Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Thess 4,13-18)

13Brüder und Schwestern, wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.

14Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.

15Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben.

16Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen;

17dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein.

18Tröstet also einander mit diesen Worten!

Überblick

Angesichts der Themen Tod und Wiederkunft Christi, die im ausgehenden Kirchenjahr die Sonntage des Novembers bestimmen (Allerheiligen bis Christkönig), springt die Auswahl der Leseabschnitte aus dem Ersten Thessalonicherbrief von der Eröffnung sogleich in den zweiten Hauptteil. Denn hier geht es im Gegensatz zum ersten Hauptteil, der mehr die Beziehung zwischen Paulus und seiner Gemeinde in den Blick nimmt, genau um jene beiden oben genannten Themen.

 

Einordnung in den Kontext

Der zweite Hauptteil des Ersten Thessalonicherbriefs mit ingesamt drei Unterabschnitten (4,1-12; 4,13-18; 5,1-11) beginnt vor dem heutigen Lesungsabschnitt, nämlich in 1 Thessalonicher 4,1(-12). Mit den einen Neueinsatz markierenden Worten "Im Übrigen, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch ..." eröffnet Paulus eine Mahnrede, wie die Thessalonicher angesichts der bevorstehenden Wiederkunft Christi, also angesichts des bevorstehenden Endes aller bisherigen Geschichte, das Leben gestalten sollten, um im Gericht Gottes zu bestehen. Denn man kann durch sein Leben auch "Gott verwerfen" (Vers 8) und sich damit um das Heil bringen, das nur von Gott her zu erwarten ist.

Die heutige Lesung (1 Thessalonicher 4,13-18) bildet den zweiten Unterabschnitt und beleuchtet die Frage, ob bei der Wiederkunft Christi nur die dann noch Lebenden Anteil an der Auferstehung haben oder auch die bereits Verstorbenen.

1 Thessalonicher 5,1-11 hingegen antwortet auf die Frage nach dem Zeitpunkt der Wiederkunft Christi. Beide Themen dürften Christinnen und Christen von heute nicht sonderlich bedrängen.

 

Vers 13:  Die Fragestellung

In guter rhetorischer Manier beginnt Paulus damit, zunächst einmal das Thema zu benennen und zugleich die Fragestellung zu präzisieren. Es geht einerseits um das Schicksal der vor der Wiederkunft Christi Verstorbenen. Diese nennt Paulus gemäß vorgegebenem Sprachgebrauch "Entschlafene" (vgl. z. B. bereits 2 Makkabäer 1245: "Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit entschlafen."). Das äußere Erscheinungsbild (wie schlafend daliegen) wird zur Metapher, die den Schrecken des Todes abmildert.

Andererseits geht es um die Auswirkung der Ungewissheit um das Schicksal der Verstorbenen bei der Gemeinde. Die lebenden Jesusgläubigen sind offensichtlich von lähmender Traurigkeit erfüllt. Damit unterscheiden sie sich trotz Ihres Auferstehungsglaubens nicht von ihren heidnischen Mitbürgern, die - so legt es jedenfalls die sehr generalisierende Formulierung des Paulus nahe - nicht an ein Leben nach dem Tode glauben.

 

Vers 14: Die Grundthese

Als erstes reagiert Paulus mit einer Grundsatzantwort zum Ergehen der bereits "Entschlafenen", die er aus dem urchristlichen Bekenntnis zu Tod und Auferweckung Jesu ableitet (vgl. zum Bekenntnis vor allem 1 Korinther 15,3-4: "3 Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, 4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift ...".). Dieses Bekenntnis beinhaltet für ihn, dass Gott auch die Entschlafenen aufgrund ihrer Verbundenheit mit dem gestorbenen und auferweckten Christus durch die Taufe in die endgültige Gemeinschaft mit Christus führt. Typisch für Paulus: Der eigentlich Handelnde ist Gott selbst. Er ist es auch, der Christus aus dem Tod erweckt hat und deshalb wird auch er in die Gemeinschaft mit Christus führen. Er und nur er, Gott selbst, ist derjenige, "der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft" (Römer 4,17). Schöpfung und Auferweckung im Sinne einer Neuschöpfung verbinden sich mit dem selben Gottesgeheimnis und derselben schöpferischen Kraft.

 

Vers 15: Erste Folgerung

Damit gibt es weder Grund, bezüglich der Verstorbenen hoffnungslos zu trauern, als gäbe es für sie keine Auferstehung, noch aber besteht ein Grund, sich etwas darauf einzubilden, die Wiederkunft Christi unter Umständen noch als auf Erden Weilender zu erleben. Paulus analysiert sehr genau, wie schnell eine menschliche Unsicherheit (Was passiert mit den vorzeitig Verstorbenen?) in ein Vorrangdenken umgewandelt wird, um so von der eigenen Unsicherheit abzulenken. Solche Überheblichkeitsmechanismen funktionieren bis heute.

Zur Einleitungsformel "Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn" s. unter "Auslegung".

 

Verse 16-17: Präzisierung

Zur Vergewisserung der Auferweckungshoffnung entwirft Paulus mit Vorstellungen, die aus der sogenannten Apokalyptik1 stammen, eine Reihenfolge der Ereignisse bei der Wiederkunft Christi. Dreifach ist die Auslösung der dann einsetzenden Ereigniskette: Kein anderer als Gott selbst setzt das Ende mit seinem "Befehl" in Gang, dessen Sprachrohr ein Erzengel ist. Zugleich wird dieser "ergehende Befehl" mit einem akustischen Signal verbunden. Hintergrund ist ursprünglich das als Musikinstrument eingesetzte Widderhorn ("Schofar"). Aber schon das alte Ägypten kannte eine langgezogene Trompete mit konisch sich weitendem Schalltrichter. In griechischer und römischer Zeit dachte man vermutlich ebenfalls an lang gezogene Trompeten (griechisch "salpinx" bzw. lateinisch "tuba"). Die Übersetzung "Posaune" ist traditionell, instrumentalgeschichtlich aber eher falsch.

Auf den göttlichen Befehl hin kommt Christus auf die Erde herab, um die Menschen mit sich in das himmlische Reich aufzunehmen.

Dabei wird er, entgegen allen, die glauben, als dann noch Lebende einen Vorteil zu haben, mit den Verstorbenen beginnen. Ihre Auferstehung geht der Mitnahme der Lebenden voran.

Das entscheidende Ziel ist für alle dasselbe: die nicht endende Gemeinschaft mit Christus. Die konkrete Formulierung erinnert an Psalm 73,23: "... ich bin doch beständig bei dir ...".

 

Vers 18: Das Fazit

Nach dieser ausführlichen Schilderung dessen, was die zur Zeit der Wiederkunft Christi Verstorbenen wie die dann noch Lebenden unterschiedslos erwartet (zu einer möglichen heutigen Lesart de eher irritierenden, sehr konkreten Darstellung s. unter "Auslegung") und nach der Bekräftigung des Glaubens an die Auferweckung, die in der Auferweckung Jesu Christi gründet und im Handeln des treuen Gottes, kann Paulus zum Anfang zurückkehren. Alle bisherigen Ausführungen galten ja der Absicht, die Thessalonicher davon abzubringen, zu trauern "wie die anderen, die keine Hoffnung haben".

Jetzt kann Paulus sagen: "Weder müsst ihr hoffnungslos trauern noch euch um irgendwelchen Vorrang streiten, sondern ich lege euch eine Botschaft ans Herz, mit der ihr euch gegenseitig trösten könnt."

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Auslegung

"... wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen" (Vers 13)

Die Frage nach dem Schicksal der "Entschlafenen" angesichts des nicht absehbaren Endes dieser Weltzeit dürfte Christinnen und Christen von heute kaum mehr bedrängen. Die mittlerweile zweitausendjährige Geschichte des Christentums hat die Hitze des Anfangs, die das Ende der Weltzeit noch für die Lebenszeit ersten Generationen der Glaubenden erwartete, längst abgekühlt. Hätte die Meinung Recht, nur die am Jüngsten Tag noch Lebenden würden gerettet werden, wäre der ganze christliche Glaube für die Mehrheit der Menschheit, die bis dahin natürlich verstorben ist und sein wird, irrelevant, und die Botschaft von Tod und Auferstehung wäre reiner Zynismus. Das ist aber die typische Betrachtung derjenigen, die eben schon auf eine lange Geschichte zurückblicken können. In den Anfängen des Christentums, das von der baldigen Erwartung des Weltendes durch die jüdische Bewegung der sogenannten Apokalyptik (s. Anmerkung 1 unter "Überblick") angesteckt war, sah die Sache natürlich anders aus.

Dabei hat Paulus in gewisser Weise wahrscheinlich sogar selbst die Unruhe seiner thessalonikischen Gemeinde mitbewirkt. Als er sie wenige Jahre zuvor gründete, stand die Frage nach dem Zeitpunkt der Wiederkunft Christi sowie nach dem Ergehen der mittlerweile Verstorbenen bei dieser Wiederkunft nicht auf der Tagesordnung. Sonst müsste sie ja im Brief nicht eigens behandelt werden. Eher scheint es, dass Paulus nur von der Wiederkunft Christi selbst und der Rettung vor dem Zorn Gottes durch den erhöhten Herr Jesus Christus gepredigt sowie zu einem sich darauf vorbereitenden Leben mit entsprechenden ethischen Weisungen ermahnt hat. Dass diese Wiederkunft sich durchaus länger hinauszögern könnte und dass dementsprechend bis dahin (mindestens) die Ersten bereits verstorben sind, hatte er wohl nicht thematisiert. Auf diesem Hintergrund erstaunt die Beunruhigung der Gemeinde in Thessaloniki nicht wirklich.

Gerade in unseren Zeiten fällt es aber übrigens gar nicht so schwer, sich in die Gefühlslage damaliger Christinnen und Christen hineinzuversetzen. Seit die Corona-Pandemie sich weltweit ausgebreitet hat, steht die Frage im Raum: Wann hört diese Pandemie auf? Wann beginnt die Zeit nach Corona? Die einen glauben gerne jenen, die ein rasches und baldiges Ende der Gefahr ankündigen oder nehmen gar schon dieses Ende vorweg und tun so, als gäbe es bereits keine Ansteckungsgefahr mehr. Andere sind eher skeptisch und richten sich ängstlich - vielleicht auch nur pragmatisch - auf ein noch länger währendes Leben und Sterben mit Corona ein. Das Nicht-Wissen und der experimentierende Umgang mit dem, womit bislang keine Erfahrungen vorliegen, schafft Unsicherheiten und äußerst hitzige Debatten. Natürlich mag  dem heutigen Menschen das Thema Corona deutlich handfester und bedrängender erscheinen als die Frage nach allem, was das ewige Leben betrifft, aber das ist für den Kern der Beobachtung unerheblich: Zukunftsfragen können Menschen massiv mobilisieren und in Unruhe versetzen.

 

"Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn" (Vers 15)

Die Einleitung von Vers 15 klingt, als ob ein Zitat aus dem Munde Jesu folgte. Tatsächlich lag Paulus noch kein einziges Evangelium vor, das er hätte zitieren können, noch ist uns ein Wort von Jesus überliefert, das sich auch nur einigermaßen mit Vers 15b in Verbindung bringen ließe. Denkbar wäre natürlich die rein mündliche Weitergabe eines Jesuswortes über die Gemeinden von Jerusalem oder Antiochia, die Paulus kannte; aber damit würde man sich in einem völlig spekulativen Raum bewegen, da eben keine Anknüpfung an alle uns bekannten Jesustraditionen möglich ist, auch an keine außerbiblische Schrift. Im übrigen bleibt auch völlig unklar, bis wo das angebliche Zitat reichen soll: Endet es mit Vers 15 oder umfasst es den ganzen Bereich Verse 15-17? Oder was daraus ist wirkliches Zitat und was des Paulus eigene Erweiterung?

Angesichts all dieser Unsicherheiten spricht mehr dafür, wahrzunehmen, dass die Formel "nach einem Wort des Herrn" (griechisch: ẻn lógō kyríou) in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (der sogenannten Septuaginta) mindestens dreimal verwendet wird, wenn ein Prophet in seiner Rolle als Sprachrohr Gottes "unter Berufung auf den HERRN" spricht (dies gilt für den Gottesmann aus Juda in 1 Könige 13,2 wie für den Prophetensohn in 1 Könige 21,35 wie auch für Elija in Sirach 48,5, der "einen Verstorbenen auferweckt hat vom Tod und aus dem Hades durch ein Wort des Höchsten"). An allen drei Stellen ist deutlich, dass es nicht um eine Zitateinleitung geht.

Für Paulus bedeutet dies, dass er sich in seiner Rede an die Thessalonicher ebenfalls als Apostel wie ein Sprachrohr Christi, d. h. wie ein Prophet, auf die Autorität des erhöhten Christus, "des Herrn" beruft. Das Selbstverständnis des Paulus auch als Prophet lässt sich nicht leugnen, wenn er sich im Galaterbrief als "schon im Mutterleib auserwählt" bezeichnet und dabei auf das Vorbild des Propheten Jeremia zurückgreift: "Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt ..." (Jeremia 5,1).

 

"Wenn die Posaune Gottes erschallt ..." (Vers 16)

Wenn man nicht fundamentalistisch an die Bibel herangehen und jeden ihrer Sätze wörtlich verstehen will, stellt sich die Frage nach dem heute noch tragfähigen Aussagegehalt der sehr konkreten Schilderung der Endzeit in den Versen 16-17.  Neben dem Bildmaterial (Erzengel. "Posaune"), das aus der Welt der Apokalyptik stammt (s. "Überblick"), fällt besonders die strikt festgelegte Reihenfolge auf. Diese Vorstellung verdankt sich der grundsätzlichen biblischen Betrachtungsweise, dass Unheil sich mit Unordnung und Chaos ("Tohuwabohu") verbindet, Heil hingegen mit Ordnung, Maß und Zahl (s. bereits die Erschaffung der Welt als Siebentagewerk in Genesis 1,1 - 2,4a). Mit anderen Worten: Der Zielpunkt der Schöpfung ist nicht das Chaos, sondern eine neue, unvorstellbare Weise des Daseins ohne Störung und Bedrohung.

Das bedeutet zugleich: Wer an die endgültige, gottgeschenkte Zukunft glauben kann, erwartet nicht einfach eine irgendwie geartete Verlängerung des bisherigen Lebens (des eigenen wie der Welt), sondern etwas gänzlich Neues, das der Mensch nicht selber machen kann. Für den Einbruch dieses gänzlich Neuen, das sich mit dem Geheimnis Gottes verbindet, steht die markante Dreizahl von göttlichem Befehl, Erzengelruf und göttlichem "Posaunen"-Klang. Nicht das "Immer weiter so" bestimmt den christlichen Glauben, sondern ein Neubeginn unter gänzlich neuen Vorzeichen. Der radikale Wechsel ist bildlich nicht bestimmt von einer Hoffnung auf Lebensverlängerung, sondern von der unabweisbar auf jeden wartenden Erfahrung des Todes.

Die Rede von den "Entschlafenen" und den noch "Lebenden" schließlich betont zugleich, dass in aller Neuschöpfung es immer noch um dieselben geht, die einst irdisch gewesen sind. "Und Gott vernichtet nichts." - So lässt der Autor Markus Orths in seinem Roman "Picknick im Dunkeln" (München 22020, S. 72) in einer fiktiven Begegnung nach dem Tod beider Thomas von Aquin gegenüber Stan Laurel wunderbar und treffend das Geheimnis Gottes und dessen, was er mit dem Menschen (und der gesamten Schöpfung) vorhat, umschreiben.

 

 

Kunst etc.

Spanische Trompete (Orgel), Photo: Kantor.JH (März 2005) CC A-S A3.0
Spanische Trompete (Orgel), Photo: Kantor.JH (März 2005) CC A-S A3.0

Das beeindruckende Orgelprospekt mit der Spanischen Trompete führt ein wenig vor Augen, was Paulus vor Augen stand, wenn er von der "Posaune Gottes" spricht, die das akustische Symbol für den göttlichen Neuanfang  am Ende der Zeiten ist. Von ihrer Form her erinnern die waagerecht angeordneten Zungenpfeifen an die metallenen Blasinstrumente zurzeit des Apostels, die etwa in römischen Theatern zum Einsatz kamen.

Das Motiv des "Posaunenrufs" hat natürlich auch die Komponisten inspiriert. Am eindrücklichsten bleibt wohl die Eröffnung des "Tuba mirum spargens sonum" ("Die Posaune verbreitet einen wunderlichen Klang") im "Dies irae" aus dem Requiem (1837) von Hector Berlioz (1803 - 1869), deren klangliche Wiedergabe für sich selbst sprechen mag: https://www.youtube.com/watch?v=KrcydRyjZcM