Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Lev 19,1-2.17-18)

1 Der HERR sprach zu Mose: 2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.

[…]

17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 

18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 

Überblick

Heiligkeit ist kein Status, sondern ein dynamischer Prozess – „seid heilig“ heißt auch: Liebe deinen Nächsten und selbst Deinen Feind!

 

1. Verortung im Buch

Mitte in einer bunten Vielzahl von kultischen und religiösen Geboten und Verboten wird in Levitikus 19 der Israelit zur Heiligkeit aufgerufen. Der Weg, der zu diesem Heilig-Sein führt, ist grundgelegt auf einer unaufhebbaren Verbindung der sozialen und religiösen Normen. Das Kapitel ist scheinbar einfach eine Ansammlung von Einzelbestimmungen – und doch wird darin zugleich die Vielfältigkeit der Lebenswirklichkeit deutlich, die es zu heiligen gilt: vom Gebot die Eltern und den Sabbat zu ehren (Vers 3) bis zum Gebot der Fremdenliebe und dem Handlungsprinzip der Gerechtigkeit (Verse 33-46).

 

2. Aufbau

In der Vielfalt der Einzelbestimmungen kehrt eine Aussage immer, wie ein stetiges Tropfen – sozusagen den Rhythmus angebend – in verschiedenen Formen wieder: „Ich bin JHWH, euer Gott“. Und so verdeutlicht die Struktur des Kapitels, dass Gott und sein Wille die eigentliche Mitte aller Lebensbereiche ist – und dass es in diesem Kapitel um die Heiligkeit des Alltags geht.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Die Bedeutung des gesamten Kapitels wird bereits in den ersten Worten deutlich. Es wird betont, dass sich die folgenden Gebote und Verbote allumfassend an die ganze Gemeinde Israels richten: Heiligkeit ist kein Status und kein Ziel einer ausgewählten Minderheit, sondern Israels soll insgesamt ein „heiliges Volk“ werden (siehe Exodus 19,6). Der Weg zu diesem Ziel sind nicht nur die Einhaltung der folgenden Einzelbestimmungen, sondern wie es am Ende des Kapitels ausdrücklich geschrieben steht: „Ihr sollt alle meine Satzungen und alle meine Rechtsentscheide bewahren und sie befolgen. Ich bin der HERR.“ – das bedeutet, „heilig zu sein“. Hierfür wird sowohl in Vers 2 als auch am Ende des Kapitels Gott selbst als Grund angegeben. Und dort steht nicht von Gott gesagt: „Seid heilig, wie ich heilig bin“, sondern „seid heilig, denn ich bin heilig“ (siehe dazu ausführlicher unter „Auslegung“).

Vers 17: Dass die geforderte Reaktion auf den sich in den Geboten ausdrückende Wille Gottes kein rein oberflächlicher Gehorsam sein soll, zeigt sich hier in den Worten „in deinem Herzen“. Im Alten Testament ist das Herz der Ort des Denkens und Entscheiden, der Sitz der Vernunft. In seinem Innersten soll der Israelit keinen Hass gegen seinen Bruder, d.h. gegen einen anderen Israeliten, hegen. Eine schwere Aufgabe, zu deren Bewältigung eine Hilfe und Motivation gegeben wird. Um Hass zu kontrollieren, muss dessen Wurzel – das Problem – offen angesprochen werden. Ansonsten kann aus Hass sozusagen in einer Überreaktion eine Sünde werden. Eine – und das ist entscheidend – Zurechtweisung aus Nächstenliebe kann anstatt Hass Gemeinschaft mit dem „Bruder“ schaffen. 

Vers 18: Der erste Teil des Satzes ist noch leicht verständlich. Ein Israelit soll weder Rache üben, noch Groll in seinem Herzen tragen gegenüber einem Volksgenossen. Aber der folgende Satzteil stellt den Leser im Hebräischen vor mehrere Herausforderungen bzw. Fragezeichen. (1.) Wie schließt sich der zweite Satzteil an den ersten an? In der Einheitsübersetzung ist ein adversativer Anschluss gegeben: „sondern“. Die beiden Vershälften werden einander gegenübergestellt. Im Hebräischen steht hier der Buchstabe Waw, der vor einem Wort als Konjunktion verwendet wird. Die Grundbedeutung ist „und“, aber es kann ebenso auch eine modale Bedeutung haben („auf diese Weise“) oder konsekutiv verstanden werden („sodass“). Somit ist es möglich, die Aufforderung zur Nächstenliebe als Einzelgebot zu verstehen, oder als Explikation, was es bedeutet, sich nicht an einem anderen Israeliten zu rächen noch ihm zu grollen. (2.) Was bedeutet lieben? Die Konstruktion im Hebräischen zusammen mit der Präposition ל (gesprochen le), verdeutlicht, dass es sich um eine Solidarität und Loyalität handelt, die sich in praktischer Zuwendung äußern soll. Es geht um eine Aufforderung zum Handeln, zum Liebeserweis. (3.) Wie hängt die Selbstliebe mit der Nächstenliebe zusammen? Redet der Text überhaupt von Selbstliebe? Im Hebräischen schließt sich an die Aufforderung zum Liebeserweis gegenüber dem Nächsten nur noch ein Wort an: כמוך (gesprochen: kamocha), ein Vergleichspartikel mit einem unselbständigen Personalpronomen. Dieses Wort bedeutet wörtlich „wie dich/dir“ und kann verschieden interpretiert werden. (a.) „wie dich selbst“: die Rezeption im Matthäusevangelium legt eine reflexive Bedeutung nahe. (b.) „der dir gleich ist“: wenn man das Wort nicht auf das Verb, sondern auf das direkt davorstehende Wort „deinen Nächsten“ bezieht, liegt der Vergleichspunkt nicht in dem Liebeserweis, sondern darin, dass der Nächste ebenso wie der Angesprochene ein Israelit bzw. ein Mensch ist, dem die gleichen Rechte zustehen. (c.) „wie dir“ bzw. „wie (man) dir (Liebe erweist)“. In diesem Falle ist die für sich selbst erhoffte Liebe der Vergleichspunkt für die Nächstenliebe.

Man kann argumentieren, dass die beiden Vershälften von Lev 19,18 nicht gleichwertig sind. Wenn man den hebräischen Text betrachtet, kann man feststellen, dass verschiedene Zeitformen verwendet werden. Die Aufforderungen, keine Rache auszuüben und keinen Groll zu hegen, sind mit verneinten Futurformen formuliert, die als Befehlsformen gelesen werden können: „Du sollst nicht …“. Die Aufforderung zur Nächstenliebe ist hingegen mit einem Folgetempus formuliert. Dies bedeutet, dass diese Aufforderung zeitlich den vorherigen Aufforderungen nachgeordnet ist. Daher ist es naheliegend, die Nächstenliebe als Konsequenz zu verstehen, die daraus folgt, wenn man nicht nach Rache sinnt und keinen Groll hegt. Wenn man Böses nicht mit Bösem zurückzahlt und nicht nachtragend ist, wandelt man sich zu einer Person, die Böses vergibt und dem Anderen mit Gutem begegnet. Dies ist eine mögliche Definition von Nächstenliebe. So betrachtet wäre im Hintergrund schon die Feindesliebe angedeutet. Für eine solche Forderung bedarf es einer überzeugenden Begründung. Leider ist die Begründung nicht eindeutig formuliert. Aber alle möglichen Übersetzungen bieten gute Gründe zur Nächstenliebe. Vielleicht ist diese Vieldeutigkeit im Bibeltext gewollt und es werden dadurch mehrere Begründungen gegeben. Wenn man die Nächstenliebe mit der Liebe zu sich selbst vergleicht und diese Liebe als eine tuende Liebe versteht, dann kann sich daraus die ethische Forderung ergeben, den Nächsten nur so zu behandeln, wie man selbst auch behandelt werden möchte oder wie man sich selbst behandelt. Oder die Nächstenliebe wird durch die Würde des Nächsten begründet. Der Grundsatz der Gleichheit aller würde hier zur Nächstenliebe führen. Dazu passt auch, dass der Vers mit der Selbstvorstellungsformel Gottes abgeschlossen wird: „Ich bin JHWH“. Da JHWH der Gott sowohl des einen und des anderen ist, sind somit beide Personen, sowohl Ich als auch der Nächste gleich und haben somit die gleichen Rechte und Pflichten.

Auslegung

Heilige gibt es nicht erst, seitdem es das Christentum gibt. Bereits der Prophet Elisa wird im Alten Testament als „heilig“ bezeichnet (2 Könige 4,9) und der Prophet Jeremia wurde von Gott bereits vor seiner Geburt „geheiligt“ (Jeremia 1,5). Heiligkeit ist hier grundgelegt in der Beziehung zu Gott und beschreibt eine dynamische Funktion. Sie ist das menschliche Wirken im göttlichen Auftrag in der Welt – so gesehen sind das Heilige und das Profane kein strikter Widerspruch. Das Buch Levitikus erklärt, was es bedeutet, sein Leben an Gott auszurichten. Mehrfach findet sich in ihm die Aufforderung: „Erweist euch als heilig und seid heilig, weil ich heilig bin.“ (Levitikus 11,44, siehe auch Levitikus 20,7) In Levitikus 11 dient dieser Vers zur Begründung, warum das Volk Israel sich durch das Essen von Kriechtieren und Gewürm nicht verunreinigen soll. Das Buch Levitikus setzt voraus, dass zur Heiligkeit sowohl die ethische als auch die kultische Dimension gehört. So findet sich diese Aufforderung, heilig zu sein, in einem Kapitel mit Gesetzen betreffs des Essens und der Nahrung. Heiligkeit ist ein alle Lebenssphären umfassender Anspruch, der sowohl das Verhältnis zu Gott, zu den Menschen und zur Welt insgesamt definiert. Gott als Schöpfer der Welt ist das Prinzip der Heiligkeit und seine Heiligkeit hat einen verpflichtenden Charakter nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im ethischen Handeln, wie beispielhaft Levitikus 19 verdeutlicht. Dieses Kapitel versammelt soziale, ethische und auch liturgische Einzelbestimmungen, die mit der grundlegenden Aufforderung beginnen: „Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.“ (Levitikus 19,2) Aufgrund der Heiligkeit Gottes soll Israel zum Beispiel die Elterngeneration ehren, die Sabbate halten, keine anderen Götter neben JHWH verehren, für die Armen und Fremden sorgen, das Recht nicht beugen, nicht hassen und den Nächsten lieben. 

Es gibt Rituale, durch die Gegenstände, wie das Zeltheiligtum, oder Personen, zum Beispiel Priester, geheiligt werden. Sie gehen damit in den Besitz Gottes über und symbolisieren in dieser Welt seine Heiligkeit. Doch Gottes Heiligkeit ist mehr als ein Symbol, sondern „der heilige Gott erwies sich als heilig in Gerechtigkeit“ (Jesaja 5,6). Dort, wo die Menschen Recht und Gerechtigkeit in der Welt walten lassen, wird Gottes Heiligkeit sichtbar. Und daher ist es nicht verwunderlich, warum gerade das Gebot der Nächstenliebe in der jüdischen und christlichen Tradition eine so hohe Bedeutung zukommt. Heilig zu sein, ist selbst ein Gebot. Dieser Forderung zielt auf einen dynamischen Entwicklungsprozess des Menschen – zur imitatio Dei, der Nachahmung Gottes. 

Kunst etc.

In der Karlskirche in Wien ist die Nächstenliebe personifiziert als die Brust gebende Mutter – wie Maria – im Himmel dargestellt. Sie wird so als bedingungslose Liebe aufgezeigt. Umgeben ist sie von Engeln, die die Werke der Caritas tun. Und zugleich sieht man unter ihnen die zwischenmenschliche Nächstenliebe. In diesem Fresko zeigt sich die tätige Liebe als himmlische und weltliche Heiligkeit.

„Allegorie der Nächstenliebe“, Fresko in der Karlskirche in Wien, ca. 1725-1730, fotografiert von Friedrich Böhringer – Lizenz: gemeinfrei.
„Allegorie der Nächstenliebe“, Fresko in der Karlskirche in Wien, ca. 1725-1730, fotografiert von Friedrich Böhringer – Lizenz: gemeinfrei.