Lesejahr B: 2023/2024

1. Lesung (Gen 3,9-15.20)

9Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen zu und sprach zu ihm:

Wo bist du?

10Er antwortete:

Ich habe deine Schritte im Garten gehört; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

11Darauf fragte er:

Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?

12Der Mensch antwortete:

Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.

13Gott, der HERR, sprach zu der Frau:

Was hast du da getan?

Die Frau antwortete:

Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.

14Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange:

Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.

[...]

20Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.

Überblick

Eine Gebotsübertretung führt zu dem menschlichen Leben außerhalb des Paradieses. Das leidvolle und mühsame Leben in der Welt wird erklärt als Folge des Griffs der Menschen nach der Erkenntnis von Gut und Böse. Dies ist aber kein pessimistisches Weltbild.  

 

1. Verortung im Buch

„Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe es war sehr gut“, so urteilt der Erzähler im ersten Schöpfungsbericht am sechsten Tag, nachdem Gott abschließend den Menschen als Mann und Frau erschaffen hatte (Genesis 1,31). Der darauffolgende zweite Schöpfungsbericht wirft eine andere Perspektive auf den Anfang der Welt und der Menschheit. Nochmals wird die Schöpfung der Welt erzählt, aber diesmal endet sie in der Vertreibung aus dem Paradies (Genesis 3,23-24). Auch der Ausgangspunkt dieser Erzählung ist ein anderer. Der Mensch wird nicht als Ebenbild Gottes erschaffen (Genesis 1,26), sondern der Mensch wurde erschaffen, um den Erdboden zu bearbeiten (Genesis 2,5). Während der erste Schöpfungsbericht das Ideal beschreibt, erklärt der zweite Schöpfungsbericht, warum die Welt so ist, wie sie ist. Die Harmonie wird gestört, weil die Menschen, die Frucht von dem Baum der Erkenntnis von Gute und Böse essen, obwohl Gott ihnen dies verboten hat (Genesis 2.17). Dadurch wandelt sich die Existenz des Menschen.  Vorher waren sie nackt und schämten sich nicht (Genesis 2,25), nach der Gebotsübertretung fürchten sie sich, weil sie nackt sind (Genesis 3,10).

 

2. Aufbau

Der zweite Schöpfungsbericht erzählt, wie es zur Menschheit kam, und warum sie so lebt, wie sie lebt. Nach der Gebotsübertretung wandelt sich der Lob des Mannes über seine Frau (Genesis 2,23) zum Vorwurf an Gott: „Die Frau, die du mir beigestellt hast, sie hat mir vom Baum gegeben.“ (Genesis 3,12). Doch am Ende kehrt der Mann wieder zum Lob seiner Frau zurück: „Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendingen.“ (Genesis 3,20). Nach der Gebotsübertretung wendet Gott sich den Menschen zu. Er verhört sie nicht, sondern seine Fragen führen dazu, dass der Mensch sich selbst beschuldigt (Genesis 3,8-13). Es folgt keine Verfluchung der an der Gebotsübertretung beteiligten, sondern die strafenden Folgen werden benannt (Genesis 3,14-19). Nur der Ackerboden und die Schlange, die die Frau zum Essen der Frucht verführt hatte, werden verflucht.   

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 8-9: Nach dem Essen der verbotenen Frucht erkennen die Menschen nicht nur, dass sie nackt sind, sondern dass sie trotz dem aus Feigenblättern notbedürftig hergestellten Schurz vor Gott bloßgestellt sind. Sie fürchten sich vor ihm und verstecken sich. Aber der den Menschen im Folgenden bestrafende Gott ist zugleich der sich dem Menschen zuwendende und kümmernde Gott, der den Menschen fragt: „Wo bist du?“ Der in der Übersetzung schwierige Umstand, dass man mit „der Mensch und seine Frau“ übersetzen muss, ist der Tatsache geschuldet, dass der hebräische Text hier den Begriff ‎הָאָדָם (gesprochen: haAdam) samt Artikel benutzt, aus dem sich später der Name Adam für den ersten Mann der Weltgeschichte entwickelt.

Vers 10: Der Mensch beantwortet nicht die Frage Gottes, sondern erklärt das Motiv, warum er sich versteckt. Er fürchtet sich. Hier zeigt sich erstmals in der Geschichte das Motiv der Gottesfurcht. Die Schutzbedürftigkeit vor Gott signalisiert die Vertrautheit mit Gut und Böse. Er erkennt, dass er vor Gott nicht bestehen kann.

Vers 11: Der Mensch ist sich seiner Schuld nicht bewusst, sondern erst die Frage Gottes legt die Verfehlung offen.

Verse 12-13: Sowohl der Mann als auch die Frau gestehen die Tat ein, aber bekennen sich nicht zu ihrer Schuld. Der Mann schiebt die Schuld auf die Frau, die ihn dazu angestiftet habe. Indirekt klagt er Gott sogar an, der ihm die Frau geschaffen hatte. Die Frau spricht von einer bewussten Täuschung durch die Schlange, womit sie indirekt eingesteht den Mann angestiftet zu haben. Die Schlange wir wird nicht von Gott befragt: Scheinbar interessiert sich der Erzähler nicht für das Motiv des Bösen oder gar dessen Ursprung.

Verse 14-15: Dass die Schlange auf dem Bauch kriechen muss, ist keine Strafe. Das Buch Levitikus kennt eine ganze Kategorie von Tieren, die auf dem Bauch kriechen (Levitikus 11,42). Die Strafe ist das Staub-Fressen. In assyrischen Texten findet sich die Verfluchung: „Staub mögen sie fressen!“ Die Schlange wird zum Todessymbol, die gemäß Jesaja 65,25 selbst in der Heilszeit noch Staub fressen werde. Wie radikal die Worte Gottes sind, wird deutlich, wenn man sieht, dass Gott abgesehen von dieser Erzählung nur noch in Genesis 4,11 jemanden oder etwas verflucht.

Vers 16: Die Folgen der Gesetzesübertretung betreffen die Frau als Mutter und Ehefrau. Die im damaligen Kontext positive Geburt von Kindern wird mit Schmerzen verbunden. Sie wird somit zur „Mutter alles Lebens“ wie der Mann in Genesis 3,20 ausruft, aber zugleich wird sie darunter leiden. Zudem ist nun die Verbindung zwischen Mann und Frau gestört. Ein Mann wird zwar seinen Vater und seine Mutter verlassen, um seiner Frau anzuhängen (Genesis 2,24), aber durch die Gebotsübertretung und damit gegen die eigentliche Intention der Schöpfung wird sie ihrem Mann als ihrem Herrn untergeordnet sein.

Verse 17-19: Die Schuld des Mannes trifft seine Umwelt. Nicht er wird verflucht, sondern der Ackerboden, auf dem er sein Leben bestreitet (vgl. Hosea 4,1-3). Der paradiesische Zustand wandelt sich zu schweißtreibendem Broterwerb. Aber Gott sicher im zugleich zu, dass er genügend Brot zu essen haben wird, bis er stirbt und seine Mühsal ein Ende hat. Er hätte seiner Frau nicht folgen können und sich für das Wort Gottes anstatt des Wortes des Nächsten entscheiden können.

Verse 20-21: Der Mann reagiert auf die benannten strafenden Folgen mit einem Lobspruch auf seine Frau und nimmt die neuen Gegebenheiten somit an. Und Gott wendet sich fürsorgend seinen Geschöpfen zu und versorgt sie mit der nun notwendigen Kleidung.

Auslegung

Die Menschheit verliert das Paradies, weil sie das Wort Gottes missachtet. Kritisch kann man anfragen, ob die Menschen ohne die Kenntnis von Gut und Böse überhaupt wissen konnten, dass es falsch sei, das Gebot zu übertreten. Nun können Mann und Frau Gut und Böse erkennen. Sie sind aus unserer Perspektive vollwertige, erwachsene und freie Menschen (vgl. Deuteronomium 1,39). Sie treten Gott gegenüber und müssen dafür die Verantwortung übernehmen. Die gewonnene Freiheit ermöglicht es ihnen sowohl sich vor Gott zu verteidigen als auch sich bewusst gegen Gott zu wenden. Dies ist der Anfang der Anklage Gottes, die in den Psalmen zu einem wichtigen Bestandteil des Gebets wird. Zugleich wird jedoch auch deutlich, dass die menschlichen Verfehlungen keine Privatsache sind, sondern ein Verhängnis für die gesamten Lebenswelt bedeuten. Aufgrund des Menschen wird der Ackerboden verflucht. Von ihm wird sich der Mensch mit Leid und Mühsal ernähren müssen. Die von Gott verhängten Strafen haben keine direkte Beziehung zum Vergehen, sondern sie beschreiben aus der Perspektive des Erzählers die gegenwärtige Lebensform der Schlange wie des Mannes und der Frau. Das jetzige Leben wird sozusagen nachträglich als Strafe erklärt, um die gegenwärtige Wirklichkeitserfahrung zu erklären.

Seit dem Kirchenvater Irenäus (* um 135; † um 200) wurde Genesis 3,15 in der christlichen Theologie als Weissagung über Jesus Christus und/oder Maria verstanden. In dieser Deutung wurde die Schlange mit dem Teufel identifiziert, deren Kopf endgültig durch den einen Nachkommen der Frau zertreten wird. So heißt es über die Geburt Jesu zum Beispiel in dem mittelalterlichen Weihnachtslied Quem pastores laudavere nach der Übersetzung von Paul Gerhardt: „Jakobs Stern ist aufgegangen, stillt das sehnliche Verlangen, bricht den Kopf der alten Schlange und zerstört der Hölle Reich.“  Allerdings spricht der Bibeltext deutlich von allen Nachkommen der Frau und der Schlange. Und die Schlange selbst ist nicht der Teufel und somit nicht die Quelle des Bösen, sondern ein Geschöpf Gottes. Die Figur der Schlange verdeutlich in der Erzählung, dass die Verführung zum Ungehorsam gegenüber Gott nicht erklärbar ist.

Kunst etc.

Die gesamte Erzählung des zweiten Schöpfungsberichts hat der deutsche Maler Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) in einem Bild dargestellt. Am Ende der Geschichte vertreibt Gott die Menschen aus dem Paradies, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen: „Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben.“ (Genesis 3,22). Die im Vers vor dieser Gottesrede erzählte Einkleidung der Menschen hat Lucas Cranach der Ältere nicht dargestellt. Aber er verdeutlicht den Unterschied zwischen Gott und den Menschen in der Kleidung. Diese Darstellung ist nicht in der Erzählung grundgelegt. Und sie ist wohl eine Reaktion auf die sehr menschliche Darstellung Gottes, der durch den Garten Eden lustwandelt. Zugleich – ob bewusst oder unbewusst – deutet Lucas Cranach der Ältere somit jedoch an, dass die nun bekleideten Menschen nach der Gebotsübertretung Gott ähnlicher geworden sind (Genesis 3,21).

Lucas Cranach der Ältere, Paradise, 1950,   Kunsthistorisches Museum Wien, Inv. Nr.  Gemäldegalerie, 3678 - Lizenz: gemeinfrei
Lucas Cranach der Ältere, Paradise, 1950, Kunsthistorisches Museum Wien, Inv. Nr. Gemäldegalerie, 3678 - Lizenz: gemeinfrei