Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 21,28-32)

28Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!

29Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus.

30Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr - und ging nicht hin.

31Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.

32Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.

Überblick

Lass Taten sprechen! Das Gleichnis von zwei Söhnen, die anders handeln, als sie es ankündigen.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) ist einerseits geprägt durch fünf große Reden Jesu, andererseits durch Themen, die auf den verschiedenen Wegetappen Jesu im Vordergrund stehen. Das Wirken Jesu beginnt mit der Verkündigung des Himmelreichs (Mt 4,17). Während der Wegetappe durch Galiläa (Mt 4,12-18,35) sind drei thematische Schwerpunkte auszumachen: 1) Das richtige Verständnis des Himmelreichs und der Gerechtigkeit als Handlungsmaxime (v.a. Mt 5,1-8,1, aber auch in diversen Gleichnissen), 2) Das richtige Verständnis Jesu geprägt durch die Frage: „Bist du der, der kommen soll?“ (Mt 11,2), 3) Die Integration des Leidens Jesu in seine Sendung (Mt 16,21). Seit der ersten Ankündigung seines Leidens bewegt sich Jesus im Matthäusevangelium unaufhörlich Jerusalem entgegen, wo er in Mt 21,10 eintrifft. Nach seinem Einzug dort treibt Jesus die Händler aus dem Tempel (Mt 21,12-17). Dies leitet über zu einer Reihe von Szenen, in denen Jesus auf Pharisäer und Schriftgelehrte und damit auf die religiösen Autoritäten des Judentums seiner Zeit trifft. In Mt 21,23 wird berichtet der Evangelist, dass Jesus im Tempel lehrt. Die Hohepriester und Ältesten kommen zu ihm und wollen wissen, mit welcher Vollmacht Jesus lehrt und handelt. Jesus lässt diese Frage offen bzw. beantwortet sie mit einer Gegenfrage: „Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen?“. Die Hohepriester und Ältesten weichen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, der Antwort aus. Im direkten Anschluss an diese Szene erzählt Jesus das Gleichnis von den beiden Söhnen des Weinbergbesitzers.

 

2. Aufbau
Die Perikope (Erzählabschnitt) lässt sich unterteilen in die Verse 28-31b, die die Erzählung des Gleichnisses sowie die Reaktion darauf umfassen. In den Versen 31c-32 erläutert Jesus das Gleichnis auf seine direkten Zuhörer, die Ältesten und Hohepriester hin.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 28-31b: Die direkte Anrede („ihr“) und der Einstieg in das Gleichnis ohne jegliche Einleitung zeigen, dass Vers 28 nahtlos an die vorangehenge Perikope mit der Frage nach der Vollmacht Jesu anschließt. Immer noch sind also die Hohepriester und Schriftgelehrten die direkten Zuhörer Jesu, wenngleich davon auszugehen ist, dass auch seine Jünger und weitere Interessierte zugegen sind. Die Frage Jesu richtet sich also an die jüdischen Autoritäten. Sie sollen eine Einschätzung zu einem im Gleichnis erzählten Sachverhalt abgeben. Die Frage legt also den Grundstein zu einer dialogischen Szene.
Im erzählten Gleichnis handeln beide Söhne anders, als sie es dem Vater gegenüber angekündigt haben. Auf die Bitte des Vaters im Weinberg zu arbeiten, antwortet der erste mit „Ich will nicht!“ geht anschließend aber doch in den Weinberg, er bereut seine Haltung. Der zweite Sohn antwortet dem Vater mit „Ja, Herr“, geht anschließend aber nicht in den Weinberg. Jesus bittet die Ältesten und Hohepriester nun zu sagen, welcher der beiden Söhne, den Willen des Vaters erfüllt hat, woraufhin diese den ersten Sohn benennen. Die Formulierung „Wille des Vaters“ macht deutlich, dass es eigentlich um das Verhältnis zu Gott geht. Im weiteren Verlauf wird das Tun nach dem Willen des Vaters von Jesus selbst explizit als Teil seiner eigenen Sendung benannt werden (Gebet in Getsemani, Mt 26,42).
Die Frage Jesu beinhaltete bereits den Hinweis, dass einer der beiden Söhne dem Willen des Vaters entspricht. Die negative Antwort des ersten Sohns fällt nicht entscheidend ins Gewicht, denn seine tatsächliche Handlung vollzieht den Willen des Vaters. Es geht also nicht um das Wort, sondern um die Tat.

 

Verse 31c-32: Mit „Amen, ich sage euch“ leitet Jesus zur Erklärung des Gleichnisses auf die Situation seiner Dialogpartner hin. Es ist eindeutig, dass die Hohepriester und Ältesten hinter dem „euch“ der Anrede stehen. Mit „Zöllnern und Dirnen“ benennt Jesus zwei Gruppen, die in Israel sozial und religiös ins Abseits gestellt werden – nicht zuletzt von den religiösen Autoritäten, die deren Leben und Verhalten als nicht gesetzestreu und damit dem Willen Gottes zuwider brandmarken. Gerade diese Gruppen sollen nun aber eher Zugang zum Himmelreich bekommen als die, die für sich das Halten der Gebote als Lebensmotto angeben.
Der Verweis auf Johannes den Täufer verbindet das Gleichnis und seine Deutung erneut mit dem Abschnitt davor (Mt 21,23-27). Es geht um die Reaktion auf die Umkehrpredigt des Johannes. Die religiösen Autoritäten haben sich davon offenbar nicht ansprechen lassen, wohl aber viele andere in Israel (vgl. Mt 3,4-6). Sie ließen die Worte des Täufers auf sich wirken und kamen zur Umkehr, bekannten ihre Sünden und ließen sich als Zeichen für den Willen ihr Leben neu zu ordnen von Johannes taufen. Selbst dieses Zeichen der anderen aber brachte die Hohepriester und Ältesten nicht ins Nachdenken und schon gar nicht in ein neues Handeln – genau das wird ihnen nun vorgeworfen: Sie haben nicht bereut, d.h. waren nicht bereit, ihr Leben zu überdenken und sich Schuld einzugestehen. Und sie haben den Worten des Johannes nicht geglaubt. Als Konsequenz werden nicht sie als erste in das Himmelreich kommen, wie sie selbst vermuten, sondern erst nach denjenigen, die schuldig geworden und ihre Schuld bekannt haben.

Auslegung

„Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ – so lautet eine bekannte Fußballweisheit. Sie bringt zum Ausdruck, dass am Ende nicht die Namen der Spieler oder deren Gehaltsklasse, nicht die vorangegangenen Pressemitteilungen oder Prognosen etc. zählen, sondern das Spiel selbst und das Ergebnis. Weder Jesus noch der Evangelist wollten mit der Perikope Plattitüden verbreiten, im Kern aber ist die Botschaft des Gleichnisses und damit die Mahnung an die religiösen Autoritäten denkbar simpel: Es geht nicht um Worte, sondern um Taten! Und um die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und die eigenen Handlungen zu justieren. Genau das haben die genannten „Zöllner und Dirnen“ den Hohepriestern und Ältesten voraus. Sie haben auf die Worte des Täufers gehört. Sein Ruf nach Umkehr, nach Neuausrichtung des Lebens und Reue über das bisherige Tun ist ihre Eintrittskarte ins Himmelreich. Das Entscheidende Verhalten des ersten Sohnes im Gleichnis ist die Reue. Er merkt, dass sein Verhalten – die Zurückweisung des Vaters – nicht angemessen war. Er überdenkt, was er gesagt hat, er hat keine Angst, sein Image zu verlieren, indem er sich nun doch umentscheidet – und dann tut er das Richtige. Und am Ende zählt das Verhalten, seine tatsächlichen Taten und nicht das gesprochene Wort. So wie im Negativbeispiel des zweiten Sohnes, der zwar mit Worten vorgibt, dem Willen des Vaters zu entsprechen, in Wirklichkeit aber entgegengesetzt handelt.
Die Kritik an den religiösen Autoritäten seiner Zeit ist deutlich, wenn auch durch die Hinführung mit dem Gleichnis gut verpackt. Die Hohepriester und Ältesten sollen sich gewahr werden, dass vor Gott nicht das Wort allein, sondern vor allem die Tat zählt. Wenn das Handeln nicht die Lippenbekenntnisse wiederspiegeln, dann sind diese umsonst! Wenn das Reden der religiösen Anführer vom Befolgen des Willens Gottes nicht auch in die Tat umgesetzt wird, ist es umsonst. Schon einmal hatte Jesus darauf aufmerksam gemacht (Mt 7,21). Aber das ist nur der eine Teil der Botschaft. Der zweite Teil hat etwas mit der Reue, dem Umdenken zu tun. Es ist eben nicht so, wie die Hohepriester und Ältesten vielleicht gerne denken, dass Schuld unumgänglich aus dem Himmelreich ausschließt, die Sünder damit automatisch außen vor sind. Der erste Sohn zeigt, dass ein Umdenken möglich ist – so wie es die vielen Menschen deutlich gemacht haben, sie aufgrund der Predigt des Täufers ihr Leben umgestaltet haben. Es gilt also: Hinhören, neu denken, neu handeln. Woher der Sinneswandel des ersten Sohnes kommt, wird im Gleichnis nicht geklärt. Es ist für die Pointe nicht das Entscheidende. Im Vordergrund steht die Botschaft: Lass Taten sprechen! Und: Es ist möglich, den Worten andere Taten folgen zu lassen.
Für uns als heutige Leser des Evangeliums ist die Frage nach dem „Warum“ des Umdenkens vielleicht interessanter als den direkten Adressaten des Matthäus. Denn wir müssen uns fragen: Wessen Wort kann uns zur Umkehr rufen – so wie die Menschen damals das Wort des Johannes? Wer oder was leitet bei uns ein Umdenken ein, so dass wir uns am Ende wirklich an unseren Taten messen lassen wollen?