Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 15,21-28)

21Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.

22Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

23Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!

24Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

25Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

26Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.

27Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Überblick

Ein Glaube, der die eigene Sehnsucht nach Heil nicht gegen die der anderen aufrechnet. Die Bitte der kanaanäischen Frau um Hilfe öffnet den Blick für das Ganze der Sendung Jesu.

1. Verortung im Evangelium
Mit Kapitel 11 des Matthäusevangeliums (Mt) beginnt eine Phase des Wirkens Jesu, die stark geprägt ist von der Frage nach dem richtigen Verständnis des Wirkens Jesu. Der Evangelist lässt daher zwischen Mt 11,2-16,20 verschiedene Situationen eintreten, in denen die unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf die Verkündigung Jesu gezeichnet werden. Es beginnt mit der Frage Johannes des Täufers in Mt 11,2: „Bist du der, der kommen soll?“ Die nicht nur den Abschnitt einleitet, sondern zugleich deutlich macht, dass die Menschen von einer Sehnsucht angetrieben werden. Sie suchen nach Halt und Orientierung und strecken sich aus nach dem in den Schriften verheißenen Messias, der dem politisch unterdrückten Volk neue Hoffnung gibt. Immer wieder berichtet der Evangelist von der Volksmenge, die Jesus hinterher geht, um mehr von seiner Verkündigung zu hören und ihn geradezu bedrängt, so dass er immer wieder versucht, sich zurückzuziehen (z.B. Mt 14,13-14). Gleichzeitig führt Jesus Streitgespräche mit den religiösen Autoritäten (Pharisäer und Schriftgelehrte, z.B. Mt 15,1-6), um das richtige Verständnis des Willens Gottes, der in Gesetz und Propheten bereits vermittelt wurde und durch ihn selbst neu verkündigt wird. Zudem versucht Jesus das Verständnis für seine Botschaft sowohl bei Volk als auch bei seinen Jüngern zu mehren. So z.B. in der Gleichnisrede (Mt 13), aber auch in den Erweisen seiner göttlichen Vollmacht bei der Speisung der 5000 und dem Gang auf dem See (Mt 14,13-33). Bei seinen Jüngern erwächst aus diesen Situationen das Bekenntnis: „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.“ (Mt 14,33). Der vorliegende Abschnitt des Evangeliums schließt sich an das Jüngerbekenntnis und eine folgende Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten und Pharisäern an und hat eine Parallele in der Erzählung vom heidnischen Hauptmann in Mt 8,5-13.

 

2. Aufbau
Die eigentliche Heilungserzählung ist eingebettet in eine vierteilige Dialogszene. Eingeleitet wird die Erzählung knapp durch Vers 21. Danach wird in den Versen 22-27 viermal von der eindringlichen Bitte der kanaanäischen Frau berichtet (22, 23b, 25, 27) bevor es in Vers 28 die erste unmittelbare Reaktion Jesu auf die Frau gibt, die mit der Bemerkung über das erfolgte Wunder abschließt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 21: Wiederum berichtet Matthäus von einem Rückzug Jesu, dieses Mal jedoch nicht vor den allgegenwärtigen Volksmassen, sondern als Reaktion auf die Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten und Pharisäern (Mt 15,1-20). Es ist im Verlauf des Evangeliums die letzte solche Notiz über einen Rückzug Jesu und an dieser Stelle zieht Jesus sich aus dem jüdischen Kernland zurück in die Städte Tyrus und Sidon an der Küste. Auch hier gibt es jüdische Bevölkerungsanteile, jedoch ist die Mehrheit der Bewohner heidnischen Glaubens. Jesus wird vermutlich daher auch nur als Umherziehender dargestellt, es ist nicht die Rede davon, dass er ein Haus oder Dorf betritt.

 

Verse 22-23a: Bereits in Mt 4,24 hatte der Evangelist davon berichtet, dass sich das Wirken Jesu weit über sein eigentliches Wirkungsfeld in Galiläa hinaus herumspricht. So ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass Jesus auch dort um Hilfe gebeten wird. Die Art und Weise wie dies hier geschieht und die Eindringlichkeit, die von Beginn an sichtbar wird, bereiten den Höhepunkt der Erzählung in Vers 28 vor. Dies gilt auch für die Wortwahl der Frau, denn ihre Bitte formuliert sie in der Sprache der Psalmen (Psalm 6,3; 9,14) und benutzt mit Sohn Davids eine Ansprache, die deutlich macht, dass sie um die Zugehörigkeit Jesu zum Volk Davids (= Israel) weiß. Matthäus benutzt zur Steigerung des Bittgesuchs sowohl hier („sie schrie“) wie auch in Vers 25 („sie fiel nieder“) die Imperfektform der Verben, was verdeutlichen soll, dass die Frau unablässig durch Schreien und Niederfallen ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen sucht. Wie auch der Hauptmann in der Parallelerzählung (Mt 8,5-13) sucht die Frau die Hilfe Jesu nicht für sich selbst, sondern für ihre Tochter.
Die erste Antwort Jesu findet nicht statt, was der Evangelist eigens erwähnt. Der erste wie alle folgenden „Dialoge“ finden auf Initiative der Frau statt, auch dies unterstreicht ihre Beharrlichkeit.

 

Verse 23b-24: Die “zweite Bitte“ der Frau wird nur indirekt übermittelt durch die Tatsache, dass sie unablässig hinter Jesus und den Jüngern hinterherruft. Daraufhin fühlen sich diese offenbar so bedrängt, dass sie Jesus um eine Intervention bitten. Jedoch nicht, damit er sich ihrer annimmt, sondern, damit sie fortgeschickt wird. Die Jünger machen sich also nicht zu Fürsprechern der Frau, sondern reagieren – vermutlich – ganz in der von Jesus selbst ausgegebenen Priorisierung. Jesu Antwort ist an die Jünger gerichtet und formuliert viel grundsätzlicher als es die Situation erfordert. Statt einer Reaktion auf die Frau und ihr Anliegen folgt ein programmatisches Wort über seine Sendung. Dieses findet seine Entsprechung oder Vorankündigung in der Aussendung der Jünger in Mt 10,6. 
Bereits dort wurde die explizite Hinwendung zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ betont. Das Wirken Jesu und auch das seiner Jünger ist zunächst ganz auf das Volk hin ausgerichtet, dass sich Gott zu seinem Volk erwählt hat. Erst mit der Beauftragung nach Ostern wird der Radius der Verkündigung explizit auf alle Völker hin ausgeweitet (Mt 28,19). Dies nimmt nicht hinweg, dass auch vor Ostern bereits Nicht-Juden in Jesus den Sohn Gottes und Retter erkennen (Sterndeuter (Mt 2,1-11), die kanaanäische Frau hier oder der römische Hauptmann zuvor. Gerade die deutliche Fokussierung auf Israel hin im irdischen Wirken Jesu betont seine Rolle als von Gott gesandter Retter und Hirte.

 

Verse 25-26: Die Dramaturgie der Szene erreicht einen ersten Höhepunkt, denn erst jetzt scheint die Frau Jesus direkt gegenüberzustehen. Das Niederfallen ist wie in anderen Erzählungen und seit der Huldigung durch die Sterndeuter (Mt 2,11) ein Zeichen der Ehrerbietung. Auch hier ist die Bitte der Frau angelehnt an Bitten aus den Psalmen und wiederum verwendet sie nach Sohn Davids einen hoheitlichen Titel in der Ansprache Jesu („Herr“). Da Matthäus erst in Vers 27 die Reaktion Jesu als „Antwort“ formuliert, wirkt seine Aussage in Vers 26 wieder wie ein allgemein formuliertes Statement. Mit einem Bildwort versucht er den Vorrang seiner Hinwendung zum Volk Israel zu erklären. Dabei stehen die Kinder für Israel (Jesaja 43,6), die Hunde für die Heiden und das Brot für die heilende Zuwendung Jesu. Wie bereits in Vers 24 drückt Jesus auf direkte Weise aus, dass er sich des Problems der Frau nicht annehmen wird.

 

Vers 27: Doch die Frau wagt einen weiteren Anlauf, ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen und erstmalig ist ihr Gesuch in direkter Reaktion auf die Aussagen Jesu hin formuliert. Sie nimmt das Bildwort auf, erweitert es jedoch um eine Erfahrung. Haushunde dürfen sehr wohl etwas vom Brot essen, jedoch nur das, was am Tisch des Herrn übrigbleibt. Sie hat das Wort Jesu vom Vorrang der Kinder vor den Hunden also durchaus verstanden, legt aber eine ebenso alltägliche Erfahrung hinzu: Hunde werden nicht eigens gefüttert, sondern müssen mit dem leben, was an Resten für sie abfällt. Indem sie in dieser Weise auf das Bildwort Jesu eingeht, drückt sie ein Verständnis nicht für das Bildwort an sich, sondern auch für ihre Position angesichts der Sendung Jesu (Vers 25) aus.

 

Vers 28: Dieses zum Ausdruck gebrachte Verständnis der Frau wird zum Ausgangspunkt des weiteren Geschehens, indem sich Jesus erstmalig direkt an die Frau wendet. Wie beim Hauptmann in Mt 8,10 und 13 lobt Jesus den Glauben seines Gegenübers. Dieser zeigt sich nicht in der Beharrlichkeit, sondern in der Tatsache, dass die Frau in Jesus denjenigen sieht, der auch ihre Not lindern kann, obwohl er doch eigentlich für andere da ist.
Die Heilung erfolgt wie in Mt 8,5-13 durch ein bestätigendes Wort, dessen Wirkmacht durch einen Kommentar des Erzählers von der Heilung der Tochter unterstrichen wird.

Auslegung

Jesu Selbstaussage von der Exklusivität seiner Sendung zu den verlorenen Schafen Israels eröffnet in Verbindung mit der Erzählung von der kanaanäischen Frau die Perspektive auf den Heilswillen Gottes für alle Menschen. Wozu Jesus nach Ostern seine Jünger beauftragt, blitzt in den Erzählungen vom römischen Hauptmann und der Frau aus Kanaan bereits durch – jedoch als Ausnahme von der durch Jesus selbst formulierten Regel. Die Orientierung Jesu hin zum „Volk, das im Dunkeln saß“ (Mt 4,16) durchzieht die Botschaft des Evangeliums. Jesus ist derjenige, der Gottes Volk neu in Beziehung mit Gott setzt. Er ist der, auf den die Verheißungen an das Volk Israel, dass einst Blinde wieder sehen, Lahme gehen und Aussätzige geheilt werden (Mt 11,4-5). Und zugleich eröffnet er den eigentlichen Sinn der Worte, die Gott in der Schrift und den Propheten exklusiv an sein erwähltes Volk gerichtet hat (vgl. Bergpredigt Mt 5,17-47). Der Evangelist Matthäus erzählt seit Kapitel 11 sein Evangelium mit besonderem Fokus darauf, wie die Menschen aus dem Volk auf dieses Wirken und Verkündigen Jesu reagieren. Er erzählt vom Glauben und manchem Zweifel der Jünger, die alles auf eine Karte setzen, um mit Jesus zu gehen. Er berichtet wie das Volk manchmal staunt und manchmal unverständig ist, aber doch seine Nähe sucht und schildert Auseinandersetzungen und zunehmende Feindschaft vonseiten der religiösen Führungskräfte. Bis zum Tod Jesu steht allein Israel und seine Reaktion auf die Sendung Jesu im Mittelpunkt des Evangeliums. Mit der Auferstehung wird diese Zentrierung aufgehoben und der Radius, in dem die Botschaft vom Himmelreich verkündet werden soll, auf „alle Völker“ (Mt 28,19) ausgeweitet. Und doch gibt es im Verlauf des Evangeliums einzelne Momente, die diese grundsätzliche, universale Sendung Jesu zu allen Menschen, die Gott geschaffen hat, bereits durchblicken lassen. Zum Beispiel: Die Nennung von heidnischen Frauen im Stammbaum (z.B. Mt 1,6 „Frau des Urija), die Sterndeuter als erste, die die Hoheit Jesu bezeugen und die Erzählungen vom römischen Hauptmann und der kanaanäischen Frau. Diese beiden letzten Erzählungen sind eng miteinander verbunden und von Matthäus auch bewusst so gestaltet. Die beiden bilden die erste und letzte Erzählung, bei denen der Glaube als zentrales Motiv in einer Notsituation verwendet wird – dies ist sicher nicht zufällig. Beide Erzählungen sind auch darin verknüpft, dass ein nicht-jüdischer Bittsteller bzw. Bittstellerin auf Jesus zukommt und für einen anderen Hilfe sucht. Beide treten dabei auf eine Weise an Jesus heran, die einerseits Glauben, andererseits aber auch Verständnis für die Sendung Jesu zum Ausdruck bringt. Während andere noch um ein sinnvolles Verständnis der göttlichen Vollmacht Jesu ringen und die Art der Hinwendung zu den verlorenen Schafen Israels begreifen müssen, erkennen sie das eine wie das andere und respektieren die daraus folgenden Konsequenzen.
Die kanaanäische Frau hat offenbar bereits von Jesus gehört als einem, der mit Erbarmen handelt (Vers 22). Ihre Bitte um seine barmherzige Zuwendung, die hoheitlichen Anreden „Sohn Davids“ und „Herr“ drücken aus, dass sie erbarmendes Handeln als Wesenszug Gottes kennt und somit die göttliche Vollmacht Jesu anerkennt. Gottes Erbarmen ist für sie eine Reaktion Gottes auf die Not seines Volkes und sie, die nicht zu diesem Volk gehört, kann allenfalls hoffen, etwas von dieser Zuwendung Gottes abzubekommen. Gerade indem sie aber darauf hofft, zeigt sich ihr tiefes Verständnis Gottes und damit auch Jesu: Denn Gottes Erbarmen ist so groß, dass es nicht nur für diejenigen „reicht“, die sein erwähltes Volk sind. Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung ist so unbegrenzt, wie sie nach Ostern auch in der Verkündigung des Himmelreiches durch die Apostel zum Ausdruck kommen soll. In ihrer Reaktion auf das Bildwort Jesu bringt sie zum Ausdruck, das sie sowohl die enge Verbindung Gottes zu seinem Volk respektiert, aber dennoch versteht, dass seine Güte größer ist als die klassischen Kategorien von Zugehörigkeit. Sie versteht damit, was Jesus selbst in seinem Handeln zum Ausdruck gebracht hat, indem er sich Sündern zuwendete. Gottes Erbarmen ist an alle gerichtet. Die kanaanäische Frau wie der römische Hauptmann haben dies verstanden, bevor es durch die Geschehnisse nach Ostern eingeholt wird. Das zeichnet ihren Glauben aus! Sie bekennen die besondere Verbindung zwischen Gott und seinem auserwählten Volk und wissen doch, dass auch sie auf seine Barmherzigkeit hoffen dürfen.

Kunst etc.