Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Eph 1,3-6.11-12)

3Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. / Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, / damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.

5Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, / seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,

6zum Lob seiner herrlichen Gnade. / Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

11In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt / nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, / wie er es in seinem Willen beschließt;

12wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, / die wir schon früher in Christus gehofft haben.

Überblick

Ein Brief bei Paulus fängt in der Regel anders an: mit Dank, Lob oder dem Aufbau guter Stimmung. Der unbekannte Verfasser des Epheserbriefs hingegen setzt ein mit einem gewaltigen Lobpreis Gottes -  eine Art liturgischer Gesang (Eph 1,1-14). Davon erklingt in der Lesung zunächst die erste Strophe (Verse 3-6), die im Griechischen ein einziger Satz ist.  Die Wahl des Lobpreises ist kein Zufall, denn dem Schreiber geht es im ganzen Brief u. a. um das Gebet als Grundhaltung. Sie entspricht der Liebe Gottes als dessen Grundhaltung (vgl. Vers 5).


Aus dieser "Segnung Gottes" (im Hebräischen, Griechischen und Lateinischen sind  "segnen" und "preisen" ein und dasselbe Wort, das Deutsche unterscheidet: der Mensch "preist", während Gott "segnet" [beides in Vers 3]), schneidet die Lesung zwei Strophen heraus: den Anfang und die dritte Strophe (Verse 11-12). In ihr geht es um die Erwählung des Menschen von Gott her. Diese Vers-Auswahl rund um das Stichwort "Erwählung" (vgl. bereits Vers 4) erklärt sich aus dem Fest des Tages, an dem die Erwählung Marias im Mittelpunkt steht. Ausgelassen sind die zweite und vierte Strophe (Verse 7-10 und 13-14), in denen es um das Thema "Erlösung durch Christus" geht.

Auslegung

Eine "verschlüsselte" Botschaft (Vers 1)

Der griechische Text des ersten Lesungsverses enthält ein Wortspiel, das im Deutschen nicht zu erkennen ist. Leider hat sich in unserer Sprache nämlich eine Übersetzungstradition durchgesetzt, die weder Maß am Hebräischen noch am Griechischen - den Sprachen der Bibel - noch gar am Lateinischen nimmt. In allen drei genannten Sprachen nämlich wird für "preisen" und "segnen" ein und dasselbe Wort verwendet (hebräisch: bērēk, griechisch: eulogeín, lateinisch: benedicere). Dementsprechend müsste Vers 1 eigentlich übersetzt werden:

"Gesegnet (eulogētós) sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns mit allem geistgewirkten Segen (eulogía pneumatikē) gesegnet hat (eulogēsas) durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel."

Hier geht es nicht um Wortklauberei, sondern um den tiefen Entsprechungszusammenhang zwischen Gottes Handeln und der Antwort des Menschen. Die eine positive Zuwendung (ausgedrückt im Segen Gottes) findet ihre Entsprechung in der anderen positiven Zuwendung (ausgedrückt im Segen/Lobpreis des Menschen). Auch wenn das Tun des Menschen immer hinter dem vorangehenden Handeln Gottes zurückbleibt, baut die Heilige Schrift hier gerade keine konkurrierende oder den Menschen klein machende Unterscheidung auf. Beide Seiten tun, was sie können - und meinen es dabei mit dem jeweiligen Gegenüber gut. "Eulogeín" heißt wörtlich: "gut [vom anderen] sprechen".

 

Und wie lebt man als Erbe? (Verse 11-12)

Das Markenzeichen derer, die auf diesen dreifaltigen Gott setzen, ist das Gebet. Davon ist sowohl in Vers 6 als auch in Vers 12 die Rede. Dabei betont der Lesungsabschnitt besonders das Gotteslob ("Lob der Herrlichkeit"). Doch der Brief im Ganzen nennt ebenso den Dank (Epheser 1,15-16) wie auch die Bitte (Kapitel 3) als vertrauensvolle und berechtigte Formen des Betens. Der Austausch mit dem dreifaltigen Gott kennt keine wirklichen Grenzen. Wer es aber dabei belassen wollte, hätte den Epheserbrief gründlich missverstanden. Denn das Gebet bedarf der Ratifizierung durch das Leben, wie umgekehrt das Leben der beständigen Rückbindung an den bedarf, der die Ursache von allem und das engültige Ziel einer bzw. eines jeden ist: Gott selbst. Die Maßgabe für die Lebensgestaltung benennt Vers 4: "... damit wir heilig und untadelig leben vor ihm".  Was hier eher fromm und abstrakt, vielleicht gar ein wenig "abgehoben" klingt, meint der Epheserbrief-Autor sehr konkret und wird es in den Kapiteln 4 - 6 entsprechend ausführen. Eine kleine Vorschau mag dies bereits heute veranschaulichen:

"25 Legt deshalb die Lüge ab und redet die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden. 26 Wenn ihr zürnt, sündigt nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. 27 Gebt dem Teufel keinen Raum! 28 Der Dieb soll nicht mehr stehlen, vielmehr soll er sich abmühen und mit seinen Händen etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon geben kann. 29 Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, auferbaut und denen, die es hören, Nutzen bringt! 30 Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, den ihr als Siegel empfangen habt für den Tag der Erlösung! 31 Jede Art von Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung mit allem Bösen verbannt aus eurer Mitte! 32 Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat." (Epheser 4,25-32). 

Kunst etc.

Ph. A. Kilian, Disputation der Immaculata Conceptio mit Kirchenvätern (ca. 1750), Wikimedia Commons
Ph. A. Kilian, Disputation der Immaculata Conceptio mit Kirchenvätern (ca. 1750), Wikimedia Commons

Vers 4: "... denn in ihm hat Gott uns erwählt"

Was heißt eigentlich "Erwählung"?

Über diese Frage nachzudenken kann das Gemälde von Philipp Andreas Kilian (1714 - 1759) nach einer Vorlage von Dosso Dossi (gest. 1542) anregen. Denn hier wird die seit ihrer Empfängnis "erwählte" Gottesmutter - darum geht es ja am heutigen Fest - nicht einfach als "Madonna" dargestellt, sondern als "Maria in der Diskussion":  Der hl. Hieronymus kniet links; die Heiligen Ambrosius, Augustinus und Gregor d. Gr. sind rechts angeordnet: der eine schreibt sitzend, der zweite stehend; der dritte steht mit erhobener Rechten hinter ihnen. Links kniet ein Mönch, der hl. Bernhardin. Oben setzt Gott Vater der links neben ihm auf den Wolken knieenden Maria die Krone auf’s Haupt. Sie schaut derweil herunter, als würde sie sich anhören, was die gelehrten Theologen zu sagen haben.

Gegenüber der besonderen Stellung Mariens, über die viel geschrieben wurde, hält der Epheserbrief fest, dass in Christus, der zum Menschsein bestimmt war, den Menschen an sich, also einen jeden, erwählt hat. Dies bedeutet ebenso grundsätzliche Nähe - und zwar immer schon -, zugleich aber auch die Aufgabe, auf diese Liebeserklärung zu reagieren. Dies ist weniger eine Frage gelehrter Diskussion als praktischen Handelns.