Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (Röm 8,31b-34)

31bIst Gott für uns, wer ist dann gegen uns?

32Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben -

wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

33Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen?

Gott ist es, der gerecht macht.

34Wer kann sie verurteilen?

Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist,

er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.

Überblick

Gott gibt alles  - und nimmt dafür nichts. So könnte man die drei Lesungen ds Zweiten Fastensonntags zusammenfassen: In der Ersten Lesung geht es nicht um eine wirkliche Opferung Isaaks durch Abraham. Gott selbst bietet den Ersatz. Paulus stellt in der Zweiten Lesung die rhetorische Frage: "Wie sollte er (d. h. Gott) uns mit ihm (d. h. seinem Sohn Jesus Christus) nicht alles schenken?" Im Evangelium bekennt sich Gott liebend zu diesem Sohn, mit dem er uns alles schenken will.

 

Einordnung der LEsung in den größeren Zusammenhang

Nachdem Paulus bereits im 5. Kapitel des Römerbriefs mit der Gegenüberstellung von Christus und Adam eine Theologie der Hoffnung entwickelt hat (vgl. die Römerbrieflesungen am 11. und 12. Sonntag im Jahreskreis/Lesejahr A), nimmt er im 8. Kapitel einen zweiten Anlauf, der das Hoffnungspanorama auf den ganzen Kosmos hin erweitert.

Dazu baut er in Römer 8,18-30 eine Argumentation auf, die in vier Schritten seine Grundüberzeugung begründet, "dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Vers 18).

So theologisch gerüstet, gelangt er mit Vers 31 zu einer  grundsätzlichen Relativierung und Entmachtung all dessen und derer, die "die Leiden der gegenwärtigen Zeit" verursachen könnten. Provokativ und gewissermassen auch triumphierend stellt Paulus die rhetorische Frage in den Raum:

"Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?" (Vers 31).

Mit dieser Frage eröffnet Paulus einen Hymnus, der vollständig bis Vers 39 reicht. Die in der heutigen Lesung ausgelassenen Verse 35-39 wurden am 18. Sonntag im Jahreskreises des Lesejahres A gelesen (s. dort auch zur Auslegung). 

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? 32 Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben -  33 Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. 34 Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.

 

Vers 31b

Diese Frage ist eine Art Generalangriff auf alles, was in dieser Welt zu Negativerfahrung, zu Lebensbedrohung und Existenzangst führen kann und zugleich den Anspruch von Endgültigkeit und letztverfügender Macht erhebt. Die Fortsetzung des Römerbriefs in den auf die Lesung folgenden Versen lässt erkennen: Paulus denkt weniger an Krankheit oder Naturkatastrophen als an durch Menschen verursachte Bedrängnisse. Im Blick auf heute könnte man allgemein von politischer Unterdrückung aller Art bis hin zu Diktatur und Tyrannei sowie an Hass aus welchen Motiven und gegen wen auch immer denken. Indirekt gehören auch die Strapazen dazu, die Menschen bei der Flucht vor Unterdrückung und Hass (Flucht, Hunger, Kälte etc.) erleiden, wie der Römerbrief im Anschluss an die Lesungsverse ausführt (Vers 35: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?") Wer immmer als einzelner oder gals Gruppe solchen Machtmissbrauch betreibt, unterschätzt - so Paulus -, dass er oder sie in seiner bzw. ihrer Macht hinter der Macht Gottes zurücksteht. Andersherum: Weil dies so ist, können diejenigen, die auf diesen Gott setzen, allen Möchte-gern-Mächten und Bedrohungsszenarien angstfrei entgegentreten.

 

Vers 32

Zunächst verharrt Paulus einen Vers lang beim ersten Satzteil von Vers 31: "Ist Gott für uns ....".

Welche der bedrohenden oder vernichtenden Mächte könnte darauf verweisen, den eigenen Sohn hingegeben zu haben - nicht als "Bauernopfer", sondern als Liebeserklärung? Der gerade zitierte Vers 35 spricht ausdrücklich von der "Liebe Christi", die wiederum Ausfluss der "Liebe Gottes" ist, die bereits Römer 5,5 ausdrücklich und in vergleichbarem Zusammmenhang thematisiert. 

Mit dem Hinweis, dass Gott seinen Sohn "nicht verschont" habe, spielt Paulus auf die Erzählung von der Bereitschaft Abrahams an, seinen Sohn Isaak nicht zu "verschonen" (Genesis/1 Mose 22,16; die Einheitsübersetzung schreibt "vorenthalten"; die Paulus vorliegende griechische Übersetzung wählt aber dasselbe Verb pheídomai, das auch in Römer 8,32 steht). Diese hat Gott aber letztlich gar nicht eingefordert: Stattdessen darf Abraham einen Widder opfern und erhält noch einmal die Verheißung zahlreicher, aus Isaak hervorgehender Nachkommenschaft. Auf diesem Hintergrund sagt Paulus: Was Gott dem Abraham nicht zugemutet hat, nimmt er selbst auf sich: Er verschont seinen eigenen Sohn nicht. Er hat den Menschen nicht den Folgen seiner Sündhaftigkeit überlassen, nämlich sich defintiv von ihm losgesagt, sondern im Gegenteil: Lieber hat er den eigenen Sohn - Jesus - der schlimmst möglichen Folge menschlichen Sündenhandelns, nämlich der Tötung, überlassen, um deren negative Sogkraft zu überwinden: durch die Aufweckung. Im Tod des unschuldigen Sohnes wird der Tötungsmechanismus ad absurdum geführt und zugleich erfährt der Mensch, dass Gottes Wille bezüglich des Menschen ein anderer ist. Auf dem Hintergrund des Gotteswortes aus Ezechiel 18,23:

"Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen - Spruch GOTTES, des Herrn - und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? "

kann man nach Paulus sagen: Gott hat dem Menschen auch noch die Umkehr abgenommen und selbst die Initiative ergriffen. Gott ist nicht Ankläger, der auf das Todesurteil des Menschen aus ist. Ganz im Gegenteil: Sein Richtspruch über den Menschen lautet: "Lebe - in Gemeinschaft mit mir, deinem Schöpfer - auf ewig!" 

Mehr geht nicht, oder - wie Paulus sagt -: damit schenkt Gott "alles". Das "Für-uns-sein" Gottes aus Vers 31 erhält in der Doppelaussage des "für uns hingegeben" und "uns alles schenken" seine inhaltliche Entfaltung.

Dabei darf eine letzte Korrespondenz (Entsprechung) nicht übersehen werden: Dem "alles schenken" entspricht ein jeder Exklusivität widersprechendes "für uns alle hingegeben". Gottes Liebeshandeln  und -wille schließt keinen aus, der sich nicht selber ausschließt. Für Paulus meint dieses "alle" Juden und Heiden. Dieses "alle" gilt es zu jeder Zeit neu durchzubuchstabieren.

 

Vers 33

Dieser Vers bezieht sich auf die zweite Satzhälfte von Vers 31: "... wer ist dann gegen uns?" Die Antwort lautet: Gott selbst jedenfalls ist nicht gegen uns. Denn er will keine und keinen fertigmachen, sondern eine jede und einen jeden ins Recht setzen, d h. alles denkbare Versagen nicht zum Grund eines endgültigen Zerwürfnisses machen, sondern "verschonend" (Vers 32) vollendendetes Dasein schenken. 

Ähnlich wie bei Vers 32 könnte man auch hier fragen:

Welche der bedrohenden oder vernichtenden Mächte könnte für sich beanspruchen, andere "gerecht zu machen"? Machtseilschaften zu bilden oder Unrecht zu decken hat mit "gerecht machen" im biblischen Sinne nichts zu tun.

 

Vers 34

Der im Blick auf Jesus recht passivisch, also rein erduldend formulierte Gedanken ("Gott hat ihn hingegeben") ergänzt Paulus um einen zweiten: Jesus ist nicht nur nicht vom Tod verschont, dann aber auferweckt worden, sondern als Auferweckter tritt er nun beständig beim Vater für die Menschen ein. Er ist nicht der Menschen Ankläger, sondern ihr Anwalt - ausgestattet mit himmlischer, d. h. alle irdische Gerichtsbarkeit bei weitem überragender Macht. Diese erweist sich nicht in irgendwelchen Blitzen aus dem Himmel, in gewalttätigem Dreinschlagen oder "Donnerworten", sondern als erstes in der Stärkung der Herzen und Seelen derer, die aus solchem Glauben aller irdischen Machtattitüde, die nicht nur außerhalb der Kirche zu finden ist, angstfrei und hoffnungsvoll widerstehen. Menschen wie Pater Alfred Delp SJ und der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, aber auch etwa der sehr viel weniger berühmte österreichische Pfarrer Otto Neururer bleiben beeindruckende Beispiele dafür, aus der Anwaltschaft Christi heraus Zeugnis zu geben. Im Ersten Hochgebet ruft eine von Johannes über Felizitas bis Anastasia reichende Namensliste unerschrockener Glaubenszeugen der Frühzeit des Christentums ins Gedächtnis. Und das Fest Allerheiligen macht bewusst, dass die Zahl der anonym bleibenden Gläubigen, die aktiv in das gesellschaftliche Leben hineingewirkt haben (und wirken) aus dem Vertrauen auf einen Alles gebenden Gott und daraus abgeleiteter Selbstlosigkeit Gott alleine weiß.

Auslegung

Darf man so reden?

Der hymnische Tonfall des Paulus am Ende des achten Kapitels im Römerbrief mag manchen in heutiger Zeit befremden. Das gilt für diejenigen, die aufgrund ihres Wesens eher eine nüchterne Sprache bevorzugen, aber auch für diejenigen, die angesichts der Auswirkung starker rhetorischer Mittel in den Medien Sorge vor einer solchen Sprache haben.

Nun wird man Paulus ein gewisses Eiferertum in Sachen Glauben nicht absprechen können.  Das hat keiner deutlicher gesehen als der vielleicht schon bei diesem Bild, auf jeden Fall in der Folgezeit vom Schlaganfall gezeichnete und dennoch mit aller Kraft gegen seine körperlichen Beeinträchtigungen anmalende Maler Lovis Corinth in seiner Darstellung des Apostels von 1911 (s. unter "Kunst"). 

Andererseits: Paulus ist kein Scharfmacher. Er ruft nicht auf zum Kampf gegen Andere; er betreibt keine Mobilmachung. Vielmehr möchte er eine Minderheitengruppe, welche dir Christen zu seiner Zeit im römisch-griechisch-kleinasiatischen Kultruraum noch sind, davon abhalten, aufgrund von Nachteilen, Einschüchterungen oder auch tatsächlicher Lebensgefahr vom Glauben abzulassen, den Paulus oder auch andere Missionare gebracht haben und von dessen Wahrheit er zutiefst überzeugt ist. Es geht ihm ja um ein Evangelium, dessen er sich "nicht schämt", wie er am Beginn des Römerbriefs schreibt (Römer 1,16) und dessen sich auch niemand schämen muss: Denn es kündet von der alles übersteigenden Liebe Gottes zum Menschen und fordert seinerseits zu selbstloser Liebe auf (vgl. Römer 13,10: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.").

Im Kapitel 8 des Römerbriefs fügt Paulus dieser Grundbotschaft nun noch hinzu, dass der, der sich auf dieses Evangelium einlässt, am Ende - trotz aller (glaubensbedingten) Leiderfahrungen in dieser Welt -  nicht der Dumme ist, sondern auf der "Gewinnerseite" des Lebens stehen wird. Dies macht die Eingangsfrage der Lesung in aller Klarheit deutlich, und der im Römerbrief auf den Lesungsabschnitt folgende Vers 37 bringt es explizit auf den Punkt: 

"Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.".

Paulus richtet sich mit seiner - wenn auch sehr euphorisch - formulierten Rede nicht gegen Andere, sondern will nach innen einen Schutzschirm gegen die von außen eindringenden Parolen derer aufbauen, für die das Christentum fremd oder gar der Bekämpfung wert erscheint.

Kunst etc.

Lovis Corinth, Der Apostel Paulus (1911), © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de
Lovis Corinth, Der Apostel Paulus (1911), © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de

Aus allen Portraits des Apostels Paulus fällt das ikonenhaft empfundene Gemälde des vom Impressionisten zum Expressionisten sich wandelnden Lovis Corinth (1858 - 1925) aus dem Jahr 1911 am meisten auf. Einerseits ist Paulus mit den klassischen Details wie der hohen Denkerstirn und dem Werkzeug seines Martyriums (Schwert) dargestellt. Andererseits sieht man diesem Mann  die Strapazen seiner Missionsarbeit an, die an seinem Leib gezehrt haben. Vor allem aber gibt Corinth ihm geradezu fanatische Gesichtszüge. Dieser Paulus hat etwas Beschwörendes und Eindringliches. Obwohl sein Blick nach vorne gerichtet ist, schaut er den Betrachter nicht an, sondern durchbohrt ihn eher und blickt in eine andere Welt. Er ist ein Überzeugter, der für seine Überzeugung schon Vieles durchlitten hat und sich dennoch seiner Sache ganz sicher ist. Denn es ist die Sache Gottes. Für diese steht das Buch als Symbol der Heiligen Schrift, auf die Paulus sich immer wieder bezieht (Altes Testament) und in die er selbst mit seinen Briefen eingehen wird (Neues Testament).

Die Ausdruckskraft diese Bildes passt zu dem gewaltigen Schlusshymnus Römer 8,31-39, dessen Eröffnungsverse die heutige Lesung bilden und mit dem das achte Kapitel des Römerbriefs schließt, um sich in der großen Komposition Kapitel 9 - 11 einem neuen Thema zuzuwenden.

Man hört dem geöffneten Mund geradezu die beiden Fragen entfließen:

"Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?" (Vers 31)

und

"Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?" (Vers 35).