Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Joh 6,60-69)

60Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?

61Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?

62Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?

63Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.

64Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde.

65Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.

66Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.

67Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?

68Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.

69Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Überblick

Standortbestimmung. Gehen oder bleiben – eine Frage nicht nur für die Jünger im Evangelium?!

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangelium (Joh) beginnt mit einem Loblied auf Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters (Joh 1,1-18). Er ist in die Welt gesandt, um die Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen und den Menschen den Weg zum Vater zu eröffnen. Diese Sendung Jesu ist als Grundthema in allen Erzählungen zu finden. 
Joh 6,60-69 gehört zum Erzählkomplex der sogenannten „Brotrede“. Ausgangspunkt dafür ist das „Zeichen“ (der Evangelist Johannes verwendet diesen Begriff statt „Wunder“) der Brotvermehrung (Joh 6,1-21). Daran schließt sich ein ausführlicher Redeabschnitt an, indem Jesus zunächst in der Synagoge in Kafarnaum über das Himmelsbrot spricht (Joh 6,22-59). Mit seinen Worten in der Synagoge reagiert Jesus auf die Fragen und das Staunen der Menge, gleichzeitig ist seine Ausführung Ausgangspunkt für Diskussionen und Unverständnis unter den Zuhörern. So berichtet der Evangelist mehrfach davon, dass „die Juden murrten und sich stritten“ und auch „die Jünger werden murren und nehmen Anstoß“. Joh 6,60-69 (eigentlich bis Vers 71) bildet den Abschluss der „Brotrede“. Jesus spricht nun nicht mehr zu „den Juden“ und damit einer großen Menge, sondern zunächst zu den Jüngern (Joh 6,60) und schließlich nur noch zu den „Zwölf“ (Joh 6,67).

 

2. Aufbau
Der Text unterteilt sich in zwei Adressatengruppen. Die Verse 60-66 sind an „die Jünger, die ihm zuhörten“ gerichtet, die Verse 67-69 an „die Zwölf“. Im ersten Teil wird das Motiv des Murrens wiederaufgenommen (vgl. Joh 6,41) und so eine Verbindung zwischen „den Jüngern“ und „den Juden“ geschaffen. Im zweiten Teil steht das Bekenntnis des Petrus stellvertretend für den inneren Kreis der „Zwölf“ im Vordergrund.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 60: Da Vers 59 noch explizit betont hatte, dass Jesus die Worte zuvor in der Synagoge gesprochen hatte, ist anzunehmen, dass das folgende Gespräch mit den Jüngern vor bzw. außerhalb der Synagoge stattfindet. Jesus spricht nun nicht mehr allgemein zu „den Juden“ (Vers 41), die ihm von der Brotvermehrung bis zur Synagoge in Kafarnaum gefolgt waren, sondern zu den eigenen Jüngern. Auch unter ihnen gibt es solche, die sich an den Worten Jesu stören. „Diese Rede“ Jesu über das Essen und Trinken seines Fleisches und Blutes (Joh 6,54-57), aber auch sein Anspruch Sohn Gottes, des himmlischen Vaters zu sein (Joh 6,37-40) erregt die Gemüter. Letztere Behauptung („ich bin vom Himmel herabgekommen“, Vers 38) ist es, die das „Murren“ der Juden (Vers 41) überhaupt in Gang bringt.

 

Verse 60-63: Jesus spricht die Jünger direkt auf ihre kritische Haltung an, er selbst legt ihnen in der Darstellung des Johannes das „Murren“ in den Mund. Damit unterscheiden sich die Jünger, die Vertrauten, nicht von den übrigen „Juden“. Die Antwort Jesu bietet hier keine weitere Erläuterung seiner vorangegangenen Worte, sondern eine Erweiterung. Wenn sie das Bisherige schon schwer zu verstehen fanden, wie wird es ihnen dann erst mit dem Kommenden gehen. Jesus blickt voraus auf die Osterereignisse und seine Rückkehr zum Vater, nachdem er im Kreuzestod dessen ganze Liebe zu den Menschen offengelegt hat.
Vers 63 als Ganzer ist kompliziert und lässt mehrere Deutungen und Missverständnisse zu. Eine mögliche Verstehenslinie schlägt eine Verbindung zum Anfang der Brotrede in Joh 6,26-27. Jesus fordert die Anwesenden dort auf, sich nicht von den vordergründigen Dingen vereinnahmen zu lassen. Sie sollen nicht wegen des Sichtbaren, des Zeichens, nicht wegen der Brotvermehrung an ihn glauben, sondern wegen dem, was das Zeichen sichtbar macht: Dass er Jesus, als Sohn des himmlischen Vaters ewiges Leben zu geben hat. Wenn Jesus hier nun davon spricht, dass er „Geist und Leben“ in seinen Worten hat, verweist er erneut auf die Wirklichkeit, die seinen Taten zugrunde liegt.

 

Verse 64-65: Der Evangelist Johannes lässt nun geschickt das „Vorwissen“ Jesu über die Jünger einfließen: Auch unter ihnen sind „einige, die nicht glauben“. Selbst bei den Jüngern fällt es manchen schwer, den Kern der Worte und Taten Jesu zu verstehen, anzunehmen und für sich eine Schlussfolgerung (Glauben) zu ziehen. Das Wissen Jesu um die innere Haltung einiger Jünger bestätigt seine göttliche Herkunft, da das „Kennen der Herzen“ sonst immer eine Gott zugeschriebene Eigenschaft ist. Mit Vers 65 knüpft Jesus Bezug auf die Verse 43-46 der Brotrede. Dort spricht Jesus vom liebevollen Werben („ziehen“, vgl. die Auslegung zu dieser Stelle)  des Vaters. Gott lädt nicht zuletzt mit der Sendung des Sohnes in die Welt, die Menschen ein, an ihn zu glauben. Ohne diese Hilfestellungen des Vaters ist glauben nicht möglich, weil glauben immer antworten auf das Geschenk der Nähe und Offenbarung Gottes ist.

 

Vers 66: Der Evangelist schildert nüchtern das Ergebnis dieser Ansprache Jesu an die Jünger. Es kommt zu einer Spaltung im Jüngerkreis, denn einige beschließen von nun an nicht mehr mit Jesus umherzuziehen. Sie „ziehen sich zurück“ ist zu unterscheiden von „sich abwenden“, das an anderen Stellen in den Evangelien zu lesen ist. Der „Rückzug“ scheint hier bewusst vom Evangelisten als nicht-endgültiger Bruch mit Jesus formuliert zu sein.

 

Vers 67: Nun, da sich die Gruppe geteilt hat und offenbar nur noch „die Zwölf“ anwesend sind, richtet Jesus das Wort an sie. Nur an dieser Stelle wird der Kreis der „Zwölf“ explizit im Johannesevangelium erwähnt. Von daher liegt es nahe, sie hier vor allem als Repräsentanten des „neuen Gottesvolkes“, als durch den Glauben an Jesus Erwählte zu verstehen und die Zahl nicht absolut zu setzen. Es können also auch mehr als „die zwölf“ Jünger nach der Brotrede noch bei Jesus verblieben sein. Sie machen als Gruppe diejenigen aus, die sich von den Worten Jesu nicht haben verwirren oder erregen lassen. Es sind diejenigen, für die Petrus im Folgenden als Sprecher fungiert.

 

Verse 68-69: Stellvertretend für die Verbliebenen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die Sendung Jesu vom Vater her nicht als Ärgernis hören und seine Worte über das lebendige Bort nicht als Affront verstehen, spricht Petrus ein Bekenntnis aus. Es gibt keinen anderen Ort, wohin sie sich wenden können, wenn sie das „ewige Leben“ suchen und sich in die Nähe Gottes begeben wollen. Die Anrede „Heiliger Gottes“, die ebenfalls nur hier im Johannesevangelium auftaucht, bringt ja genau das zum Ausdruck. Jesus als „Heiliger Gottes“ ist der Begegnungsort mit Gott mitten in der Welt.

Auslegung

Jesus scheint den Zwölf, seinem engsten Kreis, die Türe weit öffnen zu wollen. Wollen auch sie angesichts der „Zumutung“ seiner Worte und seiner Selbstoffenbarung als „Brot des Lebens“ (Joh 6,48) einen anderen Weg einschlagen und gehen? Die Antwort, die Simon Petrus stellvertretend für die Jünger gibt, ist bei Licht betrachtet auch eine Art Selbstoffenbarung. Wenn Petrus sagt: „Zu wem sollen wir gehen“, dann klingt darin fast die Verzweiflung eines Menschen wieder, der die Botschaft Jesu herausfordernd, vielleicht sogar anstrengend bis anstößig findet. Und zugleich hat Petrus wie die übrigen elf erkannt, dass nur diese Botschaft ihnen das schenken kann, wonach sie hungern und dürsten: ewiges Leben. Damit läuft die gesamte Brotrede auf zwei Fragen an die Jünger Jesu und auch uns hinaus: Was brauche ich für mein Leben? UND: Was bin ich dafür auch bereit in Kauf zu nehmen?
Wenn Petrus die Antwort der „Zwölf“ formuliert, steckt darin eine doppelte Auskunft. Die „Zwölf“ haben für sich erkannt, dass sie ein Leben mit einem Hoffnungshorizont brauchen. Für sie ist ein Leben, das in den Zwängen und der Enge des Irdischen aufgeht, das geprägt ist durch Fehler, durch Gebrechlichkeit und Vorläufigkeit, durch Auseinandersetzung, Streit, Habgier nicht plausibel. Sie suchen nach einem Leben im umfassenden Sinne – so wie Jesus es nicht zuletzt im Wunder der Brotvermehrung verheißen hat. Sie sehnen sich nach einem Leben in Fülle, einem Leben, das nicht endet, einem Leben, in dem nicht die Unzulänglichkeiten oder der Hass das letzte Wort haben. Sie sehnen sich nach einem Leben, das Freiheit atmet, das durch Liebe und Barmherzigkeit geprägt ist; ein Leben, das Gemeinschaft und nicht Vereinzelung bedeutet. All das haben sie für sich bei Jesus von Nazareth gefunden. Seine Worte, sein Handeln geben diesem Leben in Fülle ein Gesicht. Er macht aus dem Traum und dem Sehnen eine konkrete Wirklichkeit. Für diese Hoffnung, die er in ihr Leben bringt, sind sie auf der anderen Seite bereit, manches Fragezeichen und manche Zumutung mitzugehen. Wenn die anderen murren, weil Jesus davon spricht, ihnen „sein Fleisch und Blut“ zu essen und trinken zu geben (Joh 6,54-57) und vom Himmel herabgekommen zu sein (Joh 6,37-40), dann verstehen womöglich auch sie noch nicht die ganze Tragweite dieser Aussage und empfinden die Vorstellung als sperrig oder auch als eine Zumutung. Dennoch überwiegt für sie die Zukunft und Verheißung vor der Skepsis – und sie bleiben. Wenn die anderen sich abwenden, weil Jesus davon spricht „vom Himmel“ gesendet zu sein, dann ist für sie entscheidend, dass plötzlich eine Verbindung zum Himmel und zu Gott in greifbare Nähe gerückt ist – auch wenn sie sich das Wie und Warum vielleicht nicht vorstellen können. Das Vertrauen, die Sehnsucht und das Wagnis der Zwölf macht den Unterschied zwischen ihnen und denjenigen aus, die nach der Brotrede nicht mehr mit Jesus umherziehen. Der Evangelist Johannes zeigt, dass die „Zwölf“ sich entschieden haben. Sie gehen weiter mit Jesus, auch wenn sie womöglich nicht alles verstehen, es selbst so formulieren würden oder sie manches als Herausforderung begreifen. Die anderen aber, die sich zurückziehen, werden interessanter Weise auch noch als „Jünger“ bezeichnet (Vers 66). Es macht den Eindruck, als würde auch für diese weiter eine Tür offen gelassen – um wieder näher an Jesus heranzutreten. Der Fokus des Evangelisten Johannes aber liegt eindeutig bei den „Zwölf“, die nach allen Selbsterklärungen Jesu und allem Murren der anderen für sich sagen können: Es gibt niemand anderen, der uns eröffnet, was du uns eröffnest. Deshalb bleiben wir – auch mit unseren Fragen.

 

 

Kunst etc.
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