Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 11,1-45)

111Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta.

2Maria war jene, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren abgetrocknet hatte; deren Bruder Lazarus war krank.

3Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank.

4Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

8Die Jünger sagten zu ihm: Rabbi, eben noch suchten dich die Juden zu steinigen und du gehst wieder dorthin?

9Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;

10wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

11So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.

12Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.

13Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.

14Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.

15Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.

16Da sagte Thomas, genannt Didymus, zu den anderen Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!

17Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

18Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.

19Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.

20Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.

21Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

22Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

23Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.

25Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

26und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?

27Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

28Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.

29Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.

30Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.

31Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.

32Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

33Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.

34Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh!

35Da weinte Jesus.

36Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?

38Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

39Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.

40Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.

43Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!

45Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.


[46Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte.]

Überblick

Von Liebe und Hoffnung im Angesicht des Todes. Mit der Auferweckung des Lazarus nähern wir uns der Verheißung des Osterfestes.

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangelium (Joh) beginnt mit einem Loblied auf Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters (Joh 1,1-18). Er ist in die Welt gesandt, um die Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen und den Menschen den Weg zum Vater zu eröffnen. Diese Sendung Jesu ist als Grundthema in allen Erzählungen zu finden.
Die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus leitet über in die Passionserzählung des Evangelisten Johannes. In Joh 10,22-39 wurde von Jesu Aufenthalt beim Fest der Tempelweihe in Jerusalem berichtet. Hier spitzt sich die Situation für Jesus zu: Die Juden wollen ihn steinigen und festnehmen, „er aber entzog sich ihrem Zugriff“ (Joh 10,39). Diese bedrohliche Stimmungslage steht im Hintergrund der Lazarus-Erzählung: Nicht nur weil die Jünger Jesus warnen, nicht wieder nach Judäa und in die Nähe von Jerusalem zu gehen (Joh 11,8), sondern auch, weil Jesus sich nach dem Aufenthalt in Betanien zwar noch einmal in die Wüste zurückzieht (Joh 11,54), um dann ein letztes Mal nach Jerusalem zu gehen und seine Sendung zu vollenden.

 

 

2. Aufbau
Die Erzählung ist kunstvoll gestaltet und nimmt offenbar verschiedene Überlieferungen auf. Der Evangelist Johannes verbindet die Traditionen und bindet sie in seine Jesus-Erzählung ein. So kommt es zu kleineren Unebenheiten in der Darstellung (beide Schwestern bringen Jesus den identischen Vorwurf entgegen (Verse 21 und 32), die Salbung Jesu durch Maria wird vorausgesetzt, obwohl sie erst in Joh 12,1-11 erzählt wird. Gleichzeitig verleiht Johannes der Auferweckung eine besondere Dramatik und Anschaulichkeit (Lazarus liegt 4 Tage im Grab und riecht schon), die sie von anderen Auferweckungsgeschichten unterscheidet (vgl. z.B. Lukasevangelium 7,11-17). Der Evangelist möchte angesichts der vorgefundenen Überlieferung von der Auferweckung eines Toten in Betanien die Vollmacht Jesu und die sich darin äußernde Herrlichkeit Gottes besonders betonen. Die hoch emotionale Geschichte des Lazarus ist im direkten Vorfeld der Passionserzählung als Demonstration der Macht Gottes in seinem Sohn Jesus Christus ausgestaltet.

Sie lässt sich gliedern in:

  • Entfaltung der Szene: Verse 1-5
  • Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern: Verse 6-5
  • Jesus und Marta: Verse 17-27
  • Jesus und Maria (und die Juden): Verse 28-37
  • Auferweckung des Lazarus: Verse 38-44
  • Reaktion einiger Juden: Vers 45

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-5: Zunächst wird ein grober Überblick über die Situation gegeben (Vers 1), wobei weder die Krankheit genauer benannt, noch die familiäre Verbindung zwischen Lazarus, Maria und Marta offengelegt wird. Die Nähe des Ortes Betanien zu Jerusalem wird ebenfalls erst später (Vers 19) erwähnt. In den anderen Evangelien wird der Ort im Umfeld der Passions- und Ostererzählungen erwähnt, womöglich kennen auch die Leser des Johannesevangeliums diese Traditionen. Der kranke Lazarus hier hat nichts zu tun mit dem armen Bettler Lazarus, von dem das Lukasevangelium berichtet (Lukasevangelium 16,19-31). Über Maria und deren Salbung, die Johannes jedoch noch nicht erzählt hat (Joh 12,1-11!), werden die Personen in Beziehung zu Jesus gesetzt: Maria salbte Jesus die Füße, ihr Bruder Lazarus ist krank und sie hat eine Schwester namens Marta. Die Beziehung Jesu zu Lazarus wird über die Botschaft an Jesus transparent. Er ist „der, den du liebst“, lassen die Schwestern Jesus ausrichten. Mit „Liebe“ ist hier nicht nur eine emotionale Bindung gemeint, sondern eine Verbundenheit, die über das zugeneigt sein hinaus zur Motivation und Begründung des eigenen Handelns wird. Daher ist die „Liebe“ im Johannesevangelium ein zentraler Begriff, um die Sendung und Aufgabe Jesu zu charakterisieren: Aus Liebe offenbart der Vater seinem Sohn seine Werke (Joh 5,20) und lässt ihn selbst Anteil haben an diesen Werken. Und aus Liebe gibt Jesus sein Leben für seine Freunde (Joh 15,13).
Die Antwort Jesu auf die Nachricht der Schwestern richtet sich vor allem an die Leser des Evangeliums, sie werden so eingeladen, das Folgende zu verstehen und direkt mit der Hoffnung auf ein Herrlichkeitszeichen zu lesen. Bei den Jüngern führen die Worte Jesu jedenfalls nicht zum Verständnis, vielmehr zeigt der folgende Dialog wie schwierig es den Jüngern fällt, ein besonderes Zeichen Jesu zu „erwarten“. Diese Gleichzeitigkeit von „Ankündigung“ und „Unverständnis“ findet sich auch in der Erzählung von der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-41) und in dem Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,5-42).

 

Verse 6-16: Auch nach der ankündigen Antwort in Vers 4 irritiert das Verhalten Jesu: Statt zu dem Kranken zu gehen, wartet er noch zwei Tage. Die Erlebnisse des letzten Aufenthalts Jesu in Judäa und Jerusalem sind den Jüngern noch gut in Erinnerung (Joh 10,31). Entsprechend wollen sie verhindern, dass er sich erneut einer Gefahr aussetzt; wie real den Jüngern die Möglichkeit einer gewaltsamen Tötung Jesu vor Augen stand, zeigt der Einwurf des Thomas (Vers 16). Er drückt damit zugleich aus, dass die Jünger angesichts ihrer Zugehörigkeit zu Jesus selbst um ihr Leben fürchten. Gegenüber der Androhung eines Ausschluss aus der Synagogengemeinde (wie in Joh 9,22), ist dies eine wahrgenommene Steigerung der Aggression gegenüber den Anhängern Jesu.
Die Unterhaltung zwischen Jesus und seinen Jüngern verläuft in zwei Runden, in denen Jesus einmal in einem Bildwort und einmal „unverhüllt“ vom Schicksal des Lazarus spricht. Keiner der beiden Vermittlungsversuche erreicht die Jünger wirklich. Das Bildwort ist in der Tat nicht einfach zu entschlüsseln. Es setzt an bei der Alltagserfahrung, dass man tagsüber unterwegs ist und nicht nachts, weil man dann anstößt und stolpert. Die Formulierung „Licht dieser Welt“ verweist mit Blick auf Joh 8,12 („Ich bin das Licht der Welt“) auf Jesus selbst. In seiner Gegenwart, so könnte das Wort Jesu meinen, kann den Jüngern nichts geschehen. Und die „Nacht“ und Dunkelheit ist noch nicht da, von ihr wird explizit gesprochen als Judas das gemeinsame Mahl verlässt, um Jesus auszuliefern (Joh 13,30). Weil Jesus gemeinsam mit den Jüngern unterwegs nach Betanien ist, sind sie sicher und können Zeugen seines Wirkens an Lazarus werden. Seine Ankündigung von „schlafen“ und „auferweckt werden“ entspricht dem frühchristlichen Sprachduktus der Rede von der Auferstehung. Die Jünger aber verstehen dies im wörtlichen Sinn, für sie ist der Schlaf die Voraussetzung zur Genesung. Der Evangelist macht die Leser explizit auf dieses Missverständnis aufmerksam (Vers 13). Jesus versucht noch einmal, den tieferen Sinn seiner Worte und der damit verbundenen Ankündigung des Wunders deutlich zu machen. Lazarus ist wirklich gestorben, er schläft nicht nur, aber dieses Ereignis, das sich nur in seiner Abwesenheit so zutragen konnte, soll für sie zum Zeichen des Glaubens werden.

 

Verse 17-27: Nach dem Gespräch Jesu mit den Jüngern wird nun die Situation bei der Ankunft in Betanien entfaltet, um die Leser tiefer in das Geschehen einzubinden. Lazarus liegt bereits seit vier Tagen im Grab, nahe bei Betanien, das wiederum 3 km von Jerusalem entfernt ist. Den Ritualen folgend kommen Menschen zu den Schwestern, um den Trauernden Trost zuzusprechen. Marta läuft dem herbeikommenden Jesus entgegen. Sie hält ihm einerseits vor, dass Lazarus wohl nicht gestorben wäre, wenn Jesus vor Ort gewesen wäre. Andererseits äußert sie ihren Glauben an Jesu außerordentliche Vollmacht, indem sie sagt: „Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben“ (Vers 22). Die Zusage Jesu versteht sie aus ihrem Glauben an eine endzeitliche Auferstehung heraus, eine weitere Grenzüberschreitung zwischen Leben und Tod scheint ihr von sich aus nicht vorstellbar. Erst auf die Selbstoffenbarung Jesu hin, wird aus dem „ich weiß“ ein „ich glaube“. Sie bekennt Jesus, der vor ihr steht und den sie offenbar als Freund der Familie kennt, als den ersehnten Christus und Sohn Gottes. Auch wenn ihre Worte nicht explizit die Aussage Jesu vom ewigen Leben bestätigen, so nimmt sie mit dem Bekenntnis zum „Sohn Gottes“ doch implizit auf, was Jesus ihr zusagt. Denn die Offenbarung Jesu „ICH BIN die Auferstehung und das Leben“ nimmt den Kern des Gottesglaubens Israels auf. Als der „ICH BIN der ich bin“ hatte sich Gott dem Mose zu erkennen gegeben, als ein Gott, der auch der Gott der Väter und damit ein Gott der Lebenden ist, weil bei Gott der irdische Tod nicht das Ende der Beziehung bedeutet. Als Jesus diese „ICH BIN“-Zusage Gottes auf sich hin anwendet, wird Marta deutlich, dass hier der vor ihr steht, der auf einzigartige Weise für den Vater und mit dem Vater so von sich sprechen kann: Es ist Gottes Sohn.
Der Kern der Selbstaussage Jesu ist der Glaube an ihn als den Sohn Gottes. Der Glaube ist der Weg zu einem Leben, das auch der Tod nicht beendet. Wer Jesus als den vom Vater in die Welt gesandten Sohn bekennt, der bekennt sich damit zu Gott, der ein Gott des Lebens ist.

 

Verse 28-37: Die vorangegangene Szene hatte sich außerhalb des direkten Umfelds des Hauses der Schwestern abgespielt. Nach ihrer eigenen Begegnung ruft Marta ihre Schwester herbei, damit diese unbemerkt ebenfalls mit Jesus sprechen kann. Die Anrede „Meister“ ist ehrerbietige Fortsetzung ihres Bekenntnisses. Auch Maria steht Jesus nun zunächst alleine gegenüber und „grüßt“ ihn mit den gleichen Worten wie zuvor ihre Schwester. Anstelle eines Ausrufs (Marta) zeigt sich Marias Vertrauen durch Gesten: Sie fällt vor Jesus auf die Füße und legt gleichsam ihre ganze Trauer und Zerrissenheit vor ihn nieder. Maria bleibt jedoch nicht lange alleine mit Jesus, die mittrauernden Juden stimmen in ihr Weinen mit ein, das ist ihre Weise, das Leid der Schwestern zu teilen. Die Reaktion Jesu ist hoch emotional. Er ist erregt und erschüttert angesichts der Ohnmacht und Trauer, mit der Maria und die anderen dem Tod des Bruders gegenüberstehen. Und vor dem Grab, dem Ort, der die Endlichkeit des irdischen Lebens markiert, weint auch er.
Die Erschütterung Jesu ruft bei den Anwesenden eine doppelte Reaktion hervor: Die einen erkennen darin seine innere Beteiligung am Geschehen und seine Liebe zu dem Verstorbenen und den Schwestern. Die anderen fragen vorwurfsvoll, ob er, der den Blinden geheilt hat, nicht auch hier den Tod hätte verhindern können.

 

Verse 38-44: Immer noch mitgenommen („innerlich erregt“) von der Situation der Trauer und des Todes geht Jesus zum Grab und befiehlt es zu öffnen. Damit beginnt sein Eingreifen in die Macht und Realität des Todes. Der erschrockene Einwurf der Marta, dass der Leichnam am vierten Tag bereits angefangen habe zu riechen, unterstreicht dies. Entsprechend antwortet ihr Jesus und erinnert sie an ihr Gespräch: Sie wird die Herrlichkeit Gottes sehen können, wenn sie an Jesu Wirkmacht glaubt. Mit diesen Worten verweist Jesus sie auf die Einheit zwischen Vater und Sohn, die im folgenden Gebet und Wirken deutlich wird.
Die zum Himmel gerichteten Augen sind – wie für uns gefaltete Hände – eine Gebetsgeste. Jesus „verbindet“ sich mit dem Vater im Himmel und spricht für alle hörbar dem Vater seinen Dank aus. Sein sichtbares und hörbares Verbundensein mit dem Vater dient dem Glauben der Zuschauenden. Was Jesus als Sohn immer weiß („ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30), macht er hier den Umstehenden deutlich: Der Sohn handelt in Übereinstimmung mit dem Vater und so wird im Wirken des Sohnes die Herrlichkeit Gottes, des Vaters, sichtbar.

Jesus ruft den Toten aus seinem Grab. Der Evangelist schildert dies so sinnfällig, dass jeder Leser das Grenzüberschreitende des Wirkens Jesu verstehen muss: Lazarus ist bekleidet mit den Gewändern des Todes (Leinenbinden, Schweißtuch) und kommt so zurück in die Welt der Lebenden. Die Umstehenden müssen helfen, ihn auch äußerlich zurück in die Welt des Lebens zu holen, indem sie ihm die Binden abnehmen. Nun kann Lazarus gehen und in sein Leben zurückkehren, er ist aus dem Tod wieder in die irdische Wirklichkeit geholt worden. Für die Schwestern und die mitgekommenen Juden ist das sichtbar und zum Teil greifbar geworden. Dies unterscheidet das leere Grab und die Auferweckung des Lazarus von der des Ostermorgens

 

Vers 45: Wie es Jesus im Gebet antizipiert hatte, kommen viele der Juden, die Zeuge der Auferweckung waren, zum Glauben. Jesu todesüberwindende Macht zeichnet ihn für sie als Sohn des himmlischen Vaters aus.

 

[Vers 46: Der Evangelist Johannes schildert jedoch auch die gegenteilige Reaktion: Jesu Handeln am toten Lazarus wird für andere zum Ärgernis. Sie gehen zu den Pharisäern, um von einem weiteren „skandalösen“ Zeichen Jesu zu berichtet. – Dieser Vers ist bei der Abgrenzung des Evangeliumstextes leider außen vor geblieben.]

Auslegung

Selten wird Jesus im Evangelium so emotional dargestellt wie in der Erzählung vom Tod des Lazarus. Er nimmt Anteil an der Trauer, der Verzweiflung, aber auch der Hoffnung der Schwestern und dies nicht nur oberflächlich, sondern bis in sein Innerstes. Jesus hadert mit der Situation der Menschen, die ihm hier in dieser Erzählung begegnen. Er ist selbst erschüttert über die Macht und Konsequenz des Todes, wie er sie hier im Leben von Maria und Marta erlebt.
Doch die Reaktion Jesu endet nicht beim Wahrnehmen und Betroffensein von der Not. Die Liebe und Freundschaft Jesu zu den Geschwistern lässt ihn handeln, sehr konkret und zugleich exemplarisch. Indem er Lazarus aus dem Tod zurück ins Leben holt, durchbricht er die Hoffnungslosigkeit und Trauer der Geschwister in Betanien. Und er zeigt, wozu Gott in der Lage ist, was sein Wesen ausmacht: Gott ist ein Gott des Lebens. Und die Macht des Lebens ist stärker als der Tod, weil Gottes Macht allmächtig ist und nichts und niemand sie in Grenzen zwingt. Indem Jesus Lazarus aus dem Tod ins Leben zurückholt, gibt er einen Hinweis, einen Vorgeschmack auf die Lebensmacht Gottes. Er zeigt, wozu die Liebe Gottes fähig ist: Sie nimmt dem Tod den Schrecken, weil der Tod nicht mehr ein endgültiges Schicksal besiegelt. Wer an den Gott des Lebens glaube, wer seiner Liebe traut, der kann darauf vertrauen, dass der irdische Tod zu himmlischem Leben führt, dass das Grab nicht Endpunkt der Wirklichkeit, sondern Ausgangspunkt einer neuen Wirklichkeit ist.

Lazarus wird in sein altes, irdisches Leben zurückgeholt. Das Abnehmen der Leinenbinden symbolisiert diesen Schritt vom Grab zurück ins Leben. Und dieses Leben endet auch für Lazarus mit dem irdischen Tod – nur nicht jetzt. Das Zeichen der Auferweckung aber wirkt für den Moment, in dem Lazarus sein irdisches Leben beendet. Denn dann werden die Schwestern trauern, aber nicht verzweifeln, weil sie wissen, dass Gottes Macht, den Tod überwindet. Sie können glauben, dass Gott das Leben neu schenkt – sie haben das ja bereits ganz konkret erlebt. Sie können auf eine Auferstehung der Toten und ein neues Leben hoffe, auch wenn dieses Leben ein anderes und für sie nicht sichtbar nachvollziehbares Leben ist.

Wie anders das gewandelte neue Leben ist, das Gott in der Auferstehung schenkt, das zeigt sich, wenn man das leere Grab des Lazarus und das des Ostermorgens vergleicht: Lazarus tritt sichtbar heraus aus dem Grab, er muss von den Leinenbinden und dem Schweißtuch befreit werden, er ist erkennbar als der, der er zuvor war. Menschen werden Zeugen seines Neustarts in das alte Leben. Am Ostermorgen ist der Stein bereits weggerollt, die Binden und das Schweißtuch sind zurückgeblieben. Jesus selbst ist nicht mehr da und als er später Maria von Magdala begegnet, ist er äußerlich nicht mehr der, der er war.

Gott lässt die Not der Menschen nicht kalt, sie rührt ihn an, sie lässt ihn Zeichen setzen. In der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus wird die Liebe Gottes zum Menschen im Handeln Jesu offenbart und auf emotionale Weise greifbar. Die Grenze des Todes wird sichtbar gesprengt, Gottes alles verändernde Kraft zeigt sich. Für die einen wird das zum Zeichen und Anlass des Glaubens, für andere zum endgültigen Zeichen der Verwerfung.

Kunst etc.

Das Gemälde von Vincent van Gogh fängt die Emotionalität der Situation aus der Erzählung des Johannesevangeliums ein. Wie losgelöst und erlöst, reißt eine der Schwestern die Hände in die Höhe: Der Tote steht auf zum Leben! Das Gesicht des Lazarus wirkt noch leichenstarr und dennoch ist in seinem Körper Dynamik erkennbar.