Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Kor 1,3-9)

3Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

4Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde,

5dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis.

6Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt,

7sodass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet.

8Er wird euch auch festigen bis ans Ende, sodass ihr schuldlos dasteht am Tag unseres Herrn Jesus Christus.

9Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.

Überblick

Gut gerüstet! Die Gemeinde in Korinth hat alles, was es braucht, um auf den Herrn zu warten. Und die Treue Gottes soll ihr ein Vorbild sein. 

1. Verortung im Brief
Paulus selbst gründet die Gemeinde in Korinth im Jahr 50 oder 51 n. Chr. Mit den Christen dort bleibt er über Briefe, aber auch über mündliche Berichte von Mitarbeitern in Kontakt. Der 1. Korintherbrief, den Paulus um das Jahr 54 n. Chr. aus Ephesus schreibt, gibt einen tiefen Einblick in die Fragen und Herausforderungen einer jungen christlichen Gemeinde.
Dabei folgt der 1. Korintherbrief (1 Kor) dem Muster eines antiken Briefes: Nach einem „Vorschreiben“ (von der lateinischen Bezeichnung „Präskript“) oder auch „Anschreiben“ mit Absender, Adressat und Gruß (1 Kor 1,1-3) kommt das „Proömium“ (1 Kor 1,4-9), das noch einmal eine Vorrede darstellt und einen vertieften Dank beinhaltet. Mit 1 Kor 1,10 beginnt der Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“), in dem der Apostel zu verschiedenen aktuellen Fragen und Themen Stellung bezieht. 

 

2. Aufbau
Vers 3 gehört formal noch zum Präskript des Briefes, leitet hier aber als Gruß über zum Dank, den Paulus an die Gemeinde richtet. Vers 4 schlägt mit den Formulierungen „Gnade Gottes“ und „in Christus Jesus“ Brücke zu Vers 2 und 3 aus dem Beginn des Briefes, setzt aber mit „ich danke“ neu ein. Die Verse 5-9 entfalten inhaltlich, was die Gnade Gottes in den Christen in Korinth bewirkt und womit sie beschenkt sind.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 3: Der Gruß ist knapp gehalten. Gnade und Friede entsprechen der christlichen Gemeindesprache. Sie sind einerseits Zeichen des Heils, das Gott schenkt, andererseits sollen sie im Leben der Gemeinde Realität werden.

 

Vers 4: Der Vers ist nicht nur das Verbindungsstück zwischen dem Anschreiben und der erweiterten Einleitung. Er formuliert auch eine Haltung des Apostels, die die Grundlage nicht nur für seine Beziehung zur Gemeinde in Korinth ausmacht: „ich danke jederzeit“. Der Grund für den Dank ist der Glaube der Christen in Korinth, der auf der gnadenhafte Zuwendung Gottes in Jesus Christus beruht.

 

Verse 5-9: Im inhaltlichen Schwerpunkt der Vorrede formuliert Paulus aus, worin sich die Zuwendung Gottes ausdrückt: Reichtum an „Rede und Erkenntnis“, Festigkeit des Zeugnisses, Berufung zur Gemeinschaft mit Christus. Der Apostel verdeutlicht durch die passivischen Formulierungen, dass alles, was die Gemeinde auszeichnet, nicht nur eigenes Bemühen darstellt, sondern im Wesentlichen auf Gottes Gabe gründet.
Die Beschäftigung mit den verschiedenen Gnadengaben Gottes wird später in den Kapiteln 12-14 ausführlicher entfaltet. In Vers 5 werden „Rede und Erkenntnis“ unter ihnen besonders herausgehoben. Damit ist ein Hinweis auf die Bedeutung des Bezeugens des Glaubens und zugleich der intellektuellen Auseinandersetzung mit ihm gegeben. Beide Themen werden im Hintergrund des Briefes eine Rolle spielen, wenn Paulus sich z.B. in Kapitel 15 mit der „Logik“ des Auferstehungsglaubens beschäftigt (1 Kor 15,12-14) oder in Kapitel 12 mit der Gabe, Glauben zu vermitteln (1 Kor 12,8).

Vers 6 nimmt die Basis in den Blick, von der aus die Gemeinde ihren Weg beschreitet: Es ist das „Zeugnis über Christus“. Paulus umschreibt mit diesen Worten das Evangelium und damit die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, der am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden ist. Auf dieser Botschaft ist das neue Leben der Gemeinde als Christengemeinde gegründet. Und mit der Annahme des Evangeliums werden den Christen die Gnadengaben als Stärkung geschenkt. 
Zu dem neuen christlichen Leben gehört auch die Erwartung der Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeit. Auf dieses Ereignis fiebert die Gemeinde hin, ist damit doch die „Offenbarung Jesu Christi“ in all seiner Herrlichkeit verbunden. Zum „Tag des Herrn“ am Ende der Zeit gehört das Rechtsprechen oder das Gericht, indem es gilt „schuldlos“ vor Gott zu stehen. Die geschenkten Gaben sind Hilfestellungen, sich in der Zeit des Wartens auf diesen Tag hin zu bewähren.
Der letzte Vers des Abschnitts (Vers 9) ruft einerseits die Treue Gottes und andererseits die Berufung zur Gemeinschaft mit Christus in Erinnerung. Er nimmt noch einmal den feierlichen Ton der Verse 3-4 auf, bevor es im Hauptteil, der mit 1 Kor 1,10 beginnt, um die Herausforderungen des Gemeindealltags geht.

Auslegung

Die wohlwollenden Töne, die der Apostel in 1 Kor 1,3-9 formuliert, sind nicht nur dem „Stil“ eines antiken Briefes geschuldet und Teil einer rituellen Einleitung bevor es inhaltlich ans Eingemachte geht. Wer Paulus und seine Korrespondenzen mit den Korinthern (und den anderen Gemeinden) kennt, wird die von ihm in Vers 4 formulierte Dankbarkeit als eine Grundhaltung immer wieder entdecken. Sie ist nicht nur zur Schau gestellte Höflichkeit, sondern eine innere Grundüberzeugung den Schwestern und Brüdern im Glauben gegenüber. Aus ihr spricht die Gewissheit, dass der Glaube der anderen für ihn zum Geschenk werden kann bzw. ein Geschenk ist. In den Briefen, in denen Paulus aus der Gefangenschaft heraus schreibt (z.B. Philipperbrief 1,3-5), wird dies sehr existentiell erfahrbar. Im Brief an die Gemeinde von Korinth ist die Dankbarkeit für den Glauben der Christen vor Ort vor allem ein starkes Bindeglied über alle Herausforderungen hinweg. Die innere Überzeugung, dass die Korinther – wie Paulus selbst – von Gott Beschenkte sind, macht aus der Korrespondenz mit ihnen kein „Lehrschreiben“, sondern ein gemeinsames Ringen von Glaubenden. Paulus weiß zu gut, dass die Gemeinde – wie er selbst – einen Beitrag dazu leistet, das Evangelium weiterzugeben. Apostel und Gemeinde sind gemeinsam aktiv in der Verkündigung des „Zeugnisses über Christus“ und darin stärken sie sich gegenseitig. Die Tatsache, dass Paulus dennoch Dinge „zurecht rücken“ muss und deutliche Worte gegen Missstände findet, schmälert nicht das gemeinsame Bemühen um das Evangelium und seine Dankbarkeit darüber.

Die Verbundenheit mit der Gemeinde über das Geschenk ihres Glaubens kennt aber noch einen zweiten Adressaten: Gott ist derjenige, der die Menschen zur Gemeinschaft mit ihm ruft. Er hat in Christus die Korinther und den Apostel zu Zeugen seiner Botschaft werden lassen. Paulus möchte genau das der Gemeinde in Erinnerung rufen und ihnen zu Beginn des Briefes vor Augen führen, wie Gott sie für ein Leben in der Zeugenschaft zugerüstet hat. Ziel des Apostels ist es, dass die Gemeinde die Herausforderungen ihrer Zeit, die Auseinandersetzung mit philosophisch-theologischen Argumenten, die inneren Streitigkeiten (vgl. 1 Kor 1,11-17 oder 11,17-22) durchlebt im Vertrauen auf das, was Gott ihnen gegeben hat, um kluge Entscheidungen zu treffen und die Botschaft des Evangeliums treu zu bewahren. In diesem Sinne sind die Verse 1 Kor 1,3-9 eine wirkliche Vorrede und Einstimmung auf das, was im weiteren Brief thematisiert wird.
Paulus weiß, dass die Gemeinde nach dem Enthusiasmus der Anfangszeit nun zu einem gewissen Alltag übergeht. Und er erkennt, dass die Hoffnung auf ein baldiges Wiederkommen Jesu und damit auf ein Ende der Zeit und ein Einziehen in das Reich Gottes im Laufe der Zeit verblassen könnte. Zweimal (Vers 6 und 7) betont er deshalb die „Festigkeit“ des Glaubens. Gott hat die Gemeindemitglieder nicht nur zu sich gerufen, er hat sie auch zugerüstet für ein christliches Leben. Er sorgt dafür, dass es den Korinthern an „keiner Gnadengabe fehlt“, um als Gemeinde auch im Alltag zu bestehen. Wie die unterschiedlichen Gnadengaben das Leben in der Glaubensgemeinschaft prägen und wie sie zueinander geordnet sind und sich notwendig ergänzen, dazu wird er später ausführlich schreiben (1 Kor 12-14). Zu Beginn des Briefes ist es für Paulus ausreichend, das Bewusstsein der Gemeinde für das Geschenk des Glaubens und die damit einhergehenden „Hilfsmittel“ (Geistesgaben) zu schärfen. Die abschließende Erinnerung an die Treue Gottes und die Gemeinschaft mit Jesus Christus haben dabei einen appellativen Unterton: Gott ist treu ruft er den Korinthern zu und ermahnt sie damit zugleich, im Vertrauen auf diese bleibende Zuwendung Gottes selbst auch der Botschaft treu zu bleiben – in allen Bedrängnissen, Zweifeln, Auseinandersetzungen und egal wie lange es dauert, bis der Herr wiederkommt.

Kunst etc.

Die Gemeinde von Korinth ist unter Mitwirkung des Apostels Paulus 50/51 n.Chr. auf der ersten Missionsreise gegründet worden.