Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 8,23b-9,3)

8,23b Wie der Herr in früherer Zeit das Land Sébulon und das Land Náftali verachtet hat, so hat er später den Weg am Meer zu Ehren gebracht, das Land jenseits des Jordan, das Gebiet der Nationen.

9,1 Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf. 2 Du mehrtest die Nation, schenktest ihr große Freude. Man freute sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.

3 Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von Midian.

Überblick

Der Prophet Jesaja weiß: Der Zorn Gottes ist nicht das Ende der Wege Gottes, sondern ein Durchgang zu seiner Gnade. 

 

1. Verortung im Buch

Die Worte des Propheten in Jesaja 8,23-9,3 benennen den Feind nicht, von dem das Volk befreit werden muss. Aber in Jesaja 10,27 wird die als Last und Joch beschrieben Macht mit der Weltmacht Assur identifiziert. Dies erklärt auch, warum zu Beginn, in Jesaja 8,23 auf den Verlust der Nordgebiete Israel durch den assyrischen König Tiglat-Peleser verwiesen wird. In dieser Situation der Bedrohung erklingt das hoffnungsvolle Danklied über die Geburt eines davidischen Thronnachfolgers im Südreich Juda (Verse 5-6). Die in ihm zum Ausdruck kommende Botschaft hat dieselbe Funktion wie die Ankündigung der Geburt eines Kindes, das verdeutlichen wird „Gott ist mit uns“ (Jesaja 7,14). Nun allerdings ist die Geburt keine Ankündigung mehr, sondern der verheißungsvolle Thronnachfolger ist geboren. Das nicht durchgesetzte Recht (Jesaja 5,7) wird durch ihn wieder garantiert und in Gerechtigkeit ausgeübt. Der verborgene Gott (Jesaja 8,16) wird nun wieder in seinem Wirken gesehen und das Volk kann sich in Gottes Angesicht freuen: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ (Jesaja 9,1)

 

2. Aufbau

Der Kontrast „Finsternis vs. Licht“ ist das Thema von Jesaja 8,23-9,3. Die Beschreibung des Heils in Jesaja 9,1-6 ist die Antwort auf die Notschilderung in Jesaja 8,21-22: „So wird man umherziehen, bedrückt und hungrig. Und wenn man Hunger leidet, wird man wütend und verwünscht seinen König und seinen Gott. Man wendet sich nach oben und blickt zur Erde. Aber siehe: Not und Finsternis, dunkle Bedrängnis und in Finsternis ist man verstoßen!“ Zwischen der Unheilsschilderung und der Heilsverheißung steht Vers 23 als Brücke, der einen Vergleich zieht und mit folgenden Worten beginnt: „Doch das Dunkel bleibt nicht dort, wo Bedrängnis ist.“ (Vers 23a). Daran knüpft das folgende Danklied an, in dem  der Jubel über die Befreiung des Volkes durch Gott (Verse 1-4) erklingt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 23b: Der Prophet Jesaja und seine Schüler wirken im Südreich Juda (siehe Verse 21-22), aber nun geht der Blick auf das Schicksal des Nordreiches – zuvor hat Vers 14 verdeutlicht, dass eben das Süd- und das Nordreich zusammen Israel konstituieren. Jesaja verweist auf das Hochland Galiläas (Sebulon) und das Gebiet nordöstlich des Sees Gennesaret (Naftali). Diese Aufzählung verweist wahrscheinlich auf die Gebiete, die der assyrische König Tiglat-Pileser III eroberte und zu assyrische Provinzen machte (siehe 2 Könige 15,29).  „Der Weg am Meer“ meint vielleicht den Küstenstreifen vom heutigen Haifa bis hinunter zum heutigen Tel Aviv oder gar Ashdod. „Das Gebiet der Nationen“ steht für Galiläa und das Land jenseits des Jordan ist das westliche Gebiet des heutigen Jordaniens. Diese letztgenannten Gebiete stehen nun für das gesamte Nordreich und neues, gottgewirktes Heil. In Jesaja 7-8 hatte der Prophet dem Nordreich den Zusammenbruch vorausgesagt – nun sieht er die Schicksalswende, die er im Folgenden mit dem Königshaus des Südreiches verbunden sieht (Verse 5-6).

9,1: Kurz zuvor wird in Jesaja 8,22 die Ferne zu Gott als „Not und Finsternis“ beschrieben. Finsternis ist ein Bild für eine Not, die in den Tod führt, wie es das Wort „Todesschatten“ verdeutlicht. Licht hingegen ist das Symbol der heilversprechenden Gegenwart Gottes im Leben. Gemäß Psalm 112,4 erstrahlt Gott dem Rechtschaffenen als Licht in der Dunkelheit (siehe auch Psalm 18,29).

Vers 2: Der an Gott gerichtete Dank beginnt als direkte Anrede, ohne dass der Angeredete beim Namen genannt wird. Das geschieht erst in Vers 6. Im Mittelpunkt steht hier vollends die Freude über die Rettung durch Gott. Wie in der Zeit des Königs Salomo ist das Volk „zahlreich wie der Sand am Meer; es hat zu essen und zu trinken und ist glücklich“ (1 Könige 4,20). Der Vergleich der Freude mit der Ernte und dem Verteilen der Beute weist auf durch Gott ermöglichte Nahrung und geschenkten Reichtum hin. Die israelitischen Erntefeste waren Dankfeiern für JHWH, dem Geber des Landes und dem Garanten dessen Fruchtbarkeit (Exodus 23,6). Auch war Gott derjenige, der den Sieg im Krieg ermöglichte und somit Beute schenkte (Dtn 20,13-14). Das im Hebräischen stehende Wort für die Freude über die Beute (גיל, gesprochen: gil), beschreibt im Buch Jesaja das Jauchzen über die von Gott geschenkte Befreiung. Es ist die Freude, über die wiederhergestellte Beziehung zwischen JHWH und Israel.

Vers 3: Die Vielzahl der verwendeten Begriffe, die die Fremdherrschaft beschreiben, zeigt an wie vielfältig das Volk litt. Der Verweis auf den Tag Midians führt den Leser und die Leserin in das Buch der Richter. Gideon hatte auf Wunsch Gottes keine große Armee aufgeboten, sondern mit nur 300 Mann Midian, Amalek und die Leute des Ostens, die in Israels Gebiet eingefallen waren, „zahlreich wie die Heuschrecken“ (Richter 7,12) besiegt, weil Gott den Krieg führte.   

Auslegung

Die Worte Jesajas sind in eine konkrete, geschichtliche Situation hineingesprochen. Ab 732 v. Chr. begann das assyrische Großreich das Nordreich Israel zu unterwerfen bis es 722 v. Chr vollständig fiel und besetzt wurde. Im Südreichs Juda, wo die davidischen Könige regierten, wurde die Geburt eines männlichen Thronnachfolgers als göttliches Hoffnungszeichen gedeutet, das die helfende Treue Gottes zu seinem Volk anzeigt (Verse 5-6). Die im Danklied bereits besungene Rettung ist in der Geburt des Kindes grundgelegt, aber sie wird erst durch den Eifer Gottes gewirkt werden. Dass der Text die Befreiung bereits als ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis beschreibt, bedeutet nicht, dass das Volk befreit ist. In der Hebräischen Sprache drückt sich dadurch die Gewissheit aus, dass die Geburt des Kindes die Erfüllung der Verheißung garantiert. Der Text lässt sich zum Beispiel auf die Geburt und den Antritt der Königsherrschaft Joschijas (639-609 v. Chr.) beziehen, der, als die Macht des assyrischen Reiches schwand, damit begann Teile des untergegangenen Nordreichs in sein Herrschaftsgebiet einzuverleiben (2 Könige 23). Im Zentrum des Textes steht aber nicht das Königtum, sondern dieses ist nur das Zeichen der heilvollen Gegenwart Gottes. Der Thronnachfolger ist nicht der Heilsbringer, sondern das als Garantie zu deutenden Zeichen, dass Gott das Heil schafft.

Kunst etc.

„Der Tag Midians“, der hier als Vergleich herangezogen wird, bezieht sich vielleicht auf eine Erzählung im Buch der Richter. Gideon hatte es mit Gottes Hilfe und einer kleinen Streitmacht geschafft, einen übermächtigen Feind, der in das transjordanische Gebiet eingedrungen war, zurückzuschlagen (siehe Richter 7). Dieser Verweis verdeutlicht, dass Gott kein großes Herr bedarf, um seinen Willen durchzusetzen. In der Erzählung findet sich gar der bemerkenswerte Satz, dass die Israeliten mit Widderhörnern und Krügen gegen den Feind ausgezogen sind: „Es bliesen also die drei Abteilungen die Hörner, zerschlugen die Krüge, ergriffen mit der linken Hand die Fackeln, während sie in der rechten Hand die Widderhörner hielten, um zu blasen, und schrien: Schwert für den HERRN und Gideon! Dabei blieben sie rings um das Lager stehen, jeder an dem Platz, wo er gerade war. Im Lager liefen alle durcheinander, schrien und flohen. Als die dreihundert Männer ihre Hörner bliesen, richtete der HERR im ganzen Lager das Schwert des einen gegen den andern.“ (Verse 20-22). Dies hat der französische Maler Nicolas Poussin (1594-1665) dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er im Zentrum seines Gemäldes eben keinen Krieger zeigt, sondern einen Jüngling, der den Kriegston bläst. Somit fasst er markant zusammen, wofür „der Tag Midians“ steht: Gott kämpft mächtig, ohne ein Heer oder Waffen zu bedürfen.

„La Victoire de Gédéon contre les Madianites“, Nicolas Poussin, ca. 1625, im Besitz der Pinacoteca Vaticana – Lizenz: gemeinfrei.
„La Victoire de Gédéon contre les Madianites“, Nicolas Poussin, ca. 1625, im Besitz der Pinacoteca Vaticana – Lizenz: gemeinfrei.