Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 13,8-10)

8Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe! Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.

9Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren! und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

10Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Überblick

Wer den Nächsten liebt - und zu "den Nächsten" zählen im Kontext der Lesung auch die regierenden Römer - erfüllt nicht nur Gottes Weisung, sondern hat auch erfasst, was der tiefe und eigentliche Sinn des göttlichen Willens ist.

 

Einordnung in den Zusammenhang

Mit Kapitel 12 schwenkt Paulus im Römerbrief aus der theologischen Belehrung über zur ethischen Ermahnungn. Der Glaube an die Allen, Juden wie Nichtjuden, geltende Gerechtigkeit Gottes, d. h. sein grundsätzliches Ja zum Menschen, an dem er in aller Treue über den Tod hinaus festhält, muss sich bei den Glaubenden praktisch auswirken. Dazu entwickelt - verkürzt gesagt - Kapitel 12 eine entsprechende Liebesethik (Römer 12,10: "Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, ...")- weil ja auch Gottes Gerechtigkeitshandeln ein Handeln aus Liebe ist (zentral: "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren" [Römer 5,8]).

Während Kapitel 12,9-21 eher das interne Gemeindeleben im Blick hat, wendet sich Kapitel 13 hingegen der Frage zu, wie ein solches christliches Leben in einem grundsätzlich nicht christlich tickenden Staat gelebt werden kann. Es geht also um die Außenbeziehungen.

Die unmittelbar dem Lesungsabschnitt vorangehenden Verse Römer 13,1-7  drängen zunächst einmal auf eine grundsätzliche Anerkennnung des Staates. Christinnen und Christen sollen nicht durch Gesetzesbruch auffallen. Steuern sind in jedem Fall zu zahlen. Schwierig ist ganz sicher, das Paulus die staatliche Macht und Ordnung für gottgewollt erklärt. Die Diskussion dazu muss darauf verschoben werden, wenn die genannten Verse als Lesung anstehen, bzw. im Rahmen der vollständigen Römerbriefkommentierung erfolgen. Immerhin sei aber bereits an dieser Stelle darauf verwiesen, dass hier nicht einfach ein altertümliches und vielleicht abstrus empfundenes Denken vorliegt. Noch der bedeutende Philosoph Georg Friedrich Hegel (1770 - 1831) sah im politisch-gesetzlich geordneten  preußischen Staat eine Verwirklichung des "Weltgeistes", der in seinem Denken die Fumktion Gottes einnimmt.

 

Vers 8: Schulden darf es nur in der Liebe geben

Die Mahnung in Vers 7, niemandem etwas schuldig zu bleiben, worauf er einen Anspruch hat (Beispiel Steuer oder Zoll) - bildet die Brücke zur sehr auffallend formulierten Weisung von Vers 8a, mit der die Lesung einsetzt. In Umschreibung lautet sie: "Das einzige, wo ihr anderen etwas schuldig bleiben dürft, ist die Liebe." Dahinter steckt offensichtlich die Vorstellung: Lieben kann man nie genug. Und deshalb wird man wohl immer hinter dem, was gefordert ist, zurückbleiben. Hier etwas schuldig zu bleiben, ist geradezu unvermeidlich, weil ja das Maß der Liebe Gott selbst, an das aber kein Mensch heranreichen kann. Denn kein Mensch ist Gott!. Dieser bei allem Bemühen des Menschen bleibende Mangel darf getrost Gott überlassen werden und braucht deshalb keine Angst zu machen, erst recht nicht gegenüber dem Staat, dessen Macht zwar eine göttlich verliehene sein mag, die aber wiederum von nicht göttlichen und darum von in gleicher Weise fehlbaren Menschen ausgeübt wird.

Der nächste Satz (Vers 8,b) bringt allerdings noch einmal eine ganz andere Perspektive ein., deren eigentliche Zielrichtung weniger der Staat als die besonders in Römer 3 vorangegangene Diskussion um die Bedeutung des "Gesetzes" ist. Anders, als man beim alleinigen Hören des ersten Lesungssatzes meinen könnte, spielt Paulus nämlich nicht auf das staatliche Gesetz, also konkret auf die römische Rechtsordnung an, sondern auf das, was das Judentum - und damit auch das aus dem Judentum hervorgegangene Christentum - unter "Gesetz" versteht. Es sind die Weisungen, die einst Mose bei der Flucht aus Ägypten (Exodus) am Sinai von Gott erhalten hat und die sich vor allem in den Büchern Exodus, Levitikus und Deuteronomium (2. - 3. und 5. Buch Mose) finden. "Torah" ist der hebräische Oberbegriff für die Weisungen Gottes, der leider etwas vereinseitigend und mehr vom griechischen Denken her kommend oft einfach mit "Gesetz" wiedergegeben wird. Es gibt aber im Alten Testament auch die priesterliche und die prophetische Torah. Und schließlich scheint mit Psalm 1,2 mit der "Weisung [tôrah] des HERRN" die Gesamtheit der 150 Psalmen gemeint zu sein. Mit anderen Worten: "Torah" ist ein zusammenfassender Begriff für den Willen Gottes, und den sieht Paulus wiederum zusammengefasst im Liebesgebot. Damit klammert er die kutlischen Anteile der Torah Israels aus, die für ihn ein zu großes Hindernis für die Gewinnung der Nichtjuden für das Christentum wären und die durch das zentrale Geheimnis von Tod und Auferweckung Jesu als der Beendigung allen Opferkultes auch ihre Bedeutung verloren haben. Die ethischen Anteile aber bleiben für ihn unverrückbar in Geltung, insofern sie letzlich alle auf die Forderung zu gegenseitiger Liebe zurückzuführen sind. In diesem Sinne konnte Paulus schon in Römer 3,31 kurz und bündig feststellen:

"Setzen wir also durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf."

 

Vers 9: Kein neues Gebot

Mit diesem Vers veranschaulicht Paulus was er meint, indem er zentrale Weisungen aus den 10 Geboten in einer eigenständigen und von der biblischen Abfolge abweichenden Auswahl zitiert (in jüdischer Zählung das siebte, sechste, achte und zehnte Gebot: vgl Deuteronomium/5. Buch Mose 5,6-21). Egal ob Ehebruch- oder Tötungs-, Diebstahl- oder Begehrensverbot (der fremden Ehefrau oder auch des fremden Sachbesitzes) - alles sind bereits im Ursprung Weisungen zur Nächstenliebe als Antwort auf die durch nichts als Liebe begründete Herausführung Israels aus Ägypten (vgl. Deuteronomium 5,6: "Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus." als Eröffnungssatz der 10 Gebote und dei nachfolgende Deutung in Deuteronomium 7,8: "Weil der HERR euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der HERR euch mit starker Hand herausgeführt ...").

Diese erwählende und befreiende Liebe Gottes ist dieselbe , die auch am Werke ist, wenn Gott sich auf das irdische Gewaltgeschehen einlässt, um es zugleich endültig auszuhebeln und ad absurdum zu  führen im Tod und Auferweckung seines Sohnes, um so allen Menschen einen Heilshorizont zu eröffnen. Die Befreiung aus der Vorstellung, dass Gewalt die letzte Lösung ist oder das letzte Wort hat sowie die Befreiung von der letzten Gewalt, welche der Tod bedeutet, das ist die Liebestat Gottes, aus der sich die Liebesforderung Gottes - und zwar vor allem zur Liebe untereinander - ableitet.

Die Formulierung des Gebotes der Nächstenliebe hat Paulus nicht etwa aus dem Munde Jesu, sondern sie stammt aus Levitikus/3. Buch Mose 19,18. Offensichtlich treffen sich aber Paulus und der Jesus der Evangelien in der Sichtweise der Zentralität des Liebesgebots wie auch in ihrer Berufung auf Levitikus 19,18 (s. weiter unter "Auslegung").

 

Vers 10: "Zwei Fliegen mit einer Klappe"

Der letzte Lesungsvers verbindet das Gesagte mit den Ausführungen aus Römer 13,1-7, die das Verhältnis zum Staat ansprechen. Von hier stammt das Stichwort "Böses". Geradezu einhämmernd warnen die Verse 3-4 vor der "bösen Tat" , weil diese - und das nach Paulus völlig zu Recht - dem weltlichen Gericht und seinen Strafmaßnahmen untersteht. Im Auftrag, die böse Tat zu meiden, kann es keinen Unterschied zwischen weltlichem und christlichem Ethos geben. Paulus verkündet also keine Sondermoral.

Allerdings ist die weltliche Gesetzgebung eher eine Verbots- und Vermeidungsethik. Diese ist in der Tora natürlich auch enthalten (alle in Vers 9 angeführten Beispiele sind Negativ-Gebote: "Du sollst nicht ..."). Aber sie werden für Paulus zusammengehalten und -gefasst in einem übergreifenden positiven Gebot, das staatliche Gesetzgebung so nicht kennt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Der Vorteil für Christinnen und Christen ist gemäß Paulus: Wer sich an diesem positiv formulierten und damit nicht auf Angst, sondern auf Nachahmung vorangehender Gottesliebe und auf Motivation aufbauenden Gebot orientiert, kommt erst gar nicht in die Gefahr, "Böses" zu tun und so mit dem staatlichen Gesetz in Konlikt zu geraten. Im Blick auf das göttliche Gesetz aber, für das Paulus beispielhaft und auszugsweise die Zehn Gebote zitiert hat, bedeutet die Nächstenliebe zugleich (s. Überschrift!) Erfüllung in einem doppelten Sinn:

  • Wer den Nächsten liebt, erfüllt die Fordeungen des Gesetzes;
  • zugleich ist mit der Nächstenliebe auch der "Vollsinn" des Gesetzes erfasst, also das, was es im Tiefsten und Letzten eigentlich will (etwa im Gegensatz zu Gängelung, Freiheitsbeschneidung, Pflichtenkatalog o ä.).

Beide Bedeutungen, "Erfüllung" und "Vollsinn", stecken in dem griechischen Wort plèrōma, das Paulus an dieser Stelle im Gegensatz zum Verb "erfüllen" in Vers 8 wählt.

Beide Verse - Vers 8 und Vers 10 - bilden im Griechischen übrigens einen literarisch ausgefeilten Rahmen, insofern sie in genau umgekehrter Reihenfolge der Satzglieder formuliert sind:

Vers 8: "Wer nämlich liebt den anderen, hat das Gesetz erfüllt."

Vers 10: "Die Erfüllung also des Gesetzes ist die Liebe."

 

Auslegung

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Vers 9)

Es lohnt sich, dem Gebot der Nächstenliebe im Allgemeinen wie auch seiner Verwendung in Römer 13,9 noch etwas genauer nachzugehen.

Es wurde schon darauf hingewiesen: Sein Ursprung liegt in Levitikus 19,18 und damit in einem Abschnitt, der unter der Überschrift "Heiligkeitsgesetz" bekannt ist: Levitikus 17 - 26. Diese Bezeichnung  verweist auf den Kernsatz dieser Gesetzessammlung, der wie eine Überschrift über dem 19. Kapitel steht:

"Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig" (Levitikus 19,2).

Mit dieser Grundsatzforderung wird Israel als das Volk Gottes aufgefordert, Gott in seinen Lebensvollzügen nachzuahmen. Dies geschieht z. B. in der Nachahmung des Schöpfungsrhythmus' Gottes: sechs Tage arbeiten, am siebten Tag (Sabbat) ruhen. Aber "Heiligkeit" bezieht sich biblisch keineswegs nur auf den kultisch-rituellen Bereich, weil Gottes Heiligkeit mehr als nur eine räumlich-zeitlich gedachte Dimension hat, in die der Mensch sich hineinstellen kann und soll. Zur Heiligkeit Gottes gehört unter anderem auch seine auf Zorn verzichtende Liebe:

"Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns" (Hosea 11,9)

Auf dem Hintergrund dieses alten Prophetenworts wundert es nicht, dass zur Nachahmung der Heiligkeit Gottes in Lev 19,18 auch das Liebesgebot gehört:

"An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR."

Der nachgestellte Satz "Ich bin der HERR." meint dann nicht nur den befehlenden, sondern vor allem den nachzuahmenden und in Vorleistung getretenen Gott.

Zusammen mit dem Gebot der Gottesliebe aus Deuteronomium/5. Buch Mose 6,5 ("Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft." gilt bereits in jüdischer Sicht die Nächstenliebe als Zusammenfassung des Gesetzes:

"Und es gibt sozusagen zwei Grundlehren, denen die zahllosen Einzellehren und -sätze untergeordnet sind: in Bezug auf Gott das Gebot der Gottesverehrung und Frömmigkeit, in Bezug auf die Menschen das der Nächstenliebe und Gerechtigkeit ..." (Philo von Alexandrien [gest. zwischen 40 und 50 n. Chr.], De specialibus legibus II 63).

In dieser Spur bewegen sich der Gesetzeslehrer und Jesus im einleitenden Gespräch zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter:

"27 Er [der Gesetzeslehrer] antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!" (Lukas 10,27-28).

Die Zuspitzung auf das Gebot der Nächstenliebe findet sich bei Matthäus 19,17-19, wenn Jesus einem Fragesteller bescheidet:

"... halte die Gebote! 18 Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; 19 ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!"

Das judenchristliche Christentum hat von Anfang an offensichtlich die innerjüdische Sichtweise zum Gesetz auch für die Kirche übernommen. Bereits Jesus kennt die jüdische Tradition und Paulus - als ausgebildeter Rabbiner - ebenfalls. Eine ausdrückliche Bezugnahme auf Jesus ist bei Paulus dabei nicht erkennbar. Aber beide liegen auf derselben Spur.

Spannend ist noch die Frage, wem denn das Gebot der Nächstenliebe gilt, wer also mit dem "Nächsten" gemeint ist. Vom Ursprung (Buch Levitikus) ist erkennbar eine rein innerjüdische Geschwisterethik gemeint. Eine christliche Übernahme des Gebots musste diese bereits aufbrechen, sollten sogenannte Heidenchristen nicht von vornherein aus dem Empfängerkreis christlicher Nächstenliebe ausgeschlossen sein. Damit bleibt aber offen, ob nicht doch wieder nur ein geschlossener, nun eben auf die Gemeinschaft der Christen beschränkter Geltungsbereich gemeint ist.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,30-37, s. unter "Kontext") vertrritt eindeutig eine unbegrenzte, grundsätzliche Weitung des Geltungsbereichs. Nächste und Nächster sind jede und jeder.

Dieser Gedanke könnte auch schon bei Paulus im Blick sein. Zwar zitiert er das Levitikus-Gebot in Vers 9 wörtlich, ändert es aber im vorangehenden Vers 8 markant ab, indem er das Wort "Nächster" selbstständig ersetzt durch das Wort "anderer" ("Wer den anderen liebt ..."). Da zuvor vom Verhältnis zum nichtchristlichen römischen Staat und seinen Autoritäten die Rede war, lässt diese Wortwahl eine Beschränkung auf einen nur innerchristlich gültigen Verhaltenskodex wenig plausibel erscheinen. Vers 8 kann dann aber als Leseanweisung für die Lektüre des Gebotes der Nächstenliebe aufgefasst werden. Da es ja nicht um eine sentimentale, sondern eine einander zum Leben verhelfende Liebe geht, gilt: Auch die Römerinnen und Römer sind Nächste, welchen die Christinnen und Christen in Liebe zu begegnen haben.

Der 1930 zum Katholizismus konvertierte evangelische Theologe Erik Peterson (1890 - 1960) schreibt in seinen Römerbrief-Vorlesungen von 1925-28 zum "anderen": "Es ist der Mensch in seinem geheimnisvollen Bezug zu Christus und nicht etwa in seinem natürlichen Bezug auf uns" (Erik Peterson, Der Brief an die Römer [Ausgewählte Schriften Bd.6], Würzburg 1997, S. 347).

 

 

Kunst etc.

Veit Stoß-Schule: 10 Gebote, Nürnberg 1524, Photo: Andreas Praefcke (Februar 2008), Public Domain
Veit Stoß-Schule: 10 Gebote, Nürnberg 1524, Photo: Andreas Praefcke (Februar 2008), Public Domain

"Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren! und alle anderen Gebote ..." (Römer 13,9)

Aus der Schule des Bildhauers und Schnitzers Veit Stoß (ca. 1447 - 1533), der vor allem in Nürnberg und Krakau wirkte, stammt dieses hölzerne Halbrelief. Wie Paulus das 9. und 10. Gebot ("Du sollst nicht begehren dienes Nächsten Frau." bzw. "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut.") in einem einzigen Satz zusammenfasst ("du sollst nicht begehren"), so bringt der Künstler beide Gebote in einem einzigen Bild zusammen. Dabei ist es im Konkreten schwer zu deuten: Blickt der Reiter keusch über die Frau hinweg oder verlangt sein Blick doch nach ihr? Ist allein sie die Erfüllerin des Gebotes, wobei sie allerdings weniger Begehrenslosigkeit erkennen lässt als vielmehr mit einer Hand auf Schwangerschaft hinzudeuten scheint? Ist das Abwenden des Gesichts also echt oder eher gespielt und bestimmten "Umständen" geschuldet? Auf den Münzhaufen auf dem Tisch scheint allerhöchstens das Pferd zu schielen. Irgendwie wird man aber bei den Geld zählenden Herrschaften am Tisch das Gefühl nicht los, dass dieser Haufen nicht anderes als durch Begehren fremden Hab und Guts zusammengekommen ist.

Wie auch immer, eine Dimension lässt die Darstellung bei aller Kunstfertigkeit vermissen: dass auch das Begehrensverbot in seiner zweifachen Entfaltung ein Unterfall des Gebotes der Nächstenliebe ist.  Paulus hat messerscharf erkannt, dass es bei den Zehn Geboten nicht um Anstand und Sitte geht, sondern um die grundsätzliche Hochachtung des Anderen - aufgrund seines "geheimnisvollen Bezugs zu Christus" (Erik Peterson; s. unter "Auslegung").