Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (Hebr 2,11-12.13c-18)

11Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen

12und zu sagen:

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen;

13cund ferner:

Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat.

14Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil genommen, um durch den Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel,

15und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren.

16Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an.

17Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.

18Denn da er gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.

Überblick

"Darstellung des Herrn" - einmal mehr wird an diesem Fest, das früher einmal die Weihnachtszeit abschloss, deutlich, wie sehr Gott sich in Jesus auf das Menschsein einlässt. Der Reinigungsritus der Mutter 40 Tage nach Geburt des Kindes, zu dem die Familie den Jerusalemer Tempel aufsuchte,  wird zum  Anlass eines berührenden Erlebnisses: Ein jüdischer Greis mit Namen Simeon nimmt den kleinen Jesus in seine Arme und erkennt in ihm den Messias, den sehnsüchtig erwarteten, von Gott gesandten Heilsbringer. 

Was im Evangelium erzählerisch entfaltet wird, kommentieren die beiden Lesungen. Maleachi (1. Lesung) verdeutlicht, dass in Jesus Gott selbst aufscheint: "Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht" (Mal 3,1). Die zweite Lesung hingegen betont die Menschengleichheit des göttlichen Kindes: "Darum musste er [Christus] in allem seinen Brüdern gleich sein" (Hebr 2,17). Beides zusammen trifft auf den zu, den Simeon in Händen halten durfte.

 

Einordnung in den Kontext

Der Hebräerbrief ist ein eher predigtartiges Schreiben, das in Zeiten der Bedrängnis eine christliche Gemeinde vor Auflösungs- und Fluchttendenzen zu bewahren sucht. Er will also gleichermaßen Mut machen, trösten, aber auch mahnen, da der uns unbekannte Autor keinen anderen Retter kennt als Christus. Jesus Christus verbürgt das ewige Leben.

Von diesem Christus spricht der Hebräerbrief auf für heutige Leser schwer verständliche Art, weil er durchgängig den alttestamentlichen Kult bzw. andere alttestamentliche Bildwelten als Folie nutzt, um auf ihr die Besonderheiten Jesu zu markieren. Kapitel 1 grenzt Jesus als "Sohn Gottes" von den Engeln ab. Könnte die Hoheit Jesu gegenüber den Engeln zum "Höhenflug" abdriften, betont dagegen Kapitel 2 - aus dem die Festtagslesung stammt -, dass der Gottessohn zugleich "ein wenig unter die Engel erniedrigt" wurde. Diese Anspielung auf die alte griechische Fassung von Psalm 8 ("Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als die Engel", der hebräische Text sagt: "... wenig geringer als Gott") sagt aber im Grunde zu wenig, weshalb der Hebräerbrief auf das Todesleiden Jesu verweist (zum Ganzen vgl. die der Lesung vorausgehenden Passage Hebr 2,8-9).

Dann folgt eine Art Quersumme der bisherigen Aussagen, die leider nicht in die Lesung einbezogen wurde, die ja erst mit Vers 11 beginnt:

"Denn es war angemessen, dass Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Urheber des Heils durch Leiden vollendete" (Hebr 2,10).

Er bildet das Brückenglied zu den Lesungsversen und ist zugleich deren Verstehensschlüssel.

 

Verse 11-12.13c: Verbrüderung

Der SOHN - also Jesus als Sohn Gottes - und die SÖHNE - also die Menschen als Geschöpfe1 -  sind beide von Gott nicht zu trennen. Die Beziehung beider zu Gott ist aber unterschiedlich: Der eine war immer schon, vor aller Schöpfung, beim Vater. Die anderen aber gab und gibt es nie anders denn als Geschöpfe und Erdenkinder. Wie aber soll ein erdenferner göttlicher Sohn etwas für die Erdenkinder tun können? Wie soll er eine störungsfreie Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen bewirken können? Das genau nämlich meint das Wort "heiligen".

Der Hebräerbrief antwortet: durch "Verbrüderung"! In Jesus wird Gott einer von uns.

Das Stichwort "Bruder" liefert besonders Psalm 22,23, der als erstes zitiert wird. Er wird vom Verfasser des Hebräerbriefes so verstanden, dass Jesus das sprechende Ich des Psalmverses ist, das sich an die Menschen ("meine Brüder") wendet. Hier wird übrigens deutlich, dass das Neue Testament die Psalmen keineswegs nur als Gebete versteht, sondern als Wort Gottes. Deshalb stehen sie in der Heiligen Schrift und können genauso Ausgangspunkt für eine Predigt werden wie ein Prophetentext.

Es folgen noch zwei weitere verstärkende Psalmenzitate (der Hebräer-Autor liebt solche Zitat-Ketten), von denen die Leseordnung das mittlere auslässt, das vielleicht am wenigsten einen Bezug zum eigentlichen Gedanken zu erkennen gibt.

 

Verse 14-16: Der leidende Sohn

Die "Verbrüderung" geschieht dadurch, dass der Gottessohn zum Menschensohn wird. Dabei war es wichtig, die Menschen der damaligen Zeit nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Denn dass Götter zu Menschen oder gar Tieren wurden, kannte man aus den griechischen Mythen. Jupiter näherte sich z. B. Leda bekanntlich als Schwan. Und das alte Ehepaar Philemon und Baucis bekam Gottesbesuch in Gestalt eines menschlichen Gastes. Bei Jesus aber geht es nicht um Verkleidung, sondern um einen existentiellen Wandel vom Gott- zum Menschsein. Dieser wird durch nichts deutlicher als durch das Sterben Jesu. Hier beschönigt übrigens der Hebräerbrief nichts. Jesus ist hier keiner, der heroisch Schmerzen erträgt oder gar als Gottessohn gar nichts spürt. Kapitel 5 spricht von "lautem Schreien, Tränen, Gebeten, Bitten", von "durch Leiden Gehorsam lernen" - "obwohl er Sohn war" (Hebr. 5, 7-8).

Dieses Uns-gleich-Werden ist für den Hebräerbrief deshalb so wichtig, weil er ja eine Gemeinde stärken und trösten will, die in politischer Bedrängnis lebt, einschließlich der Gefahr des Martyriums. In dieser Gemeinde ist "Furcht vor dem Tod" (Vers 15) kein Allgemeinplatz, sondern sehr wahrscheinlich eine ganz tief sitzende und täglich gespürte Realität. Wenn aber "der Urheber des Heils durch Leiden vollendet wurde", wenn Gott in seinem Sohn selbst Todesangst durchlebt hat, um am Ende aber diesen Tod zu besiegen, dann kann das diejenigen trösten, die an diesen Gott und seinen Sohn glauben.

 

Verse 17-18: Der "Hohepriester"

Diese Aussage wird durch einen weiteren Vergleich mit dem Alten Testament (nach den Psalmen) verstärkt. Jetzt geht es um den Hohepriester. Der hatte, solange es den Tempel von Jerusalem gab, die Aufgabe, einmal im Jahr einen großen Sühneritus zur Vergebung der Sünden für das ganze Volk durchzuführen.Die Einführung dieses Vergleichs mit dem Sühnetod Jesu bereitet die großen Passagen in den Kapiteln 5 und 7 - 10 vor, wo es eher um die Unterschiede zwischen Jesus als "Hohepriester" und dem alttestamentlichen Hohepriester geht. Hebr 2,17-18 hingegen betont das, was beide verbindet. Der alttestamentliche Hohepriester war immer ein Mensch. Auch Jesus, der zwar nicht durch Opfer, sondern durch seinen eigenen Tod Sündenvergebung bewirkt, war mindestens insoweit Mensch, dass er sogar in Versuchung geführt wurde. Bei der Versuchung scheint sowohl auf die Auseinandersetzung Jesu mit dem Satan in der Wüste angespielt zu sein (vgl. Markus 1,12-13) als auch auf die Getsemane-Szene, in der Jesus den Vater darum bittet, "den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen" (vgl. Markus 14,35-36; zum Ganzen vgl. die Kommentierung zur Zweiten Lesung am Karfreitag/Lesejahr C). Für den Hebräerbrief war es für Jesus durchaus eine Versuchung, dem ihn erwartenden Tod auszuweichen. Der, der selbst solche Versuchungen kennt, vermag am ehesten heilsam für diejenigen zu werden, die sich auch versucht sehen, den Nachteilen ihres Glaubens auszuweichen.

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Auslegung

Die Debatte darüber, ob Gott selbst in Versuchung führt oder nicht, wird immer wieder geführt. Solche Diskussionen können schnell zu einer Diskussion in der Weltenfremde führen. Der so schwierig klingende Hebräerbrief ist da sehr viel geerdeter. Er weiß einfach, dass die "Versuchung" zur menschlichen Erfahrung dazugehört.

 

Thema: "Versuchung" (Vers 18)

Die Fragen derjenigen, an die der Hebräerbrief sich wendet, lauten: Was tun, wenn der christliche Glaube nicht mehr gesellschaftsfähig ist? Wieviel an Überzeugung darf ich aufgeben, um mit den Römern ins Geschäft zu kommen? Wie entscheide ich mich, wenn der Besuch des Gottesdienstes von den attraktiven Pöstchen, die Rom vergibt, ausschließt? Ist Glaube die psychische Belastung ständigen Mobbings wert? Und was, wenn die Alternative Christengott oder der Kaiser als Gott, dem auch Opfer darzubringen sind, im wörtlichen Sinne eine Alternative auf Leben oder Tod bedeutet?

Für solch schwierige Entscheidungssituationen will der Hebräerbrief wappnen. Er ermutigt zur Entschiedenheit, zum Vermeiden fauler Kompromisse; zu einer tiefen Menschenliebe (vgl. dazu das Kapitel 13 des Hebräerbriefs), die aus festem Glauben erwächst (die ermutigenden Vorbilder werden in Kapitel 11 und Hebr 12,1-2 "nachgereicht").

Auch wenn unsere Zeit zumindest in Deutschland keine Christenverfolgung kennt und auch kein Staatskult eingefordert wird, bleibt der Hebräerbrief aktuell. Denn die Versuchungen haben sich vielleicht verlagert, aber mit Sicherheit nicht in Luft aufgelöst.

Dabei geht es weder um irgendeine "süße Versuchung" - etwa durch Schokolade in der Fastenzeit oder, ganz weltlich,  durch gutes Essen, das einem das Abnehmen so schwer macht - noch einzig um sexuelle Verführung bzw. Verführbarkeit. Es geht um die immer neu zu treffende Entscheidung: Wähle ich in einer konkreten Situation eine Lösung, die ich vor Gott verantworten kann? Ist Gott, ist der durch Jesus vorgezeichnete Weg, ist das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe, ist Gottes Option für das Recht, für die Armen, für das Leben, für die Güte, für die Barmherzigkeit, für die Vergebung überhaupt ein Maßstab für Entscheidungen in meinem Leben? Oder zählt eher der geringste eigene Schaden, der größtmögliche Gewinn, die Erfolg versprechende Hartherzigkeit, das Geld, auch der eigene sexuelle Wunsch, dem das Gegenüber sich einfach nur zu beugen hat, die Gewalt ...? Die größten Versuchungen sind wahrscheinlich die Angst vor Ansehens- und Machtverlust sowie die Angst vor der endgültigen Entmachtung, dem Tod.

Die Lesung aus dem Hebräerbrief stellt uns Jesus vor, dem nichts von solcher Versuchbarkeit des Menschen, die einfach zu uns zu gehören scheint, fremd ist. Er schaut nicht hochmütig auf uns herab: "So etwas kenne ich nicht." Vielmehr schaut er uns beim Hören der Lesung in die Augen - wie das kleine Jesuskind wohl dem Simeon in die Augen schaute - und sagt: "Ich habe die Versuchungen überwunden. Und als meine Schwester und mein Bruder vermagst auch du, Mensch, viel mehr, als du dir vielleicht selbst zutraust. Traue mir! Glaube!"

Kunst etc.

CCA S-A 3.0, Kirche im Garten Getsemane
CCA S-A 3.0, Kirche im Garten Getsemane

Die Lesung aus dem Hebräerbrief spricht besonders eindringlich vom Todesleiden Jesu, um zu zeigen, wie sehr sich Gott in seinem Sohn auf die Menschennatur eingelassen hat. Dieses Leiden wird mit dem Garten Getsemane auf dem Ölberg in Jerusalem verbunden.  Hier hat Jesus "unter lautem Schreien und Tränen" (Hebr 5,7) gebetet, Gott möge den Kelch des Todes an ihm vorüberziehen lassen. Zugleich hat er sich aber auch dem Willen des Vaters unterstellt. 

Folgt man den Angaben der Evangelien, spricht vieles dafür, dass Getsemane der noch heute in Jerusalem zu besuchende kleine Ölgarten ist, auch wenn er zur Zeit Jesu größer gewesen sein dürfte. Der in der zugehörigen Kirche gezeigte blanke Felsboden vor dem Altar erinnert an die Härte und Kargheit der letzten Stunden Jesu. Versuchung und Angst waren seine Gefährten, aber nicht seine Bezwinger. Er blieb seiner Sendung treu - bis zum Tod am Kreuz. Darum wurde er auferweckt (vgl. den Philipper-Hymnus unter "Kontext").