müssen. Er eröffnet ihnen aber ebenso, dass sie mit der Aussendung zu Teilhabern an seinem eigenen, von Gott herkommenden Auftrag werden. Und er erinnert sie an das ewige Leben, für das sie nicht nur Zeugnis ablegen sollen, sondern dessen sie sich selbst gewiss sein dürfen. Verheißung und Risiko gehen Hand in Hand, dies beschönigt Jesus nicht. Im Konfliktfall, d.h. wenn die Apostel aufgrund der erfahrenen Bedrängnisse doch ins Nachdenken geraten, dann sollte jedoch die starke Gemeinschaft mit Jesus und sein Vertrauen in sie den Ausschlag geben, der Aufgabe treu zu bleiben.
In dieser Weise eine Lebensentscheidung zu treffen und sich als Teilhaber der Botschaft Jesu aussenden zu lassen, macht die Apostel zu Propheten, Gerechten und Geringen. Sie werden sich in den Augen der Menschen jedoch auch an diesen Begriffen messen lassen müssen: Gelingt es ihnen auf prophetische Weise und damit unbequem, unangepasst und direkt Gottes Botschaft zu den Menschen zu bringen – gelegen oder ungelegen? Gehen sie selbst den Weg der Gerechtigkeit, den sie verkünden sollen? Und handeln sie so, wie es Jesus selbst vorgelebt hat – in Barmherzigkeit, Demut und Liebe? Sind sie bereit dafür auf Privilegien zu verzichten und sich von anderen geringachten zu lassen?
Wer so als Apostel unterwegs ist, wird zum Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt so wie es Vers 40 andeutet. Und er wird zur Motivation für andere nicht nur Gastgeber der Botschafter, sondern selbst Verkünder der Botschaft zu werden.

Kunst etc.

Diese Buchmalerei vom „Meister der Reichenauer Schule“ (um 1010) zeigt Christus, der zu den Jüngern spricht.