Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (Hebr 10,4-10)

4[denn] das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen.

5Darum spricht er [Christus] bei seinem Eintritt in die Welt:

Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, / doch einen Leib hast du mir bereitet; /

6an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen.

7Da sagte ich: Siehe, ich komme - / so steht es über mich in der Schriftrolle -, / um deinen Willen, Gott, zu tun.

8Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden;

9dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.

10Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt - ein für alle Mal.

Überblick

Vieles an dieser Lesung befremdet: Nicht als Kind aus einem Mutterleib, sondern wie eine Gestalt, die aus dem Himmel herabkommt, kommt Jesus in die Welt. Dabei wird ihm zugleich ein Gespräch mit Gott Vater in den Mund gelegt. Und der Wortlaut dieses Gesprächs stammt aus einem Psalm. Eine regelrechte Inszenierung nimmt hier der Verfasser des Hebräerbriefs vor, mit der er seiner Gemeinde die Frage beantworten will: Wozu hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt?

 

Einordnung in den Brief

Der Brief an die Hebräer erinnert trotz seiner Bezeichnung nur in den letzten Versen mit seinen Segenswünschen und Grüßen (Hebr 13,20-25) an einen Brief. Im übrigen ist er sehr vielmehr ein großes Predigtschreiben, mit dem der unbekannte Autor seine sich aus schriftkundigen Heidenchristen  zusammensetzende Gemeinde im Glauben stärken, in Zeiten der Bedrängnis trösten und vor dem Auseinanderfallen bewahren will. Kennzeichen von Predigt, wie man sie aus der jüdischen Tradition kannte, waren sehr aufwändige Auslegungen einzelner Worte der Heiligen Schrift, die noch in der frühen Zeit der Christen nur das Alte bzw. ErsteTestament umfasste.

Genau hier ordnet sich nun auch die heutige Lesung ein, die im Grunde eine predigthafte Auslegung von Psalm 40,7-9 auf die Gestalt Jesu Christi hin ist. Sie gehört an das Ende einer viel größeren Predigeinheit, in der es um den Vergleich zwischen dem alttestamentlichen Hohepriester und dem Hohepriestertum Jesu selber geht (insgesamt Hebr 4,14 - 10,18). Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass im Opferkult des Alten Testaments der Hohepriester einmal jährlich Tieropfer für die Vergebung der Sünden des Volkes darbrachte. Jesus hingegen hat sich selbst, und zwar ein für allemal, am Kreuz für die Sünden der Menschen hingegeben,

Dennoch bleibt die Frage im Raum, wie sich denn nun die doch auf göttlichem Gebot beruhenden Opfer im Tempel und Jesus Christus, der mit seinem Wirken diese Opfer in Frage stellt, zueinander verhalten. Dabei erleichtert es dem Verfasser des "Briefes" die Aufgabe,  dass zur Entstehungszeit des Schreibens (vielleicht 80 - 90 n. Chr.) der Tempel schon 15-20 Jahre zerstört gewesen sein dürfte. Es gab also schon keinen realen Tempel und keinen realen Hohepriester mehr. Der Autor kann sich allein auf die alttestamentlichen Aussagen zu diesen "Vor-Bildern" für Jesus beziehen.

 

Opfer brauchen Wiederholung (V 4)

Der einleitende Vers 4 der Lesung ist der Abschluss einer Argumentation, die in Hebräer 10,1 beginnt. Zusammengefasst lautet der Gedanke: Die Tatsache, dass der große jüdische Sühneritus jedes Jahr neu vollzogen werden muss - am sog. Jom Kippur, dem Versöhnungstag - zeigt bereits, dass Tieropfer als fester Bestandteil des Sühneritus keine dauerhafte Wirkung haben können. Sonst bräuchte es diese jährliche Wiederholung nicht. Der mitzudenkende Gegensatz lautet: Der Tod Jesu am Kreuz ist "ein für alle Mal" (Vers 10) zur Vergebung der Sünden erfolgt. Er bedarf keiner Wiederholung. Ehe diese Schlussfolgerung gezogen wird, baut der Hebräerbrief eine Zwischenargumentation ein, die über ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch der Psalmen läuft. Dies entspricht ganz jüdischem Predigtstil, der dem Verfasser des Briefes ofensichtlich vertraut war.

 

Der "Predigttext": Verse 5-7

Wer Psalm 40,7-9 im Text der neuen Einheitsübersetzung nachliest, wird merken, dass es Unterschiede zum Zitat der Stelle im Hebräerbrief gibt. Dort steht: statt "einen Leib hast du mir gegeben": "... doch Ohren hast du mir gegraben". Abgesehen von dem schwierigen Bild des "Ohren graben" macht diie Abweichung deutlich: Der Hebräerbrief bezieht sich nicht auf die hebräische Fassung des Psalms, sondern auf die griechische Übersetzung aus den letzten vorchristlichen Jahrhunderten (die sog. Septuaginta). Genau diese Fassung bot dem griechisch schreibenden Hebräerbrief-Verfasser, den Psalm auf Jesus Christus zu beziehen. Es geht nicht mehr nur um einen Beter, der mit seinem Herzen auf Gott hört (deshalb die Rede von "Ohren"), entsprechend handelt und darin das eigentlich von Gott geforderte Opfer erkennt. Das Stichwort "Leib" der griechischen Fassung lässt den Autor des "Briefes" an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus denken. Das Ich des Beters wird zur Stimme Christi, der in der Heiligen Schrift Israels ("Schriftrolle") eine Aussage über sich selbst liest.

 

Die Auslegung des Schrifttextes: Verse 8-9

Die "Predigt" zu Psalm 40,7-9 versucht zu erklären, warum die von Gott selbst eingesetzten Opfer von Jesus im Grunde aufgehoben werden. Dahinter steht eine ganz besondere Sichtweise auf Jesus Christus, die so im Neuen Tesament nur der Hebräerbrief vertritt. Er legt - anders als z. B. Paulus, der immer nur vom Kreuz spricht - einen Schwerpunkt auf die Getsemani-Szene vor der Gefangenname Jesu durch die römsichen Soldaten, von der die Evangelien berichten. Erfüllt von Todesangst ringt Jesus darum, ja zu sagen zu dem grausamen Geschick, das ihn erwartet und das für ihn mit Gottes Willen zusammenhängt: "Vater wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. .... Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte" (Lukas 22,43-44). Diese Szene deutet der Hebräerbrief folgendermaßen:

"7 Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht.
8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt;
9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden" (Hebr 5,7-9).
(zur Auslegung dieser Perikope s. den Kommentar zur Zweiten Lesung des 5. Fastensonntag/Lesejahr B)

Das bedeutet: Alles Heil, letztlich der Zugang zum ewigen Leben der Menschen bei Gott trotz aller Sündhaftigkeit, hängt am Gehorsam Jesu gegenüber dem Vater. Das ist für den Hebräerbrief das eigentliche und wahre Opfer, das die alttestamentlichen Tieropfer nicht schlecht, aber nicht mehr notwendig macht. Und genau diesen Gehorsam erkennt der "Briefschreiber" in Ps 40 als Auftrag Gottes an Jesus, den dieser bereits mit seinem Kommen in die Welt auch annimmt: "Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun" (Ps 40,9/Hebr 10,9).

 

Der Predigt-Schlusssatz: V 10

Der letzte Vers der Sonntagslesung bündelt das bisher Gesagte. Die Eröffnung der Gemeinschaft mit Gott wird jetzt als "Heiligung" bezeichnet - ein Begriff, der ursprünglich die Annahme von Opfergaben durch Gott bezeichnet. Sie betont noch einmal: Was Jesus getan hat, bedarf keiner Widerholung, so wie die Opfer im Tempel der täglichen Wiederholung und die große Feier des Versöhnungsfestes unter der Leitung des Hohepriesters der jährlichen Wiederholung bedurften. Gehorsam und Kreuzestod Jesu "heiligen" ein für alle Mal.

Auslegung

Was tun mit solch schwerer theologischer Kost, wie sie die Lesung aus dem Hebräerbrief am Fest der Verkündigung des Herrn bietet?

Sie bewahrt davor, das sozusagen in der Vorschau erscheinende Weihnachtsfest - es geht ja beim heutigen Fest um die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel an Maria - zu sehr zur Idylle zu verklären und es bei einem reinen "Friede, Freude, Eierkuchen" zu belassen. Obwohl natürlich wirklicher Friede, ob in der Familie oder in der Welt, und wirkliche Freude, die das Herz höher schlagen lässt, schon sehr viel wären! Das gilt gerade in den Zeiten der Corona-Krise, die an das Zusammenleben der Menschen extreme Herausforderungen stellt.

Aber die Lesung will dennoch mehr. Sie bringt zwei Gedanken zusammen, die die frühe Kirche in einem Bild zusammenfasste. Man sagte gelegentlich: Krippe und Kreuz seien aus demselben Holzstamm gehauen gewesen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies wirklich so war. Entscheidend ist der im Bildwort angezeigte innere Zusammenhang:

Der in einfachsten Verhältnissen zur Welt gekommene Gottesohn, der verbunden ist mit Vorstellungen wie Notunterkunft (Herbergssuche) sowie Berührung mit Menschen, die den Stallgeruch der Armseligkeit an sich tragen (Hirten), ist derselbe, dessen irdisches Leben am Kreuz endet. Der nicht bezeugte, aber anzunehmende Schrei des Babys im Stroh und der alles Leid der Welt in sich umfassende Schrei am Kreuz (vgl. Markus 15,37) gehören zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen. Ja, der Hebräerbrief formuliert zuspitzend: Der letzte Schrei war Jesus  schon bei seinem ersten Schrei bewusst, nämlich "bei seinem Eintritt in die Welt" (Vers 5 der Lesung). Menschwerdung, Tod und Auferweckung sind ein großer Zusammenhang.

Dabei erinnert die Formulierung vom "Eintritt in die Welt" zugleich auch an die erwartete Wiederkunft Christi zum Gericht. Diese Hoffnung gehört zumindest auch zum Advent: Er meint auch die Erwartung des Gottessohnes am Zeitenende. Da sein irdisches Leben ganz im Zeichen des rettenden Handelns für die Menschen stand, dürfen wir auch darauf hoffen, dass der kommende Christus von derselben Grundhaltung bestimmt sein wird. Er wird einer jeden und  jeden erlösend entgegentreten, erstmals, wenn er sich ihr bzw. ihm im Tode zuwendet und Begegnung feiern möchte. Das Heil des Menschen ist der erklärte Wille Gottes, den zu tun der Lebensinhalt des Sohnes auf Erden war und in Ewigkeit bleibt.

Weihnachten darf die erlösungsbedürftige, notleidende Welt nicht ausblenden, sondern geschieht in sie hinein. In dieser Welt den Willen Gottes zu erkennen, ihn not-wendend anzunehmen und tätig zu werden, ganz nach dem Vorbild Jesu, dazu fordert der Hebräerbrief einst seine Gemeinde in Zeiten der Bedrängnis auf. Und dazu möchte er auch die einladen, die - mittlerweile zwei Jahrtausende später - diesen Brief hören oder lesen. Auch in dieser Hinsicht ist noch einmal die Corona-Krise zu benennen, die zu einer das Maß des Üblichen überragenden Solidarität herausfordert. Sie ist kein Vorrecht der Christen. Aber ihr Glaube sollte sie in Taten der Solidarität, von wem immer sie geschehen, ganz vorne, und nicht als Schlusslichter dastehen lassen!

Kunst etc.

3D medical animation still shot showing the structure of a coronavirus, CC A-S4.0, https://www.scientificanimations.com
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Das Corona-Virus - vielen macht es Angst. Es bedroht die Gesundheit, es bedroht das nationale und internationale Wirtschaftsleben, es bedroht die eigene wirtschaftliche Existenz, es schränkt die Formen des öffentlichen gesellschaftlichen Lebens massiv ein und fordert zugleich diejenigen heraus, die auf engstem Raum ohne Außenkontakt zusammenleben müssen oder gar für eine ungewisse Zeit ihr Dasein in isolierter Einsamkeit fristen müssen.

Die Antwort auf all das, was Angst macht, ist schon vielfach erklungen und sie wird zu Teilen in nicht genug zu rühmendem Maße praktiziert. Solidarität! Zahlreiche Berufsgruppen im weiten medizinischen und pflegerischen Bereich wären ebenso zu nennen wie in allen Bereichen, die die allgemeine Versorgung sicherstellen. Aber auch diejenigen sind zu nennen, die sich allein zum Schutz der Anderen völlig zurücknehmen und auf Kontakte verzichten oder nach Wegen suchen, den auf Hilfe angewiesenen unter Einhaltung aller Sicherheitsabstände dennoch zu helfen.

Kräfte und Energien werden gefordert und auch tatsächlich eingebracht, von denen viele vorher nicht wussten, dass sie in ihnen stecken.

Woher sollen einem diese Kräfte zuwachsen? Da mag es für die Einzelnen ganz unterschiedliche Kraftquellen und Motivationen geben. Für den Verfasser des Hebräerbriefs erwachsen sie aus dem Blick auf Jesus Christus. Sein zentraler Lebensauftrag heißt für Hebräer 10,10: "Hingabe". Diese "Hingabe" ist maßlos und im Letzten nicht mehr begründbar. Hingabe, dass Andere leben können, ist das Liebesgeheimnis Gottes, das zur Nachahmung aufruft. Dies meint der Hebräerbrief sehr konkret. Deshalb heißt es am Beginn seines letzten Kapitels:

"1 Die Bruderliebe soll bleiben. 2 Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt! 3 Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! 4 Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden und das Ehebett bleibe unbefleckt; denn Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten. 5 Euer Lebenswandel sei frei von Habgier; seid zufrieden mit dem, was ihr habt; denn Gott selbst hat gesagt: Ich werde dich keineswegs aufgeben und niemals verlasse ich dich. 6 So dürfen wir zuversichtlich sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten. Was kann ein Mensch mir antun?" (Hebräer 13,1-6).

Solidarität im Zeichen von Corona wird hier nicht genannt, ordnet sich aber durchaus in den Praxiskatalog ein

Nicht jede und jeder wird die Motivation des Hebräerbriefs teilen können, so wie schon damals Christenkritiker darüber spotteten, wie blöd denn diese Christen seien, ihre Gefangenen zu besuchen und sich damit selbst in Lebensgefahr zu bringen. Wenn aber schon einmal alle, die diesem Jesus Christus, von dem der Hebräerbrief am Fest "Verkündigung des Herrn" Zeugnis gibt, sich von diesem Hebräerbrief anstecken lassen, kann die Welt im und trotz allem Kampf gegen den Virus ein wenig gelassener in die Zukunft schauen.