Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Apg 13,16.22-26)

16Da stand Paulus auf, gab mit der Hand ein Zeichen und sagte: Ihr Israeliten und ihr Gottesfürchtigen, hört!

22Nachdem er ihn verworfen hatte, erhob er David zu ihrem König, von dem er bezeugte: Ich habe David, den Sohn des Isai, als einen Mann nach meinem Herzen gefunden, der alles, was ich will, vollbringen wird.

23Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß, Jesus als Retter geschickt.

24Vor dessen Auftreten hat Johannes dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr verkündet.

25Als Johannes aber seinen Lauf vollendet hatte, sagte er: Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet; aber siehe, nach mir kommt einer, dem die Sandalen von den Füßen zu lösen ich nicht wert bin.

26Brüder, ihr Söhne aus Abrahams Geschlecht und ihr Gottesfürchtigen! Uns wurde das Wort dieses Heils gesandt.

Überblick

Von Nachfolgern und Vorgängern. Die Geschichte Jesu ist nicht vollständig ohne die kraftvollen Zeugen der Geschichte Israels mit seinem Gott.

1. Verortung im Buch
Mit dem 13. Kapitel beginnen in der Apostelgeschichte (Apg) die Reisen zur Verkündigung der Botschaft Jesu, auch Missionsreisen genannt. In ihrem Zentrum steht der Apostel Paulus, dem der Auferstandene in einer Vision begegnet war. Nach diesem Erlebnis möchte Paulus, der zuvor die Christen verfolgte, nun mit aller Kraft die Botschaft von Jesus als dem Sohn Gottes weitertragen.
Zu Beginn des 13. Kapitels werden Barnabas und Paulus durch den Heiligen Geist auserwählt und von der Gemeinde in Antiochia ausgesendet; die erste Missionsreise beginnt. In Antiochia in Pisidien, der zweiten Station dieser Reise, wird Paulus in der Synagoge gebeten, ein Wort des Zuspruchs an die Anwesenden zu richten.
Die Lesung gibt einen Teil der Verkündigung des Paulus wieder.

 

2. Aufbau
Vers 16 ist die Einleitung zur gesamten Rede des Paulus in der Synagoge. Die Verse 22-25 nehmen Bezug auf Ereignisse und vor allem Personen aus der Geschichte Israels. Vers 26 stellt eine Art „Pause“ oder Zwischenfazit des Paulus dar, bevor der zweite Teil seiner Verkündigung beginnt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 16: Normalerweise saß der Prediger bei seinen Ausführungen (vgl. Lukasevangelium 4,20), hier jedoch steht Paulus auf, um zu sprechen. Er folgt damit den Gewohnheiten in den Synagogengemeinden in der Diaspora, also dort, wo die Juden in einem nicht-jüdischen und hier vor allem griechischen Umfeld beheimatet waren.
In der Synagogengemeinde sind nicht nur Juden, sondern auch „Gottesfürchtige“ also Menschen, die sich für den jüdischen Glauben interessieren, aber selbst keine Juden sind.

 

Vers 22: David wird König nachdem Saul, der hier nicht namentlich erwähnt wird, verworfen wurde, also bei Gott in Ungnade gefallen war. David aus dem Geschlecht Isais, wird mit einem Zitat aus dem 1. Buch Samuel als „Mann nach seinem Herzen“ (1 Sam 13,14), also nach dem Gefallen Gottes beschrieben.

 

Vers 23: Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, knüpft nun an die Verheißung über David an, dass aus seinem Geschlecht ein ewiges Königtum hervorgehen wird (2. Buch Samuel 7,12-16). Die Herkunft Jesu aus dem Hause Davids wird unter anderem in der Szene der Verkündigung der Geburt Jesu (Lukasevangelium 1,26), aber auch in der Geburtsgeschichte (Lukasevangelium 2,4) betont. Damit soll deutlich gemacht werden, dass sich in Jesus die Verheißung eines Retters aus dem Volk Israel erfüllt.

 

Verse 24-25: Nach der Verknüpfung zwischen David und Jesus gibt es einen zeitlichen Sprung zurück. Denn nun wird die Verkündigung Johannes‘ des Täufers und die Aufforderung zur Umkehrtaufe in den Blick genommen. Das „Vollenden des Laufs“ qualifiziert die Tätigkeit des Johannes einerseits als eine „vorlaufende“ vor dem Auftreten eines anderen. Andererseits kommt mit dem Wort der „Vollendung“ auch zum Ausdruck, dass hier eine Sendung bzw. ein Auftrag Gottes zugrunde liegt.

Der Hinweis auf den kommenden Größeren ist auch im Lukasevangelium in der Verkündigung des Johannes zu finden (Lk 3,2b-16). In einem Vergleich setzt Johannes sich selbst ins Verhältnis zu dem, der nach ihm kommt. Das Bild vom Lösen der Riemen beruht auf einer sozialen Kategorie: Es handelt sich um eine typische Sklaventätigkeit. Doch nicht einmal dazu sieht sich Johannes der Täufer im Hinblick auf Jesus berufen. Er selbst tauft mit Wasser und lädt ein, das Verhalten zu ändern und das Leben neu auszurichten. Jesus aber tauft mit dem Heiligen Geist, Zeichen der Nähe, der Sendung und Rettung. Und zugleich tauft er mit Feuer, Zeichen des Gerichts. Der qualitative Unterschied zwischen Johannes dem Täufer und Jesus liegt in der Vollmacht Jesu, die Heil und Gericht zugleich umfasst.

 

Vers 26: Paulus setzt noch einmal neu an. Die Anrede „Söhne aus Abrahams Geschlecht“ ruft bewusst die gemeinsame Herkunft des Paulus und der anwesenden Juden in Erinnerung. Genau an diese „Söhne Abrahams“ und die „Gottesfürchtigen“ ist die Verheißung ergangen und nun in Jesus Christus Realität geworden. Im ursprünglichen Kontext setzt Paulus nun ab Vers 27 mit einer Darstellung der Geschichte Jesu fort.

Auslegung

Oft spricht oder liest man von der „Bekehrung“ des Apostel Paulus bei Damaskus. Die heutige Lesung zeigt uns, dass es nur teilweise richtig ist, die Lebenswende des Paulus so zu benennen. Im alltäglichen Sprachgebrauch meint man damit so etwas wie eine Drehung um 180°. Demnach würde Paulus allem, was er zuvor gedacht und geglaubt hatte, den Rücken zukehren und in eine andere Richtung weitergehen. Doch gerade die heutige Lesung, die ja nur einen Ausschnitt aus der Verkündigungsrede des Apostels wiedergibt, zeigt uns, dass Paulus sich gerade nicht seiner Vergangenheit abgewendet hat.
Paulus möchte Jesus von Nazareth als den Christus, den Gesalbten Gottes, verkünden. Er möchte Jesus als Sohn Gottes verkünden, als Sohn des einen Gottes, an den er immer schon geglaubt hat und der in Jesus sichtbar und greifbar unter den Menschen gewirkt hat. Wem könnte man diese Botschaft besser weitergeben als denjenigen, die ja auch an diesen einen Gott glauben? Daher beginnt die Verkündigung des Paulus und seiner Begleiter zunächst immer in der Synagoge. Wo immer sie hinkommen, suchen sie die jüdische Gemeinde der Stadt auf, um an sie die Botschaft Jesu weiterzugeben. Dabei nimmt Paulus als frommer Jude selbstverständlich Bezug auf die Heilsgeschichte, also die Geschichte des Volkes Israel mit Gott. Er benennt, wie auch hier in Antiochia, wichtige Stationen und Erfahrungen dieser Geschichte. Wenn er dann von Jesus als dem Sohn Gottes spricht, knüpft er an diese alten Erfahrungen mit Gott an und macht deutlich, dass sich in Jesus kein anderer Gott als nah und wirkmächtig erwiesen hat, als der Gott, an den sie als Juden immer schon glauben. Das wesentlich Neue an der Botschaft des Paulus ist: Dieser Gott Israels hat in Jesus von Nazareth einen Retter gesandt, einen Gesalbten (griechisch: Christus, hebräisch: Messias). Auf diesem Retter und Gesalbten ruhen alle Hoffnungen Israels, das Alte Testament ist voller Erwartungen auf ihn. Für Paulus ist in der Begegnung mit dem Auferstandenen bei Damaskus (Apg 9,1-9) deutlich geworden, dass Jesus dieser erwartete und erhoffte Retter ist. Um diese Botschaft weiterzugeben, knüpft er in seiner Verkündigung an die alttestamentlichen Hoffnungen des Volkes Israel an.

Besondere Erwähnung findet in dem Abschnitt der Lesung Johannes der Täufer als derjenige, der als unmittelbarer „Vorgänger“ Jesu die Botschaft Gottes verkündete. Johannes ruft die Menschen zur Umkehr auf und tauft sie im Jordan, er öffnet den Menschen den Blick für eine Neuausrichtung des Lebens. Weil er dies mit großer Radikalität (einfaches Leben, prägnante Worte und Hinweise) macht, wird er für die Menschen zum Anziehungspunkt. Sie vertrauen seinen Worten, sie nehmen seine Einladung zur Taufe an und finden in ihm einen authentischen Botschafter Gottes – sie finden in ihm einen großen Propheten. Johannes aber weiß, dass sich die Hoffnungen der Menschen nicht auf ihn richten sollen, sondern auf Gott und seinen Sohn. Daher verweist er die Menschen auf den, der nach ihm kommen wird und sagt „ich bin nicht der, für den ihr mich haltet“. Johannes der Täufer ist der, der vor Jesus verkündet und ihm den Weg bereitet. Als Vorgänger oder Vorläufer Jesu ist er dabei aber nicht einfach einer, der abgelöst wird, durch den nächsten Propheten. Die Botschaft des Täufers bleibt weiterhin richtig und wichtig, sie gewinnt durch Jesus von Nazareth aber einen wichtigen Zielpunkt hinzu. Denn mit Jesus ist die Frage der Menschen, nach wem sie ihr Leben richten sollen, klar beantwortet. Jesus, seine Worte und seine Taten sind nun der Maßstab für eine Umkehr des eigenen Lebens.
Johannes der Täufer rüttelt die Menschen mit seiner Verkündigung auf, er hilft, dass sie sich die Frage stellen: „Wonach soll ich mein Leben ausrichten?“. Die Botschaft des Täufers erweckt in den Menschen eine Sehnsucht, eine Suche, auf die dann Jesus selbst, die Antwort geben wird. Deshalb ist die Rolle des Johannes als Vorläufer Jesu keine Nebenrolle in der Geschichte Gottes mit den Menschen und seine Geburt und sein Leben durchzogen vom Wirken Gottes (vgl. das heutige Evangelium). Gott sendet ihn als denjenigen, der den Weg bereitet für seinen Sohn.

Wie der „Vorgänger“ Johannes, so ist auch der „Nachfolger“ Paulus von besonderer Bedeutung. Denn nach Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt braucht es Menschen, die seine Botschaft wach und lebendig halten. In diesem Sinne verkündigt Paulus in Antiochia die frohe Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, der für ihn der erhoffte Retter Israels ist.

Kunst etc.

Der Apostel Paulus, der aus der Schrift heraus verkündigt und mit seinen Worten einladen will, einen neuen Weg zu gehen und an Jesus als den Sohn Gottes zu glauben. Hier in der Kölner Kirche St. Aposteln.

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