Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Apg 3,12a.13-15.17-19)

12Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk:

13Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr ausgeliefert und vor Pilatus verleugnet habt, obwohl dieser entschieden hatte, ihn freizulassen.

14Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten.

15Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen.

17Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Anführer.

18Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündet hat: dass sein Christus leiden werde.

19Also kehrt um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden

Überblick

Gottes Heilswille gilt ungebrochen – dafür sind wir Zeugen

1. Verortung im Buch
Der Evangelist Lukas fügt seiner Erzählung vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth im Lukasevangelium (Lk) einen zweiten Teil hinzu. In der Apostelgeschichte (Apg) schildert er das Wirken der Apostel nach der Himmelfahrt Jesu und berichtet sowohl vom Leben der ersten Gemeinde in Jerusalem als auch von der Ausbreitung der christlichen Botschaft unter den Völkern. Am Anfang seiner Erzählung steht Jerusalem als Ort der Himmelfahrt und des Pfingstereignisses im Mittelpunkt, nach dem Tod des Stephanus dehnt sich dieser Fokus auf Judäa und Samaria hin aus. Petrus ist die zentrale Figur dieses ersten Teils (Apg 1-12,24). Im zweiten Teil (Apg 12,25-28,31) ist Paulus die prägende Gestalt der Erzählung. Lukas berichtet davon, wie er die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, nach Kleinasien (heute Türkei), Griechenland und zuletzt Rom trägt.
Der Abschnitt Apg 3,12-19 bildet den ersten Teil einer Petrus-Rede am Tempel (Apg 3,12-26). Sie ist die Reaktion auf die erste öffentliche Heilung durch die Apostel Petrus und Johannes und das Staunen des Volkes (Apg 3,1-11). Mit der Heilung und den anschließenden Reaktionen (Staunen des Volkes, Rede des Petrus, Verhaftung von Petrus und Johannes) beginnt ein größerer Erzählzusammenhang in der Apostelgeschichte, indem das Leben der Urgemeinde und das Zeugnis der Apostel im Fokus stehen.

 

2. Aufbau
Nach der Redeeinleitung (Vers 12a) folgen in den Versen 13-15 und 17-18 zwei Gedankengänge des Petrus. Die Verse 13-15 stellen antithetisch (in Gegensätzen) das Handeln „der Juden“ und das Handeln Gottes gegenüber. Die Verse 17-18 setzen dies nach einer neuen Anrede („Brüder“) fort. Allerdings liegt nun der Fokus auf dem Handeln aus Unwissenheit und dem göttlichen Heilsplan. Vers 19 zeigt die Konsequenz aus den vorherigen Gedanken dar: Ein Ruf in die Umkehr.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 12a: Petrus steht in der „Halle Salomos“ und beobachtet, dass das Volk sich um ihn und Johannes versammelt, nachdem beide einen Gelähmten geheilt haben (Apg 3,11). Petrus und Johannes befinden sich also im Tempelbezirk und wenn Petrus nun das Wort an die Menge richtet, erfolgt dies im religiösen Zentrum Israels.
In der weiteren Redeeinleitung (Vers 12b-c), die nicht Teil der Lesung ist, wird das Anliegen des Petrus deutlich. Er möchte mit seinen Worten einem falschen Verständnis des Wunders vorbeugen. Die Menge soll nicht ihn und Johannes für die „Verursacher“ des Geschehenen halten, sondern die Heilung und den damit erfolgten Machtbeweis richtig verstehen.

 

Vers 13: Nach einer feierlichen Einleitung, die die Verbindung zwischen den anwesenden Juden und den Apostel Jesu herausstellen soll, kontrastiert Petrus das Handeln Gottes und das Verhalten der Juden.
Mit „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ als Auftakt seiner Worte schlägt der Apostel bewusst einen Bogen zwischen seiner Botschaft und der Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk. Petrus ruft mit der Rückbindung zu den Erzvätern Israels die Erinnerung an Gottes Heilshandeln in seinen Zuhörern wach. Nicht nur an die Erwählung der konkret benannten Personen, sondern z.B. auch an Mose, dem sich Gott im brennenden Dornbusch mit genau dieser Formulierung vorstellt (Exodus 3,6). Damit ist auch Gottes rettendes Handeln beim Herausführen aus Ägypten mit angespielt. Dieser Gott Israels ist aber auch der Gott des Petrus und der Gott der Christen. Indem der Apostel vom „Gott unserer Väter“ spricht, wird diese Verbindungslinie von Israel bis zu denjenigen, die an Christus glauben, gezogen.
In starkem Kontrast zu dem Verbindenden, das Petrus in der Eingangsformel so betont, steht die nun geäußerte Anschuldigung: Die Juden haben Jesus, der hier mit dem Titel „Knecht“ benannt wird (vgl. Apg 4,27-30), ausgeliefert und vor Pilatus verleugnet. Mit dem Akzent darauf, dass dieser ihn freilassen wollte, wird das negative Handeln noch verstärkt. Dies entspricht der Darstellung der Passionsereignisse im Lukasevangelium, wo mehrfach berichtet wird, dass Pilatus keine Schuld feststellen kann und Jesus freilassen will (z.B. Lukasevangelium 23,13-15). Im Gegensatz zu der Verwerfung durch die Juden, wird die Erwählung Jesu durch Gott hervorgehoben („seinen Knecht“) und durch den Akt der Erhöhung („Verherrlichung) bestätigt.

 

Verse 14-15: Lukas lässt den Apostel noch zwei weitere Anschuldigungen folgen. Die Juden haben „den Heiligen und Gerechten“ verleugnet und stattdessen die Freilassung eines Mörders gefordert (Lukasevangelium 23,18-19). Und sie haben „den Urheber des Lebens“ getötet. Stellt man die drei Anschuldigungen in eine Reihe ist eine klare Steigerung hin zur letzten erkennbar. „Den Urheber des Lebens“ zu töten ist die Zuspitzung eines Sich-Wendens gegen Gott selbst, der der Schöpfer allen Lebens ist. Diesem Handeln steht Gottes Tun gegenüber: Er erweckt Jesus von den Toten.

 

Verse 17-18: Die direkte Anrede „Brüder“ zeigt, dass Petrus neu mit dem Gedanken ansetzt. Nachdem er den Juden zuvor (Verse 13-15) ihr Handeln vorgehalten hatte, ordnet er es nun ein. Das Volk und seine Anführer haben „aus Unwissenheit gehandelt“, gemeint ist damit ein falsches oder mangelndes Erkennen. Durch die Formulierung „ich weiß“ wird deutlich gemacht: Petrus ist sich sicher, dass die Juden nicht mit dem Wissen oder der Erkenntnis der Erwählung Jesu gehandelt haben, sondern in Unkenntnis bzw. ohne Wissen um den heilsgeschichtlichen Status Jesu von Nazareth als „Knecht“, „Heiliger“, „Gerechter“ und „Urheber des Lebens“. Die Frage nach dem „warum“ des Nicht-Erkennens stellt Petrus nicht, er konstatiert die „Unwissenheit“ nur. Gott aber hat das unwissende Handeln der Juden in seine Heilsgeschichte integriert. Die Ankündigung der Propheten, dass der Christus leiden werde, wird durch Verleugnung, Auslieferung und Tötung Realität. Indem Gott Jesus von den Toten erweckt, bleibt sein Heilsplan, sein Wunsch, den Menschen neues Leben zu schenken intakt.

 

Vers 19: Die Rede von der Unwissenheit und die Betonung, dass Gottes Plan auch mit dem schuldhaften Handeln der Juden noch gelingt, hat ein Ziel. Den Ruf zur Umkehr, den Petrus nun mit einem doppelten Imperativ formuliert. Trotz allem Fehlverhalten bleibt den Juden die Tür zur Versöhnung mit Gott offen („tilgen der Sünden“). Dazu müssen sie neu denken und erkennen lernen („kehrt um“) und von nun an anders handeln („tut Buße“).

Auslegung

Gott ist ein Gott des Lebens, er ist treu über den Tod hinaus. Und zu dem Leben, das er schenkt, lädt er alle Menschen ein – immer und immer wieder. Das ist der Plan Gottes, seine Idee der Schöpfung, seine Einladung ins Heil. Dieser Gedanke liegt den Worten des Petrus zugrunde oder man könnte auch sagen, er bildet die Leitlinie. Für diesen Glauben an einen Gott, der das Leben ist und der Tod und alles Lebenszerstörende überwindet (Hass, Gewalt, Schuld etc.), sind die Apostel Zeugen (Vers 15). Genau dieser Glaube verbindet Petrus eigentlich mit denjenigen, die ihm in der Halle Salomos zuhören. Indem die Juden sich zum „Gott ihrer Väter“ bekennen, der mit seinem erwählten Volk durch die Zeit geht, glauben sie an den Gott des Lebens, der über den Tod hinaus treu ist. Das Gemeinsame des Glaubens betont der Apostel zu Beginn seiner Worte, wenn er bewusst vom „Gott unserer Väter“ spricht. Er betont es aber auch am Ende, wenn er die Zuhörer einlädt, umzukehren und ihr falsches Handeln einzugestehen.

Worin dieses falsche Handeln, die Sünde der Juden besteht führt Petrus ihnen sehr scharf vor Augen. Ihre Auslieferung und Verleugnung Jesu, die Bevorzugung eines Mörders und die Verantwortlichkeit für den Tod Jesu, sie sind Ausdruck eines Nicht-Verstehens. Petrus wirft ihnen vor sich gegen Gott und dessen Geschenk des Lebens gestellt zu haben, indem sie dem „Urheber des Lebens“ gegenüber „lebenszerstörend“ waren. Verleugnung und Auslieferung sind Handlungen gegen das Leben und münden im Tod Jesu. Die Juden haben sich in ihrer Verwerfung Jesu gegen Gottes Güte, gegen seine Einladung zu einem Leben mit ihm gestellt – so das Urteil des Petrus. Gott lässt das zu, er billigt seinem Volk die Entscheidung zu, sich frei gegen ihn und „seinen Knecht“ zu stellen. ABER: Gott verbiegt deswegen nicht sein Wesen: Er bleibt der Gott des Lebens, der Gott seines Volkes. Denn sein Plan, sein Wunsch für alle Menschen wird nicht mit dem Tod Jesu vernichtet – im Gegenteil! Gott erweckt den Toten zu neuem Leben und zeigt damit, dass Tod, Hass, Verleugnung nie das letzte Wort haben werden. In seiner Schöpfung, die er zum Leben erweckt hat, wird das Leben nicht vergehen. Der Ruf in die Umkehr, mit dem der Lesungsabschnitt endet, ist der Aufruf, diesen Heilswillen Gottes zu entdecken.

Kunst etc.

1

Das Fresko von Masolino da Panicale (1383-1447) findet sich in der Brancacci-Kapelle in der Kirche Maria del Carmine in Florenz. Unter den verschiedenen Szenen aus dem Leben des Heiligen Petrus ist auch eine Predigtszene zu finden. Auch wenn hier eher nicht die Szene aus der Halle des Salomo dargestellt ist, ist die Wirkung der Worte des Apostels auf die Zuhörer gut ersichtlich: Sie denken nach, sind konzentriert und wenden zum Teil bestürzt ihren Blick zu Boden.