Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 1,29-34)

29Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!

30Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war.

31Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird.

32Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.

33Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.

34Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

Überblick

Begegnung mit dem Erwarteten. Johannes begegnet Jesus und weiß, was zu tun ist. Und damit hat er erledigt, wozu er gesendet wurde.

1. Verortung im Evangelium
Verglichen mit den anderen Evangelisten eröffnet Johannes sein Evangelium, seine frohe Kunde vom Leben und Wirken Jesu auf ungewöhnliche Weise. Er stellt dem Wirken und Verkündigen Jesu eine Vorrede, einen Prolog vorweg. In diesem philosophisch anmuteten Loblied spricht er über Jesus als Wort vor aller Zeit, aus dem alles entstanden ist und das in die Welt kam (Johannesevangelium (Joh) 1,1-18). Nach dem Loblied wird Johannes der Täufer als „Rufer in der Wüste“ und „Wegbereiter“ des Herrn vorgestellt (Joh 1,19-28). Im vorliegenden Abschnitt kreuzen sich nun die Wege Jesu und des Täufers, der für ihn Zeugnis abgelegt hat.

 

 

2. Aufbau
Vers 29 beschreibt die Begegnung und das Zeugnis des Johannes. In den Versen 30-31 wird das Zeugnis von Johannes in das eigene Wirken und die eigene Sendung eingeordnet. Die Verse 32-34 führen dies fort, verschieben den Fokus jedoch auf die Taufe Jesu und die damit verbundene Erkenntnis des Johannes, dass dieser Jesus, der Sohn Gottes ist.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 29: Ohne ein Wort und ein ausschmückendes Detail betritt Jesus die Szene, die völlig ohne weitere Einordnung bleibt. Den Lesern bleibt es überlassen, welches Bild sie im Kopf mit der Begegnung verbinden. Im Vordergrund steht das Wort des Johannes, der wie zu den Lesern spricht, denn keine weiteren Zeugen der Szene werden benannt. Die Einleitung des Rufes mit „siehe“ entspricht biblischem Sprachgebrauch. Johannes identifiziert Jesus als „das Lamm Gottes“ und formuliert damit die exklusive Sendung Jesu – so wie er auch selbst von „seiner Sendung“ spricht (vgl. Joh 12,49-50). Einen Teil dieser Aufgabe Jesu drückt der Täufer im Bild des Lammes aus, „das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Hierbei bringt der Evangelist verschiedene alttestamentliche Traditionen zusammen. So ist zum Beispiel zu denken an den Bock, dem am Versöhnungstag die Sünden des Volkes übertragen werden, bevor er in die Wüste geschickt wird und sie so wegträgt (Levitikus 16,20-22). Zugleich wird von der Gestalt des Gottesknechts im Buch des Propheten Jesaja ausgesagt, dass er „die Schmerzen auf sich lädt“ (Jesaja 53,4). Im weiteren Verlauf dieses Textes wird auch hier die Metapher des Lammes verwendet: „wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt“ (Jesaja 53,7). 
Zugleich nimmt der Evangelist hier aber auch urchristliche Traditionen auf. Denn in der Überlieferung des Johannesevangeliums wird Jesus am „Rüsttag“ des Sabbatfestes gekreuzigt, dem Tag, an dem die Paschalämmer geschlachtet werden (Joh 19,31). Jesus kann mit Vers 29 dann als das „wahre Paschalamm“ verstanden werden, dessen Tod exklusiv heilbringenden und befreienden Charakter hat – wie ihn die Lämmer des Paschatages symbolisieren. Außerdem wird bereits im wohl ältesten überlieferten Bekenntnissatz der christlichen Gemeinde der Kreuzestod Jesu als Sühnetod benannt (1. Korintherbrief 15,3).

 

Verse 30-31: Johannes selbst ordnet seinen Ausruf ein in seine Verkündigung, indem er dieses Lamm Gottes als denjenigen identifiziert, über den er bereits zuvor gesprochen hatte. Zugleich ordnet er sich und sein Wirken ein in die Heilsgeschichte. Denn Johannes ist gekommen und tauft, um Jesus in Israel sichtbar (offenbar) zu machen. Johannes beschreibt sich hier in eigenen Worten noch einmal als den „Wegbereiter“, als den er sich zuvor mit einem Jesajazitat vorgestellt hatte (Joh 1,23). Dramaturgisch spannend schildert Johannes, dass der Täufer Jesus „nicht kannte“, nur weiß, dass er „vor ihm war“. Der Evangelist nimmt hier Bezug auf den Prolog seiner Jesuserzählung und setzt dieses Wissen um Jesus als das fleischgewordene Wort vor aller Zeit bei seinen Lesern selbstverständlich voraus (Joh 1,1 und 14). Indem auch Johannes sich als „unwissend“ („kannte ihn nicht“) bezeichnet, wird er Teil des prophetischen Wortes, das er den Priestern und Leviten sagt, um sein eigenes Wirken zu erläutern (Joh 1,26).

 

Verse 32-34: Mit der feierlich klingenden Einleitung „und Johannes bezeugte“ setzt der Evangelist den Täufer noch einmal neu einsetzen. Zunächst formuliert Johannes der Täufer, was er wahrgenommen hat: Auf Jesus kommt der Heilige Geist wie eine Taube herab. Erst im zweiten Schritt wird das Gesehene als „Erkennungszeichen“ eingeordnet. Denn Johannes ist nicht nur gesendet worden, zu taufen, sondern ihm ist auch anvertraut worden, denjenigen zu identifizieren, der eine andere, neue Taufe begründen wird. In Vers 34 fasst Johannes mit doppelter Betonung („gesehen und bezeugt“) zusammen, was er über Jesus, dem er hier (wieder-)begegnet, weiß: „Dieser ist der Sohn Gottes.“
Zwei Dinge fallen an diesem Zeugnis des Johannes auf: Zum einen wird nicht erwähnt, dass Johannes Jesus tauft. Zum anderen ist das Herabkommen des Heiligen Geistes ein Zeichen, das nur Johannes der Täufer wahrnimmt und ihn zum Erkennen des angekündigten „Geisttäufers“ führt. Beide Punkte unterscheiden die johanneische Darstellung der „Taufe Jesu“ von denen der anderen drei Evangelisten (Matthäus, Markus und Lukas). Dort ist immer explizit von der Taufe Jesu durch Johannes die Rede und die Öffnung des Himmels und Herabkunft des Geistes gilt im Wesentlichen Jesus (und evtl. der Menge, die mit ihm getauft wird).

Auslegung

Ohne eine Erklärung ist die Hauptfigur des Evangeliums plötzlich mitten im Geschehen. Der Evangelist Johannes konzentriert den ersten Auftritt Jesu ganz auf das Wort und Zeugnis des Täufers. Jesus bleibt stumm, wird nicht eingeführt, auch der Ort der Begegnung lässt sich nur erahnen – in oder bei Betanien (vgl. Joh 1,28). Es scheint als sollte nichts ablenken von dem Einschnitt, den das Johannesevangelium bereits nach 28 Versen im 1. Kapitel erfährt. Denn Johannes der Täufer war nach der feierlich-philosophischen Vorrede die erste konkrete Person, die dem Evangelium ein Gesicht gab. Er legte Zeugnis ab, über den, der kommen wird und bereitete so alles vor für den Auftritt des Gottessohnes. Und so brauchen die Leser des Evangeliums keine Erklärung oder weitere Einordnung in Vers 29. Jesus kann die Bühne des Evangeliums wie aus dem „Nichts“ betreten, weil alle auf sein Kommen vorbereitet sind. So betritt der Gottessohn die Erzählung, wie es die Vorrede nahelegt: Im Anfang war das Wort bei Gott, es wird Fleisch und wohnt mitten unter uns. Die Leser des Johannesevangeliums brauchen keine genaue Erzählung, wie das Wort Fleisch wird, keine konkrete Darstellung des „woher und wie“. Wichtig ist für sie: Wer ist dieses Fleisch gewordene Wort und woran erkennen wir ihn? Und genau dieser Frage dient das Zeugnis des Täufers. Er ist der Hinweisgeber und der Garant, dass der Richtige als Sohn Gottes identifiziert wird. So ist er gesandt, um mit Waser zu taufen und wachsam zu sein, für die angekündigten Zeichen der Gegenwart des Sohnes Gottes. Und dann als der Heilige Geist auf Jesus herabkommt und bei ihm bleibt, da steht fest: Er ist es. „Dieser ist der Sohn Gottes.“ Damit ist der erste Teil der Aufgabe des Johannes erledigt. Er hat den Gottes Sohn erkannt, nun muss er ihn bezeugen, damit auch für andere die Gegenwart Gottes in seinem Sohn offenbar wird.

In seinem Ausruf „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt!“ komplettiert Johannes seinen Auftrag. Er legt Zeugnis ab für Jesus, das ewige Wort, das nun in der Welt ist, um die Welt von Sünde und Not zu befreien. Dieses umfassende Bekenntnis zu dem, dem Johannes der Täufer in Vers 29 begegnet, macht deutlich, dass es sich nicht nur um eine persönliche Begegnung handelt, sondern dass die Szene viel „voller“ ist als der Evangelist uns schildert. Ohne Adressaten macht der Ausruf des Johannes keinen Sinn. Wem will er denn sonst bezeugen, dass der Sohn Gottes da ist? Die Darstellung des Evangelisten aber legt den Fokus auf die Figur des Johannes und seinen Auftrag und so spielen die Zuschauer der Szene keine Rolle. Johannes der Täufer ist im Johannesevangelium vor allem der Zeuge Jesu und weniger der Täufer Jesu. Johannes sieht und bezeugt, denn dazu wurde er gesandt (Vers 33). Nun ist sein Auftrag so gut wie erledigt: Er hat den Gottes identifiziert, er hat ihn vor anderen bezeugt – nur eines bleibt noch übrig. Johannes wird ganz besonders seine eigenen Anhänger, seine Jünger noch auf die wahre Identität dieses Jesus aufmerksam machen, damit sie sich ihm anschließen. Dazu wird er seinen Ruf wiederholen („seht das Lamm Gottes“) und die Jünger werden gehen und sehen und ihm folgen (Joh 1,35-51). Und dann werden die Jünger Jesus als den bezeugen, den sie in ihm erkennen, indem sie sagen „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41).

Mit Joh 1,29 kommt die Zeit Johannes des Täufers als Zeuge Jesu zu einem Ende, er begegnet der Erwarteten und weiß, was nun zu tun ist: Den Gottes Sohn offenbaren, Auftrag abschließen und die Bühne des Evangeliums wieder verlassen.

Kunst etc.

Hermann Steinfurth, Junger Jesus Christus und Johannes der Täufer umarmen sich (ca. 1841), Philadelphia Museum of Art [Public domain]
Hermann Steinfurth, Junger Jesus Christus und Johannes der Täufer umarmen sich (ca. 1841), Philadelphia Museum of Art [Public domain]

Das Bild von Hermann Steinfurth (Junger Jesus Christus und Johannes der Täufer umarmen sich, um 1841) zeigt eine andere Szene der Begegnung zwischen Johannes und Jesus. Zugrunde liegt hier die Frömmigkeitsüberlieferung, dass Johannes und Jesus sich aufgrund der Verwandtschaft ihrer Mütter sicher auch in Kindertagen begegnet sein müssen. Was die Darstellung jedoch zeigt, ist die Verbundenheit dieser beiden Personen, deren Aufträge und Sendungen aufs Engste miteinander verknüpft sind. Der Anfang des Wirkens Jesu beendet in der Erzählung des Johannesevangeliums sehr deutlich den Auftrag des Johannes. Seine Zeit ist mit dem Hinweis auf das Lamm Gottes vorbei, er wird nur noch einmal in einem Rückblick erwähnt werden (Joh 10,40-42). Die Last der Sendung und des Verkündigen Gottes, liegt mit Joh 1,29-34 ganz auf den Schultern Jesu.