Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (Eph 4,17.20-24)

17Das also sage ich und beschwöre euch im Herrn:

Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken!

20Ihr aber habt Christus nicht so kennengelernt.

21Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden, wie es Wahrheit ist in Jesus.

22Legt den alten Menschen des früheren Lebenswandels ab, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet,

23und lasst euch erneuern durch den Geist in eurem Denken!

24Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!

Überblick

In der heutigen Lesung erinnert der Epheserbrief seine Hörer- und Leserschaft an ihren Taufunterricht und an das Christusbild, das ihnen dabei vermittelt wurde. Der Impuls, über das eigene Christusbild nachzudenken, macht auch heute noch Sinn.

 

Einordnung der Lesung in die Zeit

Der Lsungsabschnitt, der zu den Ermahnungskapiteln 4 - 6 des Epheserbriefs gehört, greift zu einer Verkündigungsstrategie, die zumindest aus moderner Sicht eher zwiespältig ist, sich aber zunächst einmal aus den tatsächlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit erklärt. Das Christentum ist inmitten der griechisch-römischen Welt, die von römischem Kaiserkult, Verehrung römischer bzw. griechischer Göttinnen und Götter und auch  philosophischer Skepsis gegenüber religiösen Welten geprägt ist, eine absolute Minderheit. Es geht also letztlich um die Identitätsfindung einer Außenseitergruppe, die insgesamt gesehen allerdings, was die geographische Verbreitung betrifft, schon sehr stark angewachsen ist. Zumindest unter diesem Gesichtspunkt ist es nachvollziehbar, dass der Verfasser des Epheserbriefs das Leben der Christinnen und Christen von Ephesus und eventuell weiterer Gemeinden der Provinz Asia abgrenzt vom Leben der Mehrheit der Bewohner*innen, die sich nicht zum Christentum bekehrt haben. Das Mittel der Schwarzweißmalerei in der Abgrenzung zwischen der "guten" jungen christlichen Kirche und den "bösen" Heiden liegt einfach zu nahe, um es sich entgehen zu lassen - auch wenn es der Wirklichkeit wahrscheinlich nicht so ganz gerecht wird, denn so klar geschieden sind die Grenzen zwischen "gut" und "böse" nie - wie heutzutage der Blick auf den Missbrauchsskandal zeigt. 

Die Zwiespältigkeit des rhetorischen Mittels wird in der Lesungsauswahl dadurch abgemildert, dass man die "Schimpfverse" auf die "Heiden in ihrem nichtigen Denken", nämlich die Verse 18-19, ausgelassen hat.

 

Vers 17: "nicht wie die Heiden"

Nachdem der Epheserbrief seinen mahnenden Teil mit einer positiven Aufforderung begonnen hatte, nämlich "ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging" (Epheser 4,1, Lesung des vorigen Sonntags), wird dieselbe Forderung nun negativ abgegrenzt: Gemäß dem "Ruf Gottes" oder dem "Ruf Christi, des Herrn" zu leben, bedeutet gleichzeitig: auf keinen Fall so zu leben wie die Heiden. Genauer formuliert der griechische Text: "nicht mehr so zu wandeln (griechisch: peripateín), wie die Heiden in der Nichtgkeit ihres Denkens wandeln". Die Wortwahl ist mehr als geschickt gewählt. Sie hat ihre Entsprechung einerseits im hebräischen hithallēk "wandeln, sich ergehen", das die Ausgestaltung des eigenen Lebensweges meint. So gibt Gott Abraham mit auf den Weg: "Wandle vor mir und sei ganz" (Genesis/1. Buch Mose 17,1, wörtlich). Abraham soll also nicht als ein Gespaltener unterwegs sein, der nur Teilbereiche seines Lebens mit Gott geht, ihn aber aus anderen ausschließt. 

Neben diesem "Lebenswandel" spielt das griechische Wort peripateín aber auch auf die Wandelhallen an, in denen Philosophen und deren Schüler sich gesprächsweise ergingen (sog. Peripatetiker). Diese Situation scheint besonders im Blick zu sein, wenn der Epheserbrief von der "Nichtigkeit des Denkens" spricht: Das Philosophieren der "Heiden", das nicht den einen Gott in den Blick nimmt, ist "leer", "nichtig", "eitel" - alles Übersetzungsmöglichketien desselben Wortes. Dazu stehen für den Epheserbrief die Christen im Gegensatz, die mit "aller Weisheit und Einsicht" "reich beschenkt" sind (Epheser 1,8).

Die ausgelassenen Verse 18-19 sollen erweisen, dass das "nichtige Denken" auch zu "nichtigen Taten" führt. Vorgeworfen wird den Heiden "Verhärtung ihres Herzens", "Haltlosigkeit", "Ausschweifung", "jede Art von Unreinheit" und "Habgier".

 

Verse 20-21: "Ihr ... habt Christus ... kennengelernt"

Besonders im Blick auf diese angeblich für die Heiden typischen Laster ist das kleine Wörtchen "so" gemünzt: "Ihr aber habt Christus nicht so kennengelernt." Im Griechischen steht sogar: "Ihr aber habt Christus so nicht gelernt", was ungewöhnlich ist, denn im Griechischen wie im Deutschen verbindet sich mit "lernen" eigentlich nur ein Lerninhalt, nicht aber eine Person. Offensichtlich will der Epheserbrief genau dies betonen: Die Taufkatechese vermittelt nicht nur "Sachwissen" über Christus, sondern schafft ide Grundlage einer persönlichen Beziehung zu diesem Christus.

Dieser Ansatz setzt sich in Vers 21 fort, der wörtlich lautet: "Ihr habt doch ihn gehört ...". Katechese (auf sie zielt das Wort "unterrichten") soll also Christus so vermitteln, dass nicht nur etwas über ihn vernommen wird, sondern dass er selbst in Sinn und Herz der Menschen hinein zu sprechen vermag. Dabei steht "Christus" für das von Anfang an in Gott beschlossene Heil. Dieses ist unlösbar mit dem historischen Jesus verbunden. Diese Einheit von Gotteswelt (Christus) und Menschenwelt (Jesus) in der einen irdischen Gestalt Jesus von Nazareth nicht als "Wahrheit" annehmen zu können, führt für den Epheserbrief zurück zu heidnischen Verhaltensmustern.

 

Verse 22-23: "den alten Menschen ablegen"

Insofern die jetzigen Christen selbst einmal vor ihrer Bekehrung bzw. Taufe diesen Mustern gefolgt sind und offensichtlich immer noch den Reiz der alten Verhaltensweisen verspüren, mahnt der Epheserbrief zum wirklichen Ablegen dieses auf sich selbst fixierten und Gott außen vor lassenden Lebens. Im Hintergrund steht das Bild des Ablegens der Gewandung, das nackte Eintauchen ins Taufbad und das Heraussteigen zum Anziehen des neuen weißen Taufkleids zum Ausdruck für die Grundsatzentscheidung, Christus als Gewand anzuziehen.Wurde als Quelle des heidnischen Lebens in Vers 17 das "nichtige Denken" genannt, so ist es jetzt der "Trug". Das Stichwort "Begierde" fasst eher die in den Versen 18-19 aufgelisteten Verhaltensweisen zusammen, von denen Christen ablassen sollen.

Dieses Ablassen vom Verführerischen oder Altegewohnten ist nicht allein eine Frage des Wollens. Nicht zufällig verwendet die neutestamentliche Taufkatechese die Rede von einer "neuen Schöpfung", die niemand anders als Gott selbst durch seinen Geist bewirkt (vgl. 2 Korinther 5,17: "Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden."). Er ist es auch, der das Denken erneuert, das "nichtige Denken" ersetzt durch das "reiche Geschenk" von "Weisheit und Einsicht" (Epheser 1,8).

 

Vers 24: "den neuen Menschen anziehen"

Ganz in Entsprechung zu diesem Neuschöpfungs-Gedanken ruft Vers 24 die Schöpfungsgeschichte in Erinnerung. Taufe ist die Wiederannäherung des Menschen an sein schöpfungsgegebenes Bild-Gottes-Sein: "Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn" (Genesis/1. Buch Mose 1,27). Das ist zu verstehen auf dem Hintergrund der im Neuen Testament einzig vorkommenden Taufform, der Erwachsenentaufe. Nur sie lässt den Gedanken verstehen, dass ein Mensch sich im Laufe seines Lebens von seinem Bild-Gottes-Sein entfernt hat, solange er ohne diesen Gott unterwegs war. 

Aus dem "Ablegen des alten Menschen" folgt schlüssig das "Anlegen des neuen Menschen". Der "Kleiderwechsel" ist aber nichts Äußerliches. Er betrifft das Denken (Vers 23) wie auch das Handeln. Dessen Erneuerung wird in dem ethischen Doppelbegriff "Gerechtigkeit und Heiligkeit" zusammengefasst. Das zweite Glied des Ausdrucks ruft das den Brief eröffnende Gotteslob mit seiner Forderung in Erinnerung, "damit wir heilig und untadelig leben vor ihm." (Epheser 1,4).

Die vielleicht eher knapp anmutenden Ausführungen der Verse 22-24 sind wohl eine Kurzfassung der Vorlage Kolosser 3,5-17. Da die dortige größere Ausführlichkeit mehr Anschaulichkeit bedeuten kann, wird dieser Text unter "Kontext" vorgestellt.

 

 

 

Auslegung

Vers 17: "Das also sage ich und beschwöre euch ... " oder: Die 7 Verkündigungsstrategien des Epheserbriefs

Mit großer Emphase beginnt der Schreiber des Epheserbriefs in Vers 17, um die angesprochenen Gläubigen zu einem "ihrer Berufung gemäßen Leben" zu bewegen (vgl. Epheser 4,1 in der Lesung am vorigen Sonntag). Was folgt, ist eine Strategie der Abgrenzung gegenüber der Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Ephesus bzw. der zugehörigen Provinz Asia. Der Autor lockt also letzlich mit dem Mittel eines höheren ethischen Standards der Christen - sei es als Wirklichkeit, sei es als zu verwirklichendes Ideal. Diese zumindest zweischneidige Rhetorik, die in der Schlechtmachung der "Anderen" gerne über das Ziel hinausschießt - bis heute -, ist im Epheserbrief allerdings eher die Ausnahme und nur eine von mehreren Verkündigungsstrategien, die sich ausmachen lassen.

Die erste Strategie: Er steigt mit einem großen Gotteslob ein, das aber weniger Gebet als Mittel der Belehrung über die Grundlagen christlichen Glaubens ist, die sehr ermutigend vor Augen gestellt werden. Letztlich geht es  darum, zu erkennen, aus welchem "Reichtum" Christinnen und Christen leben dürfen (Epheser 1,8: "reich beschenkt").

Eine zweite Strategie ist der Hinweis auf das Leben vor der Bekehrung zum Christentum. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die neuen Christen aus dem Judentum oder dem Heidentum gekommen sind. Für beide Gruppen gilt: "Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben, und waren von Natur aus Kinder des Zorns wie auch die anderen" (Epheser 2,3). Im selben zweiten Kapitel lässt allerdings der Epheserbriefautor erkennen, dass er die "bösen" Taten der Heiden für noch schlimmer hält, die aber bei den bekehrten Heiden nun eben der Vergangenheit angehören. Die Strategie lautet also jezt: "Diesen Wechsel zum Guten wollt ihr doch wohl nicht aufgeben!"

Die dritte Strategie ist der Hinweis auf den persönlichen Einsatz des Briefschreibers - besonders für die Heidenchristen -, der sich hinter der großen Autorität des bereits verstorbenen Apostels Paulus verbirgt (vgl. Epheser 3,1: "Deshalb bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Heiden."). Solch vorbildlicher Einsatz muss doch in der  Nachahmung stärken - so der Hintergrundgedanke. Dementsprechend endet die einschlägige Passage Epheser 3,1-13 mit dem Satz: "Deshalb bitte ich, nicht wegen der Leiden zu verzagen, die ich für euch ertrage, denn sie sind euer Ruhm" (Vers 13).

Die vierte Strategie ist die eindringliche Mahnung , die die Menschen sozusagen bei ihrer "Ehre" packt, indem der Epheserbrief an den "Ruf" erinnert, der mit der Taufe an sie ergangen ist (vgl. Epheser 4,1: "Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.").

Auf die fünfte Strategie, Identitätsstärkung durch Abgrenzung (heutige Lesung), folgen noch zwei weitere:

Die sechste Strategie ist die Ermutigung zur aus christlichem Geist gelebten Kontrastgesellschaft, und das beginnt in der Familie, verstanden als Hausstand, der auch dei Sklavinnen und Sklaven einbezieht.

Die siebte und letzte Strategie ist eine starke, bildhafte Rede, die von der Sprache her wohl besonders an die Männer in ihrer Kampfeslust ansprach (vgl. Epheser 6,13-17: "13 Darum legt die Waffenrüstung Gottes an ... 14 Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit ... 16 Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. 17 Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!"). Heute, da man pazifistischer gestimmt ist, würde der Verfasser vermutlich in vergleichbarer Bildsprache an den sportlichen Ehrgeiz appellieren, der zudem den Vorteil hätte,  auch Frauen anzusprechen. Hier ist der Epheserbrief halt "Kind seiner Zeit".

Die Vielfalt der Verkündigungsstrategien im Sinne einer evangelisierenden und missionierenden Pastoral könnte als Anregung gesehen werden, auch in der Gegenwart nach entsprechender Vielfalt zu suchen.

Kunst etc.

© Hartmann Linge, Wikimedia Commons, CC-by-sa 3.0 Apodyterium Archäol. Park Xanten
© Hartmann Linge, Wikimedia Commons, CC-by-sa 3.0 Apodyterium Archäol. Park Xanten

Die Römer kannten in ihren Badehäusern einen eigenen Raum zum Ablegen der Kleider. Was heute die Umkleide in Schwimmbädern ist, war damals das Apodyterium, das Auskleidezimmer. Ins Bad selbst ging man nackt. Diese Apodyterien - das Bild zeigt eine Rekonstruktion - konnten sehr kunstvoll ausgemalt sein. Dem Epheserbrief geht es eher um Nüchternheit: Das "Ablegen des alten Menschen" (Lesung Vers 22) fordert viel. Da hilft auch kein dekoratives Ambiente. Jesus nennt es: "Kehrt um!" bzw. wörtlicher: "Denkt um!" (Markus 1,15). Und kaum etwas ist schwerer, als alte bequeme Denkmuster aufzugeben, um fortan neu und weiter zu denken. Der Epheserbrief denkt Taufe so, dass sie nicht "in den Kleidern stecken bleibt".