Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Ez 34,11-12.15-17)

11Denn so spricht GOTT, der Herr:

Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. 12Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert an dem Tag, an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben, so werde ich mich um meine Schafe kümmern und ich werde sie retten aus all den Orten, wohin sie sich am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels zerstreut haben.

[...]

15Ich, ich selber werde meine Schafe weiden und ich, ich selber werde sie ruhen lassen - Spruch GOTTES, des Herrn.

16Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebene werde ich zurückbringen, das Verletzte werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen. Doch das Fette und Starke werde ich vertilgen. Ich werde es weiden durch Rechtsentscheid.

17Ihr aber, meine Herde - so spricht GOTT, der Herr - , siehe, ich sorge für Recht zwischen Schaf und Schaf.

Überblick

Gott als Hirte seiner Herde – das ist keine pastorale Romantik, sondern sozusagen ein zweischneidiges Schwert.

 

1. Verortung im Buch

Die Geschichte Israels ist geprägt von Fehlschlägen. Das spiegelt sich auch im Buch Ezechiel wider. Doch mit Ezechiel 34 erklingt eine neue Hoffnung an – eine Wiederaufrichtung Israels nach dem babylonischen Exil. Der Anfang liegt in der Erneuerung der Führungseliten. Sie werden in den Versen 2-10 bitter angeklagt und ihre Bestrafung wird verkündet. Gott wendet sich nicht nur gegen den Machtegoismus der Eliten: „Weh den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Müssen die Hirten nicht die Schafe weiden?“ (Vers 2) – sondern er wird selbst eingreifen und sein Ideal des „guten Hirten“ verwirklichen: „Siehe, nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand zurück. Ich mache dem Weiden der Schafe ein Ende. Die Hirten sollen nicht länger sich selbst weiden: Ich rette meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein.“ (Vers 10). Dies bedeutet die Wiederherstellung einer gerechten, sozialen und friedvollen Ordnung, die zur Anerkenntnis Gottes führen wird (Verse 17-31).

 

2. Aufbau

Die schlechten Hirten werden ihres Amtes enthoben und Gott übernimmt selbst die Hirtenaufgabe. Im Zentrum steht dabei die Rückführung des Volkes Israels als Herde Gottes in das verheißene Weideland, das Land der Israeliten (Vers 12-15). Das Kollektiv steht hier im Vordergrund und beinahe etwas nachgeschoben wirkend wird nach der Abschlussformel „Spruch GOTTES, des Herrn“ noch Gottes Sorge um jeden Einzelnen betont (Vers 16). Der folgende Abschnitt beginnt mit einer weiteren Wort-Gottes-Formel: „so spricht GOTT, der Herr“ (Vers 17).

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Vers 11: Dem angekündigten Unheil für die Führungseliten (Vers 10) folgt nun im Kontrast („denn“) die Entfaltung des positiven Bildes Gottes als Hirten. Die Zusage, dass Gott sich selbst um seine Herde kümmern wird, ist bewusst im Gegensatz zur Klage in Vers 6: „Meine Schafe irren auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel umher und über die ganze Erdoberfläche sind meine Schafe zerstreut. Doch da ist keiner, der fragt, und da ist keiner, der auf die Suche geht.“ 

Vers 12: Ein Teil dieses Verses ist im Hebräischen nur schwer zu verstehen; wörtlich heißt es hier: „an dem Tag, an dem er unter seiner Herde ist, versprengt/getrennt.“ Anhand der antiken, griechischen Übersetzung kann man erkennen, dass sich „versprengt/getrennt“ auf die Herde bezieht und sie beschreibt. Aber in dieser Übersetzung wird der Vers leicht anders gedeutet, denn nicht Gott ist inmitten seines Volkes an diesem Tag, sondern Dunkelheit und Nebel: „Wie der Hirte seine Herde am Tag sucht, wenn Dunkelheit und Nebel mitten unter den zerstreuten Schafen sind,… .“ Diese Wetterphänomene kommen auch im hebräischen Text vor – jedoch erst am Ende des Verses: „ich werde sie retten aus all den Orten, wohin sie sich am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels zerstreut haben“. In der Sprache des Alten Testament sind – wörtlich übersetzt – „der Tag von Wolke und Düsternis“ ein Bild für den Tag des göttlichen Gerichts (siehe Ezechiel 30,2-3: „So spricht GOTT, der Herr: Heult: Weh über den Tag! Denn ein Tag ist nahe, ein Tag des HERRN ist nahe, ein Tag des Gewölkes. Eine Zeit für die Nationen ist da.“).

Vers 15: In den Versen 13-15 sammelt Gott das Volk, das über die ganze Erde zerstreut wurde (siehe Vers 6), und führt es zurück zu den „Bergen Israels“. Sie werden in diesen Versen dreimal als Ziel angegeben – gemeint ist das Land Israel. Fünfmal wird hier zudem das Leitwort des gesamten Abschnittes, „weiden“, verwendet: Gottes Fürsorge führt Israel zurück in sein Land und lässt es dort in Ruhe lagern. 

Verse 16-17a: Die letzten Worte sind die radikale Umkehr dessen, was die schlechten Hirten, die alten Führungseliten dem Volk Israel angetan haben – siehe Vers 4: „Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, das Kranke habt ihr nicht geheilt, das Verletzte habt ihr nicht verbunden, das Vertriebene habt ihr nicht zurückgeholt, das Verlorene habt ihr nicht gesucht; mit Härte habt ihr sie niedergetreten und mit Gewalt.“ Der Pervertierung des Hirtenamtes stellt Gott seine Weltordnung entgegen, in der er an der Seite der Schwachen und Bedürftigen steht. Und am Ende werden Gottes Worte radikal: Die Machtegoisten werden nicht nur des Amtes enthoben, sondern für sie bedeutet Gott als weidender Hirte das Gericht – um die Metapher fortzuführen: Sie werden von ihm zur Schlachtbank geführt.

Auslegung

In der Umwelt Israels war es in alttestamentlicher Zeit üblich, dass göttliche und menschliche Herrscher als Hirten glorifiziert wurden. Im babylonischen Pantheon sagen selbst die Götter über den Gott Marduk: „möge er alle Götter weiden wie eine Herde“. Das Bild des Hirten steht für jemanden, der sich um die ihm Anvertrauten sorgt, kümmert und bemüht. Eine Eigenheit des Alten Testamentes ist es jedoch im Plural von Hirten zu reden und damit die gesamte politische Führung zu bezeichnen. 

Im Alten Testament werden große Führungsgestalten wie Mose und David nicht nur metaphorisch als Hirten bezeichnet, sondern sie waren auch Hirten, bzw. wurden für ihr Amt von den Hirtenfeldern berufen: „und er [= Gott] erwählte David, seinen Knecht; er holte ihn weg von den Hürden der Schafe, von den Muttertieren nahm er ihn fort, damit er Jakob weide, sein Volk, und Israel, sein Erbe.“ (Psalm 78,70-71). Wie im Buch Ezechiel wird Gott im Alten Testament immer wieder als der ideale Hirte seines Volkes dargestellt: „Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.“  (Jesaja 40,11). Aber dieses Bild stellt keine Romantisierung dar: auch schon damals führte ein Hirt seine Herde auf die Weiden wie auch auf die Schlachtbank. In Ezechiel 34,11-16 ist „weiden” das Leitwort dieses Abschnittes. Es kommt insgesamt sechsmal vor – und der letzte Vers verdeutlicht, das Gottes Hirtenamt Heil und Unheil bedeutet: „Doch das Fette und Starke werde ich vertilgen. Ich werde es weiden durch Rechtsentscheid.“ Gott als Hirte, das ist keine pastorale Romantik, sondern bedeutet eine radikale Ausrichtung an Gottes Recht und seinem Willen.

Wenn Gott sich selbst als Hirte bezeichnet, betont er die Legitimität seiner Herrschaft, seinen Führungsanspruch – er hat sich vor niemandem zu verantworten, da er der Besitzer und Hirte seiner Herde ist. Ein schlechter Hirte verliert Herdentiere. Ein guter Hirte treibt selbst auseinandergelaufene Herden wieder zusammen. Er führt seine Tiere von Weideplatz zu Weideplatz, zur Wasserstelle und zum nächtlichen Ruheort. Aber dieses Gottesbild hat zumindest für diejenigen, die sich als Herde verstehen, auch einen negativen Aspekt. Die Beter in Psalm 44 klagen Gott an: „Du hast uns gemacht zu Kleinvieh zum Essen.“ (Psalm 44,12). Der Hirte führt seine Herde nicht nur von grüner Aue zur grünen Aue, sondern auch zur Schlachtbank. Ein Hirte garantiert sowohl Schutz als auch den Tod.

Ein guter Hirte ist derjenige, dessen Herzensanliegen das Wohl seiner Herde ist. Sie ist sein ganzer Stolz und Reichtum. Aber anders als ein menschlicher Hirte wünscht sich Gott keine willenlose Herde. Ebenso wie ein menschlicher Hirte erzieht sich Gott eine Herde als ein Sozialgefüge, das sich als Gemeinschaft versteht und in dieser Gemeinschaft schafft Gott Recht. Anders als Schafe und Ziegen hat der Mensch sich vor seinem Hirten, vor Gott zu verantworten – und es mag überraschen, aber, so lehrt es das Buch der Psalmen, auch Gott muss sich vor seiner Herde verantworten.  

Kunst etc.

In der Zeit des Alten Testaments war die Tätigkeit des Hirten, neben dem Ackerbau, die grundlegende Form der Nahrungserzeugung. Die Kleinviehzucht brachte nicht nur Milch und Fleisch, sondern zudem auch Wolle und Leder ein. Eine Herde war ein Statussymbol, die Zahl der Tiere bestimmte die Größe des Reichtums. Die Besitzer von großen Herden hüteten nicht selbst, sondern sie stellten Hirten ein. Für die ihm anvertrauten Schafe und Ziegen hatte der angestellte Hirte zu haften. Das heißt, wenn ihm Tiere verlorengingen, musste er sie dem Besitzer ersetzen. So betrachtet ist die Hirten-Metapher ein zweideutiges Bild. Und vor allem ist es eine Metapher, die keinen Status – und vor allem keinen Prunk – darstellt, sondern eine Funktion, einen Auftrag, ja eine schwere Arbeit. Dies kann man heute noch in vielen Teilen der Welt sehen – hier zum Beispiel auf dem Foto eines afghanischen Hirten. 

„Shepard“, fotografiert 2008 von John Zada, Aghanistan Matters – Lizenz: CC BY 2.0
„Shepard“, fotografiert 2008 von John Zada, Aghanistan Matters – Lizenz: CC BY 2.0