Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 11,13-15.29-32)

13Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst,

14weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten.

15Denn wenn schon ihre Zurückweisung für die Welt Versöhnung bedeutet, was wird dann ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?

29Denn unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes.

30Denn wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt,

31so sind auch sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt, ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden.

32Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen.

Überblick

Die ausgewählten Lesungsverse 13-15.29-32 gehören in den Schlussteil einer insgesamt die Kapitel 9 - 11 umfassenden Beschäftigung des Paulus mit der Frage: Warum hat ein großer Teil der jüdischen Glaubengeschwister des Paulus das Evangelium von Jesus Christus nicht angenommen und wie steht es um ihre engültige Rettung bei der Wiederkunft Christi?

 

Welche Gedanken gehen dem Lesungsabschnitt in Römer 9 - 11 voran?

Paulus vermeidet jede Schuldzuschreibung , sondern greift auf die im Schriftstudium und vielleicht auch Gebetsleben errungene Einsicht zurück, dass hinter den Entscheidungen letztlich Gott selbst am Werke ist. Die Maßgabe seines Handelns ist aber nicht Willkür oder Strafe, sondern sein "Erbarmen":

"14 Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! 15 Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. 16 Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott" (Römer 9,14-16).

Diese Barmherzigkeit führt dazu, dass Gott auch die in seine Nähe beruft, die sich nie zuvor um seine Gerechtigkeit gekümmert haben: die Heiden. Die Kehrseite aber ist, dass diejenigen, die sich als das Volk Irael um die Gerechtigkeit Gottes mühen, so sehr in den Möglichkeiten des eigenen gerechten Tuns gefangen bleiben, dass sie nicht sehen können, dass die Gerechtigkeit Gottes, nämlich seine barmherzige Zuwendung zu den Menschen, in Jesus Christus geschehen ist. Ihn zu glauben wäre die eigentliche Gerechtigkeit auf Seiten der Menschen in Entsprechung zur göttlichen Gerechtigkeit (vgl. dazu Römer 9,30-33).

Der dahinter stehende Glaube, dass Gott alle, die an ihn glauben, retten will, ist Juden und Christen gemeinsam. Dazu zitiert Paulus Prophetenworte:

"10 Denn mit dem Herzen glaubt man und das führt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund bekennt man und das führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift sagt: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen  (Mischzitat aus Jes 28,8 und 8,14). 12 Denn darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Denn alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen. 13 Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden(Joel 3,5)."

Gerade mit dem letzten Zitat baut Paulus den Juden eine Brücke: Denn natürlich hat er bei der Rede vom "Herrn" Christus im Hinterkopf, vom Alten Testament her gedacht ist aber "Herr" die Umschreibung des Gottesnamens JHWH. In diesem Verständnis wird jeder Jude der Argumentation des Paulus zustimmen.

Doch wie können die Rettung Gottes aufgrund seiner Gerechtigkeits-Barmherzigkeit und die gleichzeitige Nichtanerkennung dieser göttlichen, an Jesus gebundenen Gerechtigkeits-Barmherzigkeit zusammengehen?

Zunächst einmal ist es Paulus wichtig, festzuhalten: Die Nichtanerkennung durch den größeren Teil der Juden ist nicht irgendein mit Israel und seinem Glauben verbundener "Defekt", sondern Gott hat Israel bewusst "verstockt" (Römer 11,7),

1. damit das Heil nicht auf Israel beschränkt bleibe, sondern auch zu den Heiden komme (insoweit sieht Paulus bereits den Erfolg des göttlichen Plans in den zahlreichen heidenchristlichen Gemeinden);

2. damit Israel durch die Ausbreitung des Glaubens an die Gerechtigkeits-Barmherzigkeit Gottes bei den Heiden sie selbst eifersüchtig werden und sich ebenfalls Christus zuwenden. Der Erfolg dieses Teils des göttlichen Plans steht allerdings größtenteils zurzeit des Paulus noch aus. Deshalb setzt er hier auf die Vorläufigkeit des Verstockungsabsichten Gottes und das viel größere Maß an Barmherzigkeit, das in ihm überwiegt. Er selbst, Gott, wird den entscheidenden Schritt tun:

"Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen." (Röm 11,26)

Einmal mehr zitiert Paulus hier das Alte Testament, Jesaja 59,20, und zwar in der Fassung der griechischen Übersetzung. Der Zusammenhang legt nahe: Paulus erwartet, dass "der Retter" = Christus vom (vermutlich himmlisch zu vestehenden) "Zion" bei seiner Wiederkunft sich "Jakob" = dem im Judentum verbliebenen Israel in seiner vergebenden Barmherzigkeit zuwenden und die "Gottlosigkeit", also die gottverfügte Verstockung "entfernen" wird.

Dann erst wird das Ziel des Erlösungswillens Gottes erreicht sein, wenn die "Vollzahl" Israels zusammen mit allen Heiden gerettet sein wird.

 

Der unmittelbare Zusammenhang der Lesung

Der direkten Anrede der Heidenchristen der römischen Gemeinde geht eine kurze, zusammenfassende Aussage über die jüdischen Geschwister des Paulus voran, die nicht das Christusbekenntnis übernehmen:

"11 Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. 12 Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl!" (Römer 11,11-12).

Paulus fasst also die in Kapitel 9 - 11 dargelegten Gedanken darin zusammen, dass Gottes Ziel nicht der engültige Ausschluss des jüdischen Volkes aus der Gottesgemeinschaft ist (sie sollen nicht "zu Fall kommen"). Vielmehr sollen die Juden durch die "Massenbekehrungen" der Heiden selbst "eifersüchtig" auf die Annahme des christlichen Heilsglaubens unter den Heiden werden und sich so selbst für den Christusglauben anstecken lassen. In für Paulus typischer Dialektik stellt der Apostel fest: Wenn schon die geringen Zahlen von Judenchristen zur reichen Annahme des Glaubens bei den Heiden und damit deren Heil führt, welchen Reichtum an Heil wird es dann erst bedeuten, wenn Israel vollständig sich Christus zugewandt hat.

 

Verse 13-14: Ein Grund zur Freude

Genau an diesen Gedanken knüpfen die Verse 13-14 an, nun aber in einem doppelten Perspektivwechsel: Paulus spricht nicht über die Anderen, sondern wendet sich  in der direkten Anrede an die römischen Heidenchristen: "Euch aber sage ich ...". Zugleich spricht er in Form des Zeugnisses von sich selbst: Damit setzt er einen Gegenpol zu der Eröffnung der Großpassage 9,1 - 11,36. Hatte er nämlich am Anfang von seiner Trauer angesichts seiner jüdischen Geschwister gesprochen, die das Evangelium von Jesus Christus nicht angenommen haben (Römer 9,2: "Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz."), spricht er jetzt von einer inneren Freude:

"Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst ..."

Er ist erfüllt von der Hoffnung, durch den Missionserfolg unter den Heiden - indirekt auch in Rom, wo Gefährten oder Schüler/-innen des Paulus gemeindegründend tätig waren - Aufmerksamkeit in jüdischen Kreisen zu wecken für die christliche Heilsbotschaft ("eifersüchtig machen" und so zumindest einige Jüdinnen und Juden aus ihrer "Verstockung" herauszuholen. Als eigentlich Handelnden sieht Paulus aber einmal mehr nicht sich selbst, sondern Gott. Dies wird erkennbar am Verb "retten" - ein Geschehen, das einzig mit Gott selbst oder seinem Sohn (vgl. Lk 2: "Heute ist euch der Retter geboren") verbunden wird.

 

Vers 15: Vom Tod zum Leben

Diese "Rettung" ist nicht anders zu verstehen denn als die Auferweckung zum ewigen Leben, das schon jetzt mit der "Einverleibung" in Christus (Taufe) beginnt. Diese Bewegung aus dem Tod ins Leben ist als eine allumfassende gedacht. Hier geht es nicht mehr nur um einzelne, sondern um die "Vollzahl" Israels. Erst wenn sie erreicht sein wird, wird sich auch die große Vision der zum Leben erweckten Totengebeine in Ezechiel 37,1-14 erfüllt haben und Gott auch seine Herrschaft über die Welt insgesamt vollenden (vgl. 1 Korinther 15, 26: "Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.")

 

Verse 29-32: Gleiches Erbarmen für Alle

Die Lesung springt in einen neuen Argumentationsabschnitt, der einerseits an den Gedanken der Treue Gottes (s. die Ausführungen am letzten Sonntag) und andererseits an das Stichwort "Erbarmen" aus Römer 9,14-16 (s. oben: Welche Gedanken gehen ... voraus?) anknüpft.

Zusagen und Gaben, die Gott einmal gegeben hat, nimmt er nicht mehr zurück. Darin besteht seine Treue. Das gilt für die Heiden, die sich an das von Gott als Schöpfer eingegossene Gewissen nicht gehalten haben, ehe sie mit der Taufe eine Lebensumkehr vollzogen haben, und genau so für die Juden, die trotz Bund und Gesetz - wie alle Menschen - in der Spur des adamitischen Neins zu Gott gestellt und Christus als Gottes Heislgabe abgelehnt haben. Gottes Erbarmen ist immer größer als das jeweilige Versagen des Menschen ("Ungehorsam") und gilt unterschiedslos Heiden wie Juden.

Diese letzte Botschaft ist besonders auf die Heidenchristen hin zu lesen, die offensichtlich zu einem Dünkel gegenüber den sich dem Christentum verweigernden Juden herausgebildet haben. Dazu gibt es keinerlei Anlass: Alle sind gleichermaßen auf Gottes Erbarmen angewiesen und beide erhalten es unterschiedslos, wenn auch  - zumindest innerhalb menschlichen Denkens auf einer Zeitachse, die aber bei Gott wohl keine Rolle spielt - zu unterschiedlichen Zeiten.

Auslegung

Es gibt keinen heidenchristlichen Vorrang (Vers 32)

Das Urteil des Paulus, dass Juden wie Heiden unterschiedslos unter dem selben Vorzeichen des Ungehorsams Gott gegenüber stehen und alle gleichermaßen auf sein Erbarmen angewiesen sind und hoffen dürfen, zieht jedem Überheblichkeitsdenken - welcher Gruppierung auch immer - den Zahn.

Die einen haben keinen Grund sich zu rühmen "Wir sind die Ersterwählten", vielleicht sogar die "einzig Erwählten"; die anderen brauchen sich ob ihrer Bekehrung zum Christentum nichts einzubilden im Sinne eines unverlierbaren Besitzstandes und die Juden, herabzuwürdigen oder sich für etwas Besseres zu halten. Das hat Paulus bereits vorher in einem tiefgründigen Bildwort zum Ausdruck gebracht, das in der Leseordnung leider nicht vorgesehen ist, aber unbedingt in diesem Zusammenhang mitzulesen ist:

"16... ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige. 17 Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. 19 Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde. 20 Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich! 21 Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen. 22 Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. 23 Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. 24 Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden." (Röm 11,16b-24).

Adressat sind einmal mehr die Heidenchristen, die in der römischen Gemeinde sicher die Mehrheit bildeten. Jeder Selbstüberheblichkeit zuvorkommend, hält Paulus ihnen entgegen, dass sie gegen überdem  "edlen Ölbaum" Israel mit seiner "kraftvollen Wurzel" (ein frühjüdisches Bild für Abraham als Stammvater Israels) nur der Zweig eines "wilden Ölbaums" sind. Dem Adel der Herkunft Israels haben die aus den verschiedensten nichtjüdischen Völkern stammenden "Heiden" nichts entgegenzusetzen. Andererseits gilt für den edlen Ölbaum, dass Gott aus ihm Zweige einfach herausbrechen kann. Das ist ein Bild für die "Verstockung", von der in der Rubrik "Übersicht" die Rede war. 

Schnell könnte nun ein Heidenchrist - und die in der Tradition der Heidenkirche stehende Kirche ist dieser Versuchung bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1961-63) erlegen - auf den Gedanken kommen: "Die (jüdischen) Zweige sind herausgebrochen worden, damit wir eingepropft werden können. Wir, das Heidenchristentum, sind das neue Israel" (vgl. Vers 19). Gegensolche "Überheblichkeit" (Vers 20) wendet Paulus mehreres ein:

1. Auch die neu eingepropften Zweige kann Gott wieder ausbrechen. Da gibt es keinen Grund, zu falscher Selbstsicherheit.

2. Die Einpropfung ändert nichts daran, wer Wurzel und wer Pfropf ist. Und dieses Verhältnis schreibt fest, dass der Propf ohne Wurzel abstirbt. Wer als Heidenchrist meint, Israel vergessen zu können, kann sich auf Dauer selbst vergessen.

3. Die ausgebrochenen Zweige sind nicht "tot", sondern Gott hält sie in seiner Treue am Leben, das aber erst wieder voll erblühen wird, wenn er auch diese Zweige wieder in den Ölbaum mit seiner fetten Wurzel einpfropft und sie zusammen austreiben mit den eingepropften wilden Zweigen.. Im Blick auf Vers 24 darf man dann tatsächlich sagen: "Es wächst zusammen, was zusammengehört."

Kunst etc.

©Gunther Fleischer, 24.7.2020
©Gunther Fleischer, 24.7.2020

Unter "Auslegung" wurde der von der Leseordnung ausgelassene, aber für Römer 9-11 so zentrale Abschnitt Römer 11,16-24 vom Heidenchristentum als dem wilden Ölzweig vorgestellt, der auf den edlen Ölbaum des Judentums mit seiner kraftvollen Wurzel von Gott selbst aufgepfropft wurde.

Das Photo kann die Bildwelt, auf die Paulus hier zurückgreift, veranschaulichen.