Lesejahr B: 2023/2024

1. Lesung (Jos 24,1-2a.15-17.18b)

241Josua versammelte alle Stämme Israels in Sichem; er rief die Ältesten Israels, seine Oberhäupter, Richter und Aufsichtsleute zusammen und sie traten vor Gott hin. 2Josua sagte zum ganzen Volk:

[...]

15Wenn es euch aber nicht gefällt, dem HERRN zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt:

den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt.

Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen.

16Das Volk antwortete:

Das sei uns fern, dass wir den HERRN verlassen und anderen Göttern dienen. 17Denn der HERR, unser Gott, war es, der uns und unsere Väter aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat und der vor unseren Augen alle die großen Wunder getan hat. Er hat uns beschützt auf dem ganzen Weg, den wir gegangen sind, und unter allen Völkern, durch deren Gebiet wir gezogen sind. 18 [...]Auch wir wollen dem HERRN dienen; denn er ist unser Gott.

Überblick

Der Gott Israels oder andere Götter – das ist hier die Frage.

 

1. Verortung 

Als Abraham, der Erzvater des Volkes Israel, von Gott geführt ins Heilige Land gelangte erschien imm Gott in Sichem: „Der HERR erschien Abram und sprach: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land. Dort baute er dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar.“ (Genesis 12,7). Eben an diesem Ort befindet sich Josua, der Nachfolger Moses mit dem Volk Gottes nach dem Auszug aus Ägypten, der Wüstenwanderung und der Landnahme: „Josua versammelte alle Stämme Israels in Sichem.“ (Josua 24,1). Die Verheißung Gottes hat sich erfüllt.

Nach der Eroberung des Landes (Josua 1-12) und dessen Verteilung an die Stämme Israels (Josua 13-22) stehen die Abschiedsreden Josuas und sein Tod am End des Buches Josua. Nach der Mahnung vor den Völkern, die im Land verblieben sind, und vor deren Göttern und der Aufforderung nur dem Gott Israels zu dienen, folgt dann im Buch der Richter, der mehrfache Abfall des Volkes von seinem Gott. Darauf verweist bereits der Schluss der antiken griechischen Übersetzung des Buches Josua: „Die Israeliten gingen aber jeder an ihren eigenen Ort und in ihre eigenen Stätten zurück. Und die Israeliten verehrten die Astarte und Astaroth und die Götter der Völker fings um sie; und der Herr übergab sie in die Hände Egloms, des Königs von Moab, und er beherrschte sie 18 Jahre.“ (LXX Josua 24,43b)

 

2. Aufbau

Die letzte Amtshandlung Josuas ist die Verpflichtung des Volkes auf den Gott Israels als den einzig zu verehrendem Gott. Er versammelt das Volk (Vers 1) und verkündet ihm eine Gottesrede (Verse 2-13), die eine Zusammenfassung der Geschichte von den Vorfahren Abrahams bis hin in die erzählte Gegenwart bietet. Sie endet in Josuas Aufforderung: „Fürchtet also jetzt den HERRN und dient ihm in vollkommener Treue! Schafft die Götter fort, denen eure Väter jenseits des Stroms und in Ägypten gedient haben, und dient dem HERRN!“ (Vers 14). Er stellt Israel vor die Wahl: der Gott Israels oder die Götter der anderen Völker? -  und bezieht selbst Stellung (Vers 15) – woraufhin sich das Volk zu seinem Gott bekennt (Verse 16-18). Dieses Bekenntnis ist jedoch nicht das Schlusswort. Es folgt direkt eine scharfe Warnung Josuas an sein Volk, bzw. er äußert direkten Zweifel: „Da sagte Josua zum Volk: Ihr seid nicht imstande, dem HERRN zu dienen, denn er ist ein heiliger Gott, ein eifersüchtiger Gott; er wird euch eure Frevel und eure Sünden nicht verzeihen. Wenn ihr den HERRN verlasst und fremden Göttern dient, dann wird er sich von euch abwenden, wird Unglück über euch bringen und euch ein Ende bereiten, obwohl er euch zuvor Gutes getan hat.“ (Verse 19-20). Doch Josua errichtet einen Bund zwischen Gott und dem Volk und übergibt ihm vor seinem Tod die Gesetze Gottes.

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Verse 1-2: Eigentlich hatte Josua bereits seine Abschiedsrede im vorherigen Kapitel gehalten. Doch nun wird in der Erzählung das Volk erneut versammelt und dieses Mal in Sichem. Dieser Ort, der im Zentrum des späteren Nordreiches Israel liegt, ist in den Erzerzählungen der Erzeltern von großer Bedeutung. Dort erhält Abraham die Landverheißung (Genesis 12,6-7) und errichtet einen Altar. Jakob und sein Haus entfernten dort alle Götzenbilder aus ihrem Besitz (Genesis 35,2-4). Gemäß dem Buches Josua befand sich dort auch ein Heiligtum Israels. In der späteren Geschichte ist dann Sichem – nicht Jerusalem - der Ort, wo die Verhandlungen über die Anerkennung des Sohnes Salomos als Nachfolger auf dem Thron Davids geführt werden (1 Könige 12,1). In Josua 24,1 versammelt nun Josua alle Führer des Volkes, um ihnen eine Gottesrede mitzuteilen und einen Bund zwischen Gott und dem Volk zu schließen.

Vers 15: Die von Josua übermittelte Gottesrede begann in Vers 2 mit dem Hinweis auf die Herkunft Abrahams aus einem anderen Land und auch aus einer anderen Religion: „Jenseits des Stroms wohnten eure Väter von Urzeiten an, Terach, der Vater Abrahams und der Vater Nahors, und dienten anderen Göttern.“ (Vers 2). Mit „jenseits des Stroms“ ist die Herkunft östlich des Euphrats gemeint. Indirekt wird somit in Vers 15 eine Mahnung ausgesprochen, dass Israel sich nun nicht den Göttern der Amoriter, d.h. den Göttern Kanaans, zuwenden sollen, nachdem sich die Erzeltern doch vom Götzendienst ab- und Gott zugewendet hatten. Im Alten Orient bestand häufig eine direkte Verbindung zwischen einem Land und einem Gott, daher steht hier die Rede von „den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt“. Die vorherige Gottesrede und die ganze Erzählung des Buches Josua hat jedoch die Überlegenheit des Gottes Israels über alle anderen Götter gezeigt, indem durch ihn Israel das Land erobert hat. Von theologischer hoher Bedeutung ist hier die Verwendung des Wortes בחר, das „entscheiden“ und auch „auserwählen“ bedeutet. Der vorausgegangenen Entscheidung Israel zu seinem Volk zu machen und ins Verheißene Land zu führen, soll nun die Entscheidung des Volkes für seinen Gott folgen.  

Verse 16-17: Es geht nicht allein um die Frage der richtigen kultischen Verehrung oder wem diese gilt, sondern das Volk soll sozusagen sich persönlich und uneingeschränkt zu Gott als ihrem alleinigen und mächtigen Gott bekennen – und tut dies auch. Die Herausführung aus Ägypten und die Landgabe bedingen die alleinige Anerkennung des Gottes Israels als alleinigen Gottes, der das Volk durch seine Taten von fremden Göttern befreit hat.    

Vers 18: Dem Bekenntnis des Volkes zu seinem Gott „denn er ist unser Gott“ geht der Hinweis im aufgelassenen Teilvers 18a auf den in der erzählten Zeit finalen Beweis der Macht Gottes voraus: „Der HERR hat alle Völker vertrieben, auch die Amoriter, die vor uns im Land wohnten.“ – womit auch ein deutliches Nein zur Verehrung der Götter der Amoriter ausgesprochen ist. 

Auslegung

An entscheidenden Kreuzungen schaut man zurück auf den gegangenen Weg, um entscheiden zu können, welche Richtung man einschlagen wird. Der Blick in die Vergangenheit erklärt, wie es zur Gegenwart gekommen ist. Das ist eine Weisheit des biblischen Erzählens. Das Erinnern des Gewesenen ist keine Geschichtsstunde, sondern eine Vergewisserung. Kurz bevor Israel in das Verheißene Land einzieht, hält die Erzählung für die Zeit eines gesamten Buches inne. Wie kam man zu diesem Moment? Was bedeutet der bisherige Weg für die Zukunft? Für Israel stellt sich an der Grenze die Frage: Wer sind wir und wie stehen wir zu unserem Gott? Mose bietet auf diese Frage im Buch Deuteronomium eine ausführliche Antwort, indem er die Beziehung des Gottesvolkes zu JHWH durchbuchstabiert.

Nach der Landnahme, und somit angekommen im Verheißenen Land, gibt es wieder einen solchen Moment des Innehaltens. Josua, der Nachfolger Moses, blickt zurück, um von dem Volk die radikale Entscheidung für Gott zu verlangen: „Fürchtet also jetzt den HERRN und dient ihm in vollkommener Treue! Schafft die Götter fort, denen eure Väter jenseits des Stroms und in Ägypten gedient haben, und dient dem HERRN! Wenn es euch aber nicht gefällt, dem HERRN zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen.“ (Josua 24,14-15). Gemäß der Logik des Textes wäre es eine absolut unvernünftige Entscheidung, wenn das Volk in diesem Moment sich gegen seinen Gott wenden würde. Josua hatte sie zuvor daran erinnert, wie Gott seit den Tagen ihres Vaters Abraham bereits die Geschichte gelenkt hat, damit Israel in Frieden und im Glauben an seinem Gott in dem Verheißenen Land leben kann. Allen Widerständen zum Trotz hat sich JHWH als der Gott Israels bewiesen. 

Die Antwort des Volkes ist daher eindeutig: „Das Volk aber sagte zu Josua: Nein, wir wollen dem HERRN dienen.“ (Josua 24,21). Nein, natürlich wollen sie keinen anderen Göttern dienen. JHWH ist der Gott Israels, ihm wollen sie dienen. Das Wirken Gottes in der Geschichte zugunsten Israels ist die Grundlage der Beziehung des Volkes zu seinem Gott. Gott handelt für die Menschen – das ist die grundlegende Theologie des Alten Testaments. Für das Volk Israel ist dies die Grundlage für den Bund mit Gott. Die Gesetze und Gebote sind Gottes Forderung an den Menschen, nachdem er ihnen seine Gnade erwiesen hat – und das Einhalten der Gesetze und Gebote Gottes ist die Antwort Israels auf das Handeln Gottes in der Geschichte. Wer also die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel vergisst – oder einfach nicht beachtet -, der verliert die eigenen Glaubenswurzeln aus dem Blick und kann so an den entscheidenden Kreuzungen vom Weg abkommen.

Kunst etc.

1792 fertigte der britische Künstler John Landseer einen Holzstich an, der als Titel über dem Buch Josua stehen sollte. Bewusst wählte er kriegerische Symbole, um die Person Josua in den Vordergrund zu stellen – jedoch niedergelegt, wie nach einer gewonnenen Schlacht oder dem Tod. Das Buch Josua zeichnet aber bewusst vor allem in den letzten Kapiteln ein anderes Bild – wie Moses wird er als Prophet und Anwalt Gottes dargestellt, der das Volk mahnt und zugleich einen Bund zwischen Gott und Israel schließt.

Johan Landseer, veröffentlicht 20. September 1792 in “The Holy Bible : embellished with engravings from pictures and designs by the most eminent English artists (Volume 2)”, verfügbar in der Manchester Digital Collections. Lizenz: CC BY-NC 4.0.
Johan Landseer, veröffentlicht 20. September 1792 in “The Holy Bible : embellished with engravings from pictures and designs by the most eminent English artists (Volume 2)”, verfügbar in der Manchester Digital Collections. Lizenz: CC BY-NC 4.0.