Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 18,15-20)

15Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.

16Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde.

17Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

18Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

19Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.

20Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Überblick

Liebe, Gemeinschaft, Hoffnung. Über die Deeskalationsstrategie Jesu 

1. Verortung im Evangelium
Die Erzählung vom Wirken und Verkündigen Jesu im Matthäusevangelium (Mt) stand zu Beginn ganz im Zeichen der verschiedenen Facetten der Sendung Jesu. So wurde Jesus in Mt 4,17-11,1 als Lehrer Israels und Messias gezeigt. Mit der Aussendung der Jünger in Mt 10,5-15 haben diese Anteil am Wirken Jesu. Der Abschnitt ab Mt 11,2 steht unter der Frage nach dem richtigen Verständnis der Person und des Handelns Jesu. Den Höhepunkt dieser Erzählungsreihe bildet die Frage Jesu an seine Jünger: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ und der Antwort des Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,13-20). 
Seit Mt 16,21 sind die Erzählungen des Evangeliums geprägt von der Perspektive des kommenden Leidens Jesu. Denn ab Mt 16, 21 zieht Jesus mit den Jüngern südwärts und damit etappenweise auf Jerusalem und die Passion hin. Auf diesem letzten Wegabschnitt geht es für die Jünger einerseits darum, auch die kommenden Ereignisse als Teil der Sendung Jesu zu verstehen. Andererseits werden sie noch einmal tiefer in die Botschaft vom Himmelreich eingeführt. Sie sollen verstehen lernen, welche Konsequenz der Glaube an Gottes Reich für das alltägliche Leben und den Umgang miteinander hat. Für die Leser des Evangeliums sind diese Erzählungen, Hinweise für ein gelingendes Leben als Gemeinde.

Unmittelbar vor dem aktuellen Abschnitt hatte Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt (Mt 18,12-14). Die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen und die Bedeutung eines jeden für Gott bilden die Verstehensgrundlage für den Abschnitt Mt 18,15-20.

 

2. Aufbau
Die Verse 15-17 sind eine Art „Fallbeispiel“ und zeigen, wie mit Fehlverhalten in der Gemeinde umgegangen werden soll. Danach folgen zwei Worte Jesu über die Vollmacht der Jünger (Vers 18) und das Erhören von Gebeten (Verse 19-20).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Hinweis: Das genaue Verständnis der Verse ist abhängig von einer Übersetzungsentscheidung. Aufgrund der Überlieferung des Textes in den verschiedenen griechischen Handschriften kann es sich sowohl um die Frage nach einer persönlichen Verfehlung handeln („wenn dein Bruder gegen dich sündigt“) oder einem allgemeinen Fehlverhalten („wenn dein Bruder sündigt“). Da ab Vers 21 die persönliche Schuld und Vergebung im Mittelpunkt steht, spricht einiges dafür, in Vers 15-17 ein allgemeines Fehlverhalten als Grundlage zu nehmen.
Die Einheitsübersetzung hat jedoch für Vers 15 die Übersetzung „gegen dich“ gewählt, so dass dies hier auch die Grundlage bilden soll.

 

Verse 15-17: Die Frage, wie mit einem Sünder in der direkten persönlichen Kontroverse umgegangen werden soll, schließt unmittelbar an das Gleichnis vom verlorenen Schaf an. Das „Sündigen des Bruders“ beschreibt in der Alltagswelt, was Jesus mit dem „Verirren des Schafes“ bildlich ausgedrückt hatte. In den Versen 15-17 steht nun die Frage im Raum, wie die Suche nach dem verlorenen Schaf konkret gelingen kann bzw. welche Schritte gegenüber einem schuldiggewordenen Bruder oder einer schuldiggewordenen Schwester im Glauben gegangen werden sollen. Jesus schlägt den Jüngern ein dreistufiges Verfahren vor: Zunächst kommt das persönliche Gespräch, dann die Beratung im kleinen Kreis und schließlich die Verhandlung des Falls vor der gesamten Gemeinde. Bleibt keiner der Schritte erfolgreich, bleibt nur der Ausschluss aus der Gemeinde.

Für Matthäus ist offenbar die Kombination zwischen dem Schafgleichnis und der Frage nach der Zurechtweisung wichtig. Im Hintergrund steht für ihn bei der Verbindung der beiden Abschnitte ein bestimmtes Gottesverständnis: Gott ist sowohl der Hirte, der sich um seine Schafe kümmert und sie zu Weideplätzen führt, als auch derjenige, der Orientierung schenken und dazu leiten und zurechtweisen muss. Das Buch Jesus Sirach formuliert dieses Gottesbild so: „Der Herr weist zurecht, erzieht und lehrt und führt wie ein Hirt seine Herde zurück.“ (Jesus Sirach 18,13). Diesen Gedanken überträgt Matthäus auf die Jünger und die christliche Gemeinde. Zugleich hat der Evangelist beim Aufruf zur Zurechtweisung Levitikus 19,17 im Hinterkopf. Dort ist die Zurechtweisung untereinander klar mit dem Liebesgebot verbunden. Interessant ist, dass in der Auslegung dieser Textstelle aus dem Buch Levitikus (z.B. in Qumran) auch der Hinweis gegeben wird, die Zurechtweisung – und damit das Fehlverhalten – nicht sofort öffentlich werden zu lassen, sondern zunächst in direkter Weise oder unter wenigen Zeugen erfolgen zu lassen. Die „Zeugen“ haben in diesem Kontext nicht die Funktion, die Schuld zu bezeugen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Zurechtweisung zu unterstützen.

Sollten alle Versuche scheitern, dem oder der Schuldiggewordenen das Fehlverhalten verständlich zu machen, erfolgt ein Ausschluss aus der Gemeinde. Die Trennung der Gemeinde von dem schuldiggewordenen Bruder oder der Schwester erfolgt dabei quasi als „Selbstausschluss“. Die mangelnde Einsicht in das Fehlverhalten zeigt, dass es keine Übereinstimmung im Verständnis der Weisungen Gottes gibt. Damit distanziert sich der Schuldige selbst von der Gemeinde, die sich durch ein Leben nach dem Willen Gottes als Gemeinschaft konstituiert. Wenn es heißt, dass der Schuldige fortan wie ein „Heide oder Zöllner“ behandelt werden soll, meint dies, er wird betrachtet wie einer, der nicht zur Gemeinschaft der von Gott gerufenen gehört. Welche Pointe in dieser Formulierung steckt, wird sich später noch zeigen.

 

Vers 18: Der Vers knüpft an das Wort an Petrus in Mt 16,19 an: „19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Dort wurde Petrus stellvertretend für die Jünger mit der Aufgabe betraut, die Tora, d.h. die Weisungen Gottes, auszulegen. „Lösen und binden“ meint die klare Auslegung der Gebote Gottes auf die praktische Umsetzung ins Leben der Menschen. Diese Vollmacht des Jüngerkreises ist die Grundlage für das, was Jesus ihnen hier in Vers 18 zuspricht. Die Entscheidung der Gemeinde, einen nicht zur Einsicht gekommenen Sünder wie einen „Heiden oder Zöllner“ zu betrachten, bedeutet eine Loslösung der Person aus dem Kontext der Gemeinde. Dies hat nicht nur innergemeindliche Konsequenzen, sondern auch Folgen für die Heilsperspektive des Einzelnen – auch im Himmel wird diese Distanzierung eine Rolle spielen. Dies gilt genauso für den umgekehrten Fall, dass sich der Schuldige zurechtweisen lässt. Die Bindung an die Gemeinde ist dann ebenfalls im Himmel und damit vor Gott gültig.

 

Verse 19-20: Der Evangelist Matthäus schließt ein Wort über die Erhörung von Gebeten an, dass im Kontext der vorangegangenen Fragestellung einen eigenen Sinn bekommt. Es geht in diesem Zusammenhang nicht darum, allgemein an die Kraft des Gebets zu erinnern. Vielmehr wird an die Möglichkeit erinnert, für denjenigen zu beten, der sich aufgrund seiner Schuld von der Gemeinde getrennt hat. Nach aller Zurechtweisung ist das Gebet der Gemeinde (zwei oder drei) die Fürbitte für den Bruder oder die Schwester bei Gott, im Vertrauen auf dessen Gegenwart in der versammelten Gemeinde.

Auslegung

Fast meint man beim Lesen der Verse 15-17 die „Formblätter“ für ein Zurechtweisungs-Verfahren durchschimmern zu sehen, so formalisiert wirkt der Umgang mit einem schuldiggewordenen Gemeindemitglied. Doch so klar durchstrukturiert, der Umgang mit einem Sünder auf den ersten Blick wirkt, so viel Hoffnung, Liebe, Barmherzigkeit und Realismus stecken dahinter – vor allem in Verbindung mit den nachfolgenden Worten Jesu.
Der Ausgangspunkt des Abschnitts ist eindeutig: Es gab einen Vorfall zwischen zwei Gemeindemitgliedern, wobei sich der eine am anderen schuldig gemacht hat. Worin genau die Schuld besteht, spielt keine Rolle. Ebenso wenig geht es um die „Größe“ oder Tragweite der Schuld. Im Vordergrund steht die Tatsache, dass ein Mitchrist gegenüber dem anderen etwas getan hat, was einem Leben nach der Weisung Gottes widerspricht. Solche Vorfälle wird es in Gemeinden immer wieder gegeben haben. Davon zeugt nicht nur dieser Abschnitt im Matthäusevangelium, sondern auch Episoden aus der Apostelgeschichte (z.B. Apostelgeschichte 5,1-11) oder den Paulusbriefen (z.B. 1. Korintherbrief 6,1-5). Zum menschlichen Miteinander gehören Missverständnisse, Verletzungen, Scheitern und daraus resultierende Schuld – weder Jesus noch die biblischen Autoren verschließen dafür den Blick. Das Entscheidende ist der Umgang mit diesen Erfahrungen: Sowohl mit der eigenen Schuld als auch mit dem Schuldigwerden eines anderen. Genau diese Frage nimmt der Evangelist Matthäus genauer in den Blick. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf wurde deutlich, wie sehr sich Gott darüber freut, wenn niemand „verloren geht“, d.h. in seiner Schuld oder seinem Fehlverhalten verhaftet bleibt. Nun zeigt Jesus Wege auf, wie das Wiederfinden oder Suchen des Verlorenen gelingen kann. Drei Prinzipien sind dabei leitend: 
Das erste Prinzip ist das der Liebe. Sie ist das Leitmotiv beim Dialog mit einem Menschen, der schuldig geworden ist. Aus der Liebe zu meinem Nächsten heraus, lasse ich einen Konflikt nicht größer werden als notwendig. Daher ist der erste Weg, das direkte Gespräch zu suchen, bevor noch mehr Personen involviert werden und das Fehlverhalten größere Kreise zieht. Zurechtweisung bedeutet – im Anschluss an das Buch Levitikus – aus Liebe zum Nächsten, ihn einzuladen, auf den gemeinsamen Weg zurückzukehren. Dieser Gedanke ist z.B. auch für den Apostel Paulus leitend, wenn er der Gemeinde in Philippi Hilfestellungen fürs gemeindliche Leben mit auf den Weg gibt; Paulus spricht von „Ermahnung in Christus, Zuspruch aus Liebe“ (Philipperbrief 2,1). Zurechtweisung meint im biblischen Kontext daher nicht bloßstellen, herumreiten auf den Fehlern oder ein kleinmachen des anderen. Wenn jemand einen anderen zurechtweist, dann soll dies aus Liebe und Sorge um ihn geschehen – so wie der Hirte aus Fürsorge dem einen Schaf nachgeht, so soll auch in der Gemeinde jeder dem anderen nachgehen. Die Liebe als Leitmotiv soll verhindern, dass das Nachgehen ein Bedrängen wird, das das Zurechtweisen nur aus Anschuldigungen besteht. Die Liebe macht also den Tonfall der Zurechtweisung und den Modus aus.
Dies leitet über zum zweiten Prinzip – der Gemeinschaft. Immer wieder benutzt Matthäus in seinem Evangelium das Hirtenmotiv, das aus dem Alten Testament geprägt ist. Am Eindrucksvollsten verwendet er es sicher in Mt 9,36, wenn er vom Mitleid Jesu mit den Menschen spricht, die ohne Hirten und damit ohne Orientierung sind. Als Reaktion darauf sendet er die zwölf Apostel aus, um das Himmelreich zu verkünden und den Menschen den Willen Gottes als Leitfaden für ein gelingendes Leben anzubieten. Durch das vorangegangene Gleichnis ist das Motiv auch im vorliegenden Abschnitt präsent. Einander zurechtzuweisen, bedeutet auch füreinander Hirte zu sein und damit Verantwortung zu übernehmen. Dies kommt in der den Jüngern zugesprochenen Möglichkeit des Bindens und Lösens in Vers 18 noch einmal besonders deutlich zum Tragen. Eben weil das Ergebnis des Suchens nach dem Verlorenen bzw. der Aussprache mit dem Sünder nicht nur für die Zugehörigkeit zur Gemeinde eine Bedeutung hat, sondern auch für die Zugehörigkeit zum Himmelreich, ist es wichtig, füreinander Verantwortung zu übernehmen. Dies kommt zum Ausdruck in der Zurechtweisung als Teil des Hirtendaseins füreinander (vgl. Jesus Sirach 18,13), aber auch in den mehrfachen Anläufen zu einem gelingenden Dialog (alleine, mit Zeugen, in der gesamten Gemeinde). Das Prinzip der Gemeinschaft zeigt sich darüber hinaus in der Tatsache, dass der Konflikt zwischen zwei Personen am Ende Auswirkungen auf die gesamte Gemeinde haben kann. Die Verbundenheit in Christus und im Leben nach dem Willen Gottes lässt keinen in der Gemeinde nur für sich leben und handeln.
Das dritte Prinzip beim Suchen und Wiederfinden des Verlorenen ist die Hoffnung. Gemeint ist damit die Offenheit, dass der Sünder sein Fehlverhalten einsieht und umkehrt. Dies kann direkt nach dem Gespräch unter vier Augen, aber es kann auch erst nach einer Zeit der Trennung geschehen (vgl. Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukasevangelium 15,11-32). Der Evangelist Matthäus lässt dies in der Komposition des Abschnitts an zwei Stellen wunderbar aufscheinen. Zum einen wird dies in den Worten Jesu „dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“ subtil deutlich. Denn „Heide und Zöllner“ sind zwar zunächst trennende Begriffe im Hinblick auf die Gemeinde, die gesamte Verkündigung und Praxis Jesu aber zeigt, dass gerade auf sie hin immer wieder die Einladung formuliert wird, sich der Botschaft vom Himmelreich anzuschließen. Auch der Hinweis auf die Erhörung von Gebeten in Vers 19 weist in diese Richtung. Jesus macht verdeutlicht, dass die Gemeinschaft, die bereit ist, für den Sünder zu beten, die Hoffnung aufrecht hält, dass dieser seinen Weg zurückfindet. In Kombination mit dem Hinweis auf das Gebet, gewinnt das vorangegangene Wort Jesu eine wichtige Deutungsebene: Das Lösen und Binden der Jünger gilt immer nur in Bezug auf einen aktuellen Sachverhalt – dieser kann sich durch das Verhalten des Sünders aber ändern – und dies wird Freude hervorrufen, wie das Gleichnis vom verlorenen Schaf deutlich macht. Die Hoffnung auf eine Umkehr bekräftigt zudem den Aspekt, die Zurechtweisung in Liebe zu gestalten. Eine Zurechtweisung ohne Liebe, die nur auf Rechthaben oder Tadel des Fehlverhaltens aus ist, würde jede Hoffnung auf ein Zurückfinden des Sünders zunichte machen.

Liebe, Gemeinschaft und Hoffnung sind für Jesus drei wichtige Prinzipien, wenn es darum geht als Gemeinde miteinander zu leben – vor allem, wenn es darum geht, Konflikte und Verfehlungen zu bewältigen. Im Zusammenspiel dieser drei wird aus einem vermeintlich formalisierten Verfahren im Schuldfall eine Strategie, die allzu menschliche Situation von Schuld und Sünde ernst zu nehmen und gleichzeitig aus der Perspektive der christlichen Gemeinschaft heraus zu lösen. Denn das Ziel eines Streits in der Gemeinde kann nie der Ausschluss oder die Ausweitung eines Konflikts sein. Vielmehr ist die Gemeinde nur dann überzeugend in ihrem Leben auf das Himmelreich hin, wenn sie zu einem gemeinsamen Leben in dieser Wirklichkeit Gottes ermutigt. Im Wissen um Gelingen und Scheitern auf ihrem eigenen Weg der Nachfolge, sollen die Jünger (und die Gemeinde) bereit sein, Probleme im Kleinen zu lösen und auch nach einem Fehlverhalten, die Türen der Gemeinschaft immer offen zu halten.