Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 14,7-9)

7Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber:

8Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.

9Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.

Überblick

Der Zyklus der Lesungen aus dem Römerbrief, der mit dem 11. Sonntag im Jahreskreis (14.6.2020) begonnen hatte, endet mit der Zweiten Lesung vom 24. Sonntag im Jahreskreis. Sie ist eine Art zusammenfassendes Glaubensbekenntnis des Paulus.

 

Einordnung in den Zusammenhang

Dieses "Credo" (Glaubensbekenntnis) integriert Paulus in den letzten Teil seiner insgesamt dreiteiligen Ermahnungsrede (Römer 12,1 - 15,13), die auf den wesentlich umfänglicheren Lehrteil Römer 1,18 - 11,36 folgt. Die auf die Lebenspraxis zielenden 4 Schlusskapitel machen deutlich, dass Theologie (der Lehrteil) für Paulus nicht alltagsferne oder welt-abgehobene "Theorie" ist, sondern sich im Alltag des Miteinanders konkretisieren muss. Dabei beleuchten diese vier Kapitel 3 unterschiedliche Aspekte:

Kapitel 12 formuliert die auf die Christinnen und Christen hin orientierten Grundsätze einer Liebesethik. Diese verstehen sich als Folge derselben Liebe Gottes, die sich in der Kreuzeshingabe des Sohnes gezeigt hat (vgl. den theologischen "Grundlagen"-Satz Römer 5,8: "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.")

Kapitel 13 geht der Frage nach, wie christliche Existenz innerhalb eines nicht christlichen Staates aussehen soll.

Kapitel 14 und 15 wiederum lenken den Blick auf die christlichen Hausgemeinden in Rom und zeigen auf, wie der interne Umgang der Christinnen und Christen untereinander, besonders da, wo die in ihren Überzeugungen voneinander abweichenden Judenchristen, die z. B. noch an den jüdischen Essensvorschriften festhalten, und die Heidenchristen, die solche Einschränkungen nicht kennen und nicht nachvollziehen können, aufeinander stoßen. Was bedeutet in den dabei entstehenden Diskussionen und Streitgesprächen ein Dialog in Liebe?

Eine wesentliche Maßgabe des Paulus zu diesem Thema lautet: Für beide Positionen, juden- wie heidenchristlich - gilt, dass sie "aus Glauben" (Röm 14, 23) vertreten werden. Und dies ist erst einmal gegenseitig anzuerkennen. Unter solcher positiver Voraussetzung, die nicht von der Vorverurteilung, sondern dem prinzipiellen Respekt vor dem Anderen ausgeht, kann die Gesprächsführung von christlicher Liebe getragen sein und zu für beide Seiten erträglichen Lösungen führen.

Wenn aber der Glaube das einigende Band ist, wundert es nicht, dass Paulus diesen Glauben noch einmal "definiert". Dazu greift er auf einen möglicherweise  bereits unabhängig vom konkreten Brief formulierten katechetischen Text zurück, eine Art "christologisches Lehrstück" (Michael Theobald), dessen drei Verse (Römer 14,7-9) sich erkennbar von den umgebenden Versen abheben.

 

Aufbau des Lesungstextes

Für die ursprüngliche Selbstständigkeit des kleinen christologischen Lehrstücks spricht, dass die Verse weder inhaltlich noch von irgendwelchen Stichwörtern her einen Bezug zur umgebenden Fragestellung des richtigen Essens und Trinkens erkennen lassen. Vielmehr gestaltet sich dieses Credo so, dass es das christliche Kernbekenntnis "Christus ist gestorben und lebendig geworden" (vgl. 1 Thessalonicher 4,14a: "Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, ...") auf eine bestimmte Fragestellung hin auslegt. Dazu wird aus den Elementen des Kernbekenntnisses ein neuer Bekenntnissatz in Wir-Perspektive formuliert (Vers 8), der von einem hinführenden (Vers 7) und einem begründenden Satz (Vers 9) gerahmt wird.

 

Vers 7: Eine These

Das Thema des Lehrstücks ist also nicht Essen und Trinken, sondern Sterben und Leben. Paulus irritiert - wahrscheinlich damals wie heute - mit der These, dass irdisches Leben und irdisches Sterben grundsätzlich gleichrangig seien. Dies gilt allerdings nur - wie die Verse 8-9 zeigen werden - vor dem "Herrn" , also von Jesus Christus her gesehen und auf ihn hin!

Ohne diese Christus-Perspektive  machen Leben und Sterben natürlich einen gewaltigen Unterschied. Wenn der einzige Horizont des Menschen er selbst ist ("sich selbst leben"), gilt es einerseits, diesen Horizont soweit wie möglich vor sich offen zu halten, also das irdische Leben so lange wie möglich währen zu lassen bzw. - unter der Voraussetzung heutiger Möglichkeiten betrachtet - es so weit wie möglich zu verlängern; andererseits ist dann der Tod der engültige Horizontverlust. Mit dem Selbst der eigenen Person endet dann auch jede Perspektive ("sich selbst sterben") bzw. man muss ausweichen auf Andere oder Anderes, in denen bzw. in dem man glaubt weiterzuleben.

Interessanterweise nutzt Paulus die Grundsatzaussage "Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber" nicht zu irgendeiner moralischen Anweisung (z. B. zu weniger Egoismus), sondern als Feststellung, die für "uns", d. h. die für diejenigen zutrifft, die glauben. Nicht um eine Mahnung vor irgendwelchen Formen des Egoismus geht es (nach dem Motto: der Christ solle gefälligst für Andere leben und sein Dasein opfern), sondern um die tröstliche Zusage, dass der glaubende Mensch im Leben wie im Sterben nicht zur Einsamkeit und Vereinzelung verdammt ist, sondern in einer tragfähigen Beziehung lebt, die dem Leben seine wahre Lebendigkeit gibt und das schwere Sterben aushalten und mit hoffnungsvollem Blick geschehen lässt.

 

Vers 8: Die Erläuterung der These

Was Vers 7 negativ bestimmt hat - "keiner lebt bzw. stirbt sich selber" -, wird im Mittelsatz positiv bestimmt. Der reine Selbstbezug ("sich selber") wird ersetzt durch eine Zugehörigkeitserklärung, die prinzipiell und immer gilt: Jesu Christus ("dem Herrn"). Dabei mach die Schlussformulierung ("wir gehören dem Herrn" - wörtlich: "des Herrn sind wir" [griechisch: toũ kyríou ẻsmén]) deutlich, dass diese Beziehung nicht einfach eine vom Menschen gewählte oder gar geschaffene, sondern eine vom Herrn und damit von Gott selbst eröffnete und ermöglichte Beziehung ist, für die die irdische, für den Menschen so schmerzliche oder auch die Existenz erschütternde Unterscheidung zwischen Leben und Tod völlig irrelevant (unerheblich) ist. Diese Beziehung gilt - so sagt der Glaube - grundsätzlich und immer: bereits in diesem Leben (sie ist also keine Vertröstung), aber auch unverlierbar über den Tod hinaus. Hier zeigt sich die ganze Herausforderung des Glaubens: gegen die Wucht aller Todeserfahrungen bei anderen (ob familiär, im Freundeskreis oder auch in der Berichterstattung aus aller Welt) und gegen die Wucht aller eigenen (egal ob mit Gelassenheit oder mit Angst gepaarten) irdischen Todesgewissheit anzuglauben, dass der Mensch auch im Tod sich selbst und seinen Horizont, der Gott selbst ist, nicht verliert.

 

Vers 9: Die Begründung der These

Kann man Vers 8 als die nähere Erklärung zu Vers 7 auffassen (Vers 8 besagt also, wie Vers 7 genauer zu verstehen ist), liefert Vers 9 die Begründung für Vers 8. Die Zugehörigkeit zu Christus, die Leben und Tod übergreift, ist begründet im Geheimnis von Tod und Auferweckung Jesu als dem die Macht des Todes auslöschenden Gottesereignis schlechthin. Emphatisch und euphorisch kleidet Paulus die Todeserklärung des Todes durch Gott in der Auferweckung des gekreuzigten Sohnes einmal in die Doppelfrage:

"Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? " (1 Korinther 15,55).

Um des engen Wortbezugs zu dem Satz vom "Leben und Sterben" willen ändert Paulus die ihm überlieferte Bekenntnisformel: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, 4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift" (1 Kor 15,3-5) und ersetzt die "auferweckt" durch das Wort "lebendig werden".

Das in der Auferweckung errungene bzw. erwiesene Herr-Sein über Leben und Tod begründet sein Herr-Sein über die Lebenden und die Toten. Die Kehrseite zu diesem Herr-Sein ist nicht die Angst der Abhängigen, sondern das tiefe Vertrauen der aus ihren Ängsten Befreiten.

Das ist der Glaube, um den es Paulus geht und angesichts dessen auch die Frage, nach welchen Speisevorschriften jemand lebt oder nicht lebt, sich relativiert.

Genau dieser Relativierung dient das kleine christologische Lehrstück, dem unmittelbar der Vers vorangeht:

"Und wer Fleisch isst, tut es zur Ehre des Herrn; denn er dankt Gott dabei. Und wer kein Fleisch isst, unterlässt es zur Ehre des Herrn und auch er dankt Gott" (Römer 14,6).

Immer geht es um den Gott, der als Herr über Leben und Tod sowie über die an ihn glaubenden Lebenden und Toten diese zu einer tieferen Einheit bestimmt hat, die jede angeblich noch so gravierende Meinungsverschiedenheit übersteigt und umfängt.

 

Auslegung

"sich selbst leben und sterben" (Vers 7)

Der Gedanke des "Für sich selbst leben" und "Für sich selbst sterben" war zur Zeit des Paulus durchaus bekannt und kommt in der Literatur der Zeit (Plutarch [ca. 45 - 125 n. Chr.], Terentius [gest. 159/158 v. Chr.], Seneca [gst. 65 n. Chr.] u. a.) in verschiedenen Facetten vor: als Mahnung vor Egoismus (man solle eben nicht nur für sich selbst leben), als Sehnsucht (laut Seneca verlangte es den Kaiser Augustus, irgendwann einmal aller seiner Staatsaufgaben ledig nur sich selbst zu leben) oder als Befreiungsschlag, den ein Suizid bedeuten kann (sich selbst sterben und alle Verantwortung für andere damit los zu sein).

Die Übereinstimmung der Wortwahl etwa des Plutarch in dem Zitat, das er dem im Kampf geschlagenen König von Sparta angesichts des Rates, sich nun besser selbst zu töten, in den Mund legt ("Denn schimpflich ist es, allein für sich selbst zu leben und zu sterben"; in: Plutarch: Agis et Cleomenes 52,10.2), mit den Worten des Paulus lässt vermuten, dass Paulus eine verbreitete Redewendung aufgreift.

Umso überraschender aber ist, dass er sie in eine völlig andere Richtung wendet, als man erwarten könnte. Weder geht es ihm um ein Abhalten vom Suizid, noch aber auch um die Mahnung vor einem nur an sich selber denkenden Egoismus. Dabei hätte eine solche gerade aus der Perspektive der christlichen Liebesethik, die Paulus noch in Kapitel 12 des Römerbriefs stark gemacht, verführerisch nahe gelegen. Zumindest an dieser Stelle (Römer 14 - 15) warnt Paulus weder vor rücksichtsloser und den Anderen aus dem Blick verlierender Selbstsucht noch vor der gesuchten Flucht aus der Verantwortung für Andere in die reine dolce vita, von der laut Seneca Kaiser Augustus träumte, der sowieso im Gegensatz zu vielen seiner Amtskollegen eher die Zurückgezogenheit bevorzugte. Wörtlich schreibt Seneca: "... mit diesem wenn auch trügerischen, so doch süßen Trost half er sich über seine Arbeitslast hinweg, einmal werde er für sich leben" (Seneca: Über die Kürze des Lebens, IV,2; beide Zitate [Plutarch und Seneca] nach Michael Theobald, Römerbrief. Kapitel 12-16 [Stuttgarter Kleiner Kommentar 6/2], Stuttgart 1993,145).

Vielmehr entreißt Paulus die Redewendung jedem moralisierenden Zusammenhang und stellt sie in einen christologischen Kontext: in das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Gekreuzigten und Auferweckten.

Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, das Paulus als Prediger bzw. Briefschreiber nicht einfach immer nur dasselbe sagt, sondern sehr differenziert spricht und das, was er formuliert, sehr auf den jeweiligen Gesprächszusammenhang bezieht. Nicht um das Einimpfen von Glaubenswahrheiten geht es ihm, sondern um das Fruchtbarmachen von Glaubenswahrheiten für die Bewältigung und Gestaltung eines christlichen Lebensalltags.

 

Der ursprüngliche Zusammenhang

Dabei bleibt noch zu klären, für welchen Anlass Paulus das kleine christologische Lehrstück formuliert hat, wenn - wie unter Überblick gesagt wurde - die Klärung von Fragen des richtigen Essens und Trinkens nicht der ursprüngliche Zusammenhang ist.

Bei genauerem Hinschauen fällt die Umkehrung einer vertrauten Reihenfolge auf. Nicht die von Kreuz und Auferweckung bestimmte  Abfolge von Tod und Leben bestimmt die Vers(e) 7(-9), sondern die Abfolge Leben und Tod. Sie kann einen Hinweis geben auf den Argumentationszusammenhang, in den das Lehrstück eigentlich gehört. Es geht um die Frage: Was passiert mit denjenigen, die vor der Wiederkunft Christi, also vor dem Jüngsten Tag sterben? Diese Wiederkunft haben Paulus selbst und viele seiner zeitgenössischen Mitglaubenden noch für die Zeit ihres Erdenlebens erwartet, wurden aber durch das Nicht-Eintreten dieser Wiederkunft eines Besseren belehrt.

In seinem frühesten Schreiben, im Ersten Thessalonicherbrief, tröstet Paulus die besorgten Gläubigen, dass auch die (wenigen) bereits Verstorbenen mit Sicherheit an der Auferweckung Christi teilhaben würden. Dies sei einfach die Konsequenz, wenn Christus gestorben und auferstanden sei. Sogleich biegt er dann aber die Argumentation ab, um denjenigen in die Parade zu fahren, die eventuell meinen, dass das Miterleben der Wiederkunft Christi noch in diesem Erdendasein einen Vorrang bedeuten könne.

"14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen. 15 Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben. 16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; 17 dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein. 18 Tröstet also einander mit diesen Worten!" (1 Thess 4,14-18).

Diese offensichtlich sehr von den Problemen der thessalonischen Gemeinde bestimmten Antworten hebt das im Römerbrief überlieferte christologische Lehrstück ins Grundsätzliche. Die Frage nach der Wiederkunft Christi spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Beantwortung der Frage, wie genau man sich die endgültige Durchsetzung des Herr-Seins Christi als Herr auch über den Tod vorzustellen hat. Es geht um die Bedeutung des Auferstehungsglaubens für das Selbstverstädnnis der Christen, das nicht mehr von der Unterscheidung Leben und Tod bestimmt ist, sondern allein vom Herr-Sein Jesu Christi. Das erwartete, aber auch schon wirksame Heil der Liebe Gottes, die in ihrer Unermesslichkeit und in ihrer todüberwindenden Mächtigkeit in Jesus Christus sichtbar wurde, bindet alle für Menschen so wichtigen Trennungen zu einer größeren Einheit zusammen. Sie relativiert die Frage nach Speisevorschriften, aber auch die noch viel grundsätzlichere Unterscheidung zwischen den noch Lebenden und den schon Verstorbenen. Alle sind in derselben Liebe umfangen.

Kunst etc.

Statue des Plutarch (?) , Museum Delphi, Photo: Ricardo André Frantz (2006), CC-SA 3.0
Statue des Plutarch (?) , Museum Delphi, Photo: Ricardo André Frantz (2006), CC-SA 3.0

Paulus schreibt nicht im "luftleeren Raum" und auch nicht nur im binnenchristlichen Milieu. Als Briefschreiber wie als Theologe spürt man ihm seine weite Bildung an. Diese hat er durch seine rabbinische Ausbildung genossen. Vor allem aber hat er als Bürger von Tarsus aus das philosophische Denken seiner Zeit aufgenommen.

Unter "Auslegung" wurde darauf hingewiesen, dass ihm die Redewendung "sich selbst leben und sterben" (Vers 7) durchaus aus der Literatur oder als mündlich weitergegebene Formel bekannt gewesen sein könnte. Einer, bei dem sie sich auch findet, ist der gegenüber Paulus deutlich jüngere Schriftsteller und Philosoph Plutarch (ca. 45 - 125 n. Chr.). Dabei ist kaum anzunehmen, dass Plutarch auf Paulus Bezug nimmt. Er bindet die Formel ganz in sein von der griechischen Tugendlehre und der Philosophie Platons bestimmtes Denken ein. Sie findet sich in einer der zahlreichen Biographien, die Plutarch verfasst hat, wobei diese keine in unserem Sinne historischen Interessen verfolgen (rückwärtsgewandte Lebensrekonstruktion), sondern die Darstellung des Lebens einer bekannten Persönlichkeit zur Veranschaulichung von Tugenden, denen es nachzueifern gilt.

Näherhin geht es um Kleomenes II. König von Sparta, der im Jahr 222 v. Chr. bei Sellasia gegen seinen makedonischen Herausforderer Antigonos III. Doson eine verheerende Niederlage erlitt. Obwohl Kleomenes tatsächlich 219 v. Chr. sein Leben durch den Freitod beendet hat, weil seine Lage immer aussichtloser wurde, legt Plutarch dem König angesichts des Ratschlages eiens Freundes zum Suizid folgende hehren Worte in den Mund:

"Denn schimpflich ist es, allein für sich selbst zu leben und zu sterben. Dazu forderst du mich jetzt auf, indem du dich aus der gegenwärtigen Lage zu befreien strebst, ohne dadurch sonst etwas Gutes und Nützliches zu erwirken."

Hier zeigt sich, wie weit Plutarch und Paulus auseinander liegen. Denn dem Apostel geht es nicht darum, dass ein Suizid einfach nur verhindert, selbst etwas Gutes und Nützliches zu tun. Ihm geht es um die Zusage, dass auch in der furchtbarsten Niederlage der Mensch nicht in die Vereinzelung gestoßen ist und er immer noch in der Gemeinschaft mit dem Herrn über Leben un Tod lebt. Daraus kann eine Kraft erwachsen, die dann auch hoffentlich größer ist als die Versuchung, den Tod dem Leben vorzuziehen, weil es so furchtbar erscheint.