Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 1,1-8)

1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn.

2 Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja -

Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird.

3 Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! - ,

4 so trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.

5 Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.

6 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.

7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.

8 Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Überblick

Wie alles begann. Der Anfang der ersten Jesusgeschichte und die Lesetipps des Evangelisten.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).

Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-15), schildert den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,16-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).

 

2. Aufbau
Vers 1 ist die Inhaltsangabe des gesamten folgenden Erzählung, also der Geschichte des Jesus von Nazareth. Die Verse 2-3 bereiten den Auftritt des Täufers mit einem alttestamentlichen Zitat vor. Johannes selbst wird dann zuerst in seinem Handeln (Verse 4-6) und anschließend in seiner Verkündigung (Verse 7-8) vorgestellt.
Die Darstellung des Täufers in den Versen 2-8 findet eine Entsprechung in ihrer Dreiteilung in den Versen 9-15 und dem ersten Auftreten Jesu im Markusevangelium.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 1: Nur hier und in Mk 1,14 wird „Evangelium“ in einer Genetivverbindung mit „Jesus Christus“ verwendet. An allen anderen Stellen steht „Evangelium“ für sich also absolut. Der Begriff ist ganz auf die Verkündigung der Frohen Botschaft, d.h. auf Gottes bleibende Zuwendung wie sie in Jesus Christus sichtbar und greifbar wird, ausgerichtet. In diesem Sinne ist Vers 1 eine Art inhaltliche Zusammenfassung des Werkes.

 

Verse 2-3: Die eigentliche Erzählung beginnt mit einem Bezug auf das Alte Testament. Dem Evangelisten Markus ist es wichtig seinen Bericht über Leben und Wirken des Gottes Sohnes von Anfang an in Beziehung zu setzen zu den Erfahrungen und Verheißungen, die das Gottesvolk Israel mit Gott gemacht hat.
Markus kombiniert dazu drei Zitate bzw. Anklänge an alttestamentliche Motive miteinander, auch wenn in Vers 2 eine Zuschreibung zu Jesaja stattfindet. Zuerst werden Maleachi 3,1 und Exodus 23,20 verknüpft. Inhaltlich geht es um einen Boten Gottes (bei Exodus ein Engel Gottes, im Buch Maleachi der Prophet Elija), der einem rettenden Handeln Gottes vorausgeht. In der Wüstenzeit (Exodus) ist es die Urerfahrung Israels, im Buch Maleachi geht es um das endzeitliche Handeln Gottes. Als Zweites wird Jesaja 40,3 eingeflochten, das die Aussicht auf eine Rückkehr Israels aus dem Exil in den Blick nimmt. Damit ist das Thema „Neuanfang“ angerissen, das hinlenkt auf das Wirken des Täufers.

 

Verse 4-6: Durch den Anschluss der Verse 4-6 an die vorangehenden wird das Auftreten des Täufers in Beziehung gesetzt insbesondere zum Verweis auf die „Endzeit“ und den Gedanken der „Umkehr“ zur Vorbereitung auf die Ankunft der Gotteszeit. Die Tätigkeit des Johannes zeigt zwei Schwerpunkte: Verkündigung und Taufe. Die Taufe ist das öffentliche Zeichen der Buß- und Umkehrbereitschaft.

Vers 5 bringt mit der zweifachen Verwendung des Begriffs „alle/ganz“ die große Resonanz zum Ausdruck, die der Verkündigung des Johannes zuteilwird. Sie ist sicher überbetont, will aber deutlich machen, dass Johannes tatsächlich den „Weg“ für die spätere Verkündigung Jesu bahnt.

Die Darstellung der Lebensweise des Täufers schließt die Schilderung seiner Tätigkeit ab. Dies ist nur konsequent, weil damit sichtbar wird, dass Johannes selbst lebt, was er verkündigt. Seine karge Nahrung zeigt seine asketische Lebensform, die „Ablenkungen“ vom Wesentlichen vermeiden soll. Dass Johannes als Bote einer Gottesbotschaft zu verstehen ist, wird durch seine prophetische Charakterisierung verdeutlicht. Der Kamelhaarmantel verweist auf das Gewand der Wüstenbewohner und der Propheten (Sacharja 13,4).

 

Verse 7-8: Markus lenkt den Blick nun von den Taten auf die Worte des Täufers; wieder wird das zentrale Wort der Verkündigung verwendet. Inhalt der Verkündigung ist die Aussicht auf das Kommen eines Stärkeren. Dies wird verdeutlicht im Bild vom Lösen der Sandalen, das eine Sklaventätigkeit darstellt. 
Die „Wassertaufe“ des Johannes als Taufe, die die innere Umkehrbereitschaft signalisiert, wird durch die Vergangenheitsform des Verbs „taufen“ als abgeschlossen charakterisiert. Sie wird durch die „Geisttaufe“ abgelöst, die bei den Lesern des Evangeliums sicher Erinnerungen an die Verheißung einer Geistausgießung am Ende der Zeit weckt (Joel 3,1-2). Zugleich dürfte die Gemeinde ihre eigene christliche Taufpraxis hierin wiedererkennen.

Auslegung

Der Evangelist Markus wählt für sein innovatives Projekt einer „vollständigen“ Jesuserzählung einen pointierten Anfang. Er ist der erste, der aus mündlichen und schriftlichen Traditionsstücken einen fortlaufenden Bericht über das Leben und Wirken Jesu verfasst. Er möchte der Gemeinde für die er schreibt nicht nur eine Bündelung von Geschichten übermitteln, ihm ist es auch ein Anliegen, dass in seiner Erzählung die vielen verschiedenen Facetten der Tradition zu Wort kommen: Gleichnisse, weisheitliche Aussprüche Jesu, die Leidensgeschichte, Wundererzählungen etc. Es soll für die Gemeinde ein möglichst vollständiges Bild gezeichnet werden des Lebens Jesu gezeichnet werden. Denn für Markus ist klar: Keiner der Aspekte kann für sich alleine dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes gerecht werden.
Am Beginn seines Werkes setzt er daher vier Zeichen, die für das Verständnis der gesamten Schrift essentiell sind.

Zum einen gibt Markus mit seinem ersten Satz eine grundsätzliche Verstehenshilfe. Alles, was nun dargestellt wird, steht unter der Überschrift „Evangelium“ also „Frohe Botschaft“. Das gilt für das Leiden und Sterben Jesu genauso wie für seine machtvollen Wunder. In allem zeigt sich Gottes Nähe, seine Zuwendung, sein Wunsch nach einem guten und heilvollen Leben für uns Menschen. Diesem Aspekt gilt es nachzuspüren bei der Lektüre – auch wenn z.B. die Rede von den Ereignissen am Ende der Zeit auf den ersten Blick wenig „Frohes“ zu verkünden scheinen (vgl. Evangelium vom 1. Adventssonntag)

Desweiteren ist es dem Evangelisten wichtig, dass die Leser von Anfang an wissen, wessen Geschichte sie lesen. Es ist die Erzählung von Jesus von Nazareth, der sich in seinem Handeln als Christus (Messias) erwiesen hat, weil er heilbringend handelt (vgl. Erwartung des Messias im Buch Jesaja, z.B. Jesaja 9,1-6). Und dieser Jesus Christus ist nicht einfach ein Mensch, mit einem gottgebenen Auftrag (wie ein Prophet); er ist Gott selbst. In Jesus ist Gott Mensch geworden und dieses Geheimnis der Gottessohnschaft gilt es im Verlauf des Evangeliums immer besser zu verstehen. Das Evangelium ist also nicht die „Biographie“ eines besonderen Menschen, sondern die Erzählung von Gottes Gegenwart in seinem Sohn Jesus Christus.

Dass die Darstellung von Gottes Gegenwart und Zuwendung in Jesus Christus nicht ein vollkommen neues Gottesbild verkündet, darauf verweist die Einbindung des Alten Testaments. Die Schriften der Propheten, die Gesetze und die Erzählungen von Gottes Beziehung zu Israel gehören zur Erzählung des Gottes Sohnes notwendig dazu. Markus wird immer wieder auf die Überlieferungen des Volkes Israel zurückgreifen, in direkten und indirekten Zitaten und der Wiederaufnahme von Motiven. Gott, der sich den Menschen in Jesus Christus ganz nahbar und sichtbar zeigt, ist kein anderer als der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der sein Volk aus Ägypten befreit und mit ihm Krisen durchstanden hat. In seinem menschgewordenen Sohn schreibt Gott seine Bundesgeschichte mit Israel fort.

Zum Schluss noch ein etwas versteckter, aber ebenso wesentlicher Hinweis für das weitere Lesen des Evangeliums. Indem Markus bei Johannes dem Täufer und seiner Umkehrpredigt einsetzt, zeigt er: Das Evangelium ist eine Geschichte des Wandels, eine Erzählung, die zum Mitmachen und Nachahmen einlädt. Ein Buch, das den Leser nicht unverändert zurücklassen wird. Johannes ruft zur Umkehr, zur Neuausrichtung des Lebens, zur Überprüfung alter Standards und zum Einüben eines neuen Lebensstils. Das gesamte Verkündigen und Wirken Jesu steht unter diesem Fokus. Die Gestalt des Täufers bereitet das Verständnis für diese Grundidee des Evangeliums als einer Erzählung, die zur Veränderung ruft.

Kunst etc.

Auf dem Gemälde von Leonardo da Vinci (entstanden zwischen 1513 und 1516) ist Johannes der Täufer nur mit einem Kamelhaarmantel bekleidet und zeigt gen Himmel. Er scheint damit auf den zu verweisen, für den er Zeugnis ablegt. Den menschgewordenen Gottessohn.