Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Ex 16,2-4.12-15)

2Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.3Die Israeliten sagten zu ihnen:

Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

4Da sprach der HERR zu Mose:

Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht.

[...]

12Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen:

In der Abenddämmerung werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt werden von Brot und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR, euer Gott, bin.

13Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. 14Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. 15Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander:

Was ist das?

Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen:

Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt.

Überblick

Brot fällt vom Himmel gegen das Murren des Volkes. Gott versorgt sein Volk in der Wüste – doch eigentlich ist das eine Prüfung. 

 

1. Verortung im Buch

Der Auszug aus Ägypten ist abgeschlossen; der Pharao und seine Soldaten sind im Schilfmeer untergegangen (siehe das Siegeslied in Exodus 15). Doch der Auszug zielt zum Einzug ins Verheißene Land, das erst im Buch Josua erreicht wird. Die entscheidende Wegmarke dorthin ist der Berg Sinai, wo Gott mit seinem Volk den Bund schließen und seine Gesetze und Gebote offenbaren wird (siehe auch Exodus 3,12). Zwischen dem Schilfmeer und dem Berg Sinai wird jedoch zuerst die Wüstenwanderung erzählt, während der das Volk u.a. dreimal gegen Gott, ihren Retter, murrt und somit den Aufstand probt (Exodus 15,22-17,7). Die in Exodus 16 erzählte Geschichte über das Manna-Wunder und somit über die göttliche Versorgung des Volkes während des Wüstenaufenthaltes ist in gewisser Weise bereits eine Antizipation der Sinai-Ereignisse. Indirekt wird der Sabbat als besonderer Tag eingeführt (siehe dann später das Sabbatgebot im Dekalog [Exodus 20,8-11]), da an diesem Tag kein Manna zum Einsammeln bereitliegen wird, sondern Gott sie am Tag zuvor mit der doppelten Ration versorgen wird (Vers 6, siehe auch Verse 29-30) – und die Versorgung des Volkes mit dem Manna wird von Gott an klare Gebote gebunden (Verse 16.19).

Als Israel in das Verheißene Land eingezogen war, endete die Versorgung mit dem Manna: „Vom folgenden Tag an, nachdem sie von dem Ertrag des Landes gegessen hatten, blieb das Manna aus; von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.“ (Josua 5,12; siehe auch Exodus 16,35). 

 

2. Aufbau

Die gesamte Manna-Erzählung in Exodus 16 ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen Erzählung und Reden. Die darin enthaltenen Gottes- und Moses-Reden ergänzen sich gegenseitig. Für die Lesung am 18. Sonntag im Jahreskreis sind nur der Erzählteil über das Murren des Volkes, die antwortende Zusage Gottes (Verse 2-4) und deren Verwirklichung (Verse 12-15) ausgewählt. Die eigentliche Absicht des Manna-Wunders zugleich als Versorgung und als Prüfung des Volkes wird dadurch ausgeklammert, obwohl sie bereits in Vers 4 anklingt: „Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht.“

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 2: Die Israeliten sind mit dem Gott, der sie aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat, nicht zufrieden. Direkt nach dem Schilfmeerwunder murrten sie bereits gegen ihn, da sie trinkbares Wasser in der Wüste suchten (Exodus 15,24: „Da murrte das Volk gegen Mose und sagte: Was sollen wir trinken?“). Kurz nachdem Mose durch Gott das untrinkbare Wasser in trinkbares gewandelt hatte, murrt das Volk nun wieder, diesmal gegen Mose und Aaron und somit indirekt gegen Gott – jedoch ohne eine direkte Not, sondern aufgrund des Zweifels an den Zukunftsaussichten.

Vers 3: Die Worte zeigen eine allzu menschliche Art der angsterfüllten Übertreibung, anstatt auf Gott zu vertrauen; und das nicht zum ersten Mal. Bereits in Exodus 14,11-12 jammerten sie: „Zu Mose sagten sie: Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan, uns aus Ägypten herauszuführen? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben.“ Die in Vers 3 von den Israeliten angeführten „Fleischtöpfe Ägyptens“ und das „Brot zum Sattwerden“ stehen zum einen für den Leser deutlich in Kontrast zum vorherigen Leben der Israeliten als Sklaven in Ägypten, zum anderen verweisen diese Wörter bereits voraus, auf das kommende Wunder, dass Gott sein Volk reichhaltig und andauernd mit Fleisch, Wachteln, und Brot, Manna, versorgen wird.

Vers 4: War zuvor die Klage der Israeliten an Mose und Aaron gerichtet, so antwortet Gott nun darauf direkt in Worten an Mose. Er kündigt „Brot vom Himmel“ an – dies steht nicht nur für die göttliche Versorgung, sondern betont auch, dass dies ein Geschenk ist. Dem Menschen, der aus dem Garten Eden hinausgeworfen wurde, ist hingegen eine ganz andere Existenz verheißen: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen“ (Genesis 3,19). Zugleich wird die Betonung daraufgelegt, dass jeder Israelit genug „entsprechend seinem Bedarf“ erhalten wird; vgl. Verse 16-18: „Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt! Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte.“ Gott verdeutlich in seiner Rede in Vers 4 jedoch auch, dass die Gabe des Mannas auf eine Prüfung der „Tora“-Treue des Volkes abzielt. Das hier verwendete hebräische Wort תּוֹרָה (gesprochen: tora), bezeichnet hier die in den Versen 16 und 19 ergehende Weisung: "Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt! […] Davon darf bis zum Morgen niemand etwas übrig lassen.” – dieser Begriff bezeichnet später dann die Gesamtheit der Weisungen, Gesetze und Gebote Gottes.

Verse 12-13: Zuvor war in Vers 10 als Reaktion auf das Murren des Volkes die Herrlichkeit Gottes in der Wüste erschienen. Eigentlich hätte man die folgenden Worte bereits in Vers 4 erwartet – so dienen sie nun auch der Legitimierung von Moses und Aarons Worten in den Versen 6-9. Hier nun wird nach dem an Mose gerichteten Worten der Verweis, dass die Gabe des Mannas eine Prüfung sein wird (siehe Vers 4), dies positiv in den Worten an das Volk gewendet. Das Wunder wird zur Erkenntnis Gottes dienen. Anders als in Vers 4 wird hier nun in einem Nebensatz zusätzlich zu dem Brot auch noch die Versorgung durch das Fleisch von Wachteln angekündigt (siehe dazu Num 11,31-35).

Vers 14-15: Der Fokus liegt hier nicht auf den Wachteln, sondern auf dem himmlischen Brot. Die Frage der Israeliten: „Was ist das?“ ist bereits ein Vorverweis auf die erst später in Vers 31 geschehende Benennung als Manna (מָן, gesprochen: man). Auf Hebräisch lautet die Frage ‎מָ֣ן ה֔וּא (gesprochen: man hu) und könnte auch übersetzt werden „Manna ist es“, da das Fragewort und Manna gleichgeschrieben werden. Um zu verstehen, was Manna ist, wird üblichweise auf zwei natürliche Phänomene verwiesen. Es gibt auf der Halbinsel Sinai zwei Schildlausarten, die aus einer Tamariskenart den Pflanzensaft heraussaugen, um damit ihre Larven zu versorgen. Dabei entsteht ein Überschuss, der als kleine weißlich-gelbe Kugeln auf den Boden fallen. Diese Tropfen findet man nur am Morgen, da sie während des Tags schmelzen. Auch ein Wüstenstrauch, die Weiße Hammada, lässt Manna entstehen. Dieses Manna wird von Beduinen als Honigersatz verwendet. In der Erzählung in Exodus 16 geht es jedoch nicht, um die biologische Erklärung des Manna-Wunders; so spricht zum Beispiel das „Wunder“, dass es am Sabbat kein Manna gab, dass am Freitag eine doppelte Menge zu finden war und diese dann auch am Sabbat haltbar blieb, gegen eine biologische Erklärung.

Auslegung

Die Israeliten hatten Gott ihr Leid geklagt. Er hatte sie erhört und sie aus der Sklaverei in die Freiheit geführt. Am Schilfmeer hatte er bewiesen, dass er mächtiger als der Pharao samt dessen Armee ist. Doch kaum ist der Jubel der Israeliten verklungen, beginnen sie Mose und somit Gott anzuklagen. Undankbarkeit wird zu Gottes Lohn. Doch wieder erhört Gott das Klagen seines Volkes. Er verwandelt die todverheißende Wüste zu einer nicht versiegenden Lebensquelle für die Geflohenen.

Gott wendet sich seinem Volk zu, obwohl es sich abwendet. Das Volk will mehr als es braucht, es vertraut Gottes Zusagen nicht, es hält sich nicht an seine Weisungen. Der Überfluss selbst ist eine Prüfung. Wenn das Volk sich um nichts sorgen muss, vertraut es dann auf Gott? Die Israeliten scheitern. Wer weiß, was morgen sein wird? Sie nehmen sich mehr als sie brauchen. Sie verstecken von dem Gesammelten, obwohl Gott ihnen dies verboten hatte. Und was macht Gott? Trotzdem versorgt er sein Volk vierzig Jahre lang in der Wüste.

Kunst etc.

Das Volk Israel murrt immer wieder auf seinem Weg aus Ägypten bis hin zum Sinai, wo Gott einen Bund mit ihnen schließt und ihm die Grundordnung für das Leben im verheißenen Land gibt. Obwohl Gott sich immer wieder als zuverlässiger Fürsorger erweist, lässt die abstrakte Gefahr der Wüste und die Erinnerung an eine vermeintlich bessere Vergangenheit das Volk zweifeln. Aber Gott erweist sich immer wieder als die bessere Zukunft. Immer wieder wirbt er um sein Volk und führt es so in das verheißene Land. Die Fürsorge geht jedoch auch einher mit Forderungen bzw. Geboten, die Teil des Weges sind. Es ist leicht, nein zum Weg und nein zu den Geboten zu sagen.

Das Altarbild „Die Sammlung des Mannas“ eines unbekannten Künstlers, das wahrscheinlich 1460 entstand, stellt plastisch dar, welche Bedeutung das Manna in der Erzählung der Wüstenwanderung hatte. Es versorgte das Volk nicht nur, sondern es war die dauernde Erfahrung des Segen Gottes, ohne selbst dafür arbeiten zu müssen.

„The Gathering of the Mann”, ca 1460, aus der Sammlung des Musée de la Chartreuse de Douai – Lizenz: gemeinfrei.
„The Gathering of the Mann”, ca 1460, aus der Sammlung des Musée de la Chartreuse de Douai – Lizenz: gemeinfrei.