Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 9,2-10)

2Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt;

3seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.

4Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus.

5Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

6Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen.

7Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.

8Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus.

9Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.

10Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.

Überblick

„Nur sie allein…“ Drei Jünger erhalten einen Exklusivzugang.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers, der Taufe Jesu und der Erzählung von der Versuchung Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).

Die Erzählung von der Verklärung Jesu spielt am Anfang der Wegetappe nach Jerusalem. Ihr voraus geht das Christusbekenntnis des Petrus (Mk 8,27-30), die erste Ankündigung von Leiden und Auferstehen (Mk 8,31-33) und ein Aufruf in die Nachfolge (Mk 8,34-9,1).

 

2. Aufbau
Vers 2a leitet in die zurückgezogene Szene auf dem Verklärungsberg über. Die Verse 2b-4 erzählen den „Verwandlungsprozess“ Jesu, bevor mit den Versen 5-8 der Fokus auf die Jünger wechselt. Die Verse 9-10 dienen der „Rückführung“ der Gruppe vom Berg zurück in die irdische Wirklichkeit und damit der Frage nach der Bedeutung des Erlebten.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 2a: Die Zeitangabe „sechs Tage“ grenzt die Verklärungsszene einerseits von dem Dialog über Nachfolge und Selbstverleugnung ab (Mk 8,34-9,1), andererseits trennt sie die beiden Szenen aber auch nicht endgültig – dies wird noch zu beachten sein. Die Lokalisierung der folgenden Ereignisse auf einem hohen Berg ruft bekannte biblische Motivik ab. Der Berg ist Ort der Gottesbegegnung und Offenbarung (Sinai, Horeb, Karmel). Vor allem die Anklänge an die Sinaiperikope im Buch Exodus sind hier deutlich zu identifizieren. Dort steigt Mose mit ausgewählten Begleitern auf den Berg, der mit einer Wolke bedeckt ist. Nach sechs Tagen, also am siebten Tag spricht Gott aus der Wolke zu Mose (Exodus 24,9-18).
Der Evangelist Markus betont auf doppelte Weise: Nennung der Namen und „nur sie allein“, dass das folgende Geschehen nur wenigen Jüngern offenbar wird. Die Dreier-Gruppe (Petrus, Jakobus, Johannes) wird auch in Mk 5,35-37 (Heilung) und in Mk 14,33 (Getsemani) besonders herausgehoben.

 

Verse 2b-4: Markus erzählt nichts über den Vorgang der „Verwandlung“ Jesu, sondern hält nur deren Ergebnis fest: Jesus ist nun in Gewänder von glänzendem Weiß gehüllt, wie sie nur dem Himmel entspringen können („auf Erden kein Bleicher machen“). Strahlend weiße Gewänder kennzeichnen Personen aus, die aus dem Himmel kommen, wie die Engel am leeren Grab (Mk 16,5), aber auch diejenigen, die dem Himmel aufgrund ihres Verhaltens nahestehen. So zum Beispiel im Buch Daniel, wo die Gerechten so beschrieben werden (Daniel 12,3).
Verweisen die himmlischen Gewänder bereits auf den eigentlichen Charakter der „Verwandlung“, so wird dies durch das Erscheinen von Elija und Mose unterstrichen. Bei ihnen handelt es sich nicht nur um große Propheten, sondern um zwei Personen, von denen es heißt, sie seien zu Gott entrückt worden. Auch sie zeigen an, dass hier und jetzt ein Ausblick in die Welt Gottes, in den Himmel gewährt wird. Jesu Verwandlung ist damit ein zeitlich begrenzter Ausblick auf seinen zukünftigen Platz: Entrückt oder erhöht zu Gott im Himmel, so wie es bisher nur für die großen Botschafter Elija und Mose gedacht wurde. Das Miteinander-Reden der drei drückt eine Vertrautheit aus und verstärkt damit den Eindruck, dass hier Menschen aufeinandertreffen, die durch ihre himmlische Beheimatung miteinander verbunden sind.

 

Verse 5-8: War bisher der Blick ganz auf Jesus und das ihn erfassende Geschehen gerichtet, rücken nun die Jünger ins Zentrum des Interesses. Unter dem Eindruck der erlebten Verwandlung spricht Petrus aus, was die Jünger denken: „Es ist gut, dass wir hier sind.“ Der Wunsch des Jüngers spiegelt die Faszination des Erlebten wider. Das Verweilenwollen zeigt den Wunsch an, den Ausblick in den Himmel – den die Jünger freilich nicht ganz einordnen können, wie sich später zeigt – festzuhalten. Vielleicht steht hier die Vorstellung von den ewigen Wohnstätten der Auserwählten und Gerechten bei Gott im Hintergrund. Das kommentierende, fast entschuldigende Eingeständnis „er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte“ nimmt Petrus einerseits in Schutz, andererseits weist es auch auf das mangelnde Verständnis der Sendung Jesu hin. Hatte Jesus nur sechs Tage vorher über sein kommendes Leiden mit ihnen gesprochen, wirkt der Wunsch nach Bleiben in der „himmlischen Szene“ wie eine Flucht vor den anstehenden Ereignissen. Die „Furcht“, die die Jünger erfasst, ist darum nicht nur der Begegnung mit den himmlischen Gestalten geschuldet, sondern auch Ausdruck des Erschreckens vor dem, was Jesus ihnen kurz zuvor in Aussicht gestellt hatte.

In die Furcht der Jünger hinein klingt die Stimme aus der Wolke. Für die Leser ist der Inhalt des Gesagten ein Rückverweis auf die Tauferzählung (Mk 1,9-11), sie wissen bereits, wer dieser Jesus von Nazareth ist. Die drei Jünger erhalten hier jedoch erstmalig und von höchster Stelle die Information über die Herkunft und Identität Jesu als Sohn Gottes. Die Hinzufügung „auf ihn sollt ihr hören“ führt die Jünger zurück in die irdische Szenerie. Sie, die Jesus eben noch mit „Rabbi“ (Meister) angesprochen haben, sollen sich an ihm orientieren, seinen Worten folgen. Damit ist die Offenbarung aus der Wolke nicht nur eine Deutung der Erlebten Verwandlung, sondern auch eine indirekte Antwort auf das Ansinnen des Petrus: Es steht noch nicht an, sich auf die Zukunft Jesu (Erhöhung zum Vater) auszurichten. Vielmehr muss im Mittelpunkt stehen, HIER und JETZT seine Worte zu verstehen, von ihm zu lernen und sich für das Reich Gottes vorzubereiten.

So schnell wie alles begann, ist die himmlische Szene auch beendet. Nach der Aufforderung aus der Wolkenstimme, sind die Jünger und Jesus wieder unter sich – alles Wichtige ist geschehen und gesagt.

 

Verse 9-10: Das Herabsteigen vom Berg ist verbunden mit dem Verbot, über das Erlebte zu sprechen. Allerdings ist das Schweigegebot begrenzt, es gilt nur bis zur Auferstehung. Wenn Jesus sein Leben hingegeben hat und als Unschuldiger am Kreuz gestorben ist und wenn er dann durch den Vater auferweckt wurde, dann kann offen und vor dem Eindruck dieser „unerhörten“ Ereignisse auch von Jesus als dem gesprochen werden, der in den Himmel entrückt ist.
Obwohl Jesus nur eine knappe Woche vorher (Mk 8,31-32a) mit ihnen über die Notwendigkeit von Leiden, Tod und Auferstehung gesprochen hatte, bleiben bei den Jüngern viele Fragen offen. Der folgende Dialog (Mk 9,11-13) über die Wiederkunft des Elija wird das verdeutlichen.

Auslegung

Die Verklärung Jesu ist ein Einblick in dessen himmlische Existenz und damit ein Blick in die Zukunft Jesu. Dabei erhalten die drei ausgewählten Jünger eine exklusive Möglichkeit, zu verstehen, woher ihr „Meister“ kommt und wohin er geht. Die Offenbarung der himmlischen Stimme („dies ist mein geliebter Sohn“) kennzeichnet Jesus als einen, der „von oben“, vom Himmel her in die Welt kommt. Die Tatsache, dass Elija und Mose anwesend sind und „mit ihm reden“ geben Jesus als einen zu erkennen, der wie die beiden zu Gott erhöht werden wird. Diese beiden Bewegungen, als Sohn Gottes auf die Erde zu kommen und als Mensch in den Himmel aufgenommen zu werden, sind die Dynamik der Sendung Jesu. Für die Jünger, die bislang vor allem den irdischen Jesus mit all seiner vollmächtigen Lehre erlebt haben, soll die Verwandlung Jesu das Gesamtbild enthüllen.
Was die Szene auf dem Berg der Verklärung allerdings wirklich eröffnet, sind die Grenzen des Verstehens, die den Jüngern und auch uns immer wieder begegnen: Wie kann es sein, dass dieser Jesus von Nazareth, dieser Mensch, der isst und trinkt, der Emotionen zeigt, schläft, sich zurückzieht und so prophetisch auftritt – wie kann dieser Mensch nicht nur ein Gerechter sein wie Mose und Elija, sondern sogar Gottes geliebter Sohn.

Die Verklärungsszene spielt mit dem Wechsel vom Aufblitzen des Himmlischen und den ganz irdischen Verständnisfragen der Jünger (Vers 10). Himmel und Erde kommen sich nahe, ja für einen Moment verwischen sogar die Grenzen – und die Grenzen des Aussagbaren zeigen sich. Wie könnten Petrus, Johanes und Jakobus den anderen denn auch davon erzählen, was ihnen auf dem Berg widerfahren ist? Das Schweigegebot Jesu ist hier also nicht nur ein narrativer Schachzug des Evangelisten. Es ist vielmehr den Grenzen des Verstehens geschuldet, die sich auch bei der ersten Ankündigung des Leidens und der Reaktion des Petrus bereits gezeigt hatten (Mk 8,32). Es entspricht aber auch dem Konzept der Sendung Jesu: Das Reich Gottes soll im Wirken Jesu wahrgenommen, erfahren, erlebt werden – nah und anfanghaft. Der Himmel soll in Jesu Sendung näherkommen als in den Worten, wie sie auch schon die Propheten hatten. Deshalb sollen die Jünger auch nicht jetzt von dieser himmlischen Erfahrung auf dem Berg erzählen. Sie sollen nicht erst Worte voran schicken, sondern die Worte sollen mit Taten, mit Erfahrungen verknüpft sein. So wird Jesus sie im Markusevangelium ja auch explizit aussenden mit der Vollmacht über die „unreinen Geister“ und damit sie Kranke mit Öl salben und heilen (Mk 6,7 und 12-13). Das ist das Zeugnis des Himmels, das sie weitergeben sollen – und können: Der Himmel ist euch nahe, ihr könnt ihn erfahren! Damit ist das Schweigegebot an die Jünger auch ein Aufruf zur Wachsamkeit an uns: Das Reden über den Himmel, das Verkündigen der Verheißung, kluges Predigen und Verpflichten auf die Regeln der Nachfolge – es wird nur dann zum Zeugnis, wenn die Kranken geheilt, die unreinen Geister vertrieben und den Menschen der Himmel auch seelisch und körperlich erfahrbar nahekommt.

Jesus hatte seinen Jüngern nach der Ankündigung seines Leidens verheißen, dass einige sehen werden, dass das Reich Gottes mit Macht gekommen ist (Mk 9,1). Drei seiner Jünger wird dieser exklusive Blick in das Reich Gottes, den Himmel, auf dem Verklärungsberg gewährt. Damit sie zu rechter Zeit Zeugen sein können für Jesus, den Sohn Gottes, der in die Welt gesandt wurde und zum Vater erhöht werden wird.

Kunst etc.

1

Mosaik in der Verklärungskirche auf dem Berg Tabor.