Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (Eph 1,3-6.11-12)

3Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. / Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, / damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.

5Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, / seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,

6zum Lob seiner herrlichen Gnade. / Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

11In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt / nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, / wie er es in seinem Willen beschließt;

12wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, / die wir schon früher in Christus gehofft haben.

Überblick

Ein Brief bei Paulus fängt in der Regel anders an: mit Dank, Lob oder dem Aufbau guter Stimmung. Der unbekannte Verfasser des Epheserbriefs hingegen setzt ein mit einem gewaltigen Lobpreis Gottes -  eine Art liturgischer Gesang (Eph 1,1-14). Davon erklingt in der Lesung zunächst die erste Strophe (Verse 3-6), die im Griechischen ein einziger Satz ist.  Die Wahl des Lobpreises ist kein Zufall, denn dem Schreiber geht es im ganzen Brief u. a. um das Gebet als Grundhaltung. Sie entspricht der Liebe Gottes als dessen Grundhaltung (vgl. Vers 5).


Aus dieser "Segnung Gottes" (im Hebräischen, Griechischen und Lateinischen sind  "segnen" und "preisen" ein und dasselbe Wort, das Deutsche unterscheidet: der Mensch "preist", während Gott "segnet" [beides in Vers 3]), schneidet die Lesung zwei Strophen heraus: den Anfang und die dritte Strophe (Verse 11-12). In ihr geht es um die Erwählung des Menschen von Gott her. Diese Vers-Auswahl rund um das Stichwort "Erwählung" (vgl. bereits Vers 4) erklärt sich aus dem Fest des Tages, an dem die Erwählung Marias im Mittelpunkt steht. Ausgelassen sind die zweite und vierte Strophe (Verse 7-10 und 13-14), in denen es um das Thema "Erlösung durch Christus" geht.

Zu den Versen 3-6 s. die bereits veröffentlichte Auslegung zur Zweiten Lesung des 2. Sonntags der Weihnachtszeit.

Auslegung

Gott und Vater - Jesus Christus - Geist (Vers 3)

Eine Spezialität des Epheserbriefs ist sein durchgängiger Bezug auf den dreifaltigen Gott (vgl. z. B. Eph 4,1-6). Hier zeigt sich, dass er Paulus weiterdenkt, der meist nur von Gott und seinem Sohn spricht. Die Einheit von Vater, Sohn und Geist ist das eigentliche Fundament der Einheit der Kirche. Und um die geht es. Der Brief will das Zusammenwachsen der Kirche beflügeln, die nach der Gründungsphase des Apostels Paulus aus vielen Einzelgemeinden besteht. Aber auch die alte Rivalität zwischen Christen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft (sog. Heiden) ist noch längst nicht überwunden.

 

"... erwählt vor der Erschaffung der Welt" (V 4)


Die Dreifaltigkeit ist nicht "im Laufe der Zeit" entstanden. Gott gab und gibt es nie anders. Die ewige Zugehörigkeit des Sohnes zum Vater (vom "Geist" spricht Vers 3) bedeutet laut Epheserbrief von Anfang an, dass aus Gottes eigenem Entschluss der Mensch überhaupt zu ihm gehört. Gott ist nicht anders zu denken als dass er will, dass es dem Menschen gut geht und dass er gut lebt. Dies wirkt er nicht durch ein mechanistisches Eingreifen vom Himmel her, sondern indem er in seiner eigenen Menschwerdung bzw. Jesus, dessen Wort, Handeln und Leben eine Einheit bilden, gezeigt hat, dass dies sein Wille ist, an dessen Umsetzung ein jeder Mensch zur Beteiligung eingeladen ist. Eine Weise dieser Beteiligung, nämlich diejenige Marias, stellt das heutige Fest in den Mittelpunkt.

Auch wenn natürlich kein Mensch in Gott selbst hineingucken konnte und kann - er entzieht sich der experimentellen Beobachtung -: Aus der Rückschau auf den "Vorübergegangenen" (vgl. Exodus 33,22-23: "22 Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. 23 Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen."), d. h. aus der Rückschau auf die Erfahrungen mit diesem Gott wird durch alle Wirrnisse der Zeiten hindurch von den Zeugnissen der Heiligen Schrift bekannt: Gott hat einen Plan zum Heil des Menschen. Dies gilt es auch in Coronazeiten zu bedenken, wenn schon die pandemischen Züge römischer Schreckensherrschaft (der paranoide Caligula gehört ebenso in die Zeit des frühen Christentums wie der am Ende wahnsinnige Nero) diesen Glauben im letzten nicht in Frage zu stellen vermochten.

 

Warum "Söhne " und nicht "Töchter" (V 5)?

Diese Absicht Gottes wird in das Bild des Erbes gekleidet (V 11). Weil damals Töchter weniger erbten als Söhne, spricht der Brief nur von "Söhnen". Alle, Männer wie Frauen, erben nach Sohnesrecht, sind damit unabhängig von ihrem wirklichen Geschlecht im bevorzugten Sohnesstand. Das "Sohneserbe" ist das ewige Leben.

 

Und wie lebt man als Erbe?

Das Markenzeichen derer, die auf diesen dreifaltigen Gott setzen, ist das Gebet. Davon ist sowohl in Vers 6 als auch in Vers 12 die Rede. Dabei betont der Lesungsabschnitt besonders das Gotteslob ("Lob der Herrlichkeit"). Doch der Brief im Ganzen nennt ebenso den Dank (Eph 1,15-16) wie auch die Bitte (Kapitel 3) als vertrauensvolle und berechtigte Formen des Betens. Der Austausch mit dem dreifaltigen Gott kennt keine wirklichen Grenzen.

Kunst etc.

Ph. A. Kilian, Disputation der Immaculata Conceptio mit Kirchenvätern (ca. 1750), Wikimedia Commons
Ph. A. Kilian, Disputation der Immaculata Conceptio mit Kirchenvätern (ca. 1750), Wikimedia Commons

Vers 4: "... denn in ihm hat Gott uns erwählt"

Was heißt eigentlich "Erwählung"?

Über diese Frage nachzudenken kann das Gemälde von Philipp Andreas Kilian (1714 - 1759) nach einer Vorlage von Dosso Dossi (gest. 1542) anregen. Denn hier wird die seit ihrer Empfängnis "erwählte" Gottesmutter - darum geht es ja am heutigen Fest - nicht einfach als "Madonna" dargestellt, sondern als "Maria in der Diskussion":  Der hl. Hieronymus kniet links; die Heiligen Ambrosius, Augustinus und Gregor d. Gr. sind rechts angeordnet: der eine schreibt sitzend, der zweite stehend; der dritte steht mit erhobener Rechten hinter ihnen. Links kniet ein Mönch, der hl. Bernhardin. Oben setzt Gott Vater der links neben ihm auf den Wolken knieenden Maria die Krone auf’s Haupt. Sie schaut derweil herunter, als würde sie sich anhören, was die gelehrten Theologen zu sagen haben.

Gegenüber der besonderen Stellung Mariens, über die viel geschrieben wurde, hält der Epheserbrief fest, dass in Christus, der zum Menschsein bestimmt war, den Menschen an sich, also einen jeden, erwählt hat. Dies bedeutet ebenso grundsätzliche Nähe - und zwar immer schon -, zugleich aber auch die Aufgabe, auf diese Liebeserklärung zu reagieren. Dies ist weniger eine Frage gelehrter Diskussion als praktischen Handelns.