Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 5,38-48)

38Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.

39Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!

40Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel!

41Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm!

42Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab!

43Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

44Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,

45damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?

47Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?

48Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Überblick

Zeigt, wer ihr seid: Kinder des Vaters im Himmel! Nicht weniger als die Vollkommenheit Gottes ist der Maßstab der Antithesen Jesu.

1. Verortung im Evangelium
Mit dem 5. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt) beginnt die „Bergpredigt“, die erste von fünf großen Reden Jesu, die die Jesusgeschichte des Matthäus gliedern. Sie steht am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu, das in Mt 4,17 begonnen hatte und bildet eine erste inhaltliche Entfaltung der Botschaft vom Himmelreich. Die Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen (Mt 5,3-12), in denen bestimmten „Personengruppen“ aufgrund ihres Verhaltens das Himmelreich zugesprochen wird. Im Anschluss daran spricht Jesus seinen Jünger zu, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein. Er macht ihnen aber auch deutlich, dass sich ihr Jüngersein daran messen lassen muss, inwieweit sie mit ihren Taten für die Menschen sichtbar sind (Mt 5,13-16).
Mit Mt 5,17 beginnt die Reihe der sogenannten „Antithesen“, die in zwei Blöcke mit jeweils 3 Thesen zu gliedern sind. Der vorliegende Evangeliumsabschnitt beschäftigt sich mit den beiden letzten Thesen. Für die Jünger, die in Mt 5,16 zu guten Taten aufgerufen werden, sind die Weisungen Jesu in den Antithesen und sein Verständnis der Tora richtungsweisend für ihr eigenes Wirken.

 

 

2. Aufbau
So wie bereits die zweite und dritte Antithese (Mt 5,27-30 und 5,31-32) inhaltlich eng miteinander verbunden sind, sind auch die beiden letzten Thesen verknüpft. Beide beschäftigen sich mit dem Verhalten gegenüber Feinden. Dabei geht es einerseits um die Reaktion auf Anfeindungen (Mt 5,38-42) und andererseits um die Liebe sogar zum Feind (Mt 5,43-48).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Zu den Antithesen allgemein:
Der Evangelist Matthäus überliefert insgesamt sechs Antithesen (Mt 5,21-48), die sich in zwei Blöcke mit jeweils drei Thesen unterteilen lassen. Gliederungssignal ist die jeweils ausführliche Einleitungsformel „ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist (Vers 21 und 33). Zudem sind jeweils die letzten beiden Antithesen eines Blocks (2+3 und 5+6) inhaltlich eng verbunden. Und die Formulierung „jeder, der“ wird nur bei den ersten drei verwendet.
Ziel der Antithesen ist nicht die Kritik an der Tora selbst, sondern an einer bestimmten Interpretation der Tora, die sich auf den Wortsinn beruft oder den Geltungsbereich des Gebotes einschränkt („ihr habt gehört, dass gesagt worden ist“). Im direkten Anschluss an Vers 20 und den Verweis auf die Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten wird deutlich, dass es um eine Auslegung der Tora durch diese Gruppen geht. Ihr wird die Deutung der Tora durch Jesus und damit seine Interpretation des darin zum Ausdruck kommenden Willen Gottes gegenübergestellt. Matthäus lässt Jesus also ein vertieftes und eigentliches Verständnis der Gebote Gottes präsentieren, das für die Zuhörer der Bergpredigt und insbesondere seine Jünger verbindlich sein soll.

 

Verse 38-42: Die fünfte Antithese bezieht sich auf das Prinzip der „talio“ (Exodus 21,23-25). Dieses hat eine Begrenzung der Vergeltung zum Ziel, so dass ein Geschädigter nicht mehr willkürlich Ersatz für erlittenes Leid oder erfahrenen Schaden verlangt (vgl. Genesis 4,24), sondern in einem angemessenen Rahmen. Die „talio“ ist ein Grundsatz für das Strafmaß in Rechtsstreitigkeiten, d.h. es bezieht sich auf ein geordnetes Verfahren und nicht auf eine angewandte Selbstjustiz. 
Die Auslegung Jesu führt den Gedanken der „talio“ weiter. Aus der Begrenzung der Vergeltung wird bei ihm die Entscheidung, auf Vergeltung ganz zu verzichten. Obwohl es sich bei der alttestamentlich formulierten „talio“ um eine Anwendung aus dem juristischen Bereich handelt, sind die Beispiele Jesu ganz der Alltagswelt entnommen. Offenbar nimmt er damit Bezug auf die Auslegung und Anwendung der „talio“ durch die Schriftgelehrten und Pharisäer, die das Prinzip der ausgleichenden Vergeltung als Grundlage für den Alltagsbereich verwendeten. Wenn Jesus nun auffordert, den Widersachern keinen Widerstand zu leisten und im Anschluss konkrete Alltagsbeispiele aufzählt, ruft er dazu auf, die „talio“ nicht im alltäglichen Bereich anzuwenden. Es gilt also eben nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten und das Recht selbst in die Hand zu nehmen, so wie es in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur auch schon zu finden ist (Sprichwörter 20,22).

Bei den drei Beispielen in den Versen 39-41 liegt es nahe, dass das „Opfer“ dem Täter jeweils sozial unterlegen ist. So dürfte Vers 41 auf eingeforderte Zwangsleistungen durch römische Soldaten verweisen. Das Entscheidende an den Beispielen ist die Tatsache, dass das Opfer nicht passiv bleibt, sondern durch die bewusste Entscheidung, die Meile mitzugehen, auch noch den Mantel abzugeben und die andere Wange hinzuhalten selbst wieder aktiv wird. Aus dem Opfer wird jemand, der oder die selbst bestimmt, wie es weiter geht.

Vers 42 hebt im Unterschied zu den vorangegangenen Versen nicht auf die Benachteiligten, sondern auf diejenigen ab, von denen man sich etwas leihen kann, die also Besitz haben. Liest man Vers 42 vor dem Kontext der anderen Weisungen Jesu, scheint es hier darum zu gehen, auch demjenigen, der einem selbst Unrecht getan hat, in Zeiten der Not keine Hilfe zu verwehren. Der Vers liest sich damit als Überleitung zum folgenden Abschnitt.

 

Verse 43-48: Die sechste und letzte Antithese schließt an die fünfte an, indem sie sich noch einmal mit dem Thema Feindschaft beschäftigt. Ging es zuvor um konkrete Anlässe und Einzelfälle des Alltags, wird hier die grundsätzliche Einstellung in den Blick genommen. Das Gebot der Nächstenliebe aus Levitikus 19,17-19 steht dabei im Hintergrund. Die mit „ihr habt gehört“ wiedergegebene Formulierung ist dabei nicht der Tora entnommen, sondern nimmt eine Auslegung auf, wie sie sich auch in bestimmten philosophisch-ethischen Kreisen wiederfinden lässt. Liebe und Zuwendung wird dabei begrenzt auf diejenigen, die einem selbst mit Liebe begegnen. Wohlwollen und Sorge umeinander bleibt damit auf den „inner circle“ des Sozialraums beschränkt. „Lieben“ und hassen“ sind dabei weniger emotional zu deuten als Umschreibungen für die Zuwendung oder das verweigerte Wohlverhalten dem anderen gegenüber. Das Gebot der Nächstenliebe im Buch Levitikus bietet diese Verengung der „Liebe“ aber nicht. Andere Mahnungen der Tora ergänzen und erweitern das Gebot der Zuwendung und des Wohlverhaltens explizit, wie etwa das Gebot auch das verirrte Tier des Feindes selbstverständlich zurückzubringen (Exodus 23,4-5). Die Forderung Jesu macht diese Erweiterung des Wohlverhaltens auch gegenüber den Feinden explizit. Das Gebot die Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten entgrenzt das Gebot der Nächstenliebe und erhebt es zu einem allgemeingültigen Prinzip. Indem Matthäus von „den Feinden“ (Plural) spricht, geht er über die persönliche Feindschaft hinaus.

Die Entgrenzung des Gebots der Nächstenliebe mündet in Vers 45 in die Verheißung der Gotteskindschaft im Himmelreich. Bereits in Mt 5,9 („selig, die Frieden stiften“) war die Gotteskindschaft als Lohn in Aussicht gestellt worden. Feindesliebe und die aktive Sorge um den Frieden werden so miteinander verbunden. Die Aussicht auf die Gotteskindschaft für diejenigen, die auch die Feinde lieben, ist begründet im Wesen Gottes selbst. Denn er macht keinen Unterschied, ob gut oder böse, gerecht oder ungerecht. Es geht also darum, sich nicht mehr am gegenseitigen Wohlverhalten zu orientieren, sondern ohne Ansehen der zwischenmenschlichen Beziehungen etc. allen Menschen gegenüber mit Liebe zu begegnen. Dies wird durch die Beispiele und Fragen in den Versen 46-47 deutlich gemacht. Die finale Aufforderung in Vers 48 schließt nicht nur die sechste Antithese ab, sondern die gesamte Reihe. Die Mahnung zur Vollkommenheit orientiert sich wie in Vers 45 am Vater in den Himmeln. Anders als dort wird er hier aber zum ausdrücklichen Vergleichspunkt.
Indem in Vers 46 und 47 explizit Zöllner und Heiden als Beispiele gewählt sind, wird die Fallhöhe für die Schriftgelehrten und Pharisäer, deren Schriftauslegung Ausgangspunkt der Kritik ist, entsprechend hoch. Ausgerechnet die, von denen sich die Schriftgelehrten und Pharisäer sonst gerne distanzieren, verhalten sich genau so wie sie selbst.

Auslegung

Dass am Ende die Orientierung an Gott und seiner Form der bedingungslosen Zuwendung entscheidend ist, rahmt die gesamte Reihe der Antithesen. War die Aufforderung an die Jünger in Mt 5,20 zu einer Gerechtigkeit, die größer ist als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, der Ausganspunkt der Antithesen, so ist der Aufruf zur Vollkommenheit entsprechend dem Wesen Gottes ihr Endpunkt. Ganz der Logik des Evangelisten folgend wird dabei für die Jünger der Vergleichspunkt für die eigenen Handlungen verlagert. Denn nicht mehr die Menschen um sie herum sind der Maßstab, wie sie sich verhalten sollen. Nicht mehr die Schriftauslegung der Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich oft im Kleinklein verliert, soll das Kriterium ihres Verständnisses der Schrift und des darin zum Ausdruck kommenden Willens Gottes sein. Gott selbst ist der Orientierungsrahmen für das eigene Handeln und sein Sohn Jesus Christus der authentische Ausleger seines Willens. Das Schriftverständnis Jesu, das den Kern der Gebote und Weisungen freilegt, ist dabei der Schlüssel für die neue Gerechtigkeit der Jünger. In Mt 5,13-16 hatte Jesus ihnen zugesprochen „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein und ihnen verheißen anderen zum Orientierungslicht zu werden und ihnen ein Gottesverständnis zu ermöglichen. Das Ende der Antithesenreihe rundet diesen Gedanken mit dem Aufruf zur Vollkommenheit ab. Die Auslegung der Schrift durch Jesus selbst zeigt den Weg auf, der diese Vollkommenheit möglich macht. Die Aufforderung zur Feindesliebe ist der neuralgische Punkt auf den die Antithesen zulaufen. Die Zuwendung gegenüber allen Menschen, die Vorbehaltlosigkeit der Fürsorge und Barmherzigkeit sind Wesenseigenschaften Gottes. Wer selbst in der Lage ist, sich vom gängigen Prinzip der Vergeltung und der Wechselseitigkeit von Zuwendung zu lösen, der macht etwas von Gottes Wirklichkeit sichtbar und erfahrbar in dieser Welt. Wer in der Lage ist, die anderen Wange hinzuhalten und den Feinde zu lieben, der macht als „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ den Unterschied aus im Zusammenleben der Menschen. Die Verheißung dann am Ende ganz in die Gotteskindschaft einzutreten, ist der Ausblick auf die endgütige Gemeinschaft mit Gott, die auf Erden durch ein Leben nach den Weisungen bereits greifbar wird.

Kunst etc.

Gott, der den Menschen nach seinem Abbild schuf, er ruft im heutigen Evangelium durch die Worte seines Sohnes auf, diesem Zuspruch des Schöpfers gerecht zu werden. Wer Abbild Gottes ist, soll auch an seinem Wesen, seiner Gerechtigkeit und Vollkommenheit Anteil nehmen.