Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Petr 3,18-22)

18Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde.

19In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.

20Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.

21Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi,

22der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.

Überblick

Das große "Überthema", dass die beiden Lesungen sowie das Evangelium zusammenhält, kann man mit dem Stichwort "Rettung" zusammenfassen, das in jedem der drei biblischen Texte seine besondere Entfaltung findet: Die Erste Lesung verkündet die von Gott unter allen Umständen festgehaltene Bundestreue mit den Menschen, die Zweite Lesung beschreibt den extremen Einsatz Gottes, um diese Bundestreue aufrechtzuerhalten, und das Evangelium fordert die Menschen zu einer  Reaktion auf das Vernehmen vom Evangelium der Bundestreue Gottes auf: Umkehr zum Glauben an dieses Evangelium.

 

Vorab-Lesehinweis zur Zweiten Lesung

Da an den Fastensonntagen das Prinzip der fortlaufenden Lektüre eines neutestamentlichen Briefes innerhalb der Zweiten Lesung verlassen wird zugunsten einer stärkeren thematischen Geschlossenheit der beiden Lesungen sowie des Evangeliums am jeweiligen Fastensonntag, sei hier nur auf die Einleitung zum Ersten Petrusbrief im vergangenen Lesejahr A (Weißer Sonntag) verwiesen. Dort bestimmte dieses Schreiben alle Lesungen der Sonntage der Osterzeit.

 

Einordnung der Lesung

Aus der Einleitung in den Ersten Petrusbrief ist für das Verständnis der heutigen Lesung festzuhalten: Er ermutigt zum christlichen Glauben in schwierigen Zeiten, in denen es den Christen erstmals auch in geregelten - damit aber auch staatlich gewollten - Prozessen juristisch an den Kragen geht. Die der Lesung direkt vorangehenden Verse 1 Petrus 3,13-17 fordern in diesem Zusammenhang dazu auf, bloß nicht durch "böse Taten" (Vers 17) berechtigten Anlass zu Anklagen zu geben. Wenn es um "guter Taten" (ebenflls Vers 17) willen geschehe, deren man sich nicht zu schämen brauche, könne man dies nicht verhindern, hätte aber ein gutes Gewissen und dürfe ganz auf das aus dem Tode rettende Wirken Jesu vertrauen. Selbiges wird in den Versen 18-22, also in der heutigen Lesung, entfaltet.

Dabei erinnert die Abfolge der Bekenntnissätze an das seit dem 4. Jh. n. Chr. bis heute in der Kirche gebetete Glaubensbekenntnis ("Credo"):

"gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt und gestorben " - vgl. Vers 18

"hinabgestiegen in das Reich des Todes" - vgl. Verse 19-20

"auferstanden von den Toten" - vgl. Vers 21

"aufgefahren in den Himmel; dort sitzt er zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters" - vgl. Vers 22.

Dies zeigt die bedeutsame Rolle dieses Abschnitts des Ersten Petrusbriefes (vermutlich aus dem Beginn des 2. Jh. n. Chr.) für die Herausbildung der Glaubenstradition: Zum einen versammeln die wenigen Verse in sich bereits einzelne Bekenntnissätze zum Glauben an Jesus Christus, die uns verstreut aus den älteren Paulus-Briefen (alle zwischen ca. 50 und 62 n. Chr. entstanden) bereits bekannt sind und quasi zum tragenden "Skelett" des Credo wurden; zum anderen liefern sie mit dem einzigen neutestamentlichen Zeugnis vom Hinabstieg zu den Toten (dies verbirgt sich in den Versen 19-20, vgl. dazu unter "Auslegung") ein eigenständiges Element, das seinen Weg ins christliche Glaubensbekenntnis gefunden hat.

 

Vers 18: Jesus - Vorbild und Grund der Hoffnung in einem

Zunächst verweist der erste Vers der Lesung die in Versen 13-17 angesprochenen Briefadressaten begründend auf das Vorbild Jesu: Er litt als Gerechter, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. So sollen auch die Angeklagten sich als solche erweisen, die sich im Sinne des bürgerlichen Rechts nichts haben zu Schulden kommen lassen. Nur ihr Glaube darf der Anlass der gerichtlichen Verfolgung sein.

Um dieser Begründung willen ändert 1 Petrus das von Paulus her geläufige Bekenntnis um, dass Christus für unsere Sünden "gestorben" ist. Nicht der "Sühnetod" Jesu ist hier das Thema, sondern sein ungerechtes Leiden. Die Einheitsübersetzung hat an dieser Stelle entgegen dem griechischen Text (griechisch: épathen = "gelitten") zugunsten des paulinischen "gestorben" (griechisch: ảpéthanen) geändert bzw. sie beruht noch auf einer älteren in der neutestamentlichen Wissenschaft vertretenen Entscheidung, welche griechischen Handschriften des Ersten Petrusbriefes die vermutlich ursprüngliche Lesart darstellen

Aber auch in der Aussage "Christus hat ein einziges Mal wegen der Sünden gelitten - ein Gerechter für die Ungerechten" wird deutlich:  Christus ist weitaus mehr als "nur" ein Vorbild im Aushalten ungerechtfertigten Leids. Sein am Ende zum Tod führendes Leiden eröffnet vielmehr unnachahmlich(!) einen Gotteszugang, der wiederum in ewiges, unvergängliches Leben führt. "Sünde" und "Ungerechtigkeit"  sind hier vermutlich nicht nur allgemein zu verstehen, sondern meinen die Adressaten des Briefs, die als "Heiden" aus einem in der Sicht des Petrusbriefes von  "Sünde" und "Ungerechtigkeit" bestimmten Leben kamen, dessen finale Grenze Tod hieß. 1 Petrus 1,14 nennt diese frtühere Phase die "Zeit der Unwissenheit". Aus dieser Gottferne haben sie sich durch ihre Zuwendung zu Christus in die Gottesnähe begeben und dürfen auf dessen Tod in Leben verwandelnde Kraft vertrauen. Der physische Tod ist nicht zu ändern. Der blieb auch Christus nicht erspart. Aber die vom lebenschaffenden Geist Gottes gewirkte Heimholung ins ewige Leben können die "ungerechten" Richter denen nicht nehmen, die vor Gericht am Grund ihrer Hoffnung festhalten. 

 

Verse 19-20: Christi Gang ins Gefängnis

Über diese beiden Verse ist in der Exegese viel nachgedacht und gerätselt worden. Was genau ist mit den "Geistern" (griechisch: pneúmata) gemeint? Warum "Gefängnis" und nicht der näherliegende "Hades" (für den es auch Textzeugen gibt)? Und schließlich: Ist die Predigt Jesu eher als Gerichts- oder als Heilsverklündigung zu verstehen?

Während genauere Hintergründe der konkreten Formulierungen unter "Auslegung" erklärt werden, sei hier nur die plausibelste Deutung vorgestellt:

Anknüpfend an die Rede vom "lebendig machenden Geist" aus Vers 18 heißt es nun: "In ihm", also genau in diesem selben lebendigmachenden Geist hat Christus die wie in einem Gefängnis auf ihr endgültiges Ergehen wartenden Seelen der längst Verstorbenen (sie sind mit "Geister" gemeint), aufgesucht, um auch ihnen zu "predigen". Das entsprechende griechische Wort kērýssein wird neutestamentlich in der Regel mit "Evangelium" als Objekt verbunden, so dass die Deutung der Heilsverkündigung plausibler erscheint als die Annahme einer Gerichtsverkündigung (s. die letzte der o. aufgelisteten Fragen). Die Fortsetzung macht deutlich, dass das Evangelium vom ins Leben rufenden Gott auch den aussichtslosesten "Fällen" gilt, nämlich den Verursachern der Sintflut. 

Dies alles ist aber nur der große, hoffnungsvoll stimmende Horizont. Denn den Adressaten eher vergleichbar als die Unrechtstäter(innen) vor der Sintflut sind eher der biblisch als "gerecht und untadelig" geltende Noach (vgl. Genesis/ 1 Mose 6,9 und 1 Petrus 3,14 "Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet ...") und seine Familie, die direkt gerettet wurden (die Zahl Acht bezieht sich dabei auf Noach, seine drei Söhne Sem, Ham und Jafet sowie die vier zugehörigen, anonym bleibenden Ehefrauen). Merkwürdig mutet dabei zunächst die Formulierung "durch das Wasser" an, die man noch genauer übersetzen könnte: "durch Wasser hindurch" (vgl. 1 Korinther 3,15: "wie durch Feuer"). Man würde eher "aus dem Wasser" erwarten, was griechisch auch genau so gesagt werden könnte. Doch einmal mehr arbeitet der Petrusbrief mit beziehungsreichen Wortbrücken, wie die Fortsetzung zeigt. 

 

Vers 21: Die Taufe

Die Rettung der Noachfamilie "durch Wasser hindurch" mittels der Arche wird zum vorausverweisenden Vorbild (Typos) für die christliche Taufe, die "durch Wasser" geschieht - was der Brief gar nicht mehr eigens erklären muss. Umso mehr erstaunt die Erklärung der Taufe als "Bitte an Gott um ein reines Gewissen". Als Gegenüber einer rein äußerlichen "Reinigung des Körpers von Schmutz" besagt die Erklärung, dass die Taufe den "inneren Menschen", seine Existenzweise betrifft. Nicht zufällig hatte schon 1 Petrus 1,9 die Taufe zusammenfassend als "Rettung der Seelen" bezeichnet, was die Einheitsübersetzung ("eure Rettung") leider unterschlägt. Dabei scheint es dem Verfasser gerade auf dieses das innere Wesen des Menschene erfassende Wort "Seele" anzukommen, denn er wählt es auch in Vers 20, wonach bei wörtlicher Übersetzung "acht Seelen" von Gott durch die Wasser der Sintflut hindurch gerettet worden sind (hier schreibt die Einheitsübersetzung "acht Menschen").

Das "Gewissen" ist ein Entsprechungsort zu "Seele": Wo die innere Existenz des Menschen ganz von der alles neu machenden Gottesherrschaft erfüllt ist, ist er von der Macht der Sünde befreit bzw. hat er ein "reines Gewissen". Ganz ungewöhnlich ist dieser vielleicht kompliziert klingende Gedanke im Neuen Testament nicht, denn auch der zeitlich gar nicht so weit weg vom Ersten Petrusbrief liegende, aber vermutlich doch ihm gegenüber ältere Hebräerbrief (ausgehendes 1. Jh. n. Chr.) spricht vergleichbar vom "Gewissen". Zwei Belege (von vier) seien angeführt:

Hebr 9,14: "...  um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen."

Hebr 10,22: "... lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser!"

Nun macht der Erste Petrusbrief das Verständnis doppelt schwer, weil er die Taufe als "Bitte .... aufgrund der Auferstehung Jesu Christi" bezeichnet. Damit bindet er zwei verschiedene Aspekte zusammen: In der Taufe geschieht eine Erneuerung des Menschen, die allein von Gott her bewirkt wird. Es geht um die Hineinnahme in das lebensbegründende Geheimnis der Auferweckung Jesu aus dem Tode. "Bitte" besagt aber zugleich, dass die Taufe "nur" ein Anfangsgeschehen ist, das der Mensch in seinem irdischen Dasein durch ein christusförmiges Leben weiterführen und ver-wirklichen sollte. Auch dazu bedarf es göttlichen Beistandes. Die Bitte um ihn bleibt ein mit der Taufe einsetzendes Hintergrundleuchten. Das gilt für die Gläubigen, an die der Brief sich wendet. Das gilt aber in gleicher Weise auch für alle Getauften durch alle Zeiten hindurch.

 

Vers 22: Jesu Gang in den Himmel

Der letzte Vers der heutigen Lesung knüpft an den "Gang (griechisch: poreúomai) Christi ins Gefängnis der Geister" (Vers 19) an. Diesem "Hinabstieg in die Unterwelt" (entsprechend dem antiken Weltbild) wird nun der "Gang" (griechisch: poreúomai) Jesu zum Vater ("Himmelfahrt") gegenübergestellt, der neutestamentlich als Ausstattung mit einer göttlichen Macht verbunden wird, der jede andere denkbare himmlische Macht (neben den traditionellen "Engeln" werden bereits in Kolosser 1,16; 2,10.15 und Epheser 6,12 "Mächte und Gewalten" angeführt) unterworfen ist. 

Damit erweist sich 1 Petrus 3,18-22 als eine eigenständige Entfaltung des sog. Philipper-Hymnus, jenem uralten christlichen Lied, das vermutlich schon Paulus übernommen hat:

"5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:  6 Er ... 8 ... war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht ..., 10 damit alle im Himmel [vgl. Vers 22 der Lesung], auf der Erde und unter der Erde [vgl. Vers 19 der Lesung] ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters" (Phil 2,5-11).

Auslegung

Vers 18: "dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht"

Diese Formulierung ist in ihrer theologischen Doppeldeutigkeit vom Verfasser des Ersten Petrusbriefes sehr geschickt gewählt. Denn zum einen sprechen "Fleisch" und "Geist" die beiden Prinzipien, Kräfte oder Mächte an, die den Menschen bestimmen können. Schon Paulus verwendet diesen Gegensatz:

"5 Denn diejenigen, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, die aber vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. 6 Denn das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. 7 Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nämlich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. 8 Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen. " (Röm 8,5-8)

Hinter Vers 18 steht also als "verborgene" Hintergrundaussage: Der schließlich getötete Christus wurde von Gott "lebendig gemacht", also auferweckt, well er sein Leben als ein vom Geist Gottes und nicht vom Fleisch Bestimmter geführt hat. Er starb als "Gerechter" (ebenfalls Vers 18), und in dieser "gerechten", also "vom Geist bestimmten" Lebensweise sollten die Briefadressaten auch ihr Leben führen. Dann dürfen auch sie auf das gottgeschenkte neue Leben hoffen, das in Christi Auferweckung zum Durchbruch kam.

Zum anderen meinen "Fleisch" und "Geist"  aber nicht nur die im Menschen wirksamen Kräfte, die zu einem bestimmten - negativen oder postiven - ethischen Verhalten führen, sondern sie stehen  auch für das Gegenüber von allem Irdischen in seiner ganzen Begrenztheit und letztlich Todesverfallenheit und dem menschliche Vorstellungen und Begrenzungen überschreitenden Göttlichen ("Transzendenten"), also letztlich Gott selbst, von dem Paulus sagt, dass er das, was nicht ist, ins Dasein rufen und die Toten lebendig machen kann (vgl. Römer 4,17). Beide Bereiche kommen im Menschen zusammen, auch in Jesus. Deshalb kann Paulus am Beginn des jetzt schon mehrfach zitierten Römerbriefs von Jesus Christus sagen: 

"dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten" (Röm 1,3b-4).

Diese Gegenüberstellung wendet 1 Petr 3,18 nun kreativ auf seine bedrängten Adressaten an, um ihnen aufzuzeigen, welche "Hoffnung" sie erfüllen darf (vgl. 1 Petrus 3,15).

Wie der Zusammenhang zwischen den beiden "Fleisch - Geist"-Konzeptionen (einmal eher anthropologisch-ethisch, einmal christologisch-soteriologisch, d. h. im Blick auf Gottes Rettungs- und Erlösungsmacht, die sich in Christus erwiesen hat) zu verstehen ist, entfaltet Paulus in Fortsetzung des oben angeführten Römerbrief-Absatzes:

"9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. 10 Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. 11 Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt" (Röm 8,9-11).

 

Verse 19-20: "zu den Geistern gegangen"

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist zumindest eine Inspirationsquelle für die Formulierungen der beiden Verse ein außerbiblischer Text, das sog. äthiopische Henochbuch, das in das dritte vorchristliche Jahrhundert zurückreicht. In den Kapiteln 6-36 (das sog. "Wächterbuch") wird der Patriarch Henoch - biblisch ein Vorfahre Abrahams - zu den "Engeln" bzw. "Geistern" gesandt, die einst aufgrund ihres "Ungehorsams" für die Sintflut verantwortlich waren. Ihr Aufenthaltsort wird - wenn auch mit einem anderen griechischen Wort als in 1 Petrus - als "Gefängnis" bezeichnet. Dorthin soll Henoch "gehen" und die Botschaft von der endgültigen Verwerfung bringen. Ein sich anschließendes Gnadengesuch wird abgelehnt.

Mit den Stichworten "Geister", "Gefängnis", "Ungehorsam", mit der Koppelung an das Sintflutmotiv sowie an das "Gehen" einer Person zu den Gefangenen sind soviele Verbindungen gegeben, dass man 1 Petrus 3,19-20 als eine christliche Gegenlektüre des apokalyptischen Henoch-Textes interpretieren kann: Dem endgültige Verdammnis verkündenden Henoch im Reich der Toten - als Gefängnis verstanden, das die Christen des Ersten Petrusbriefes teilweise aus eigener "Anschauung" kannten - steht Christus gegenüber, der auch den Hoffnungslosesten eine "gute Nachricht" bringt. Es ist in der christlichen Tradition besonders der Karsamstag, der Zeit und Anlass bietet, über das Geheimnis des Credo-Satzes "hinabgestiegen in das Reich des Todes" und seine zutiefst Hoffnung stiftende Botschaft nachzudenken - besonders in Zeiten, da die Gesellschaft weltweit solche, die am Abgrund stehen, eher noch über die Kante schubst oder Konfusion, wenn nicht gar Terror mit Angst statt Hoffnung stiftenden Botschaften schürt.

Der Begriff "Geister" ist vielleicht nicht nur eine Übernahme aus dem Henochbuch, wo er in Parallele zu "Engeln" steht, wobei wohl bei den Sintflut-Verantwortlichen eher an "gefallene Engel" zu denken ist. Da 1 Petrus immer dann, wenn es um Rettung geht,  von "Seelen" spricht (1 Petrus 1,9; 3,18: s. dazu unter "Auslegung" zu Vers 21), könnte "Geister" für diejenigen stehen, die aufgrund ihrer eigenen Verstrickung ohne Rettungshoffnung gestorben sind. Auch ihnen wird durch den im Reich des Todes verkündenden Christus unerwartet "Freilassung aus Gefangenschaft" verkündet (vgl. Lukas 4,16-19). So würden aus leblosen "Geistern" lebendige "Seelen" werden.

Kunst etc.

Abstieg Christi in den Limbo, Meister des Osservanza Triptychons (um 1445), Wikimedia Commons
Abstieg Christi in den Limbo, Meister des Osservanza Triptychons (um 1445), Wikimedia Commons

Eigentlich ist das Gemälde aus dem 15. Jh. zu "harmlos", um zu verdeutlichen, welche Heilsperspektive in dem von 1 Petrus 3, 19-20 verkündigten Hinabstieg Jesu in das Reich des Todes (lateinisch:  "descensus ad inferos") steckt. Dies mag daran liegen, dass dieser theologische Gedanke in der Westkriche weitaus weniger bedacht worden ist als in der Ostkirche, die den descensus ad inferos in wesentlich brachialerer Gewalt bei Kirchenausmalungen darstellt und deutlich macht, dass hier dieselbe, den Tod vernichende Kraft Gottes am Werke ist wie bei der Auferweckung Jesu. Das Gemälde eines anonymen Meisters (möglicherweise Sano di Pietro aus der Schule von Siena) deutet dies an, indem er die aufgebrochene Eingangstür zum Totenreich erkennen lässt, die den Teufel unter sich begraben hat. Die lichtvolle Darstellung passt auf jeden Fall gut zum Ersten Petrusbrief, der in Zeiten der Bedrängnis bei seinen Adressaten eine Kerze der Hoffnung entzünden möchte und dazu von der Hoffnung spricht, die sie erfüllen darf und von der sie - auch vor Gericht - erzählen sollen:

"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt" (1 Petrus 3,15).