Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Apg 2,42-47)

42Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.

43Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen.

44Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam.

45Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.

46Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens.

47Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.

Überblick

Zu schön, um wahr zu sein?! Gemeinde zwischen Hoffnung und Wirklichkeit

 

 

1. Verortung im Buch
Der Evangelist Lukas fügt seiner Erzählung vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth im Lukasevangelium (Lk) einen zweiten Teil hinzu. In der Apostelgeschichte (Apg) schildert er das Wirken der Apostel nach der Himmelfahrt Jesu und berichtet sowohl vom Leben der ersten Gemeinde in Jerusalem als auch von der Ausbreitung der christlichen Botschaft unter den Völkern. Am Anfang seiner Erzählung steht Jerusalem als Ort der Himmelfahrt und des Pfingstereignisses im Mittelpunkt, nach dem Tod des Stephanus dehnt sich dieser Fokus auf Judäa und Samaria hin aus. Petrus ist die zentrale Figur dieses ersten Teils (Apg 1-12,24). Im zweiten Teil (Apg 12,25-28,31) ist Paulus die prägende Gestalt der Erzählung. Lukas berichtet davon, wie er die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, nach Kleinasien (heute Türkei), Griechenland und zuletzt Rom trägt.

Der Abschnitt Apg 2,42-47 findet sich unmittelbar nach dem Pfingstereignis (Apg 2,1-13) und den Worten des Apostels Petrus, mit denen er das Geschehen deutet (Apg 2,14-36). Als direkte Folge der Geistsendung und der „Predigt“ des Petrus berichtet Lukas davon, dass viele Menschen (3000!) zum Glauben kommen und sich taufen lassen – hier setzt der Lesungstext ein. Er bildet den ersten von insgesamt drei „Sammelberichten“ in der Apostelgeschichte, in denen im Stile einer Zusammenfassung Ereignisse der jungen Gemeinde knapp und damit beispielhaft geschildert werden.

 

 

2. Aufbau
Im Abschnitt wird der Blick der Leser in mehrere Richtungen gelenkt. Vers 42 nimmt Bezug auf die Menschen, die sich infolge der Pfingstereignisse neu der Gemeinde in Jerusalem anschließen. In den Versen 43 und 47 werden Reaktionen auf das Gemeindeleben beschrieben, das in den Versen 44-46 im Mittelpunkt des Abschnitts steht.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 42: Nachdem in Vers 41 von 3000 Personen die Rede war, die im Anschluss an die Worte des Petrus zum Glauben kamen und getauft wurden, schildert Lukas nun, wie sich das Leben der neuen Gemeindemitglieder darstellt. Die vier Elemente des christlichen Lebens, die hier spezifisch für die Neugetauften genannt werden, werden in den Versen 44-46 noch einmal im Hinblick auf die Gesamtgemeinde aufgenommen. Die Zahl 3000 ist nur als Symbolzahl zu lesen. Bei einer ungefähren Gesamteinwohnerzahl Jerusalems von 25.000-30.000 ist ihr Ziel vor allem das stetige Wachstum der Gemeinde zu veranschaulichen. Waren es bei der Wahl des Matthias 120 „Brüder“, die zur Gemeinde gezählt wurden und abstimmten (Apg 1,15), sind es nun 3000 Personen, die neu zum Glauben kommen. In Apg 4,4 ist von 5000 Männern in der Gemeinde von Jerusalem die Rede – auch dies ist keine reale Zahl. Der Evangelist Lukas möchte in großen Zahlen die Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft der Apostel in Jerusalem veranschaulichen, keine Gemeindestatistik erstellen, insofern sind seine Zahlen Indizien des Wachstums, aber keine belastbaren Größen.

Das Leben der Neugetauften zeichnet sich durch vier Merkmale aus, die mit „Festhalten an“ umschrieben sind: 
1. „die Lehre der Apostel“: Lukas beschreibt immer wieder den Tempel als den Ort, an dem die Apostel tätig werden (z.B. Apg 3,11). Hier deuten sie die Schrift im Hinblick auf Jesus Christus und verkünden ihn als den Sohn Gottes, der in die Welt gesandt wurde und durch Leiden und Auferstehung als der ersehnte Messias bestätigt wurde. Diese „Lehre“, darf nicht als festgelegtes Curriculum, sondern muss als dynamisches Verkündigungsgeschehen gedacht werden, das immer situativ angepasst wurde, wie Lukas im Verlauf der Apostelgeschichte zeigt. Die „Lehre“ richtet sich dabei sowohl werbend an interessierte Zuhörer (nach außen) als auch zur Vertiefung an die Gemeindemitglieder (nach innen, vgl. Vers 46).

2. „die Gemeinschaft“: Lukas wird in den Verse 44-46 diesen Aspekt verschiedentlich aufnehmen. Er umfasst mehr als ein Beieinandersein, vielmehr geht es um gottesdienstliche Gemeinschaft, die sich in einem Sozialverhalten ausdrückt, das auf Fürsorge untereinander und Kompromissbereitschaft (Einmütigkeit) basiert.

3. „das Brechen des Brotes“: Mit diesem Ausdruck ist im Neuen Testament, vor allem bei Lukas und Paulus, die Mahlgemeinschaft der Gemeinde gemeint (Apg 20,7-11; 1 Kor 10,16-17). Aufgrund der engen Verknüpfung zwischen gemeinsamem Sättigungsmahl und eucharistischer Mahlgemeinschaft in der jungen Gemeinde, umfasst „Brechen des Brotes“ die Mahlgemeinschaft insgesamt. Es ist aber davon auszugehen, dass die explizite eucharistische Mahlgemeinschaft nur an Herrentagen (Sonntagen) zum Sättigungsmahl hinzutrat.

4. „die Gebete“: Lukas verwendet hier den Plural und greift damit inhaltlich zurück auf sein Evangelium. Dort hatte nicht nur Jesus selbst immer wieder als Betenden hervorgehoben, Jesus lehrte auch seine Jünger beten (Lk 11,1-2) und forderte sie auf, das Gebet zu einer beständigen Praxis werden zu lassen (Lk 18,1). Die junge Gemeinde wird weiterhin an den Gebeten der jüdischen Gemeinde festgehalten und diese um spezielle christliche Gebete wie das Vater Unser erweitert haben.

 

Vers 43: Die „Furcht“ von der „alle“ ergriffen werden, ist – wie der Lobpreis – ein Zeichen der Begegnung mit göttlicher Macht. Innerhalb des Evangeliums wird dieses Motiv sowohl bei Wundererzählungen (z.B. Lk 7,15-16) verwendet als auch dort, wo Gottes Macht durch seine Boten zum Ausdruck kommt (Lk 2,9). Hier sind es die Taten der Apostel, die verallgemeinert als „Wunder und Zeichen“ umschrieben werden. Ein erstes konkretes Wunder schildert Lukas erst in Apg 3,1-11. So wie im Wirken Jesu Wort und Tat untrennbar miteinander verbunden waren, wird Lukas dies im Laufe der Apostelgeschichte auch für seine Jünger betonen. Insbesondere bei Petrus und Paulus ist es dem Evangelisten wichtig, die Zeugen Jesu als „Lebenszeugen“ darzustellen, in deren Schicksal sich konstitutive Elemente des Lebens Jesu wiederholen (Wunder, Verkündigung, Anfeindungen, Prozess).

 

Verse 44-46: Nachdem in Vers 42 das Verhalten der Neugetauften dargestellt wurde, dehnt Lukas seine Schilderung auf die gesamte Jerusalemer Christengemeinde aus („alle, die glaubten“). Die zuvor benannten Merkmale werden an dieser Stelle aufgegriffen und entfaltet. Die Gemeinschaft der Christen äußert sich durch einen verlässlichen Versammlungsort und eine Form der Solidargemeinschaft, in der das Eigentum zum Wohle der Bedürftigen eingesetzt wird. Dies ist nicht als Vergemeinschaftung von Besitz im Sinne eines allen gehört alles zu verstehen, sondern in einer selbstverständlichen Weise des Teilens mit denjenigen aus der Gemeinde, die nicht das „Nötige“ haben. Im Tempel zusammenzukommen, zeigt einerseits die Gemeinschaft der Gemeinde mit den Aposteln, die dort lehren. Zugleich kommt darin zum Ausdruck, dass die Gemeinde sich als Ganze für die Vertiefung der Botschaft interessiert und für das Zugehen auf potentiell neue Gemeindemitglieder (vgl. zu Vers 42). Das gemeinsame Mahlhalten und die eucharistische Gemeinschaft wird von Lukas hier mit dem Zusatz „in Freude und Lauterkeit des Herzens“ versehen. Die Freude der Mahlgemeinschaft erinnert an den Ausruf eines Gastes im Lukasevangelium: „Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf.“ (Lk 14,15) Die Versammlung zum Herrenmahl und geteilten Sättigungsmahl ist damit bereits irdische Anteilhabe am Reich Gottes und damit immer wirklicher Ausdruck der theologischen Überzeugung der Gegenwart Jesu Christi in der versammelten Gemeinde.

 

Vers 47: Abschließend nimmt Lukas mit „sie lobten Gott“ das beständige Gebet aus Vers 42 noch einmal auf, lässt dies durch die Verknüpfung mit der Ausstrahlung („fanden Gunst beim ganzen Volk“) jedoch in einem weiteren Horizont erscheinen. Damit ist das „Gebet“ nicht einfach das Gespräch mit Gott alleine und in Gemeinschaft, sondern dieser Kontakt mit Gott, der sich im Lob, im Dank, aber auch in Klage und Zweifel ausdrückt, wird zu einer von anderen wahrgenommenen und geschätzten Lebenshaltung.

Trotz der hervorgehobenen Gunst im Volk betont Lukas am Ende des Abschnitts noch einmal explizit, dass das „Wachstum“ der Gemeinde auf die Initiative Gottes zurückgeht. Er ist der, der die Herzen lenkt, der seinen Geist aussendet, der wachsam macht für die Gegenwart Gottes.

Auslegung

Es klingt wie im Paradies und damit unrealistisch, was der Evangelist Lukas zusammenfassend am Beginn seiner Apostelgeschichte über die junge Gemeinde in Jerusalem schreibt: Eine Gemeinde, die alles miteinander teilt, die bei anderen beliebt ist und ihren Glauben mit Freude auslebt. Zu schön, um wahr zu sein?! Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, Lukas stellt nicht das Außergewöhnliche dar, sondern das Selbstverständliche einer Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu. Denn was der Evangelist als Wesensmerkmale der Gemeinde in Jerusalem aufführt, gründet in der Verkündigung Jesu und beschreibt bis heute die Grundvollzüge von Kirche. Die junge Gemeinde feiert miteinander ihren Glauben, indem sie miteinander betet und das Brot bricht und damit weiterführt, was ihr von Jesus Christus aufgetragen wurde – sie feiert Liturgie. Dann leben die Christen in Jerusalem in Fürsorge füreinander und stellen das Eigene in den Dienst für die anderen, insbesondere die Notleidenden – sie sind diakonisch tätig. Und zu guter Letzt gibt die Gemeinde Zeugnis von ihrem Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes –im Tempel, wo vor allem die Apostel tätig sind, aber auch durch das beständige Gebet, die Fürsorge und Lebenshaltung der gesamten Gemeinde.

Es ist wahrhaftig nichts Außergewöhnliches und keine paradiesischen Urzustände, die Lukas nachzeichnet. Warum haftet der Darstellung von den Anfängen der Gemeinde in Jerusalem dennoch etwas Utopisches an? Vielleicht sind es die „Begleitumstände“ und die Leichtigkeit des jungen Gemeindelebens. Lukas zeichnet in allem eine Selbstverständlichkeit nach: Alle sind wachsam und bereit zu handeln, wo anderen das Notwendige fehlt. Der Gottesdienst ist Ausdruck von Freude und getragen von Wahrhaftigkeit und Offenheit (Lauterkeit). Das Gebet trägt und durchzieht den Alltag (Tag für Tag). Die Apostel und die ganze Gemeinschaft sind Zeichen der Gegenwart Gottes, so dass die Menschen in der Begegnung mit ihnen etwas von Gottes Wirklichkeit erfahren (Furcht). Und: Die Gemeinde vertraut auf die Wege Gottes und darauf, dass er die Menschen ruft.

Am Ende des 1. Jahrhunderts als der Evangelist Lukas seiner Gemeinde von den Anfängen der Christen in Jerusalem berichtet, zeichnet er ganz sicher das Idealbild einer Gemeinde. Er möchte seine Leser ermutigen, auf diese Weise als Christen miteinander zu leben: alltäglich, leicht, mit Freude und Ausstrahlung. Das Idealbild der Jerusalemer Gemeinde ist für ihn Hoffnung, vielleicht entspringt es sogar seinem eigenen Erleben. Es ist aber sicher keine Utopie, die unerreichbar ist. Denn was Lukas seiner Gemeinde empfiehlt, ist nicht außergewöhnlich, es ist selbstverständlich für die, die an Jesus Christus, den von den Toten auferweckten Sohn Gottes glauben.

Kunst etc.

Die Miniatur zu Pfingsten stammt aus dem Stundenbuch „Très Riches Heures du duc de Berry“, das von den Limburger Brüdern begonnen und von Jean Colombe in den Jahren 1485/1486 vollendet wurde. Anders als in anderen Pfingstdarstellung werden hier nicht nur die zwölf Apostel oder die Zwölf und Maria dargestellt. Vielmehr wird durch die Vielzahl der gemalten Figuren „die Gemeinde“ als Empfängerin und Beauftragte des Geistes in den Blick genommen. So ist die Gemeinde als Ganze der Ort, von dem aus die Botschaft in die Welt hinein Gestalt annimmt.

Jean Colombe, gemeinfrei
Jean Colombe, gemeinfrei