Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Gen 9,8-15)

8Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren:

9Ich bin es. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch 10und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt. 11Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.

12Und Gott sprach:

Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: 13Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. 14Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, 15dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt.

Überblick

Auch Gott braucht Grenzen – aber er setzt sie sich selbst. Und dadurch gibt er ein unbedingtes Ja zur Schöpfung.

 

1. Verortung im Buch

Die Sintfluterzählung (Genesis 6,5-9,17) ist sowohl der Tiefpunkt als auch der Wendepunkt des ersten Teils der Menschheitsgeschichte. Am Anfang des Buches Genesis hieß es noch: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut“ (Genesis 1,31). Doch durch und nach dem sogenannten Sündenfall und dem ersten Mord sieht es sehr schnell anders aus und Gott bereut sein Schöpfungshandeln: „Da sprach Gott zu Noach: Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist gekommen; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Siehe, ich will sie zugleich mit der Erde verderben.“ (Genesis 6,13). Gott beauftragt den gerechten Noach für sich, seine Familie und einen kleinen Teil der Schöpfung eine Arche zu bauen. Die Arche ist sozusagen eine Kapsel, in der eine Miniatur der Schöpfung durch die Sintflut hindurch gerettet wird.

Nach der Sintflut bringt Noah Gott ein Opfer dar, woraufhin Gott folgenden Entschluss fasst: „Ich werde den Erdboden wegen des Menschen nie mehr verfluchen; denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an. Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.“ (Genesis 8,21). In Genesis 9,1-17 legt Gott diesen Entschluss an die Menschen aus. In den Versen 1-7 zeigt er die neue Schöpfungsordnung auf und wiederholt den Vermehrungsauftrag, bevor der dann in den Versen 8-17 den Geretteten gibt Gott dann die Zusage: Nie wieder wird er die Schöpfung in ihrer Existenz infrage stellen. 

 

2. Aufbau

Auf den ersten Blick wirkt das Gotteswort in Genesis 9,8-17 redundant – doch dies ist kein schlechter Schreibstil, sondern ein Ausdruck der großen Feierlichkeit dieser Zusage. Gegliedert ist dieser Abschnitt durch das dreimal vorkommende „Gott sprach“. In den Versen 8-11 wird der Bund angekündigt. In den Versen 12-16 wird der Bund vollzogen und die dazugehörigen Zeichen eingesetzt. Vers 17 ist die feierliche Verkündigung des vorherigen – und dieser Vers bildet zugleich eine Inclusio mit Vers 9 (siehe auch Vers 12).

Die Verse 16 und 17 gehören nicht zur alttestamentlichen Lesung am ersten Fastensonntag: „Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe.“ (Genesis 9,16-17).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 8-11: Das Gotteswort beginnt betont bewusst feierlich und legt den Fokus auf Gott selbst: “Ich, siehe mich!” Dadurch wird bereits angezeigt, dass der folgende Bund, kein zweiseitiger Vertrag ist, sondern eine einseitig festgesetzte Zusage. Diese Selbstverpflichtung Gottes gilt nicht nur den Menschen, sondern alle Lebewesen, die Gott geschaffen und durch die Arche gerettet hat.

Vers 12: Die hebräische Sprache besitzt eine Eigenart, die in der deutschen Übersetzung verwunderlich ist. Während im Deutschen ein Bund zwischen zwei oder mehreren Partnern geschlossen wird, heißt es im Hebräischen wörtlich in diesem Vers: „Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und zwischen euch und zwischen den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen“. Hier wird eben nicht die Zweiseitigkeit ausgedrückt, sondern die Bindung Gottes an seine Zusage gegenüber den Menschen und den Tieren.

Vers 13: Der „Bogen in den Wolken“ ist der Regenbogen. In den verschiedenen Sintflutgeschichten des Alten Orients spielt der Regenbogen immer eine bedeutende Rolle. Zugleich trägt das hebräische Wort  קֶשֶׁת (gesprochen: keschet) ebenso wie das deutsche Wort „Bogen“ auch eine zweite Bedeutung und bezeichnet auch die Waffe eine Bogenschützens. Das Buch Habakuk kennt auch die metaphorische Sprache des Bogen Gottes als Instrument seines Zorns: „Du hast deinen Bogen aus der Hülle genommen, gesättigt sind die Pfeile mit Botschaft.“ (Habakuk 3,9). Auf einer zweiten Bedeutungsebene könnte das Zeichen des Regenbogens somit auch Gottes Bereitschaft anzeigen, seine tödliche Waffe gegen die Schöpfung zur Seite zu legen. Doch primär geht es um den Regenbogen als Heilszeichen am Ende eines Unwetters.

Verse 14-15: Der Regenbogen ist keine Erinnerungsstütze für Gott, dass er den Regen beenden muss, bevor die Menschen sterben, sondern ein Zeichen aus der Perspektive der Menschen, dass Gott den Regen wieder gezügelt hat, ohne dass er zu einer Bedrohung für die Menschen werden konnte. Der Regenbogen ist das Zeichen, dass Gott seiner Selbstverpflichtung gedenkt.

Auslegung

Auch Gott braucht Grenzen – aber er setzt sie sich selbst. Nach der Sintflut, mit der Gott alle Lebewesen, die nicht in der Arche Noachs waren, umgebracht hatte, entscheidet er, fortan nicht mehr alles Leben auf der Erde vernichten zu wollen. Er entscheidet nicht nur, dass er nie wieder eine Sintflut über die Erde herbeiführen wird – sondern er setzt ein Naturphänomen ein, das ihn aufhalten soll, wenn er die Wasser wieder zu einer Flut versammeln wird: „So wird es sein: Wenn ich [Gott] Gewölk gewölkt habe über der Erde, wird der Bogen im Gewölk sichtbar werden.“ (Genesis 9,14). Der bunte Regenbogen auf dem Hintergrund der Unheil verheißenden Wolken wird von Gott als Bundeszeichen eingesetzt, das ihn erinnert, nie wieder eine Sintflut über die Erde hereinbrechen zu lassen.

Der Bund, den Gott mit Noach, dem Vorfahren aller Menschen, und mit allen Lebewesen schließt, ist kein Rechtsvertrag und hat keine Bedingungen. Der Bund ist ein Geschenk Gottes an die Menschen und die gesamte Welt, das der Schöpfung Schutz vor ihrem Schöpfer gewährt. Der Regenbogen als Zeichen des Bundes ist das Stopp-Schild, das Gott selbst bremst: „Dann werde ich meines Bundes gedenken, der zwischen mir und euch und jedem Lebewesen und allem Fleisch besteht, und nicht wird nochmal das Wasser zu einer Flut werden, um alles Fleisch zu verderben.“ (Genesis 9,15). 

Aber was bedeutet es, wenn Gott ein Erinnerungszeichen braucht, um nicht alles Leben auf der Welt auszurotten? Die am buntesten leuchtenden Regenbögen sieht man meist erst während oder nach kräftigen Regengüssen. Die kleinen Wassertropfen in der Luft brechen das Licht, der durch die Wolkendecke hindurch scheinenden Sonne. Der Regenbogen selbst ist nur ein Effekt. In der Natur verursacht das Sonnenlicht den Regenbogen, im Buch Genesis ist seine Grundlage die liebvolle Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung, die er durch seinen Bund unwiderruflich zugesichert hat. Der Regenbogen visualisiert einerseits, dass Gott sowohl zornig als auch gnädig sein kann. Andererseits und schlussendlich gilt jedoch: Seine langmütige Barmherzigkeit begrenzt seinen strafenden Zorn (vgl. Exodus 34,6-7).   

Kunst etc.

In einem Mosaik in der Kathedrale St. Paul in London wird der Regenbogen als Schutzsymbol über der Familie Noahs und somit über der Menschheit dargestellt. Der Regenbogen umgibt die Menschheit in deren Zentrum Mose steht – aber mit ihm und hinter ihm steht der in Genesis 8,20 erwähnte Opferaltar, dessen Rauch in den Regenbogen hinaufsteigt. So wird hier bildlich die Zusage Gottes mit dem Opfer verbunden.

Mosaik aus der Kathedrale St. Paul in London, fotografiert von Lawrence OP. Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0.
Mosaik aus der Kathedrale St. Paul in London, fotografiert von Lawrence OP. Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0.