Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 25,1-13)

251Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.

2Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.

3Die Törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,

4die Klugen aber nahmen mit ihren Lampen noch Öl in Krügen mit.

5Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.

6Mitten in der Nacht aber erscholl der Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht ihm entgegen!

7Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht.

8Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus!

9Die Klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es nicht für uns und für euch; geht lieber zu den Händlern und kauft es euch!

10Während sie noch unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam. Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen.

11Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf!

12Er aber antwortete ihnen und sprach: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

13Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

Überblick

Zutritt verboten. Von klugen und törichten Jungfrauen und verschlossenen Türen

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) ist stark geprägt durch fünf große Reden Jesu. Sie präsentieren zentrale Inhalte der Verkündigung Jesu in sehr konzentrierter Form. So macht Jesus in der „Bergpredigt“ (Mt 5,1-7,29) den Willen Gottes durch seine Auslegung der Schriftauslegung neu verständlich und rückt das Handeln, das Tun der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. In der „Aussendungsrede“ (Mt 10,5-42) bevollmächtigt er die Apostel an seiner eigenen Sendung Anteil zu haben und das Evangelium wirkmächtig zu verkünden. In der „Gleichnisrede“ (Mt 13,1-52) eröffnet Jesus Perspektiven auf das Himmelreich, dessen Beginn und Wachstum. In Mt 23,1-39 setzt er sich sehr direkt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern auseinander. Mit Mt 24,3-25,46 ist die letzte große Rede Jesu gekommen. Sie reicht unmittelbar an die Passionsereignisse heran, die mit Mt 26,1 beginnen. Im Fokus der Worte Jesu stehen die Ereignisse am Ende der Zeit und der Ausblick auf das Weltengericht. Deshalb wird die Rede auch als „Endzeitrede“ bezeichnet. Einen großen Teil dieser Rede machen noch einmal Gleichnisse aus. Vor dem letzten Gleichnis über das Gericht des Menschensohnes über die Völker in Mt 25,31-46 stehen vier Gleichnisse, in denen das Thema der Wachsamkeit für die Wiederkunft Jesu am Ende der Zeit thematisiert wird (Mt 24,42-25,30). Das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen ist das dritte Gleichnis in dieser Reihe.

 

2. Aufbau
Das Gleichnis ist umrahmt von einer Einleitung (Vers 1) und einer Schlussmahnung (Vers 13). Dazwischen wird in den Versen 2-5 zuerst die Ausgangsituation beschrieben: Die Jungfrauen warten auf den Bräutigam. In den Versen 6-9 steht die Ankunft des Bräutigams unmittelbar bevor und das unterschiedliche Verhalten der törichten und klugen Jungfrauen tritt zutage. Die Verse 10-12 schildern die Konsequenz aus dem Verhalten der beiden Gruppen, wo bei die törichten Jungfrauen klar im Fokus stehen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Sehr knapp wird der Leser eingeführt in das Thema des Gleichnisses, weswegen der Vers wie ein Titel wirkt. Explizit wird auf das Himmelreich als Verständnisgröße des Gleichnisses hingewiesen. Aus den vielen vorangegangen Gleichnissen wissen die Leser und Hörer also, dass Jesus nun auf die Gestalt, die Zugangsbedingungen oder die „Regeln“ des Himmelreichs hinweisen wird. Da unter anderem im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14) Christus bereits die Rolle des Bräutigams gespielt hatte, werden die Leser dies hier ebenso verstehen.
Bei den Lampen wird es sich nicht um Öllampen handeln, bei denen das Öl direkt in einer Öffnung angezündet wird, sondern um Fackeln, bei denen ein mit Öl getränkter Lappen angezündet wird. Da die Jungfrauen dem Bräutigam in einem Fackelzug entgegengehen, müssen die Lampen auch für die Anwendung im Freien geeignet sein. Dies ist nur bei den Lampen mit Öllappen als Docht denkbar.

 

Verse 2-5: Zur Pointe des Gleichnisses gehört es, dass sich die zehn zuvor benannten Jungfrauen sich in fünf kluge und fünf törichte unterteilen. Die Differenzierung zeigt sich in der Tatsache, dass die Klugen nicht nur die Lampe mitnehmen, sondern sich auch für eine lange Brenndauer wappnen, indem sie Öl mitnehmen, um den Lappen dauerhaft mit dem Brennmittel zu tränken. Die Wartezeit bis zur Ankunft des Bräutigams nutzen alle als Ruhepause, was den törichten Jungfrauen zum Verhängnis werden wird.

 

Verse 6-9: Als die Ankunft des Bräutigams näher rückt, bemerken die törichten Jungfrauen ihren Fehler. Die Zurückweisung ihrer Bitte durch die klugen Jungfrauen ist nicht als Affront, sondern als Ausdruck ihrer Klugheit zu verstehen. Denn mit der Hälfte des Öls wird es nicht reichen, den Zug des Bräutigams entsprechend zu begleiten. Sollten die Lampen dann ausgehen, wäre ihre Aufgabe gescheitert. Daher ist der Hinweis auf das Nachkaufen des Öls rein pragmatisch gedacht.

 

Verse 10-12: Während die törichten Jungfrauen ihren Anfangsfehler versuchen wettzumachen und Öl kaufen, kommt der Bräutigam und das Fest beginnt. Die klugen Jungfrauen sind mit im Festsaal, die törichten bitten vergebens um Einlass. Der Evangelist berichtet nicht darüber, ob auch sie nun mit Öl ausgestattet sind. Entscheidend für den Ausgang des Gleichnisses ist allein die Tatsache, ob sie klug und damit vorausschauen gehandelt haben oder nicht. Die Dramatik der Szene wird durch die doppelte Anrufung „Herr, Herr“ und die klare Abweisung durch den Bräutigam „Ich kenne euch nicht“ unterstrichen. Indem die Antwort des Bräutigams mit „Amen, ich sage euch“ eingeleitet wird, wird zudem seine Identifizierung mit Christus verständlich, da dies eine typische nur auf Jesus hin angewendete Formulierung ist.

 

Vers 13: Wie das erste Gleichnis der Viererreihe in Mt 24,43-25,30 endet das Gleichnis mit einer Mahnung (vgl. Mt 24,44) mit einer Mahnung. Die Mahnung zur Wachsamkeit ist hier nicht als Gegensatz zum Schlaf zu verstehen – schließlich haben alle Jungfrauen geschlafen. Entscheidend ist vielmehr der Nachsatz: Wachsamkeit meint Bereitschaft. Da der genaue Zeitpunkt der Ankunft des Bräutigams bzw. der Wiederkunft Christi nicht bekannt ist, gilt es immer auf diesen Zeitpunkt vorbereitet zu sein.

Auslegung

Bereits die Eröffnung gibt einen Hinweis auf den größeren Deutungshorizont des Gleichnisses: Die Jungfrauen gehen dem Bräutigam entgegen. Sie warten nicht irgendwo auf ihn, sondern setzen sich selbst in Bewegung. Verbunden mit dem Gesamtrahmen, in dem das Gleichnis steht, und der Mahnung am Ende bedeutet dies: Dem Ende der Zeit und Wiederkunft Christi gilt es aktiv entgegenzusehen. Die Tatsache jedoch, dass man sich in diesem Aktivsein dennoch töricht verhalten kann, ist die Pointe des Gleichnisses. Insgesamt erinnern einige Aspekte der Erzählung von den klugen und törichten Jungfrauen an ein Gleichnis aus dem 7. Kapitel des Matthäusevangeliums. Dort hatte Jesus das Bild eines Hausbaus bemüht (Mt 7,24-27). Zwei Männer bauen ein Haus, sie werden also aktiv: Der eine entpuppt sich als weitsichtig, er baut sein Haus auf Fels. Der andere ist ein „Tor“, er baut auf Sand. Ein Wolkenbruch bringt das Haus des zweiten zum Einsturz, das des ersten aber besteht im Unwetter. Auch in diesem Gleichnis werden die Personen als klug und töricht charakterisiert. Nun wird diesem männlichen Paar mit den Jungfrauen ein weibliches Paar hinzugefügt. Spannend ist, dass der Deutungsrahmen des ersten Gleichnisses auch auf das zweite anwendbar ist. Jesus leitet in Mt 7,24 in das Bildwort ein mit den Worten: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baut.“ Genau dieses Handeln entsprechend der Worte oder Weisungen Jesu verbindet sich mit der abschließenden Mahnung im Jungfrauengleichnis: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“

Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen geht es wie in allen Gleichnissen der Endzeitrede Jesu um ein kluges und hier besonders um ein vorausschauendes Handeln (so wie beim Hausbau). Wer nicht nur Lampen mitnimmt, sondern auch einkalkuliert, wie lange sie brennen werden, der wird in dieser Erzählung mit in den Festsaal hineingenommen. Wer aber nur auf das Naheliegende schaut, nur daran denkt das „Nötigste“ mitzunehmen, der muss draußen bleiben. Das Törichte des einen Teil der Gruppe zeigt sich jedoch nicht nur darin, das Öl am Anfang nicht mitzunehmen, sondern auch darin, die Zeit des Wartens auf den Bräutigam nicht für den Einkauf des Öls zu nutzen. Eigentlich steigert die verzögerte Ankunft des Bräutigams die Chance der törichten Jungfrauen, ihren Fehler zu bemerken bzw. auf ihre kurzsichtige Planung aufmerksam zu werden. Sie aber lassen diese Zeit verstreichen, weil sie eben nicht die nötige Wachsamkeit besitzen. Wachsamkeit ist deshalb das Gebot der Stunde! Was aber fordert Jesus damit von seinen Hörern ein?

Hier gilt es wieder die Einleitung in Mt 7,24 im Hinterkopf zu behalten und den Zusammenhand in Mt 24,42-25,30. Es geht ums Handeln, darum, dass die Worte Jesu nicht nur aufgenommen werden, sondern aus ihnen eine Konsequenz erwächst. Töricht sind diejenigen, die denken ein Hören und innerliches Gutheißen der Worte Jesu wäre genug, um am Ende der Zeit zu bestehen. Was es stattdessen braucht ist jedoch ein konkretes Handeln, eine Tat, die den Worten folgt. Im letzten Gleichnis des Matthäusevangeliums (Mt 25,31-46) wird Jesus dies sehr konkret verdeutlichen: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben“, sagt er und erläutert dies: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Das Übersetzen der Botschaft Jesu in die Tat und die gelebte Gottes- und Nächstenliebe, das sind die Kriterien, die die Klugen von den Törichten unterscheiden. Wer sich wirklich vorbereitet auf die Ankunft des Bräutigams, der denkt klug zu Ende. Der hört nicht nur zu, sondern überlegt, wie sich aus dem Gehörten heraus das eigene Leben verändert und ändert es dann.

Wer also nicht vor verschlossenen Türen stehen will, so die Botschaft des Gleichnisses, der überlegt besser jetzt schon, wie er oder sie das eigene Leben konsequent an der Botschaft Jesu ausrichten kann. Er oder sie ist dann wachsam für das, was gerade wichtig ist: Die Not des Nachbarn, der Trost für die Trauernden, das hoffnungsvolle Wort an die Mutlosen, das Lächeln für die Ausgegrenzten, das Gebet für diejenigen, die selbst keine Kraft mehr haben. Das ist das Öl, das die eigenen Lampen am Leuchten hält, sollte die Zeit bis zur Ankunft des Herrn auch noch so lang sein!

Kunst etc.

Am Hauptportal des Berner Münsters finden sich lebensgroße Skulpturen der klugen und törichten Jungfrauen. Sie wurden ca. 1460-1481 durch den Steinmetz Erhart Küng geschaffen, heute sind am Hauptportal Kopien zu sehen.

Hier sind die törichten Jungfrauen zu sehen, von denen eine Rolle mit einer Inschrift trägt, die die Bitte des Gleichnisses aufnimmt. Sie bitten um Öl, um auch zum Fest hineingehen zu können.