Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Jak 5,7-10)

7Darum, Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt.

8Ebenso geduldig sollt auch ihr sein; macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor.

9Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet! Seht, der Richter steht schon vor der Tür.

10Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!

Überblick

Nicht jammern über deie bösen Anderen, sondern mit gestärktem Herzen die Zeit gestalten , die man hat, und selbst Alternativen bieten - das ist die Devise der heutigen Lesung aus dem Jakobusbrief.

 

Einordnung der Lesung in den ganzen Jakobusbrief

Das große Thema des Jakobusbriefes ist die Ungespaltenheit bzw. Ganzheit christlicher Existenz (im Gegensatz zur "Zweiseeligkeit", also Gespaltenheit: Jakobus 1,8; 4,8), die sich im moralischen Lebenwandel zeigen soll. Dabei spielt die Überwindung der sozialen Kluft zwischen Reich und Arm, aber etwa auch die verlässliche Rede, die Übereinstimmung von Wort und Tat und die Vermeidung unbedachter, großen Schaden anrichtender Rede eine zentrale Rolle. Dies alles passt nicht zu dem in sich ungespaltenen einen Gott, dessen Wesen sich durch schlichtes, rückhaltloses Geben ohne zwiespältige Hintergedanken auszeichnet (das verbirgt sich hinter dem Wort " Gott gibt gern" Jakobus 1,5; im Griechischen steht hier "haplōs" /"einfach" im Gegesatz zu "dípsychos/"zweiseelig, gespalten", s. o.).

Aber der Briefschreiber, der sich - eher im Sinne eines Pseudonyms - wohl auf den "Herrenbruder" Jakobus zurückbezieht, welcher eine bedeutende Autorität in der Jerusalmer Urgemeinde darstellte, weiß, wie schwierig es um diese Forderung nach Eindeutigkeit und Ungespaltenheit ist. "Versuchung" ist sein Leitwort für die Verführbarkeit des Menschen, von den guten Maßstäben abzuweichen (vgl. Jakobus 1,2.12-18). Dabei liegen für Jakobus diese "Versuchungen" eher im Menschen selbst: Gier, Machttrieb, Streben nach Ansehen, Streitsucht u. a. kommen im Brief (Kapitel 2 - 5,6) zur Sprache.

Das Gegenmittel ist für den Jakobusbrief eine aus Glauben erwachsende "Geduld". Sie bestimmt bestimmt bereits den Beginn des Briefes:

"2 Nehmt es voll Freude auf, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet! 3 Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt. 4 Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt" (Jakobus 1,2-4).

Und auf genau diesen Anfang greift der Schreiber am Ende seines Briefes, nämlich in der heutigen Lesung, wieder zurück. Es ist wie in einem klassischen Musikstück: Gegen Schluss, in der sogenannten "Reprise", wird der Anfang des Satzes entweder wörtlich oder in Variation wiederholt. Jakobus wählt die "variierte Wiederholung"

 

Vers 7: "Geduld"

Auffälligerweise ändert sich im Jakobusbrief das Wort für "Geduld". Lautet es im oben zitierten Briefbeginn auf Griechisch hypomonè, was wörtlich "darunter bleiben" meint und eher auf ein widerständiges Aushalten der Versuchungen zielt, wählt Jakobus 5,7 das Verb "makrothymèsate": "seid großmütig/geduldig". "Haltet geduldig aus" wählt die Einheitsübersetzung. Wie immer man übersetzt: Jetzt geht es weniger um das "widerständige Aushalten" der eigenen Versuchungen, sondern um den gelassenen Umgang mit denen, die ihren Versuchungen erliegen und mit ihrem den Gemeindefrieden störenden Verhalten den Anderen das Leben schwer machen.

Der Briefschreiber lebt offensichtlich aus solch großer Erwartung des Wiederkommens Christi, der sowieso alles Unrecht beenden wird, dass er davor warnt, dem Endgericht Christi durch eigenes Kämpfen und Verurteilen vorzugreifen.

Das Gleichnis vom Bauern, das an die anschauliche Verkündigung Jesu in seinen Gleichnissen erinnert, betont dabei:  Erwartet die Wiederkunft Christi nicht unter dem Gesichtspunkt der Bestrafung der Anderen,  sondern wartet freudig auf die Früchte, die ihr für euer eigenes Bemühen um ein "ungespaltenes", eindeutiges Leben in der Nachfolge Jesu erhalten werdet.

 

Vers 8: "Macht eure Herzen stark"

Dieser Vers betont nicht nur die Nähe der erwarteten Wiederkunft Christi. Diese Nähe ist offensichtlich unter zeitlichem Gesichtspunkt eine "Fehlerwartung" des Briefes. Der Sache nach aber bleibt sie gültig, wie die Vaterunser-Bitte deutlich macht: "... dein Reich komme ... " (Matthäus 6,10).

Wichtiger ist die Forderung "Macht eure Herzen stark". "Geduld" meint damit nicht passives Abwarten oder gar Resignation. Sie ist eine aktive Haltung, die Motivation und Tatkraft beinhaltet. Es geht darum, nicht die Hände in den Schoß zu legen, sondern die Zeit bis zur Wiederkunft Christi - egal wie lange sie dauert - zu gestalten. Denn das Herz ist biblisch der Sitz des Denkens, Planens und Wollens. Ein durch Glaube und "Gebet" gestärktes Herz (das wird Thema in den Versen 13-18 des 5. Kapitels sein) ist also der Motor uneigennützigen Tatendrangs.

 

Vers 9: Nicht "übereinander klagen"

Die gegenteilige Haltung wäre es, übereinander zu "seufzen", wie man das "Klagen" noch genauer übersetzen könnte. Hier bedarf es nicht vieler Erklärungen. Denn das Stöhnen über die schlechten Zustände und die bösen Anderen anstelle eigenen alternativen Handelns hat bis heute seinen Platz in Gesellschaft und Kirche nicht verloren. Für Jakobus ist es ein "No-Go".

 

Vers 10: Das Beispiel der Propheten

Der letzte Vers der Lesung führt die Propheten als Beispiel für ein gottgemäßes Handeln trotz "Leidens" an. Das "Erleiden von Schlechtem" (griechisch: kakopatheía) meint konkret Verfolgung, Redeverbot oder gar Tötung. All das wird in der biblisch-jüdischen Vorstellung zu einem typischen Bild für die Propheten, die trotz all dieser Widrigkeiten ihrem Auftrag, Sprachrohr Gottes zu sein und auch das zu sagen, was die Menschen nicht hören wollten, nachgegangen sind. Von diesem Vorbild sollen sich die Adressaten des Briefes, die im syrischen Bereich zu vermuten sind, anstecken lassen.

Auslegung

"damit ihr nicht gerichtet werdet" (Vers 9)

Die Mahnung des Jakobusbriefes: "Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet!" erinnert an ein Wort Jesu aus der Bergpredigt (Matthäus 7,1-5):

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! 2 Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. 3 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 4 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

Beide, Matthäus und der Verfasser des Jakobusbriefes, könnten aus derselben Quelle schöpfen, denn beide werden in Syrien verortet und liegen wohl auch zeitlich nicht sehr weit auseinander (zwischen 70 und 85 n. Chr.). Auffallend ist aber zum einen der etwas andere Akzent, der durch die Formulierung "Klagt nicht/Seufzt nicht übereinander" hineinkommt. Der Jesus der Bergpredigt  setzt mehr auf die sogenannte "Goldene Regel": "Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!" (Matthäus 7,12; Lukas 6,38 ergänzt das Verbot des Richtens aus Matthäus 7,1 um die Zusatzbemerkung Jesu: "denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden."), oder anders herum ausgedrückt: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!". Jakobus hingegen denkt scheinbar weniger in solcher Entsprechung, als grundsätzlich: "Übereinander klagen" bzw. "übereinander jammern" ist keine Haltung, die Christen zukommt. Solch eine Haltung wird Christus bei seinem Endgericht verurteilen. Und dieses Endgericht steht für den Jakobusbrief kurz bevor: "Seht, der Richter steht schon vor der Tür."

Im Klagen über den Anderen, das auch bei Jakobus den Aspekt des Verurteilens bzw. Richtens enthält, sieht der Briefschreiber nicht nur ein Zeichen von Schwäche und Ungeduld, sondern auch von Anmaßung. So hat er bereits in Jakobus 4,12 festgehalten:

"Nur einer ist der Gesetzgeber und Richter: er, der die Macht hat, zu retten und zu verderben. Wer aber bist du, dass du über deinen Nächsten richtest?"

Paulus hingegen sieht weniger ängstlich, als hoffnungsvoll auf das Endgericht, kommt aber bezüglich des Richtens über Andere zur selben Grundforderung:

"Richtet also nicht vor der Zeit; wartet, bis der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken wird! Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten" (1 Korinther 4,5).

Sehr viel strenger als alle bisher Genannten mahnt das Johannes-Evangelium vor dem Klagen über Andere. Dazu erzählt es eine dramatische Szene, an deren Ende die Klagenden die Beschämten sind:

1 Jesus aber ging zum Ölberg. 2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (Johannes 8,1-11)

Kunst etc.

Erdbeerfeld mit Früchten; Pixabay License
Erdbeerfeld mit Früchten; Pixabay License

Das Bild macht sofort Lust, in die roten Erdbeeren hineinzubeißen. Man bekommt ein Gespür dafür, welche Vorfreude es bedeutet, beim Setzen der Pflanzen auf die Zeit des notwendigen Regens und schließlich auf das Ernten der Früchte zu warten.

Der Verfasser des Jakobusbriefs und seine Adressten hatte mit Sicherheit keine Erdbeeren vor Augen, wenn es in Vers 7 heißt:

"Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt".

Eher dürfte ursprünglich an Getreide wie Gerste oder Weizen gedacht sein. Aber die "kostbare Frucht" des Wartens veranschaulicht in unseren Regionen vielleicht eher als das höchstens im Bioladen anzutreffende Getreidekorn die Erdbeere, die direkt in den Mund wandert. In biblischer Zeit waren Getreidekörner hingegen Teil des direkten Nahrungsvorrats, den man im Beutel am Leibe trug und zusammen mit getrockneten Früchten kaute.