Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 25,31-46)

31Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

32Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

33Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.

34Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist!

35Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen;

36ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben?

38Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

42Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

46Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Überblick

Du bist auch verantwortlich für das, was du nicht tust! Das Gleichnis von der Endabrechnung

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) ist stark geprägt durch fünf große Reden Jesu. Sie präsentieren zentrale Inhalte der Verkündigung Jesu in sehr konzentrierter Form. So macht Jesus in der „Bergpredigt“ (Mt 5,1-7,29) den Willen Gottes durch seine Auslegung der Schriftauslegung neu verständlich und rückt das Handeln, das Tun der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. In der „Aussendungsrede“ (Mt 10,5-42) bevollmächtigt er die Apostel an seiner eigenen Sendung Anteil zu haben und das Evangelium wirkmächtig zu verkünden. In der „Gleichnisrede“ (Mt 13,1-52) eröffnet Jesus Perspektiven auf das Himmelreich, dessen Beginn und Wachstum. In Mt 23,1-39 setzt er sich sehr direkt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern auseinander. Mit Mt 24,3-25,46 ist die letzte große Rede Jesu gekommen. Sie reicht unmittelbar an die Passionsereignisse heran, die mit Mt 26,1 beginnen und beginnt eigentlich mit Jesu Verlassen des Tempels. Sein Weggang aus „seinem Haus“ (Mt 21,13) steht sinnbildlich für eine Zeit, in der der Tempel keine Rolle mehr spielen wird. 
Im Fokus der Worte Jesu stehen die Ereignisse am Ende der Zeit und der Ausblick auf das Weltengericht. Deshalb wird die Rede auch als „Endzeitrede“ bezeichnet. Im mittleren Teil dieser Rede werden vier Gleichnisse erzählt, die das Thema Wachsamkeit in den Fokus rücken (Mt 24,42-25,30). Sie werden eingerahmt durch Perspektiven auf das Ende der Zeit und die damit verbundenen Ereignisse (Mt 24,3-31) auf der einen Seite und das große Gleichnis vom Gericht des Menschensohnes über die Völker in Mt 25,31-46.

 

2. Aufbau
Die Verse 31-33 setzen das eigentliche Gleichnis in Beziehung zum endzeitlichen Handeln des Menschensohnes. Damit wird das Gericht als Ereignis bei der Wiederkunft Christi zugleich zeitlich eingeordnet. Das Gleichnis selbst wird in zwei parallelen Szenen dargestellt, die der Unterteilung in die zwei Gruppe aus der Einleitung entsprechen: In den Versen 34-40 wird das Schicksal derer erzählt, die das Reich erben werden. Das Geschick der Verfluchten bilden die Verse 41-45 ab. Vers 46 fasst das Gerichtsurteil über die beiden Gruppen zusammen und rundet das Gleichnis ab.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 31-33: Das folgende Geschehen wird zeitlich eingeordnet, indem es mit dem Kommen des Menschensohnes in Herrlichkeit verbunden wird. Der Titel des „Menschensohn“ ist durch die alttestamentliche Überlieferung geprägt und der Gemeinde des Matthäus bekannt. Der Begriff „Menschensohn“ meint zunächst einmal so viel wie Mensch oder Menschenkind. Im Buch Ezechiel wird der Prophet selbst immer wieder mit diesem Begriff angesprochen (vgl. Ezechiel 6,2). In der jüdisch-apokalyptischen Literatur, also den Schriften, die sich mit der Endzeit und ihren Ereignissen auseinandersetzen, verändert sich die Bedeutung. Nun ist mit dem Begriff „Menschensohn“ die Hoffnung auf eine menschenähnliche und von Gott herkommende Gestalt verbunden, die in den Ereignissen der Endzeit eine wichtige Funktion einnimmt (z.B. Daniel 7,13). Der Evangelist Matthäus verwendet diese Bezeichnung für Jesus immer dort, wo das Leben und Wirken Jesu in seiner gesamten zeitlichen Dimension (Geburt bis Wiederkunft) im Blick ist. In der Verwendung „Menschensohn“ auf Jesus hin, ruft Matthäus die Hoffnung auf eine heilbringende, aber auch richtende Gestalt in Erinnerung und verbindet sie mit der Erfahrung des Wirkens Jesu. Das Kommen des Menschensohnes ist verbunden mit hoheitlichen Zeichen (Engel, Thron). Matthäus möchte deutlich machen, dass das richtende Handeln Jesu verbunden ist mit seiner Erhöhung zum Vater, die mit der Himmelfahrt einsetzt.

Das richtende Handeln wird illustriert durch das Motiv des Hirten, das Matthäus im Evangelium immer wieder verwendete. Insbesondere Mt 9,36 ist hier von Bedeutung, weil Jesus dort sein eigenes Handeln abhebt vom Handeln der jüdischen Autoritäten, die ihr „Hirtenamt“ den Menschen gegenüber nicht ordentlich ausüben und sie orientierungslos sich selbst überlassen. Zum Hirte sein gehört nicht nur die Fürsorge für die Herde, sondern auch die „Pflege“. Das von Matthäus verwendete Bild vom Trennen der Schafe von den Böcken entspricht der Aussonderung der Schlachttiere (junge Böcke) aus der übrigen Herde.

Als Ausgangsgröße für das Sortieren der Tiere voneinander nennt der Evangelist „alle Völker“. Dies ist – wie am Ende des Evangeliums (Mt 28,16-20) – universal, also alle Menschen umfassend gemeint. Jesu richtende Vollmacht ist auf Himmel und Erde bezogen und auf alle Menschen. Er sammelt sie und trennt sie dann ihrem jeweiligen Handeln entsprechend (Mt 16,26).

 

Verse 34-40: Etwas unvermittelt verwendet der Evangelist neben dem Titel „Menschensohn“ nun in der Gleichniserzählung auch den Titel „König“ für Jesus. Er verbindet damit dieses letzte Endzeitbild u.a. mit dem Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14), indem Gott der König und Jesus der Königssohn ist, dessen Hochzeit ausgerichtet wird. Auch in diesem Gleichnis geht es um das Gericht und die Frage, wie die zum Fest Eingeladenen auf die Einladung antworten.

Matthäus gibt zuerst das Urteil über die Gruppe der Schafe auf der rechten Seite wieder. Sie werden das Himmelreich erben und damit in die Wirklichkeit Gottes einziehen, die seit Erschaffung der Welt für sie vorgesehen war. In den Versen 35-36 wird das Urteil durch das barmherzige Handeln begründet. Es qualifiziert sie als „Gerechte“ (Vers 37), weil sie entsprechend dem Willen Gottes leben und Not und Bedürftigkeit nicht nur sehen, sondern auch helfend auf die reagieren. Die Bedeutung des gerechten Handelns wird unterstrichen durch den großen Umfang, den die barmherzigen Taten im Text einnehmen. In der Rückfrage der Gerechten werden sie explizit wiederholt, um dann zur eigentlichen Pointe überzuleiten. Das Wesentliche des Gleichnisses besteht in der Identifizierung des Königs Jesus mit „den geringsten Brüdern“. Alle barmherzigen Taten – die hier aufgezählten sind nur als Beispiele zu verstehen – erweisen sich als Handlungen dem Gottessohn gegenüber. Mit den „geringsten Brüdern“ ist keine feste Gruppe gemeint, sondern situativ in Not geratene Menschen. In diesem Sinne kann jeder Mensch einmal zu den „Geringsten“ gehören und an anderer Stelle zu denen, die mit der Not eines Menschen konfrontiert werden.

 

Verse 41-45: Parallel zu dem Urteil über die Gruppe zur Rechten des Königs wird nun auch mit denen zur Linken abgerechnet. Einige wenige Unterschiede in der Darstellung der beiden Situationen fallen auf: Bei der zweiten Gruppe wird auf die Bezeichnung des Menschensohns als „König“ verzichtet. Während die Gerechten als „vom Vater Gesegnete“ bezeichnet werden, fehlt eine solche Zugehörigkeitsbezeichnung bei den Verfluchten. Außerdem werden bei ihrer Rückfrage (Vers 44) alle Beispiele des Nicht-Handelns zusammengezogen. Dies führt dazu, dass sie mit dem Verb „helfen“ (griechisch: διακονέω, deutsch: diakoneo = fürsorglich helfen, dienen) zusammengefasst werden. Was die zweite Gruppe also nicht leistet, ist die fürsorgliche Zuwendung zu den Notleidenden aller Art.

Entsprechend lautet das Urteil über sie: Sie werden ins ewige Feuer eingehen, das eigentlich dem Teufel und seinen Engeln vorbehalten ist. Sie sind „Verfluchte“, denn ihr ausbleibendes Handeln ohne Blick auf die Not der Menschen ist ein ausbleibendes Handeln an Jesus Christus selbst.

 

Vers 46: Die Zusammenfassung der Schicksale der beiden Gruppen beginnt bei den „Verfluchten“. Sie erhalten eine ewige Strafe. Die Gerechten aber gehen ins ewige Leben ein, das damit dem Himmelreich gleichgestellt wird, das ihnen in Vers 34 zugesprochen wurde.

Auslegung

An kaum einer anderen Stelle wird das Doppelgebot der Liebe, das Jesus in Mt 22,34-40 als die Grundlage aller anderen Gebote bezeichnete, so anschaulich beschrieben, wie in diesem Gleichnis. Mit seiner Zuspitzung auf das Wort „helfen, dienen“ ist der Text die Basis für die Diakonie als Grundauftrag der Kirche und jedes Christen und wird zum Beispiel als Evangeliumstext am Fest des Heiligen Martin verwendet, der genau für dieses Helfen angesichts der Not eines Menschen gefeiert wird.

Die Pointe des Gleichnisses, dass jede zuwendende Tat am Nächsten eine Tat an Gott selbst ist, zeigt im Umkehrschluss, dass ohne barmherziges Handeln das Bekenntnis zu Gott ein Lippenbekenntnis bleibt. Im Umgang mit den „Geringen“ zeigt sich, wie jemand mit Gott selbst umgeht. Der Evangelist hat dabei die biblische Tradition im Rücken. So formuliert das Buch der Sprichwörter sehr eindrücklich: „Wer den Geringen bedrückt, schmäht dessen Schöpfer, ihn ehrt, wer Erbarmen hat mit dem Bedürftigen.“ (Buch der Sprichwörter 14,31) Matthäus führt diesen Gedanken fort und lässt ihn in eine Handlungsethik münden. Die Liebe zu Gott, die Liebe zu Jesus Christus seinem Sohn muss ihren Ausdruck im Handeln am Nächsten finden. Denn Nächstenliebe und Barmherzigkeit sind das Zentrum des Wesens Gottes und der Kern seiner Gebote. Wer nach dem Willen Gottes leben und ein vor den Augen Gottes Gerechter sein will, der muss sich an diesen göttlichen Grundeigenschaften orientieren. Und damit ist keine bloß „innere Ausrichtung“ gemeint, sondern ein konkretes Tun. In den Auseinandersetzungen zwischen Jesus und den religiösen Anführern des Judentums wird genau dieses Problem immer wieder thematisiert. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob am Sabbat geheilt werden darf (Mt 12,9-14). Hier ist die Antwort Jesu eindeutig: „es ist am Sabbat erlaubt Gutes zu tun“ – die heilende Tat am Nächsten kann das Gebot der Gottesliebe nicht brechen. Genau diese Haltung führt zum Todesbeschluss durch die Pharisäer (Mt 12,14). Sie sehen in der Auslegung Jesu und seiner Aufforderung, das Bekenntnis zu Gott in einer tatkräftigen Liebe zum Ausdruck zu bringen und nicht in einer bloßen Regelbefolgung, ihre Autorität bedroht. Nicht umsonst folgt in der Dramaturgie des Matthäusevangeliums auf das Gleichnis von den Schafen und Böcken die Wiederholung des Todesbeschlusses und der Beginn der Passionsereignisse.

Für den Evangelisten Matthäus ist die konkrete Umsetzung des Glaubens und die Übersetzung eines Bekenntnisses in die Tat einer der zentralen Punkte der Botschaft Jesu. Gottes Liebe und Zuwendung, die sich in der Menschwerdung seines Sohnes zeigt, ruft nach einer Antwort. Und diese Antwort kann nur Liebe heißen. Jesus selbst lebt dies vor, in der Zuwendung zu den Armen und Kranken, in der Hinwendung zu den Sündern. Er geht den Weg der Liebe so konsequent, dass er dafür sein Leben hingibt und Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet, sondern auf den Hass die Liebe folgen lässt. Vom Umkehrruf des Täufers, über die Bergpredigt bis hin zu dem Gleichnis, das diesem Text unmittelbar vorausgeht (Mt 25,14-30) steht das Tun des Willens Gottes als Weg der Gerechtigkeit im Zentrum des Evangeliums. Und wie bereits im Gleichnis von den anvertrauten Talenten, ist Nichtstun kein Pfad der Gerechtigkeit. Ein Christ kann nicht Nichtstun, er muss dem Weg Jesu, dem Weg der Liebe folgen. Entsprechend wird sich ein Christ daran messen lassen müssen, wie er den Notleidenden, Bedrängten, den Geflohenen, den Missbrauchten, den Kranken, Hungernden und Gefangenen begegnet. Unterlassene Liebe führt zu einem eindeutigen Urteil.

Kunst etc.

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