Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 1,12-15)

12Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste.

13Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.

14Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes

15und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Überblick

Aufbruch – zwischen Verheißung und Realität.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers, der Taufe Jesu und der Erzählung von der Versuchung Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).

 

2. Aufbau
Die Perikope (liturgischer Leseabschnitt) des Sonntags verbindet zwei Erzählungen: Die Versuchung Jesu in der Wüste (Verse 12-13) und den Beginn seiner Verkündigung (Verse 14-15).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 12-13: Von der vorangehenden Taufszene am Jordan wird Jesus nun in die Wüste hinein geführt. Der Verweis auf den Geist Gottes, der ihn dorthin „treibt“ und der sich in der Taufszene sichtbar auf Jesus niederließ (Mk 1,10), soll den Lesern verdeutlichen: Was Jesus auch tut, er handelt in Verbindung mit dem Vater. Denn der Geist Gottes ist identisch mit dem Geist, der Jesu Handeln leitet. Hinter der deutschen Übersetzung „treiben“ steht im Griechischen das Wort ekballo (griechisch: ἐκβάλλω). Dieses Wort hat im Kontext von Dämonenaustreibungen (z.B. Mk 1,34) oder der Tempelreinigung (Mk 11,15) einen eher gewaltsamen Beigeschmack („hinaustreiben“). Es kann aber auch eine weniger kraftbetonte Bedeutung haben im Sinne von „aussenden“ (z.B. Matthäusevangelium 9,38) oder „hinausführen“ (z.B. Johannesevangelium 10,4). In Kombination mit der Tauferzählung ist eher an „hinausführen“ zu denken. Es ist Gott, der Jesu Schritte leitet, es ist die unauflösliche Verbindung mit dem Vater, die Jesu Wege lenkt.

Die Zeit Jesu in der Wüste dauert 40 Tage. Diese Zeitspanne erinnert an andere biblische Epochen wie beispielsweise den Aufenthalt Mose auf dem Berg Sinai (Exodus 34,28) oder die Wüstenwanderung des Propheten Elija (1. Buch der Könige 19,8). Der Evangelist Markus überlässt diese Assoziation seinen Lesern aber sehr frei und lenkt nicht in eine Richtung. Die Evangelisten Matthäus und Lukas wählen in ihren Versuchungserzählungen, die ohnehin sehr viel ausführlicher sind, deutlichere Anklänge an konkrete biblische Traditionen. Zwischen der Darstellung der Evangelisten Matthäus und Lukas und der des Markus gibt es aber noch weitere Unterschiede: So spricht Markus nicht von einem Fasten Jesu und er grenzt die Versuchung des Satans zeitlich nicht ein, so dass diese wie eine andauernde Prüfung in der Wüstenzeit erscheint. Auch der Dienst der Engel an Jesus ist auf die 40 Tage ausgedehnt. Auffällig ist auch, dass die Versuchungen des Teufels nicht konkret beschrieben werden. Im Markusevangelium hat die Episode der Versuchung deshalb weniger den Charakter eines Einbruchs des Dämonischen innerhalb der Wüstenzeit, sondern mehr den einer 40-tägigen Phase der Erprobung. Fast bildhaft lässt sich vorstellen, wie Jesus 40 Tage in der Wüste lebt – gemeinsam mit wilden Tieren, bedient von Engeln und versucht vom Satan.
Die Form der Versuchung bleibt im Kern offen, sie lässt sich nur vage fassen durch die umliegenden Episoden: Jesus ist in der Taufe die Gottessohnschaft noch einmal explizit zugesprochen worden. Mit ihr verknüpft sich die Aufgabe, das Reich des Vaters zu verkünden und seine Gegenwart sichtbar zu machen, womit Jesus in den Versen 14-15 beginnt. Zwischen diesen beiden Erzählungen platziert, ist die Versuchung in der Wüste als eine Erprobung der Identität Jesu zu lesen: Wird Jesus seiner Gottessohnschaft gerecht werden, indem er den schweren und gefährlichen Weg der Verkündigung des Gottesreiches auf sich nimmt?

Ein Aspekt der Versuchungserzählung im Markusevangelium ist ohne eine Parallele in den anderen Evangelien: Jesus lebt bei den wilden Tieren. Auch wenn „wilde Tiere“ zur Wüste und ihrer Wildnis dazugehören, so wird hier doch vom Evangelisten auf ein biblisches Motiv des Alten Testaments verwiesen. Im Buch Jesaja wird in Zusammenhang mit der Verheißung eines kommenden Messias (Gesalbten) Gottes im 11. Kapitel das Bild eines neuen Zustands des Friedens gezeichnet. Er kommt zum Ausdruck im friedvollen Zusammenleben der Tiere und im „Säugling, der vor dem Schlupfloch der Natter spielt“. Die gewaltfreie Koexistenz von Fressfeinden des Tierreichs und das sorglose Spielen des verwundbaren Kindes vor der Schlangenhöhle werden hier bewusst vom Evangelisten in Erinnerung gerufen. 

 

Verse 14-15: Nach der Wüstenszene erfolgt ein klarer Wechsel: Mit dem Rückbezug auf Johannes den Täufer schließt der Beginn der Verkündigung Jesu an Mk 1,2-8, das Auftreten des Täufers an. Johannes der Täufer hatte von sich selbst gesagt: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich“ (Mk 1,7). Mit diesem Satz lässt der Evangelist Johannes klar die Rolle des Vorläufers zukommen, der mit seiner Taufe als Zeichen der Umkehr den Boden für die nachfolgende Verkündigung Jesu bereitet. Mit der Auslieferung des Johannes beginnt die Zeit des Wirkens Jesu. Der Begriff „ausliefern“ (paradidomi, griechisch: παραδίδωμι) zeigt dabei noch einmal die enge Verbindung zwischen Johannes und Jesus an. Denn „ausliefern“ ist die christlich geprägte Umschreibung der Hingabe Jesu, seines Wegs zum Kreuz. Entsprechend wird der Begriff in den Leidensankündigungen und der Passionsgeschichte verwendet (z.B. Mk 9,31; Mk 14,41-42). Auch die Jünger Jesu werden später aufgefordert, diesem Weg hin zum Kreuz und damit zu den eigenen Situationen der „Auslieferung“ zu folgen (Mk 8,34-35). Johannes, der dem Weg Jesu voran geht, zeigt dieses Kriterium einer wirklichen Nachfolge also bereits: Er verkündigt das Wort Gottes, auch wenn er dafür persönlich „ausgeliefert“, d.h. festgenommen und getötet wird.

War Jesus zuvor noch in der Wüste (Mk 1,12-13), ist er nun in Galiläa, um von dort aus seine Botschaft zu verbreiten. Vers 15a ist dabei eine Kurzformel oder Zusammenfassung des „Evangelium Gottes“ aus Vers 14, das im Wesentlichen aus zwei Punkten besteht: Es geht zum einen um die „erfüllte Zeit“, also die Zeit, die Gott als Zeit seiner Nähe und Gegenwart ausersehen hat. Sie beginnt mit dem Auftreten seines Sohnes. Zum anderen geht es um das Reich Gottes. Um ein Leben ganz nach dem Willen und im Willen Gottes. Es geht um die „Übernahme“ der Herrschaft durch Gott selbst. Mit dem Weg, den Jesus gehen wird (Zuwendung zu den Kranken, Wiederfinden des Verlorenen, Verkündigung der Botschaft Gottes), rückt das Reich Gottes, seine Wirklichkeit immer näher.
Vers 15b formuliert eine Hilfestellung, um diesem „Evangelium Gottes“ gut zu begegnen: Es braucht die Bereitschaft, radikal umzudenken („kehrt um“) und den Mut, dem Evangelium zu glauben. „Dem Evangelium glauben“ ist nicht nur geprägtes Wort der christlichen Missionssprache, sondern meint hier die Gesamtheit der Botschaft von der Nähe Gottes, wie sie in Jesus erlebbar wird. In seinen ersten Worten ruft Jesus also auf, ganz neu zu denken und dabei in die Zusage Gottes zu vertrauen – das sind die Hilfestellungen, um seine weiteren Worte und Taten im richtigen Licht zu sehen.

Auslegung

Zwei eigentlich selbstständige und für sich interessante Erzählungen werden für den 1. Fastensonntag zu einer Perikope verknüpft. Damit wird unser Blick gelenkt auf ein Motiv, das beide Episoden verbindet, aber jeweils nur anklingt. Es ist der Gedanke des Aufbruchs! Er ist durchzieht eigentlich die gesamte Erzählung von Mk 1,2-28 maßgeblich. Denn wie es zum Anfang einer Schrift passt, stellt der Evangelist Markus sehr knapp und damit pointiert die verschiedenen Aufbruchs- oder man könnte auch sagen Neuanfangs-Episoden am Beginn des Weges Jesu hintereinander. So beginnt sein Evangelium mit Johannes dem Täufer, der am Ende nur Vorläufer und Ankündiger eines Neubeginns ist (Mk 1,2-8). Darauf wird mit der Taufe Jesu (Mk 1,9-11) nicht nur die Hauptperson der Geschichte eingeführt, sondern zugleich eine neue „Kategorie“ eingeführt. Jesus von Nazareth, ein Mensch mit nachvollziehbarer Herkunft, ist Gottes geliebter Sohn. Ab Mk 1,16 berichtet der Evangelist von dessen ersten öffentlichen Schritten – die allesamt Neues bringen: Jesus beruft einfache Menschen, damit sie „Menschenfischer“ werden (Mk 1,17); er wirkt also nicht alleine, sondern sein Handeln ist auf Gemeinschaft ausgelegt. Danach verkündet er zum Erstaunen aller eine „neue Lehre mit Vollmacht“ (Mk 1,27), weil er nicht nur von Gottes Wirklichkeit spricht, sondern sie in Wundern auch real werden lässt.
In diese Abfolge von Aufbruchserzählungen reihen sich die beiden Episoden des 1. Fastensonntags ein und wirken wie eine Verdichtung dieser Elemente. Denn die erste Verkündigung des Gottesreiches und die Wüstenzeit Jesu bringen zusammen genau auf den Punkt, worum es immer wieder gehen wird: Die Realität einer göttlichen Wirklichkeit, die erfahren wird in der Spannung von Verheißung und Sehnsucht. „Das Reich Gottes ist nahe“ sind die ersten Worte Jesu. Sie bringen das Wissen zum Ausdruck, dass es Gott Herr über Leben und Tod, Himmel und Erde ist. Sie deuten mit dem Wort „nahe“ aber auch an, dass dieses Gottesreich erst anfänglich spürbar ist – es ist im Anbruch. Damit es ganz und umfassend Wirklichkeit werden kann, braucht es den Aufbruch, das Umkehren und Neudenken. 
Diesen ersehnten Zustand einer kommenden Zeit des Gottesreiches erlebt Jesus, der Gottessohn, in den 40 Tagen der Wüste beispielhaft. So ist seine Zeit dort gekennzeichnet vom Ausblick auf das, wozu er selbst mit seiner Verkündigung anregt und aufruft: Eine Heilszeit, in der Wolf und Lamm beieinanderliegen und der Mensch mit den wilden Tieren friedvoll zusammenlebt. Er erlebt aber auch, dass diese Heilszeit noch „gestört“ ist durch die Versuchungen des Satans, so wie die Verheißung des Gottesreichs noch gestört ist durch die Realität von Gewalt, Hass, Krankheit etc. Jesus erlebt in den 40 Tagen der Wüste also selbst dieses Spannungsfeld von Hoffnung und Realität, von Verheißung und Warten im Kleinen. An seiner Wüstenerfahrung wird das Miteinander von Heil und Unheil sichtbar, das die Gemeinde des Markus und auch wir heute erleben. Die Erzählung von der Versuchung Jesu im Markusevangelium will die Leser ermutigen, trotz der realen Erfahrungen von Unheil, trotz Anfeindung, Zweifel und Bedrängnis nicht zu vergessen, dass die Verheißung des Gottesreiches trägt. Damit auch sie ihre Zeit der Erprobung bestehen können, braucht es das Neudenken, von dem Jesus in Vers 15 spricht und das Vertrauen auf die ganz andere Realität Gottes, die im Zusammenleben mit den wilden Tieren genauso sichtbar wird, wie im friedvollen Zusammenleben einer Gemeinde mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Ansichten.

Kunst etc.

1

Das Gemälde von Thomas Cole aus dem Jahr 1843 ist betitelt „Engel dienen Christus in der Wüste“. Den größten Raum des Bildes nimmt dabei die „Wüste“ ein, die in rotbraunes Licht getaucht wird und damit schon einen Teil ihres vermeintlichen Schreckens verliert. In hellem Licht findet sich in der unteren Bildmitte Jesus, dem von zwei Engeln Speisen gereicht werden.