Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 13,33-37)

33Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

34Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

35Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.

36Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.

37Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Überblick

Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist! Ein Aufruf zur Wachsamkeit hinein in eine ruhelose Welt

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Sie beginnt mit dem Auftreten des Täufers in der Wüste (Mk 1,1-15), schildert den Beginn der Verkündigung in Galiläa (Mk 1,16-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verlust des jüdischen Identifikationspunkts als einschneidendes Erlebnis prägt die Sprache und Bilder der sogenannten Endzeitrede (Mk 13,3-37). Im Vorausahnung der kommenden Passionsereignisse spricht Jesus dabei auf dem Ölberg zu den beiden Brüderpaaren unter den Aposteln: Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus.

 

2. Aufbau
Der Aufruf zur Wachsamkeit in Vers 33 grenzt den Abschnitt Mk 13,33-37 vom vorangehenden Gleichnis vom Feigenbaum ab. Der Hinweis auf das Nicht-Wissen des genauen Zeitpunkts der Endzeit leitet über zum folgenden Gleichnis. Vers 33 ist also das Scharnier zwischen Mk 13,28-32 und 13,33-37. Die Verse 34-36 erzählen das Gleichnis, das in Vers 37 mit einer Mahnung endet, die jedoch über die konkrete Sprechsituation hinausreicht und die gesamte Endzeitrede abschließt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 33: Die einleitende Warnung zur Wachsamkeit („gebt acht“) entspricht dem Beginn der endzeitlichen Rede Jesu im Markusevangelium (Mk 13,5). Hatte Jesus seine Jünger dort davor gewarnt, dass man versuchen würde, sie in die Irre zu führe, so mahnt er hier im Hinblick auf den unbekannten Zeitpunkt seiner Wiederkunft am Ende der Zeit.

 

Verse 34-36: Das Gleichnis vom Mann und seinen Knechten soll die vorangegangene Warnung erläutern. Die Situation ist einfach gehalten: Ein Mann verlässt sein Haus und überträgt jedem seiner Knechte eine bestimmte Aufgabe. Explizit genannt wird nur die Aufgabe des Türhüters, wachsam zu sein. Damit ist die zentrale Aussage vorbereitet: Weil die Rückkehr des Herrn nicht voraussehbar ist, muss der Türhüter die ganze Zeit wachen. Zur besseren Illustrierung der Zeit, die es zu wachen gilt, gliedert der Evangelist Markus die Zeit der Nacht nicht entsprechend dem jüdischen Muster in drei, sondern dem römischen Rhythmus entsprechend in vier Nachtwachen. So erscheint nicht nur die Nacht „länger“, sondern die Unabwägbarkeit des Zeitpunkts wird zusätzlich betont. Vers 36 fokussiert die Aufgabe des Türhüters und der Zuhörenden: Der Herr (des Hauses) soll seine Knechte nicht schlafend antreffen.

 

Vers 37: Sind in der Szene nur Johannes, Jakobus, Petrus und Andreas als Zuhörer zugegen (Mk 13,3), ist der erneute Appell zur Wachsamkeit an alle Jüngerinnen und Jünger und Lesende des Evangeliums gerichtet. Der Aufruf, den Zeitpunkt der Ankunft des Herrn nicht zu verpassen, gilt nicht nur den Brüderpaaren, sondern hat für alle in der Nachfolge Jesu Bedeutung. Die Mahnung gewinnt an Brisanz angesichts der Tatsache, dass mit Mk 14,1 die Passionsereignisse einsetzen.

Auslegung

Die Erzählung vom Leben und Wirken Jesu neigt sich im Markusevangelium dem Ende entgegen. Mit Mk 14,1 setzen die Ereignisse rund um die Passion ein (Todesbeschluss der Hohepriester und Schriftgelehrten, Salbung in Betanien). Da wirkt das Zusammensein Jesu mit vier seiner engsten Vertrauten auf dem Ölberg wie die Ruhe vor dem herannahenden Sturm. Doch von Entspannung ist im 13. Kapitel des Markusevangeliums keine Spur, denn Jesus spricht mit den vier Jüngern über das, was sich am Ende der Zeit ereignen wird. Die Brisanz des Themas ist den Jüngern trotz der Ankündigungen von Tod und Auferstehung wohl eher verborgen. Nach wie vor sind sie mit Jesus unterwegs, spüren, dass Menschen sich von der Botschaft des Evangeliums anstecken lassen, ihm beim Einzug in Jerusalem (Mk 11,1-11) zujubeln. Den Auseinandersetzungen mit den jüdischen Autoritäten begegnet Jesus souverän und alle ihre Pläne, ihm eine Falle zu stellen, scheinen ins Leere zu laufen (Mk 11,27-40).

Vielleicht ist es genau diese trügerische Sicherheit, die Jesus bewegt, den vier Aposteln einen Ausblick zu geben auf die unruhigen Zeiten, die auch mit dem Glauben an das Evangelium verbunden sind. Denn mit Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu werden die Jünger auf sich gestellt sein. Es liegt dann an ihnen, die Frohe Botschaft zu verkünden und die Hoffnung auf das Reich Gottes, das am Ende der Zeit wartet, aufrechtzuhalten. Die Wiederkunft Jesu wird nach Ostern der Zeitpunkt sein, auf den die Apostel und alle Glaubenden hinfiebern. Sie werden rufen „Maranata! – Komm, Herr!“ Sie werden den Tag des Herrn herbeisehnen, weil sie hoffen, dann in die verheißene Wirklichkeit Gottes eingehen zu können. Zwischen der Zusage des Gottesreiches durch Jesus selbst und dem Erreichen steht für die Apostel – wie für alle Glaubenden –eine Zeit des Wartens, eine Zeit der Ungewissheit und der Hoffnung. Auf diese Zeit stimmt Jesus Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes in Mk 13,33-37 stellvertretend für alle Jüngerinnen und Jünger ein.

Dass die Zeit bis zum Tag des Herrn und zur Wiederkunft Jesu eine Herausforderung wird, hatte Jesus bereits zu Beginn seiner Rede betont. Er spricht von Auseinandersetzungen, Katastrophen, falschen Propheten etc. Nun stellt er die Aufgabe der Jünger in den Mittelpunkt: Wie die Knechte im erzählten Gleichnis hat jeder und jede eine Aufgabe. Die vier Apostel aber werden auf eine Aufgabe besonders eingeschworen: Sie sollen wachsam sein! Sie sollen sich nicht in falschen Sicherheiten wiegen, die Ankunft des Herrn auf jeden Fall mitzubekommen. Sie sollen nicht ausruhen oder nachlässig werden. Ihre erste und einzige Aufgabe ist die Wachsamkeit für den Moment, an dem Gott selbst die Zeit enden lässt und das Reich Gottes zur Erfüllung gelangt. Die Unabwägbarkeit des Zeitpunkts, die Länge des Wartens, die innere Erschöpfung, die Behaglichkeit der Gemeinschaft und die Sicherheit des Erreichten – sie laden ein, nachlässig zu werden. Jesus sieht diese Gefahr und er warnt die Jünger eindringlich davor, in der „Zwischenzeit“ die Spannkraft zu verlieren. Wie realistisch Jesus die Problematik des Wartens und Wachbleibens einschätzt, wird sich nur wenig später in der Getsemani-Szene zeigen.

Doch nicht nur falsche Sicherheit und trügerische Ruhe können die Wahrnehmung für den kommenden Zeitpunkt trüben. Der letzte Vers ist nicht mehr nur an die Apostel in der Erzählung gerichtet, sondern darüber hinaus an alle, die das Evangelium von damals bis heute lesen. Auch zu viel Beschäftigung mit anderem, zu viel Ruhelosigkeit, permanente Ablenkung und Konzentration auf Nebensächlichkeiten, können der Wachsamkeit entgegenstehen. Dem Türhüter wird eine einzige Aufgabe übertragen, diese gilt es unbedingt zu erfüllen. Denn wenn er einen Moment schläft, hat er im Ganzen versagt. Wachsamkeit hat also etwas mit Konzentration zu tun. Es geht um die Fokussierung auf das, was aufgetragen ist. Für die Apostel wie alle nachfolgenden Generationen von Christen ist das: Die Verkündigung der Botschaft und ein Leben nach dem Vorbild Christi – und zwar immer so, als würde der Herr morgen wiederkehren!

Kunst etc.

Auf diesem Bild von Carl Spitzweg, das um das Jahr 1875 entstand, wird der Nachtwächter seiner Aufgabe nicht gerecht: Er ist eingeschlafen.