Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Apg 4,32-35)

32Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.

33Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen.

34Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös

35und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.

Überblick

Die ideale Gemeinde! Ein Blick zwischen die Zeilen…

1. Verortung im Buch
Der Evangelist Lukas fügt seiner Erzählung vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth im Lukasevangelium (Lk) einen zweiten Teil hinzu. In der Apostelgeschichte (Apg) schildert er das Wirken der Apostel nach der Himmelfahrt Jesu und berichtet sowohl vom Leben der ersten Gemeinde in Jerusalem als auch von der Ausbreitung der christlichen Botschaft unter den Völkern. Am Anfang seiner Erzählung steht Jerusalem als Ort der Himmelfahrt und des Pfingstereignisses im Mittelpunkt, nach dem Tod des Stephanus dehnt sich dieser Fokus auf Judäa und Samaria hin aus. Petrus ist die zentrale Figur dieses ersten Teils (Apg 1-12,24). Im zweiten Teil (Apg 12,25-28,31) ist Paulus die prägende Gestalt der Erzählung. Lukas berichtet davon, wie er die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, nach Kleinasien (heute Türkei), Griechenland und zuletzt Rom trägt.

Der Abschnitt Apg 4,32-35 findet sich in dem größeren Erzählzusammenhang (Apg 3,1-5,42), in dem das Leben der Urgemeinde und das Zeugnis der Apostel im Fokus stehen. Er bildet den zweiten von insgesamt drei „Sammelberichten“ (Summarien) in der Apostelgeschichte, in denen im Stile einer Zusammenfassung Ereignisse der jungen Gemeinde knapp und damit beispielhaft geschildert werden.
Dem Abschnitt geht unmittelbar ein Gebet der Gemeinde voraus (Apg 4,23-31), das mit der nochmaligen Bestätigung der Geisterfüllung und dem freimütigen Bekenntnis aller endet.

 

2. Aufbau
Vers 32 wirft einen Blick auf die ganze christliche Gemeinde in Jerusalem. Die Verse 34-35 nehmen den Aspekt der Gütergemeinschaft noch einmal ausführlicher auf. Vers 33 ist ein Einwurf, der den besonderen Auftrag der Apostel und die gemeinsame Geistesgabe aller in der Gemeinde thematisiert.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 32: Was Lukas im Folgenden beschreibt gilt für die gesamte Gemeinde. Dies drückt die Bezeichnung „Menge derer, die gläubig geworden waren“ aus. Zwei Merkmale des gemeinschaftlichen Lebens rückt der Verfasser in den Mittelpunkt: Die christliche Gemeinde zeichnet sich zum einen aus durch Einmütigkeit („ein Herz und eine Seele“). Geschickt verwendet Lukas hier ein Ideal, das seine heidenchristlichen Leser gut kennen. Der Wert von Freundschaft und Gemeinschaft wird in der griechischen Literatur und Kultur stets betont. Indem Lukas es hier aber einbindet in den Kontext des Geistes (Apg 4,31) und der Gnadengabe (Vers 33) ist die Einmütigkeit der christlichen Gemeinde mehr als ein bloß tugendhaftes Verhalten. Sie ist Ausdruck oder Teil der Erfüllung mit dem Heiligen Geist.
Zum anderen ist die Gemeinde gekennzeichnet durch ihre Gütergemeinschaft, die eigentlich eine Solidargemeinschaft ist. Eigentum wird nicht vergemeinschaftet, aber niemand behandelt sein Eigentum als Exklusivgut („keiner nannte es sein Eigentum“). Der jeweilige Besitz wird zum Wohle der Bedürftigen eingesetzt, so dass selbstverständlich mit denjenigen geteilt wird, die Mangel leiden.

 

Vers 33: Lukas wendet sich nun zuerst dezidiert den Aposteln zu. Sie geben „mit großer Kraft“ Zeugnis von der Auferstehung und entsprechen damit dem expliziten Auftrag des Auferstandenen (Lukasevangelium 24,46-49 und Apg 1,8). Da die direkte Beauftragung durch den Auferstandenen Christus immer im Rahmen einer Begegnung mit den Aposteln erfolgt, wird dieser Personenkreis auch hier benannt. Lukas ist es wichtig zu zeigen, dass die Apostel erfüllen, was ihnen aufgetragen ist. Dass die Verkündigung der Botschaft von Leben, Sterben und Auferstehen Jesu am Ende durch alle „Gläubig gewordenen“ erfolgen kann und muss, steht nicht im Widerspruch hierzu. Lukas wird im Laufe der Erzählung von weiteren Glaubenszeugen berichten. Sein Fokus liegt hier jedoch darauf, dass die Apostel das persönliche Erlebnis der Auferstehung weitererzählen und den ihnen anvertrauten Auftrag ausführen. Im zweiten Teil des Verses weitet Lukas den Blick wieder auf die Gesamtgemeinde und deren gemeinsame Ausstattung mit „reicher Gnade“. Sie ist Folge der Geistsendung und damit der göttlichen Gabe an alle Getauften. Sie zeigt sich nicht nur in Form unterschiedlicher konkreter Geistesgaben, die im Dienst der Gemeinde stehen. Vielmehr hat die Gnade auch eine Außenwirkung, wie sie in Apg 2,47 beschrieben ist: „sie fanden Gunst beim ganzen Volk“. Wer mit Gnade beschenkt ist und dies durchscheinen lässt, der wird auch von den Menschen als ein „Begnadeter“ wahrgenommen.

 

Verse 34-35: Die Solidargemeinschaft von Vers 32 wird noch einmal aufgenommen und genauer erklärt. Wichtig ist hierbei der Rahmen, der sich um die beiden Verse legt: Es gibt keinen der Not litt und jeder bekommt, was er nötig hat! Nach diesen beiden Kriterien richtet sich also die gemeinsame Benutzung des Eigentums einzelner. Eigentum wird offenbar veräußert, wenn jemand in der Gemeinde Not leidet. Die Weitergabe des Erlöses erfolgt aber nicht einfach in Form einer direkten Spende an den Bedürftigen, sondern die Apostel verteilen die Güter so, dass jeder das bekommt, was er braucht.

Auslegung

Die Erstleser der Apostelgeschichte sind griechisch geprägte Heidenchristen. Menschen also, die sich von einem anderen Glauben als dem jüdischen Glauben aus zu Christus bekannt haben und in der griechischen Kultur zuhause sind. Diesen Erstlesern möchte Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, nicht nur ein möglichst eindrückliches Bild der Jerusalemer Urgemeinde zeichnen, sondern sie auch ermutigen, selbst nach diesem Bild zu leben. Deshalb zeigt Lukas die erste Gemeinde der Christen als eine Gemeinschaft, die ganz „eins“ ist. Die Umschreibung „ein Herz und eine Seele“ zeigt die innige personale Verbindung zwischen den Gemeindemitgliedern an und greift zurück auf das den Lesern bekannte Ideal von Freundschaft und Gemeinschaft. Gemeinde ist also zunächst gar nicht so anders als das, was die griechisch geprägten Christen aus ihrem vorchristlichen Leben kennen: Es gibt gemeinsame Werte (Einmütigkeit), ein Gemeinwohl (alle sollen das Nötigste haben) und eine Sorge füreinander. Was die neue Form von Gemeinschaft jedoch kennzeichnet und zu dieser Lebensform motiviert, hebt sich jedoch ab vom bisherigen. Die christliche Gemeinde gibt sich ihre Werte nicht aus sich heraus, sie sind begründet und gefestigt durch Gott selbst, der seinen Geist sendet und unterschiedslos jedem seine „reiche Gnade“ schenkt. Damit sind die Kennzeichen der Gemeinde (Einmütigkeit, Gütergemeinschaft) nicht menschlichen und zeitlichen Regeln anheimgestellt, sondern von Gott selbst als Merkmale in seine Gemeinschaft hineingegeben.

Das Fundament der Gemeinde ist einerseits das innergemeindliche Verhalten, auf das Lukas in diesem Abschnitt großes Augenmerk richtet und das nach außen ausstrahlen soll. Es erwächst aus dem einen Geist, der jedem Glaubenden geschenkt ist. Andererseits gehört zum Merkmal der Gemeinde auch das explizite Zeugnis, das den Aposteln als „Zeugen“ der Auferstehung in besonderer Weise anvertraut ist. Die Verkündigung von Jesus Christus als dem Auferstandenen, die Botschaft, dass bei Gott das Leben den Tod besiegt – dieses Zeugnis ist inneres wie äußeres Fundament der Gemeinde. Die Umschreibung der Christen als derjenigen, die „gläubig geworden waren“, zeichnet Menschen aus, die bereit sind, dieser Botschaft vom Leben, das den Tod besiegt, zu glauben. Ohne das Zeugnis von der Auferstehung gäbe es die Gemeinde in Jerusalem nicht! Gleichzeitig ist die Gemeinde aber kein Selbstzweck, ihr – oder hier explizit den Aposteln – ist es anvertraut, diese Botschaft so weit wie möglich zu tragen (Apg 1,8). So wie das Verhalten untereinander die Gemeinde festigt und Ausstrahlung nach außen entfaltet, so ruft das Zeugnis vom Leben die Gemeinde zusammen. Einmütigkeit und Solidarität sind Ausdruck des neuen Lebens, auf das sich die Christen haben taufen lassen und das in der Auferstehung Jesu von den Toten seinen Anfang nimmt.

Lukas hat seine Leser ganz gewiss vor Augen, wenn er ihnen das Leben in der Jerusalemer Gemeinde schildert. Er kennt die Schwierigkeiten der Christen im ausgehenden 1. Jahrhundert, er kennt die Zwistigkeiten, die sich einschleichenden Nachlässigkeiten und die Sorge um die Weitergabe der Botschaft. Wenn er diesen Lesern das Bild einer einmütigen Gemeinde vor Augen stellt, dann will er sie ermutigen. Denn bei allen Schwierigkeiten ihrer Zeit haben sie doch alles, was es für ein gelingendes Leben als Gemeinschaft in Christus braucht: Die Botschaft vom Leben und den Geist, der sie zusammenführt.