Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 35,1-6a.10)

1 Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. 2 Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes. 


3 Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! 4 Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! 

Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten.

5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt

[…]

10 Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Überblick

Was die Wüste mit der Solidarität mit den Schwachen zu tun hat? Jubel und Jauchzen – so steht es im Buch Jesaja.

 

1. Verortung im Buch

„Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde mir zum Heil. Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils.“ (Jesaja 12,2-3). Diese Zeilen aus dem in der Zukunft zu sprechendem Danklied der Geretteten Zions geht in dem für die Lesung ausgewählten Text ihrer Erfüllung entgegen. Nun entwirft der Prophet in seinen Worten eine Vision dieses Heils, das Gott wirken wird und ist. Zuvorderst bedeutet Heil hier die Rückführung des Volkes nach Jerusalem. Das geschilderte Heil steht im krassen Gegensatz zum vorherigen Kapitel. In Jesaja 34 wird Gottes Gericht gegen die Völker angekündigt – dort erklärt wieso Gott als „Rache“ und „Vergeltung“ gepriesen wird (siehe Jesaja 35,6). Edom wird als Beispiel für die Feinde Israels angeführt und Gottes Gemetzel an diesem Volk wird drastisch beschrieben: „Edoms Bäche verwandeln sich in Pech und sein staubiger Boden zu Schwefel. Sein Land wird zu brennendem Pech.“ (Jesaja 34,9) – auf diesem düsteren Hintergrund erstrahlt die folgende Heilsvision.

 

2. Aufbau

Das Prophetenwort reicht sozusagen vom Jubel bis zum Jubel, dass das rahmende und zentrale Motiv des Textes ist, sodass „Kummer und Seufzen entfliehen“ (Vers 10). Dieser Weg ist grundgelegt in der Ankündigung des Kommens Gottes (Verse 1-2), der die Heilsvision folgt (Verse 3-6a), in der das Kommen Gottes gesehen wird: „Seht, euer Gott!“. Und daraus folgt in den Versen 6b-10 die Darstellung der Rückkehr des Volkes zum Zion (Vers 6b-10). Aus diesem dritten Teil kommt in der Lesung nur der letzte Vers vor und die Verse 6b-9 werden ausgelassen:

denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe. 7 Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Wassern. Auf der Aue, wo sich Schakale lagern, wird das Gras zu Schilfrohr und Papyrus. 8 Dort wird es eine Straße, den Weg geben; man nennt ihn den Heiligen Weg. Kein Unreiner wird auf ihm einherziehen; er gehört dem, der auf dem Weg geht, und die Toren werden nicht abirren. 9 Es wird dort keinen Löwen geben, kein Raubtier zieht auf ihm hinauf, kein einziges ist dort zu finden, sondern Erlöste werden ihn gehen.“ (Jesaja 35,6b-9)

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Die Wüste und die Steppe sind lebensunfreundliche Orte. Sie sind theologische Motive, die verdeutlichen, dass das Leben auf das Handeln Gottes angewiesen ist. Schon zwei Kapitel zuvor heißt es, dass wenn Gott seinen Geist ausschüttet, „dann wird die Wüste zum Garten und der Garten wird zum Wald“ (Jesaja 32,15) Und das Gericht Gottes wird in Jesaja 33,9 zuvor als Verdürren beschrieben: „Die Scharon-Ebene ist wie die Araba“. Die Scharon-Ebene ist in der Bibel berühmt für die mannigfaltige Flora, der Libanon für seine wertvollen Zedern und der Karmel für die dort wachsenden Hölzer. Alle diese Qualitäten gegen nun auf die eigentlich lebensunfreundlichen Orte über. Wie dies geschieht, erklärt erst Vers 6. Am Anfang geht es nicht um die kausale Ursache, sondern die Freude als Ergebnis des Handelns Gottes erhält alle Aufmerksamkeit. Und die Wüste, das trockene Land und die Steppe können jubeln, weil: „Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes.“ Diese Personifizierung der Orte dient als Vorbild für die Freude der Rückkehrer nach Zion, die ebenso jubeln werden, weil ihr Leben wiederaufblühen wird (Vers 10).

Verse 3-4: Der Text wendet sich der Schwachen in der Gesellschaft zu. Der handelnde Gott ist ihr Gott („euer Gott“). Gott nimmt ihre Schwäche und Angst hinweg – diese Ermutigung hat sowohl einen physischen Sinn (Vers 3) als auch eine geistige Dimension (Vers 4). Wer angesprochen wird, sagt der Text nicht, sondern beauftragt somit allen Lesern und Leserinnen, dass sie sich den Schwachen zuwenden sollen, um sie zu stärken. Das menschliche Handeln geht einher mit dem Kommen Gottes. Gemäß dem Text kommt nicht „er“ zuerst, sondern „die Rache“, „die Vergeltung Gottes“ – dann wird sich Jesaja 34,8 erfüllen: „Denn ein Tag der Vergeltung ist es für den HERRN, ein Jahr der Wiedergutmachung im Rechtsstreit um Zion.“ Heil und Gericht gehen so Hand in Hand, Jesaja 35 ist auf dem Hintergrund von Jesaja 34 zu lesen.

Verse 5-6a: Den Aufforderungen in den Versen 3-4 („Stärkt … festigt …“) folgt nun die Benennung der Konsequenz („Dann … dann …“). Die geheilten, geöffneten Augen und Ohren stehen für eine neue Gotteserkenntnis. Bei den „Lahmen“ und „Stummen“ wird deutlich, dass Gott die Rückkehr nach Zion ermöglicht. Zu springen wie ein Hirsch verweist darauf, weite Strecken mit Freude schnell zurücklegen zu können (siehe Hohelied 2,8-9) und der Stumme wird in den Jubel der Natur einstimmen können. 

Vers 10: Die Rückkehr nach Zion kennt keinen Ausgangspunkt, sondern der Fokus liegt völlig auf dem Ziel! In Vers 9b werden die Rückkehrer als „Erlöste“, d.h. von Gott freigekaufte, bezeichnet, die den durch Gott ermöglichten Weg gehen können. Bemerkenswert ist, dass die aufblühende Wüste nicht das Ziel, sondern der nur der Weg ist.

Auslegung

Gott verwandelt die Wüste und die Steppe in eine blühende Landschaft. Der Dünger dieser Verwandlung ist die Rache Gottes. Seine Vergeltung ermöglicht Leben. Im Buch Jesaja wird die Rückkehr aus dem Exil für Israel als ein Naturwunder beschrieben, dass das bevorstehende Heil versinnbildlichen soll. Dem Leser und der Leserin wird eine Weg-Theologie eröffnet. Für den ersten Schritt bedarf es jedoch keines göttlichen Eingreifens, sondern der zwischenmenschlichen Ermutigung: „Stärkt die schlaffen Hände und die wankenden Knie festigt!“ (Jesaja 35,3).

Aus den Verzagten, die blind und taub für die Hoffnung geworden sind und die erstarren in der Verzweiflung, sollen Jubelnde und freudig zum Heil eilende Gläubige werden. Der neugewonnene Mut wird die Exilierten auf einem von Gott bereiteten Weg zurück in die Heimat, zu Gott, führen. In der Gottesferne des Exils und der alltäglichen Verzweiflung steht die ermutigende zwischenmenschliche Beziehung. Der Mut kommt aus Gottvertrauen – vertrauen darauf, dass Gott der Gott der Rache ist. Er ist nicht ein Gott der blinden Rache, sondern seine Vergeltung ebnet Straßen der Gerechtigkeit für sein Volk.

Das Ziel ist jedoch kein neues Paradies, in das die Menschen sich niederlassen können. Sondern ihr Weg ist nur vom Aufblühen begleitet – das als Symbol für den Wandel von den Schwachen zu Gestärkten dient, die selbst einen Neufang in Zion setzen können.

Kunst etc.

Wenn in den Texten des Alten Testaments von einer Wüste gesprochen wird, sind damit Bilder verbunden wie diese Luftaufnahme von Andrew Shiva der Negev-Wüste im Süden des heutigen Israels beispielhaft zeigt. Doch dabei darf nicht vergessen werden, dass der Text keine konkrete Wüste benennt, sondern das Motiv des Aufblühens dieses lebensfeindlichen Ortes den radikalen Wandel versinnbildlicht. Der in Jesaja 35 prophezeite Weg ist sowohl real als auch metaphorisch zu verstehen.

„Aerial view of Makhtesh Ramon (Hebrew: מכתש רמון), in the Negev Desert, Israel“, fotografiert von Andrew Shiva – Lizenz: CC BY-SA 4.0.
„Aerial view of Makhtesh Ramon (Hebrew: מכתש רמון), in the Negev Desert, Israel“, fotografiert von Andrew Shiva – Lizenz: CC BY-SA 4.0.