Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Jes 40,1-5.9-11)

1 Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. 2 Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu,

dass sie vollendet hat ihren Frondienst,

dass gesühnt ist ihre Schuld,

dass sie empfangen hat aus der Hand des HERRN Doppeltes für all ihre Sünden!

3 Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!

4 Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.

5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alles Fleisch wird sie sehen.

Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

[…]

9 Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda:

Siehe, da ist euer Gott.

10 Siehe, GOTT, der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm.

Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her.

11 Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.

Überblick

Endlich wird Heil verkündet – doch auf welchem „Weg des HERRN“ wird es kommen? 

 

1. Verortung im Buch

Jesaja 40 ist der Wendepunkt des Prophetenbuches Jesaja. Fortan liest man fast nur noch Heilsworte. Der „schuldbeladene Nation“ - wie Israel am Anfang des Buches bezeichnet wird (siehe Jesaja 1,4) – wird nun verkündet, „dass gesühnt ist ihre Schuld“ (Jesaja 40,2). Die Heilsbotschaft richtet sich vor allem an Zion/Jerusalem. Die Gottesstadt war zerstört und die Bewohner ins Exil geführt worden. Nun wird die Stadt zum Symbol, der erneuerten Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk. Die Katastrophe selbst, die Zerstörung des Tempels und das Exil werden im Buch Jesaja nicht erzählt. In Jesaja 39 wird die Deportation der königlichen Familie verkündet und direkt darauffolgend erklingt in Jesaja 40 bereits die Freudenbotschaft. 

 

2. Aufbau

Jesaja 40,1-11 hat sozusagen die Funktion einer Overtüre für den restlichen Teil des Buches. Die fünf Strophen (Verse 1-2.3-5.6-8.9.10-11) ist durch eine Reihe von elf Aufforderungen geprägt. Die bestimmenden Worte sind „sagen“, „rufen“, „sprechen“, „die Stimme“, „das Wort“ und die „Freudenbotin“. Eine frohe Botschaft wird uns soll verkündigt werden. In Vers 1 empfängt die Stadt die Trostbotschaft, die sie dann gemäß Vers 9 an die judäischen Stelle weitergeben soll. 

Für die Lesung am zweiten Advent sind die Verse 6-8 ausgelassen. In ihnen findet eine Diskussion zwischen den zur Verkündigung Aufgerufenen statt. Es erklingt ein Zweifel an der Erfolgsaussicht der Berufung, da die Menschen eben vergänglich und untreu sind.

6 Eine Stimme sagt: Rufe! Und jemand sagt: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist wie das Gras und all seine Treue ist wie die Blume auf dem Feld. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des HERRN darüber weht. Wahrhaftig, Gras ist das Volk. 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.“ (Jesaja 40,6-8)

Diese Worte wenden sich gegen die Verheißung, dass „alles Fleisch“ die Herrlichkeit Gottes sehen wird (Vers 5). Und dem Zweifel wird in Vers 9 die Aufforderung zum Verkünden der Freudenbotschaft gesetzt.

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Vers 1: Wer ist angesprochen? Wer soll das Volk trösten? Der Text lässt diese Bestimmung vermissen. In der Tradition wurden auf diese Frage verschiedene Antworten gegeben: Priester, Propheten oder das gesamte Gottesvolk – jedenfalls liegt es nahe anzunehmen, dass Gott hier Menschen beruft die Trostbotschaft zu verkünden. Im Mittelpunkt steht jedoch die Botschaft und nicht diejenigen, die sie verkünden sollen. Bereits in der Wortwahl „mein Volk“ – „euer Gott“ ist die folgende Heilsverkündigung grundgelegt. Gottes grundlegende Verheißung zu Israel lautet: „Ich nehme euch mir zum Volk und werde euch Gott sein.“ (Exodus 6,7).

Vers 2:  Der Adressat der Trostbotschaft ist die Stadt Jerusalem. An ihr hat sich das Unheil ereignet und sie wird zum Symbol für das Heil. „Reden zu Herzen“ bedeutet nicht, dass die Stadt nun emotional betört werden soll. Das Herz ist im Alten Testament der Ort des Verstandes. Wenn man zum Herzen redet, dann leistet man Überzeugungsarbeit. Der Inhalt der Freudensbotschaft, von der sie überzeugt werden soll, ist ein dreifacher. (1.) Die Exilierung wird als erzwungene Arbeit, als schwerer Dienst (צָבָא, gesprochen: zava’a). Dieses Wort bezeichnet vor allem auch den Militärdienst, dem man sich nicht entziehen und dessen Folge der Tod sein kann. (2.) Die Schuld Israels, durch die Sünde, ist beglichen. Im Hintergrund steht eine Vorstellung, die im Buch Levitikus ausformuliert ist: „Sie sollen für ihre Schuld Genugtuung leisten, weil sie meine Rechtsentscheide missachtet und meine Satzungen verabscheut haben.“ (Levitikus 26,43). (3.) Israel hat die volle Strafe Gottes empfangen. Dass es eine doppelte Strafe gab, verweist vielleicht auf die Zerstörung des Tempels und die Exilierung. Vielleicht steht dahinter auch, dass aufgrund schwerer Rechtsbrüche ein doppelter Ersatz für den Schaden geleistet werden muss; siehe zum Beispiel Exodus 22,6: „Übergibt jemand einem andern Geld oder Gerät zur Aufbewahrung und es wird aus dessen Haus gestohlen, dann soll der Dieb, wenn man ihn findet, doppelten Ersatz leisten.“

Verse 3-4: Wer die rufende Stimme ist, wird nicht erklärt – vielleicht ein Engel (siehe Jesaja 6,4). Der Aufforderung in Vers 3 sollen keine Menschen folgen, sondern die Täler, Berge und Hügel. Im Alten Testament bezeichnet der „Weg des Herrn“ niemals eine konkrete Wegstrecke, sondern den ethisch-religiösen Lebenswandel, an dem sich die Gläubigen ausrichten sollen: die göttliche Weisung. Es geht also nicht um einen konkreten Weg durch eine Wüste – zum Beispiel aus dem Exil nach Jerusalem. Sondern die Wüste steht als Sinnbild für das Exil, durch das hindurch der Weg Gottes wiedererrichtet werden soll; vgl. Jesaja 51,3: „Denn der HERR hat Zion getröstet, getröstet all ihre Ruinen. Er machte ihre Wüste wie Eden und ihre Öde wie den Garten des HERRN. Jubel und Freude findet man in ihr, Lobpreis und den Klang von Liedern.“

Vers 5: Die Herrlichkeit Gottes spielt in zwei geschichtlichen Kontexten eine besondere Rolle: Beim Exodus aus Ägypten und im Kontext des Tempels. Es geht also um Gottes Präsenz inmitten seines Volkes. Diese wird auch am Ende des Buches Jesaja explizit nochmals verkündet (Jesaja 66,18-19). Der „Weg Gottes“ (Verse 3-4) zielt also nicht primär auf die Befreiung Israels aus dem Exil und Heimführung nach Jerusalem - auch wenn man dies fast selbstverständlich in diese Verse hineinliest. Die Exilierten werden nicht erwähnt. Sie sind kein Geleit Gottes auf diesem Weg. Sondern der Weg Gottes dient der Offenbarung seiner Herrlichkeit.

Vers 9-11: Nun wird auch Zion erwähnt. Zuvor war nur von der politischen Größe Jerusalem die Rede. Die Nennung „Zion“ betont hier stärker die theologische Bedeutung. Aus der Stadt wird nun selbst eine Verkünderin. Mit dreifachem „siehe“ verkündet sie den Städten Judas den Advent / die Ankunft Gottes. Aber was bedeutet „sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her“? Der Lohn und der Ertrag ist sein Volk, um das er sich bemüht. Diese Deutung ergibt aus der in Vers 11 gewählten Bildwelt. Gott ist der Hirte seines Volkes, das er vor sich hertreibt. Und – das ist bemerkenswert – in diesem Bild werden die Lämmer und säugenden Mutterschafe besonders hervorgehoben: Er achtet auch auf die schwächsten und langsamsten Mitglieder seiner Herde, die für die verheißene Zukunft stehen. 

Auslegung

Viele Stimmen, die durcheinanderrufen, werden schnell zu einer Kakophonie: unangenehm und unharmonisch. Die Rufenden, die am Anfang des zweiten Teils des Prophetenbuches Jesaja ihre Stimmen erheben, um Trost verkünden, die Vergänglichkeit der Menschen zu thematisieren, den Advent und die Macht Gottes zuzusagen, lassen jedoch eine Symphonie des Heils erklingen. 

„Tröstet, tröstet mein Volk, sagt euer Gott.“ (Jesaja 40,1) – die erste Stimme des Heils erklingt aus dem Himmel. Das Volk kann sich den Mut nicht selbst zusprechen, die Ermutigung kommt als Gottesauftrag. Die Geschichte und somit die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk hat sich gewandelt. Die Strafzeit Israels ist vorüber, die Sünde vergeben, die Schuld beglichen. Israel wird sein Exil in Babylon wieder verlassen können.

Eine zweite, Leben ermöglichende Stimme erklingt in der Wüste. Die geheilte Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wird zu einem Triumphzug, in dem das Volk von seinem Gott zurück nach Jerusalem geleitet werden wird. Gott wird sein Volk Israel wieder durch die Wüste in das Verheißene Land führen – diesmal jedoch auf geradem Weg. Im Alten Orient war es üblich, für Reisen von Königen oder für große Armeetruppenbewegungen die Windungen der Wege zu begradigen und unpassierbare Stelle einzuebnen. Die Stimme in der Wüste verkündet aber mehr als dies. Sie verkündet ein Wunder – die Natur wird sich vor diesem König und seinem Geleit verbeugen, den Weg freigeben und Zeugnis geben für seine Macht. Dieses Wunder bezieht sich jedoch auf den ethisch-religiösen Lebenswandel des Volkes.

Diese Verheißung ist zugleich die Aufforderung zur Verkündigung der Macht Gottes, die von einer weiteren himmlischen Stimme eingefordert wird. Die einzelnen Teile der Schöpfung sind vergänglich, allein Gottes Zusagen, seine Worte sind unvergänglich (Verse 6-8). Er ist der Gott seines Volkes, er spricht ihnen zu „Fürchte dich nicht!“ (Jesaja 40,9) und er erweist sich als der gute Hirte, der seine Herde von Weideplatz zu Weideplatz, zur Wasserstelle und zum Ruheort führt. 

Die tröstenden Stimmen ermutigen zum neuen Leben, das durch das Kommen Gottes ermöglicht wird. Aus dem Himmel und auf der Erde erklingt die frohe Botschaft, die dem Volk zugesprochen werden muss, damit es selbst zum Botschafter der kommenden Freude werden kann.

Kunst etc.

Die Heilsbotschaft in Jesaja 40,1-11 stammt nicht aus dem babylonischen Exil, sondern ist mit Blick auf die Stadt Jerusalem verfasst worden. Die sichtbare Trostlosigkeit ist der Ausgangspunk dieser Verse. Sie ist selbst die Wüste, in der der Weg Gottes wiedererrichtet werden muss. Sie ist in dieser Metapher zu der an sie angrenzenden judäischen Wüste geworden. 

Blick von der judäischen Wüste auf Jerusalem, fotografiert von Chadica. Lizenz: CC BY 2.0.
Blick von der judäischen Wüste auf Jerusalem, fotografiert von Chadica. Lizenz: CC BY 2.0.