Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,26-27)

26So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.

27Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist. Denn er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein.

Überblick

Aus der am vorigen Sonntag vorgestellten Gesamtpassage Römer 8,18-30 mit folgendem Aufbau

Vers 18: Ausgangsthese von der Bedeutungslosig des gegenwärtigen Leids                                gegenüber der zu erwartenden Herrlichkeit

Verse 19-22: Erläuterung auf die außermenschliche Kreatur hin

Verse 23-25: Erläuterung auf die menschliche Erfahrung im Glauben hin

Verse 26-27: Erläuterung auf die Erfahrung im Gebetsleben hin

Verse 28-30: Schlussargument: Gottes Vorausbestimmung der ihn Liebenden                                    zur Verherrlichung.

wird an diesem Sonntag mit den Versen 26- 27 die dritte Erläuterung zur Grundthese (Vers 18) als Lesung vorgetragen. Immer noch geht es also um die Begründung der Überzeugung des Apostels, "dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Vers 18, voriger Sonntag). 

In den ersten beiden Erläuterungen zu dieser These hat Paulus die Solidargemeinschaft von Natur (Verse 19-22) und Mensch (Vers 23; Verse 24-25 kommen in der Leseordnung nicht vor) herausgestellt. Sie zeigt sich im "Seufzen" angesichts des in Vergänglichkeit und Schwäche begründeten "Leidens", dem allerdings eine alles "Leiden" übersteigende "Hoffnung auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit" (im Sinne ungebrochener und vollkommener, also auch leidbefreiter Lebensgemeinschaft mit Gott) gegenübersteht. 

Die dritte Erläuterung - also die beiden Verse der heutigen Lesung - geht nun der Frage nach: Mit welchen Worten kann dieses "Seufzen" geschehen, dass es Gott erreicht? Braucht es dazu vielleicht eine besondere Sprache? Gibt es ein Beten, das in besonderer Weise Gottes Willen (vgl. Vers 27: "so, wie Gott es will") entspricht und damit ein Beten "in rechter Weise" ist (vgl. Vers 26)?

 

Vers 26: Die "Schwachheit" des Menschen

Die Zeit bis zum "Offenbarwerden der Herrlichkeit" (s. Vers 18 und die Kommentierung dazu am vorigen Sonntag) ist geprägt von "Hoffnung".  Die ihr entsprechende Tugend ist die "Geduld", wie Paulus in einer für ihn typischen Argumentationskette in den Versen 24-25 (in der Leseordnung ausgelassen) aufzeigt. Gerade sie wird aber immer wieder auf die Probe gestellt, nicht nur durch die verschiedensten Arten des Leidens (egal ob an den Strapazen der Missionsreisen, an Verfolgungsmaßnahmen oder an der Endlichkeit der Kreatur, die sich in Krankheit und Sterbenmüssen ebenso zeigt wie an Unvollkommenheit und Vorläufigkeit jeder Art). Vielmehr wird die Geduld ebenso auf die Probe gestellt durch das Wesen des Menschen, das Paulus als "Schwachheit" charakterisiert. Sie zeichnet den Menschen in seiner Existenz als Wesen aus "Fleisch" aus und meint keineswegs nur die moralische Schwachheit (vgl. Römer 7,19: "Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich."). Vielmehr gehört auch die Schwachheit im Ertragen  des eigentlich Unerträglichen dazu. Dies wird erkennbar, wenn Paulus an seine Gemeinde in Korinth rückblickend von einer Reise erzählt:

"Als wir nach Mazedonien gekommen waren, fanden wir in unserer Schwachheit keine Ruhe. Überall bedrängten uns Schwierigkeiten: von außen Kämpfe, von innen Ängste" (2 Korinther 7,5).

Insofern gerät Schwachheit bei Paulus auch nie zum Vorwurf, sondern sie ist für ihn einfach eine zum Menschen in seiner Fleischexistenz gehörende Tatsache, der auch er selbst - Paulus - unterworfen ist.

Ausdruck dieser Schwäche ist für Paulus wohl auch das "Seufzen" angeischts des Leidens. Hier kommt nun hinzu, dass möglicherweise auch das Seufzen selbst von Schwäche gekennzeichnet ist, nämlich von der Unfähigkeit des Menschen, angesichts seines Gottes die richtigen, gottgemäßen Worte zu finden. Zur Überwindung dieses Problems greift Paulus auf eine jüdische Vorstellung zurück und verändert sie zugleich. So wie es die Vorstellung gibt, dass Engel einem menschlichen Visionär das, was er von Gott her schaut, erklären und deuten müssen (vgl. z. B. Sacharja 1 - 8), so macht Paulus den mit der Taufe geschenkten Geist zum Dolmetscher des menschlichen Seufzens vor Gott. Der Geist findet die richtigen Worte und die angemessenen Bitten und hilft damit der Schwäche des Menschen auf.

Das ist ganz sicher ein hochspekulativer Gedanke, der aber als Antwortversuch auf die grundsätzliche Frage anzusehen ist, wie der unendliche Schöpfergott und der endliche Mensch, das schwache Geschöpf, überhaupt zusammenkommen und miteinander kommunizieren können. Es gibt auch andere Antwortversuche (s. unter "Auslegung"), aber Paulus scheint eben die Position zu teilen, dass es so etwas wie eine eigene "Himmelssprache" gibt. Das klingt an, wenn er im berühmten Hohelied der Liebe mit den Worten anfängt:

"Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht ..." (1 Korinther 13,1).

 

Vers 27: Die Stärke des "Geistes"

Der Sitz des Geistes aber ist das Herz (vgl. Galater 4,6: "Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater.") Als "Ort" des Denkens, Planens und Wollens (so in biblischer Sicht) ist es dem Zugriff des Menschen entzogen, sowenig wie der Mensch in sein eigenes Gehirn hineinschauen kann, von dessen Funktion die biblische Zeit allerdings noch nichts wusste. Aber Gott als Schöpfer des Menschen kennt diesen innersten Winkel des Menschen. Aus den zahlreichen Belegstellen des Alten Testaments greift der Anfang des Verses 27 ("Der die Herzen erforscht ...") Psalm 139,23 heraus, der aus dieser Möglichkeit Gottes eine Bitte formuliert:

"Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken!"

Paulus macht aus der Bitte eine Gewissheit. Das Wissen Gottes um das Innerste des Menschen und damit auch um den in ihm wirkenden Geist lässt ihn nicht nur das "Seufzen des Geistes" verstehen. Es lässt auch die Absicht dieses "inneren Beters" im Menschen erkennen, nämlich seinen Einsatz "für die Heiligen", also für die Gemeinschaft der Christen, die mit der Taufe diesen Geist empfangen haben.

Einmal mehr hat der Neutestamentler Heinrich Schlier in seinem Kommentar (Der Römerbrief [Herders Theologischer Kommentar VI], Freiburg 1977, S. 269) eine sehr treffende Zusammenfassung für den paulinischen Gedanken gefunden, dass im Seufzen des Geistes ja letztlich ein Selbstgespräch Gottes stattfindet:

"Es ist ein Seufzen Gottes zu Gott für uns, in unserem Herzen. Es ist ein Seufzen, das unsere Schwachheit nicht teilt und doch Anteil an ihr nimmt und sie auf sich nimmt."

 

 

Auslegung

Schon bei der Kommentierung der Lesung vom vorigen Sonntag wurde festgestellt, dass Paulus unter anderem an die Gedankenwelt der sogenannten Apokalyptik anknüpft, eine theologische Strömung, die vor allem auf die Unterdrückung des Judentum durch die seit 333 v. Chr. (Alexander d. Gr. siegt bei Issos über die Perser) regierenden Griechen reagiert. Diese Unterdrückung nimmt besonders im zweiten Jh. v. Chr. Fahrt auf und wird dann fortgesetzt von den die Griechen ablösenden Römern ab dem 1. Jh. v. Chr. In der Bibel hat sich die Apokalyptik in den Büchern Daniel und Offenbarung niedergeschlagen, viel mehr Schriften aber hat sie außerhalb der Bibel hervorgebracht (z. B. das in der Auslegung der vorigen Sonntagslesung zitierte 4. Esrabuch oder das Äthiopische Henochbuch). Einige gemeinsame Kennzeichen all dieser Schriften ist das erwartete Ende dieser Geschichtszeit und der Neuanfang einer göttlichen Heilszeit (dem sich bei Paulus das "Offenbarwerden der Herrlichkeit" in Römer 8,18 gedanklich zuordnen lässt). Neben der weiteren Besonderheit, dass dieser Heilszeit eine nur in Katastrophenbildern zu beschreibende Geschichtszeit vorangeht (abgeschwächt bei Paulus: "die Leiden der Jetzt-Zeit", ebenfalls Römer 8,18), lässt sich noch etwas beobachten: Alle irdischen Vorgänge spiegeln sich in himmlischen Vorgängen, in welche die apokalyptischen Sehergestalt Einblick nehmen dürfen. Und dieser Blick in den Himmel zeigt ihnen eine Hierarchie von Engeln. Diese Vorstellung ist sicher nicht von der Apokalyptik "erfunden", aber doch deutlich ausgebaut worden. Der Engel ist nicht mehr nur einfach Sprachrohr Gottes, wie in früheren Zeiten. "Erzengel" übernehmen in gewisser Weise das Regiment und nehmen Einfluss auf das irdische Geschehen. Kämpfe auf Erden spiegeln sich im Kampf des Engels Michael (des Volksengels für Israel) gegen böse himmlische Mächte (vgl. Daniel 12,1). Der mit der Gabe der Heilung betraute Engel Rafael wird im Buch Tobit zu einer Art Schutzengel, der für den ihm zugewiesenen Menschen Fürbitte bei Gott einlegt (Tobit 12,12.15; vgl. auch Offenbarung 8,3). Hier ordnet sich Matthäus 18,10 ein: 

"Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters."

Es überrascht nun nicht, dass man diesen Engeln auch eine eigene Sprache zuordnete. So berichtet Paulus von einer Vision ganz im Stile der Apokalyptik. Dabei bleibt völlig offen, ob Paulus von einem Anderen oder getarnt von sich selber spricht. Entscheidend für den hiesigen Zusammenhang ist der letzte Vers:

"2 Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; 3 ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. 4 Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen darf" (2 Korinther 12,3-4).

Diese sehr komplexe, im Grunde durch die Tradition vorgegebene Sicht der Dinge macht Paulus sich nun kreativ zunutze, indem er die Vorstellung einer eigenen gottgefälligen Sprache, die der Mensch gar nicht über die Lippen bringt noch bringen darf, festhält, aber an die Stelle der Engel den Geist selber setzt, der mit der Taufe gegeben wird. Das ist deshalb für ihn zentral, weil er über den Geist auch Christus selbst ins Spiel bringen kann, an dem alles hängt. Denn der Geist Gottes ist zugleich der "Geist Christi" (1 Korinther 2,16), auf den die Christen als dem Gabesakrament des Geistes ja getauft werden. Geist und Christus als der auferweckte, ganz bei Gott seiende und dochzugleich  gegenwärtige, dem Herzen eines Jeden nahe Herr werden so eng miteinander verbunden, dass Paulus wenige Verse nach der Lesung, nämlich in Römer 8,34 sagen kann:

"Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein."

Was Vers 26 also vom Geist sagt ("der Geist selber tritt für uns ein"), kann Paulus identisch auch von Jesus Christus sagen. Das wäre mit der Vorstellung der Engel, die immer auf die Seite der Geschöpfe gehören, so nicht machbar. Denn Christus gehört eben auch auf die Seite des Schöpfergottes: wahrer Gott und wahrer Mensch.

 

 

Kunst etc.

Francisco de Goya (1746 - 1828), Der Verwundete (Bayer. Staatl. Gemäldesammlung) CC BY-SA 4.0
Francisco de Goya (1746 - 1828), Der Verwundete (Bayer. Staatl. Gemäldesammlung) CC BY-SA 4.0

Der spanische  Maler Francisco de Goya (1746 - 1828) hat seine malerische und zeichnerische Kraft unter anderem darauf verwendet, die etwa in Kriegen gequälte Natur ins Bild zu bringen. Anders als der berühmte "Schrei" von Edvard Munch sieht man auf dieser Radierung "Der Verwundete" eher die seufzende Kreatur, von der Paulus im 8. Kapitel an die Gemeinde in Rom spricht. Wenn man diese sich fast zur S-Linie krümmende Gestalt sieht, ist man gerne geneigt, dass sie zu schwach ist, ihre Stimme zu Gott zu erheben und die richtigen Worte zu finden. Hier kann das Bild des Paulus, dass der von Gott selbst dem Menschen geschenkte Geist diese Aufgabe abnimmt, zum Trost werden.