Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (2 Petr 3,8-14)

8Dies eine aber, Geliebte, soll euch nicht verborgen bleiben, dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.

9Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.

10Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann werden die Himmel mit Geprassel vergehen, die Elemente sich in Feuer auflösen und die Erde und die Werke auf ihr wird man nicht mehr finden.

11Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: Wie heilig und fromm müsst ihr dann leben,

12die Ankunft des Tages Gottes erwarten und beschleunigen! An jenem Tag werden die Himmel in Flammen aufgehen und die Elemente im Feuer zerschmelzen.

13Wir erwarten gemäß seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.

14Deswegen, Geliebte, die ihr dies erwartet, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler in Frieden angetroffen zu werden!

Überblick

Auch 70 Jahre nach dem Ersten Thessalonicherbrief (um 50 n. Chr.), aus dem die Zweite Lesung an den letzten Sonntagen vor Christkönig genommen war, hat sich die Frage nach dem endgültigen Gericht Gottes, der Wiederkunft Christi und dem damit verbundenen Ende dieser Erdenzeit nicht erledigt. Davon zeugt die Lesung aus dem Zweiten Petrusbrief (zwischen 120 und 135 n. Chr., zur Einleitung in dieses Schreiben s. die Hinführung zur Zweiten Lesung am Fest Verklärung Christi Lesejahr A), Dabei ist es spannend wahrzunehmen, dass der uns unbekannte Autor von 2 Petrus im Rahmen derselben Diskussion deutlich andere Akzente setzt als Paulus.

 

Einordnung der Lesung in den Zusammenhang

Dass die Zeit gegenüber Paulus weiter vorangeschritten ist, merkt man daran, dass der mit der geliehenen Autorität des Apostels Petrus auftretende Verfasser weniger den Glauben als Vollzug im Blick hat (also ein Glaube, der Hoffnung und Trost gibt, weil er gelebte Gottes- und Christusbeziehung ist), als vielmehr einen Glauben als Lehre, deren Wahrheit unerschütterlich feststeht und der als solcher Folge zu leisten ist. Die Irrlehre, gegen die 2 Petrus sich wendet, ist eine doppelte:

a) Sie besteht einerseits in der Leugnung Christi. Die Irrlehrer nehmen ihn nicht ernst als denjenigen, der von den Bindungen an die irdischen Attraktionen befreien wollte und von den unheilvollen, weil nie wirklich zu befriedigenden Versuchungen erlöst hat, die vor allem mit Habgier und (sexueller) Ausschweifung identifiziert werden (zur "Lehre" vgl. 2 Petrus 1,4: "Durch sie [d. i. Christi göttliche Macht] sind uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr durch diese Anteil an der göttlichen Natur erhaltet und dem Verderben entflieht, das durch die Begierde in der Welt herrscht."; der beschriebene Vorwurf an die Irrlehrer findet sich in 2 Petrus 2,1-22).

b) Neben der Leugnung Christi als Heilsbringer verspotten die Irrlehrer aber auch die Erwartung einer Wiederkunft Christi zum Gericht. Damit entfällt die Vorstellung einer Letztverantwortung für das, was man im Leben tut, in dem Augenblick, wenn dieses irdische Leben endet. Damit gibt es aber auch endgültig keine Rechfertigung für moralische Grenzen.

In den Rahmen dieses zweiten Argumentationsgangs (2 Petrus 3,1-13) ordnen sich die ausgewählten Lesungsverse 8-14 ein. Vers 14 zieht das Fazit aus dem in Versen 11-13 Gesagten und leitet damit in den ersten Briefschluss (2 Petrus 3,15-16) über, der indirekt begründet, warum der Verfasser überhaupt diesen Brief schreibt: Eigentlich sagt er nichts anderes als schon der Apostel Paulus, doch dieser habe missverständlich geschrieben, so dass es der erläuternden Widerholung bedurfte.

Verse 17-18 bilden den zweiten und endgültigen Briefschluss mit Mahnung und Segenswünschen.

 

Vers 8: Die Botschaft an die "Geliebten"

Nachdem der Briefschreiber sich - in am Schluss sehr polemischem Ton - in Kapitel 2 über die anderen, nämlich die Ihrrlehrer ausgelassen hat, wendet er sich in Kapitel seinen Adressaten selbst zu. Nach der über das Ziel wohl etwas hinausschießenden Bildrede von "Hund" und "Schwein" (2 Petrus 2,22) wählt der Autor sehr bewusst die Anrede "Geliebte", die im Schlusskapitel des Zweiten Pretrusbriefes sogar viermal begegnet: 3,1.8.14.17 (die fettgedruckten Verse kommen in der Lesung vor). Sie bedeutet Wertschätzung wie Solidarisierung des Autors mit seiner Gemeinde (Vers 13 spricht ausdrücklich von "wir"). Zugleich darf, ja muss wohl mitgehört werden, dass alle gleichermaßen "Geliebte Gottes" sind im Gegensatz zu den für das Gericht und das Verderben bestimmten "gottlosen Menschen" (Vers 7, der letzte Vers vor der Lesung).

Von ihnen, den "Gottlosen", handeln die Verse 1-7. In ihnen zitiert der Verfasser nicht nur die Irrlehre der "Gottlosen" (Vers 4: "Wo bleibt seine verheißene Ankunft? Denn seit die Väter entschlafen sind, bleibt alles wie von Anfang der Schöpfung an."), sondern widerlegt zugleich deren Behauptung einer ewigen Zeitengleichheit mit dem Hinweis auf die Unterscheidung zwischen der Zeit vor und nach der Sintflut. Jetzt setzt Vers 8 zu einem neuen Argumentationsgang an.

Die Unterscheidung der beiden Weltzeiten vor und nach der Sintflut ändert nichts daran, dass die Zeit bis zum Kommen Christi zum Gericht für die Menschen unendlich lange dauert. Doch das ist nur deren Sichtweise. Aus der Perspektive Gottes als dem, der nicht nur jenseitig, sondern auch jenzeitig ("ewig") ist, für den also die Gesetzmäßigkeiten unserer Zeitvorstellungen überhaupt nicht gelten bzw. auf den sie nicht anwendbar sind, stellt sich die Sache völlig anders dar. Aus seiner Perspektive, die nur die reine Gegenwart kennt, relativieren sich noch so lange Zeiträume zur kurzen Frist. Dabei kann der Verfasser an Psalm 90,4 anknüpfen: "Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht."

 

Vers 9: Geduld und Umkehr

Bei aller für Gott geltenden Aufhebung der Zeitgesetzlichkeiten bleibt die Problematik auf menschlcher Seite, da sich hier die Zeit "zieht". Selbst "tausend Jahre" scheinen dem Autor denkbar und aus heutiger Perspektive blicken wir schon auf zwei Jahrtausende zurück. Er sieht sie jedoch nicht als emotionale Belastung, sondern - wiederum aus der Perspektive Gottes - als Ausdruck von  Geduld, die Zeiträume der Umkehr eröffnet. Wieder aus heutiger Sicht könnte man sagen: Diese Zeiträume können gar nicht lang genug sein, da der Mensch in Sachen Umkehr (man denke nur an das Thema Gewalt, auch sexueller Gewalt) offensichtlich nur sehr, sehr langsam - wenn  überhaupt - lernt und sich auf Änderungsprozesse einlässt.

 

Vers 10: Heiße Aussichten

Die unbestimmt lange Verzögerung (Vers 9) des "Tages des Herrn", den der Briefschreiber bereits in Vers 7 (außerhalb der Lesung) als "Tag des Gerichts" in Erinnerung gerufen hat, ändert nichts an der Gewissheit seines Eintreffens. In Vers 7 ist auch schon das Motiv des Weltenbrandes vorbereitet, das in seiner eher Schwierigkeiten bereitenden Umfassendheit (wie sollen bei einer Totalzerstörung die "Heiligen und Frommen" Vers 11 gerettet werden?) eine Besonderheit des Zweiten Petrusbriefes zu sein scheint, auch wenn es Anknüpfungspunkte in das Alte Testament und "Ausläufer" in die Offenbarung des Johannes gibt (s. "Auslegung"). Offensichtlich baut der Zweite Petrusbrief ein massives Drohpotenzial gegen diejenigen auf, die "gottlosen Menschen" (Vers 7), um zugleich auf der Folie der "heißen" Untergangsaussichten das Hoffnungsbild eines "neuen Himmel(s) und eine(r) neue(n) Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (Vers 13) um so lichtvoller und erstrebenswert vor Augen zu stellen.

 

Vers 11: Was heißt "heilig" und "fromm"?

Ob am Ende das Verbrennen alles Getanen steht oder ein Bestehen vor Gott und seiner "Gerechtigkeit" , hat jeder Mensch selbst in der Hand. So fordert Vers 11 zu "heiligem" und "frommem" Tun auf. Was "heilig" meint, ergibt sich in 2 Petrus aus der Gegenüberstellung der "heiligen Propheten" (3,2) des AltenTestaments als zu beherzigenden Kündern des Wortes Gottes und den "falschen Propheten" (2,1), die mit "Ausschweifungen", "Habgier" und "erdichteten Worten" und "Verderben" (2,2-3) in Verbindung gebracht werden. "Heilig" ist von all dem das Gegenteil und damit "richtig" im Sinne von: zu Gott hinführend.

Das Wort "Frömmigkeit" (griechisch eusébeia) ist vom Griechischen her der Gegenbegriff zur "Gottlosigkeit" (griechisch: asébeia), von der 2 Petr 3,7 spricht (wenn auch in Form des Adjektivs "gottlos"/griechisch: asebḗs). Die "Gottbezogenheit", wie man "Frömmigkeit"  zur Verdeutlichung des Gegenbegriffs besser wiedergeben könnte, ist für den Zweiten Petrusbrief eine zentrale Forderung, die nichts mit Innerlichkeit zu tun hat, sondern - wie die Heiligkeit - sich auf der Ebene konkreten Handelns zeigt:

"5 Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, 6 mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, 7 mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!" (2 Petrus 1,5-7).

 

Vers 12: Tätige Erwartung

Sich tätig auf die Ankunft des Zeitenwechsels, des "Tages Gottes" bzw. der Wiederkunft Christi vorzubereiten, ist ein Motiv, das im neuen Testament nur allzu bekannt ist und besonders deutlich in der großen Gleichnisrede Jesu Matthäus 24,37 - 25,46 (vgl. dazu unter "Kontext" die Kommentierung der Zweiten Lesung am 33. Sonntag i. Jk. Lesejahr A) ausgebreitet wird. Dass die Ankunft dieses Tages durch das "heilige und fromme" Handeln gar beschleunigt werden kann - auch dies ein schwieriger Gedanke, da zumindest das Verhältnis zur Souveränität Gottes zu klären wäre -, könnte an eine jüdische Tradition anknüpfen. Nach breitbezeugtem rabbinischen Glauben würde der Sohn Davids sofort kommen, wenn die Israeliten einen Tag Buße täten (vgl. dazu Hubert Frankemölle, 1. und 2. Petrusbrief. Judasbrief [Die Neue Echter Bibel Bd. 18 und 20], Würzburg 1987, S. 113 unter Verweis auf Paul Billerbecks  Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch Bd. I, München 1922, 162-170).

 

Vers 13: Das Ziel

Vers 13 bildet den eigentlichen Zielsatz der Lesung, da hier nach allen negativen Abgrenzungen positiv umschrieben wird, was Christen erhoffen und erwarten dürfen, und zwar aufgrund "seiner", also Gottes "Verheißung", die sich schon in den "heiligen Propheten" (s. o.) kundgetan hat:

"Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde." (Jesaja 65,17)

"Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir stehen - Spruch des HERRN - , so bleibt eure Nachkommenschaft und euer Name bestehen." (Jesaja 66,22)

Neutestamentlich wird ausdrücklich auf diese Verheißung noch in der Offenbarung des Johannes zurückgegriffen:

"Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr." (Offenbarung 21,1)

Im Zusammenhang des Zweiten Petrusbriefes und seinem Zeitenschema sind es der dritte Himmel und die dritte Erde: Der erste Himmel und die erste Erde meint die Zeit von der Schöpfung bis zur Sintflut. Der zweite Himmel und die zweite Erde meint die Zeit ab dem Austrocknen der Sintflut bis zum Ende dieser Welt, der dritte und "neue Himmel" und die dritte und "neue Erde" meinen die Zeit, wenn diese Weltzeit zuende geht und Christus wiederkommt (zum Verständnis für heute s. unter "Auslegung").

 

Vers 14: "ohne Makel nud ohne Fehler"

Der Schlussvers der Lesung zieht die Konsequenz aus dem bisher Gesagten und fordert noch einmal zum "heiligen und frommen Leben" auf, also zu einem Handeln, das zum Bestehen des Endgerichts und zum Leben "im neuen Himmel und auf der neuen Erde" führt. Die neu gewählte Begrifflichkeit ("ohne Makel und ohne Fehler") ist einmal mehr aus der Abgrenzung von den "Gottlosen" gewonnen. Sie werden durch ihre Taten in 2 Petrus 2,13 als "Schandflecken und Makel" bezeichnet (griechisch: spíloi kai mōmoi). Demgegenüber sollen die angeschriebenen Christinnen und Christen keine "Schandflecke" und "Makellose" (griechisch: á-spiloi kai a-mṓmētoi) sein.

Insofern "Makel und Fehler" die Folge sind, wenn man den falschen Propheten und Irrlehrern nachfolgt, die Gott und Jesus Christus "verspotten" (2 Petrus 3,3), ist "Friede" das Verhalten derer, die in der Gottesbeziehung leben und erfüllt sind vom "Friede(n) in Fülle durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn" (2 Petrus 1,2).

Auslegung

Das Motiv des Weltenbrandes (Vers 10)

So detailreich der zweite Petrusbrief auch das Ende dieser Zeit beschreibt und so sicher der Verfasser selbst an ein Verbrennen dieser Welt geglaubt haben mag, so wenig wird man seinen Ausführungen gerecht, wenn man sie in fundamentalistischer Weise als Vorauswissen tatsächlicher Abläufe in wörtlicher Weise versteht. Zu deutlich sind die Vorlagen erkennbar, aus denen heraus er seine Gedanken formuliert, und zu vielfältig sind die Vorstellungen im Alten wie im Neuen Testament vom Ende der Zeiten, als dass sich daraus ein einheitliches "Voraus-Wissen" ableiten ließe. Nein, in Bildern wird von einer Zukunft gesprochen, deren konkrete Ausgestaltung niemand vorwegnehmen kann. Alle Aussagen stimmen aber darin überein, dass Gott selbst das letzte Wort hat und mit ihm das Recht bzw. die Gerechtigkeit und nicht das Unrecht bzw. die Ungerechtigkeit. Ebenfalls ist es der feste und einheitliche Glaube aller biblischen Zeugnisse, dass bei Gott nichts und niemand verloren geht, sondern, wie es Kohelet formuliert, "das Verjagte wieder suchen wird" (Kohelet 3,15). Dieser Glaube gewinnt im Zeugnis von der Auferweckung des hingerichteten Jesus Christus noch einmal eine neue Gestalt und Gültigkeit. Weiterhin gilt aber, dass  der Mensch verantwortlich bleibt für sein irdisches Handeln über den Tod hinaus. Was man sich aber genau an dieser Grenze zwischen Tod und (ewigem) Leben vorzustellen hat, darüber kann nicht anders als in Bildern gesprochen werden. Am "objektivsten" ist noch der Hinweis, dass alles "ganz anders" oder "ganz neu" sein wird - so sehr, dass selbst der auferweckte Jesus von seinen ridischen Wegbegleiterinnen (besonders Maria von Magdala) und -begleitern (Emmausjünger) nicht sofort erkannt wird und sich der tatsächlichen Berührbarkeit entzieht.

Um nicht "bei Adam und Eva" anzufangen und zügig zum Petrusbrief zu kommen: Die schon im 8. Jh. v. Chr. bei Amos und Jesaja greifbare Idee eines kommenden Gerichtstages zur Scheidung zwischen den auf Gott Setzenden und den sich ihm Widersetzenden entwickelt sich besonders in der Zeit der griechischen Besatzung Palästinas (nach Alexander des Großen Eroberung des persischen Großreiches 333 bzw. 323 v. Chr.), die phasenweise von großer Brutalität und Religionsverfolgung geprägt war, die Vorstellung einer Zwei-Weltzeitenlehre: Die gegenwärtige, als katastrophal erlebte Weltzeit (im griechischen Fachbegriff: Äon) - so sagt man - "vermag es ja nicht, die Verheißungen, die den Frommen für die Zukunft gemacht sind, zu ertragen; denn dieser Äon ist voll von Trauer und Ungemach“ (4 Esra 4,27). Also erwartet man von Gott her einen neuen, zweiten Äon, der den gerechten Menschen eine paradiesische Zukunft bringen wird.

Diese Vorstellung ist auch im Neuen Testament bekannt: Hierhin gehört das Gleichnis vom Unkraut im Acker (Matthäus 13,37-43, zum Text s. unter "Kontext") ebenso wie 1 Korinther 10,11, wo Paulus sich und die Adressaten der Generation zuzählt, "die das Ende der Äonen erreicht hat".

Auf dem Hintergrund dieser Ausgangslage bezeugt das Neue Testament aber nun unterschiedliche Entwicklungslinien. Während die alttestamentlich-jüdische Vorlge eine radikale Trennung zwischen beiden Äonen macht, scheint Jesus selbst sich gerade als der zu sehen, der beide miteinander verbindet, der die Welt Gottes mit der irdischen Welt schon jetzt in Verbindung bringt. Nichts anderes besagt Lk 17,21: "Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.“ Und wenn Paulus in 2 Korinther 5,17 die Taufe als Neuschöpfung versteht ("Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“), dann verschmelzen auch hier bereits beide Äonen in der Gegenwart.

Dieser Gedanke ist offensichtlich mit einer Individualisierung des Äonen-Wechsels verbunden: Er vollzieht sich zunächst bei der Taufe im Einzelnen, und schließlich wird us der "Vermischung" das ganz Neue im Augenblick des Sterbens geschehen. Das Gericht geschieht nicht mehr irgendwann, sondern für jede und jeden im Augenblick des Todes. Das hört sich bei Paulus dann so an:

"9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. 10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. 12 Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: 13 Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. 14 Hält das Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. 15 Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch." (1 Korinther 3,9-14)

Es fällt auf, dass auch hier - wie in 2 Petr 3,7.10 - das Motiv des Brennens bzw. Feuers begegnet. Es hat hier aber weniger zerstörende, als eine reinigende, läuternde, das Edelmetall aus dem nicht so wertvollen Gesteinsbrocken herausschmelzende Funktion (vgl. dazu bereits Maleachi 3,19-20: "19 Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und alle Frevler zu Spreu und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der HERR der Heerscharen. Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen dann bleiben. 20 Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen wie Kälber, die aus dem Stall kommen.")

Von dieser Sichtweise setzt sich 2 Petrus deutlich ab und greift lieber die alttestamentlich-apokalyptische Vorstellung mit ihrer nicht individuellen, sondern kosmischen Vorstellung auf. Er bleibt bei dem harten Schnitt zwischen diesem Äon und dem künftigen und hält an einer in die ferne Zukunft rückenden Gerichtsvorstellung fest. Zumindest im Groben (auf die Unterschiede kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden) findet sich dieses "Modell" auch in den Schlusskapiteln der Offenbarung des Johannes (Kapitel 19-21).

In 2 Petrus fallen allerdings Besonderheiten auf: Zwar ist das Feuer-Motiv durchaus traditionell, doch als allumfassender Weltenbrand ist es eher spezfisch für diesen Brief. Dasselbe gilt für die Aufteilung des ersten Äons (diese Weltzeit) in zwei "Unter-Äonen": Schöpfung bis zur Sintflut, von der Austrocknung der Sintflut bis zum Beginn des zukünftigen und endgültigen Äons. Beides verdankt sich wohl, zumindest unter anderem, der Auseinandersetzung des Verfassers mit den "Irrlehrern", die ausdrücklich genannt werden (2 Petrus 2,1). Gegen sie führt der Verfasser eine sehr erbitterte Polemik. Für ihre "Gottlosigkeit" sucht er nach bekannten Vorbildern und landet bei den (sexuell) frevelnden Engeln in Genesis 6,1-4, bei der Generation, die Gott durch die Sintflut gestraft hat (unter Rettung des gerechten Noah und seiner Familie; vgl. dazu Genesis 6 -8) sowie bei den sexuellen Missbrauch treibenden Bewohnern von Sodom und Gomorra (vgl. Genesis 19), deren Städte samt Bewohnern niedergebrannt (!) wurden, einzig unter Rettung des gerechten Lot (zum Ganzen vgl. 2 Petrus 2,4-8).

Nach dem Vergleich der Gegner des Petrusbrief-Autors mit alttestamentlichen "Vorbildern" in puncto Ungeheuerlichkeit der Taten sucht er nun auch nach vergleichbaren göttlichen Strafen. Das Feuermotiv ist durch die Vernichtung der beiden genannten Städte vorgegeben, das kosmische Ausmaß durch die ebenfalls kosmisch ausgemalte Sintflut.

Die erwähnte Unterteilung des irdischen Äons in einen vor- und einen nachsintflutlichen Zeitraum braucht der Briefschreiber, weil die "Irrlehrer" einen praktischen Atheismus zu vertreten scheinen, der besagt, dass Gott (möglicherweise) die Welt erschaffen habe, sie aber seitdem sich selbst überlasse. Er sei bislang nicht aus dem Weltgeschehen erkennbar und deshalb sei auch in aller Zukunft mit ihm nicht zu rechnen. Der sich mit der Hoffnung auf die Wiederkunft Christi verbindende Gedanke einer Verantwortlichkeit für das eigene Tun ist ihnen nicht nur fremd, sondern ist ihnen Rechtfertigung, einzig und allein anch eigenem Gutdünken zu handeln, frei von allen ethischen Bedenken. So ist wohl die Anklage der Gegner in 2 Petrus 3,3-4 zu verstehen:

"3 ... In den letzten Tagen werden Spötter kommen, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen 4 und sagen: Wo bleibt seine verheißene Ankunft? Denn seit die Väter entschlafen sind, bleibt alles wie von Anfang der Schöpfung an."

Der Briefschreiber setzt dagegen: Schon die Sintflut zeigt, dass nicht alles seit der Schöpfung unverändert geblieben ist. Und Vergleichbares dürfen wir auch noch einmal für das Ende des derzeitigen Äons (hier werden Autor und alle Leserinnen und Leser seines Briefes, egal in welchem Jahrhundert oder Jahrtausend zu Zeitgenossen) erwarten.

 

"... in denen die Gerechtigkeit wohnt" (Vers 13)

An dieser Formulierung fällt auf, dass die Gerechtgkeit wie eine Person behandelt wird, die "wohnen" kann - und zwar in der Raum und Zeit aufhebenden Gegenwart Gottes.

Diese Personalisierung (aus dem Griechischen stammender Fachbegriff: Hypostasierung) der "Gerechtigkeit" ist sehr alt und knüpft, wie so oft in der Heiligen Schrift, an sehr konkrete Gegebenheiten an, näherhin an Jerusalem und den Namen dieser Stadt. "Gründung/Stadt Salems" (ursprünglich: ú-ru-sa-lim ) ist die älteste Namensüberlieferung. Dabei verweist "šalim" als Gottheit der Abenddämmerung auf deren Vater, den Sonnengott. Beide sind in der vorisraelitischen Zeit bereits mit Gerechtigkeit verbunden, deren Bewahrer sie sind.

Dass diese Vorstellung mit der israelitischen Zeit Jerusalems nicht verschwunden ist, zeigt Jesaja 1,21.27: "21 Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt. Die voll des Rechts war, in der Gerechtigkeit die Nacht verbrachte - und jetzt Mörder! ...  25 Ich will meine Hand gegen dich wenden, ich schmelze wie mit Lauge deine Schlacken aus und will all dein Blei entfernen. 26 Ich will dir Richter geben wie am Anfang und Ratgeber wie zu Beginn. Danach wird man dich Stadt der Gerechtigkeit nennen, treue Stätte."

Schon hier wird unter Anspielung auf die kanaanäische Vorgeschichte die Gerechtigkeit zur "Bewohnerin" (in Form des "Nächtigens"). Und schon hier begegnet die Vorstellung, dass die Menschen durch ihr Tun die "Gerechtgkeit" vertreiben können und ihre Wiederkehr von Gott bewirkt wird.

Jesaja 32,15-17 überträgt die Erwartung einer Wohnung nehmenden Gerechtigkeit losgelöst von Jerusalem auf eine kommende Heilszeit, die aber noch irdisch gemeint zu sein scheint. ("15 bis über uns der Geist aus der Höhe ausgegossen wird. Dann wird die Wüste zum Garten und der Garten wird zum Wald. 16 In der Wüste wird wohnen das Recht und in dem Garten wird die Gerechtigkeit weilen. 17 Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer.")

Bei alledem gilt: Gott selbst (also nicht die Sonne oder eine Sonnengottheit) ist mit dieser Gerechtigkeit untrennbar verbunden:

"Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte." (Psalm 85,14)

Aus diesen Bausteinen kann 2 Petrus 3,14 seine trostvolle Verheißung formulieren, dass wir "einen neuen Himmel und eine neue Erde" erwarten, "in denen die Gerechtigkeit wohnt".

 

Was bleibt ...

von den zum Teil in heutiger Zeit befremdlich klingenden Formulierungen der Lesung gültig? Im Blick auf die Irrlehrer seiner Zeit bleibt der Autor im Recht, dass die Geschichtszeit nicht einfach ein Kontinuum ist, das ungestört weiterläuft oder sich gar kontinuierlich zum Besseren entwickelt. Die entsprechenden Philosophien wurden und werden von der Wirklichkeit eingeholt und widerlegt. Corona ist in diesem Zusammenhang noch einmal ein ganz eigener "Lehrmeister", der wohl besonders deshalb so hart traf, weil die Welt größtenteils eben doch an das sich stetig verbessernde Kontinuum glaubte. Es bedarf besonderer "Geisteskraft" - christlicher Glaube spricht vom Geist Gottes und Jesu Christi, seiner Gnade und seinem Frieden (2 Petrus 1,2) -, um der Beharrlichkeit der spottenden, verächtlich machenden, Angst schürenden oder gar Gewalt säenden Kräfte in dieser Welt sich immer neu entgegenzustellen. Hilfreich ist dabei nur eine "Frömmigkeit", die tatsächlich "Gottbezogenheit" meint (s. zu Vers 11 unter "Überblick") und nicht unter dem Deckmantel der Frömmelei "eigenen Begierden nachgeht" (vgl. 2 Petrus 3,3 als Gegensatz zum "heiligen und frommen Leben" in Vers 13).


Der Verfasser hat auch Recht, dass diese Zeit einem Ende entgegengeht. Dies wird für jede und jeden spätestens in seinem eigenen Tod erfahrbar, der bekanntlich die Mitnahme von nichts gestattet (Vers 10: Elemente, Erde und Werke werden sich auflösen). Was bleiben wird - das bekennt der Petrusbrief mit dem gesamten Neuen Testament - ist das Selbst ("Seele", "unverweslicher Leib"), das sein irdisches Dasein abgestreift hat und in der Verantwortung bleibt für ein gelebtes Leben - vor Gott, der einst dieses Leben gegeben hat. Dass dieses neue und gewandelte Leben auf reine Gerechtigkeit hoffen darf - endlich!, vielelicht aber auch ganz anders, als erwartet -, ist eine wunderbare Verheißung, die der Zweite Petrusbrief in Aussicht stellt.

Kunst etc.

Feuer. CC BY-NC, Fir0002/Flagstaffotos
Feuer. CC BY-NC, Fir0002/Flagstaffotos

 Verse 10-12 der Lesung

10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann werden die Himmel mit Geprassel vergehen, die Elemente sich in Feuer auflösen und die Erde und die Werke auf ihr wird man nicht mehr finden. 11 Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: Wie heilig und fromm müsst ihr dann leben, 12 die Ankunft des Tages Gottes erwarten und beschleunigen! An jenem Tag werden die Himmel in Flammen aufgehen und die Elemente im Feuer zerschmelzen.

s. Näheres unter "Auslegung"