Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (1 Kön 3,5.7-12)

5In Gibeon erschien der HERR dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf:

Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll!

[Salomo antwortete: ...]

7So hast du jetzt, HERR, mein Gott, deinen Knecht anstelle meines Vaters David zum König gemacht. Doch ich bin noch sehr jung und weiß nicht aus noch ein. 8Dein Knecht steht aber mitten in deinem Volk, das du erwählt hast: einem großen Volk, das man wegen seiner Menge nicht zählen und nicht schätzen kann. 9Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren?

10Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. 11Daher antwortete ihm Gott:

Weil du gerade diese Bitte ausgesprochen hast und nicht um langes Leben, Reichtum oder um den Tod deiner Feinde, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, 12werde ich deine Bitte erfüllen. Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht.

Überblick

Der ideale Herrscher strebt nicht nach Macht, sondern bittet um „ein hörendes Herz“, sodass er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

 

1. Verortung im Buch

Salomo ist der Nachfolger König Davids auf dem Thron Israels. Die anfänglich umstrittene Thronfolge, samt Bruderzwist und blutiger Machtdurchsetzung, ist durchstanden (1 Könige 1-2). Nun stehen die Verheißung und Erfüllung seiner sagenumwobene Weisheit sowie sein unvergleichlicher Reichtum bis 1 Könige 5,14 im Mittelpunkt. Im Traum in Gibeo wird Salomo zu einem prophetischen Weisen, dessen Handeln von Gott inspiert ist. Auf diesem Hintergrund ist seine in 1 Kön 11 erzählte Sünde ein radikaler Bruch mit seinem ihn umsorgenden Gott

 

2. Aufbau

Es ist das erste erzählte, direkte Gotteswort an Salomo, und es ist nicht fordernd, sondern offen: „Bitte, was ich dir geben soll!“ (Vers 5). Salomo antwortet mit einer langen Rede und einer demütigen Bitte (Verse 6-9), die Gott nicht nur erfüllt (Verse 10-12), sondern übererfüllt und mit einer Warnung verbindet: „Aber auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, sodass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht. Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine Gesetze und Gebote bewahrst wie dein Vater David, dann schenke ich dir ein langes Leben.“ (Verse 13-14).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 5: Nicht in Jerusalem, sondern in Gibeon erscheint Gott dem neuen König Salomo – das ist bemerkenswert aus zwei Gründen: (1.) Gibeon, wahrscheinlich 9km nordwestlich von Jerusalem gelegen, war eine zeitlang vermutlich die Residenzstadt König Sauls, der von Gott verworfen worden warr und Salomos Vater, König David, an seiner statt eingesetzt wurde. (2.) In den Versen 2-3 entschuldigt der Erzähler ausdrücklich Salomo, dass er auf der Kulthöhe in Gibeon opferte und nicht in Jerusalem, wo die Bundeslade Gottes in jener Zeit stand. Nach der Traumoffenbarung ist es sodann der erste „weise“ Entschluss Salomos, dass er zurück nach Jerusalem eilt, um dort – am rechtmäßigen Ort – zu opfern (Vers 15). Somit deutet sich bereits hier eine Korrektur Salomos verhalten an und das Lebenswerk Salomos, der Bau des Tempels in Jerusalem, beginnt sozusagen mit der Abkehr von den Kulthügeln. Dass Gott ihm nun in Gibeo in einem Traum erscheint ist im Alten Testament und auch dessen Umfeld nichts besonderes, sondern eine übliche Kommunikationsform Gottes mit seinen Propheten und Königen (vgl. Numeri 12,6).

Vers 7: Salomo war, als er den Thron bestieg, kein Kind mehr. Sein Sohn Rehabeam, der ihm auf dem Thron nachfolgen sollte, war schon geboren (siehe 1 Könige 14,21 in Verbindung mit 1 Könige 11,42). Mit der Selbstbeschreibung als „jung“ verweist Salomo auf seine fehlende Erfahrung als König, die er explizit ausdrückt, wenn er sagt „ich weiß nicht aus noch ein“. Diese heute sprichwörtliche Formel meint hier, das Unwissen Salomos das Heer in den Krieg zu führen und siegreich wieder heimkehren zu lassen. 

Vers 8: Salomo steht nicht „über“ dem Volk und benennt sich nicht als dessen Führer, sondern verortet sich „inmitten des Volkes“. Er stellt somit nicht seine Würdenposition in den Vordergrund, sondern seine Aufgabe, bzw. das Volk selbst. Seine Wortwahl verdeutlicht, dass sich in seiner Zeit die Verheißung an die Erzeltern erfüllt haben. Gott verhieß zum Beispiel Abraham in Genesis 22,16: „Ich will dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde einnehmen.“

Vers 9: Das Herz ist im Alten Testament nicht der Ort der Emotionen, sondern des Verstands. Er bitte darum, dass seine Entscheidungen zwischen Gut und Böse vom Hören auf Gottes Willen gelenkt werden. 

Vers 10: Die Demut, die Salomo in seinen Worten ausdrückt findet Gnade in den Augen Gottes. Der Erzähler betont ausdrücklich, dass nicht nur der Inhalt der Bitte Gott wohlgefällt, sondern auch die Art und Weise wie Salomo sie formuliert hat.

Vers 11: Im weisheitlichen Denken des Alten Testaments sind Reichtum, Ansehen und ein langes Leben Gaben der Weisheit (siehe Sprichwörter 3,16) und der Anfang der Weisheit liegt in der Gottesfurcht (siehe Sprichwörter 1,17) – der Weg dahin ist eben ein „weises (!) und hörendes Herz“. Eine Wortwahl Gottes könnte man jedoch auch als Warnung lesen. Währen Salomo darum bitte, zwischen „Gut und Böse unterscheiden zu können“, sagt Gott „um auf das Recht zu hören“. Er verlangt von Salomo sich allein an dem Guten auszurichten und mahnt ich auch direkt im Folgenden: „Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine Gesetze und Gebote bewahrst wie dein Vater David, dann schenke ich dir ein langes Leben.“ (Vers 14).

Auslegung

Man wünscht sich mehr Herrscher in dieser Welt, die sich an Salomos Worten in 1 Könige 3,7-9 ausrichten. Er redet nicht nur als Knecht Gottes, sondern auch als Diener seines Volkes. Er strebt nicht nach Macht, sondern nach Weisheit, um dem Willen Gottes folgen zu können. Er ist demütig. Doch auch er scheitert, wie in 1 Könige 11-12 erzählt wird. Weisheit ist zwar ein Geschenk Gottes, doch alle Worte und alle Demut, müssen sich immer wieder aufs Neue erweisen. Ein hörendes Herz muss aktiv hören, um weise zu sein. Gott ist kein Marionettenspieler, sondern er ermöglicht den Menschen nach seinem Willen zu handeln. Für Salomo führt dies anfänglich zu Weisheit, Reichtum und Ansehen – aber all dies sind vergängliche „Güter“, wenn das Herz nicht hört.

Kunst etc.

Es gibt die dramatische Darstellung Luca Giordanos, der Gott in seiner Allmacht schwebend über dem schlafenden Jüngling Salomo zeigt, wie er ihn „erleuchtet“. Gottes Herrlichkeit erstrahlt so überaus stark, dass selbst die Engel sich schützend abwenden müssen. Weniger dramatisch ist diese Darstellung aus einer illustrieten Bibel für die Grundschule von 1919. Dieses einfache Bild, ohne Gott und ohne Engel, stellt aber eindrücklich die Rede Salomos ins Bild. Er liegt nicht, sondern sieht aus, als wäre er thronend eingeschlafen. Er schläft und ist machtlos. Gerade diese Haltung stellt seine demütige Haltung gegenüber Gott deutlicht dar.

Aus Adolf Hutls „Bible primer, Old Testament, for use in the primary department of Sunday schools“, 1919 – Lizenz: gemeinfrei.
Aus Adolf Hutls „Bible primer, Old Testament, for use in the primary department of Sunday schools“, 1919 – Lizenz: gemeinfrei.