Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Kor 9,16-19.22-23)

16Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

17Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Dienst, der mir anvertraut wurde.

18Was ist nun mein Lohn? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium bringe und keinen Gebrauch von meinem Anrecht aus dem Evangelium mache.

19Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen.

22Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.

23Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.

Überblick

„All in!“ Um möglichst vielen die Frohe Botschaft zu verkünden, schränkt Paulus sich und seine Freiheit ein.

1. Verortung im Brief
Paulus, der die Gemeinde von Korinth gegründet hat (50/51 n. Chr.), nimmt darin Bezug zur aktuellen Situation der Gemeinde, mit der er in einem regen Austausch steht: Zum einen beantwortet er aktuelle Fragen der Gemeinde, die ihm über seine Mitarbeiter oder durch Briefe übermittelt wurden. Zum anderen greift Paulus Themen auf, die ihm selbst für die Gemeinde wichtig erscheinen. Bis zu einem neuerlichen Besuch, bleibt das Medium des Briefes ein wesentliches Mittel, um auf Fragen und Herausforderungen der jungen christlichen Gemeinde einzugehen. In dem in Ephesus verfassten Brief (ca. 54 n. Chr.) findet Paulus tröstende, ermahnende und klarstellende Worte und bringt sich selbst als Apostel und die Botschaft des Evangeliums in Erinnerung.

Der 1. Korintherbrief (1 Kor) folgt dem Muster eines antiken Briefes. Dort folgt nach einem „Vorschreiben“ (von der lateinischen Bezeichnung „Präskript“) oder auch „Anschreiben“ mit Absender, Adressat und Gruß (1 Kor 1,1-3) das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet (1 Kor 1,4-9).
Mit 1 Kor 1,10 beginnt der Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“). Waren die ersten großen Themen der Umgang mit verschiedenen Gruppen und Strömungen in der Gemeinde (1 Kor 1,10-4,21) und verschiedene Aspekte des Themas „Sexualität“ (1 Kor 5,1-7,40 – Ausnahme ist der Abschnitt 1 Kor 6,1-11, in dem es um Rechtstreitigkeiten unter Christen geht), geht es ab 1 Kor 8,1 um das Verhältnis der Gemeinde zu den heidnischen Kulten. Eine ganz wichtige Grundlagenfrage dabei ist: Inwiefern muss ich mich als Christ, der aus der Heilszusage Gottes lebt, abgrenzen von der heidnisch-kultischen Praxis um mich herum? Oder noch konkreter: Wenn ich doch weiß und bekannt habe, dass es nur den einen Gott, den Vater Jesu Christi gibt, kann ich dann nicht bedenkenlos Fleisch essen – auch wenn das womöglich im Zuge von Opferkulten geschlachtet wurde? Paulus antwortet mit einem klaren Nein auf diese Überlegungen. Denn was ich persönlich verstanden habe, könnte bei meinen Schwestern und Brüder im Glauben zu einer Verunsicherung und einer Unschärfe des eigenen Glaubens führen. Im Kapitel 9 führt Paulus der Gemeinde entsprechend sein eigenes Beispiel vor Augen, um deutlich zu machen, inwieweit das eigene Tun mit Verantwortung für die Mitchristen geschehen soll.

 

2. Aufbau
Der Abschnitt der Lesung besteht aus zwei Textteilen, zwischen denen zwei Verse (1 Kor 9,20-21) ausgelassen wurden. Der erste Teil (Verse 16-19) nimmt den „Zwang“ des Apostels, das Evangelium zu verkünden in den Blick. Der zweite Teil (Verse 22-23) beschreibt das Ziel des Dienstes des Paulus und sein entsprechendes Verhalten.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 16-18: Paulus sieht sein Handeln als Apostel nicht als eine selbstgewählte Tätigkeit, für die er Ansehen oder Lob erwartet. Wenn er stattdessen von einem „Zwang“ spricht, der auf ihm liegt, so meint er damit seine Berufung zum Dienst durch den Auferstandenen selbst. Die Erwählung des einstigen Verfolgers der Christen durch Gott selbst, führt zwangsläufig zu einer Antwort: Die Botschaft Gottes weitertragen. Mit dieser Grundannahme der eigenen Berufung und dem daraus folgenden Auftrag für andere ist bereits in Vers 16 das Ende des Abschnitts (Verse 22-23) mitgedacht. Dieses Dienstverständnis des Paulus bringt es mit sich, dass er auf Rechte und Möglichkeiten verzichtet, die andere Verkündiger in Anspruch nehmen. Dazu gehört das gemeinsame Unterwegssein mit einer Ehefrau betrifft, aber auch eine finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen (vgl. 1 Kor 95-7). Gerade die finanzielle Unabhängigkeit bzw. der Verzicht auf Lohn ist Paulus wichtig. Die Verbreitung des Evangeliums ist für ihn der eigentliche Lohn, weil er damit selbst Teil der Verheißung des Gottesreiches wird (Vers 23).

 

Vers 19: Der Vers leitet von der Betonung seines Wunsches zur Unabhängigkeit und Freiheit im Dienst über zum Gedanken der freiwilligen Bindung. Paulus macht sich selbst „unfrei“, denn das meint das Wort „Sklave“ eigentlich. Er begibt sich aus eigenem Entschluss in eine Form der Abhängigkeit, um „möglichst viele zu gewinnen“. Hier bedient sich der Apostel der klassischen Missionssprache der frühen Christen. „Andere zu gewinnen“ bedeutet, sie für den Glauben an Jesus Christus zu begeistern und sie einzuladen, Christen zu werden. Diese Form der selbstgewählten Unfreiheit ist einerseits Resultat seiner besonderen Berufung und zugleich seines Dienstes am Evangelium.

 

In den Versen 20-21 führt Paulus aus, wie er sich den unterschiedlichen Zielgruppen seiner Mission zugewendet hat: Juden und Heiden. Allen ist er auf eine spezifische Weise gegenübergetreten und hat aus der jeweiligen Denkwelt heraus versucht, ihnen das Evangelium nahe zu bringen.

 

Verse 22-23: Als letzte Gruppe nennt Paulus „die Schwachen“, denen er das Evangelium verkündet. Sie sind anders als die, in den Versen 20-21 benannten, Juden und Heiden nicht durch ihre vorherige religiöse Prägung charakterisiert, sondern durch ihre „Schwäche“. Paulus greift damit zurück ins Kapitel 8, wo es um die Frage nach der Haltung zu Fleisch aus kultischen Schlachtungen ging. „Die Schwachen“ sind dort diejenigen, die durch einen sehr freiheitlichen Umgang mit dem Götzenopferfleisch in ihrem eigenen Glauben verunsichert oder verwirrt werden. So ist auch hier zu denken. Paulus wendet sich in seiner Verkündigung genau denen zu, die in ihrem Glauben noch eine Stärkung oder weitere Hilfestellung benötigen. Dass er „allen“ alles wird, zieht einen Bogen von Vers 19 („für alle zum Sklaven gemacht“) bis in Vers 22 hinein. Paulus macht sich selbst unfrei, weil er die Weitergabe der Botschaft in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und dabei allen Menschen in einer angemessenen Form das Evangelium verkünden will. Ziel der Verkündigung ist: Möglichst viele mit der Heilszusage Gottes in Berührung zu bringen, so dass sie an Jesus Christus glauben. Wenn das geschieht, dann zeigt sich darin auch die Anteilnahme des Apostels selbst an der Verheißung des Evangeliums.

Auslegung

„Allen alles zu werden“ und „sich für alle zum Sklaven zu machen“ klingt einerseits ziemlich vermessen und andererseits nach totaler Selbstaufgabe. Wie so oft verwendet Paulus diese starken Bilder in der Argumentation mit einer Gemeinde, um diese durch sein eigenes Lebensbeispiel zu motivieren. Im Korintherbrief verdichten sich im 9. Kapitel bereits einige Themen und Diskussionspunkte. Offenbar hat es in der Gemeinde Unklarheiten gegeben, wie sich die Christen zur kultischen Praxis ihrer Nachbarn, Kollegen, vielleicht sogar der eigenen Familie verhalten sollen. Vor allem die Frage nach Fleischkonsum ist sehr lebenspraktisch: Die reicheren Gemeindemitglieder bekamen Fleisch im Rahmen von Einladungen serviert, die ärmeren konnten sich dieses z.B. nur bei öffentlichen Festen (z.B. Stadtfeste oder Feierlichkeiten in einer Berufsgenossenschaft) leisten. Die Herkunft des Fleisches war dann oft unklar. Ob es aus kultischen Zusammenhängen stammte oder einer „normalen“ Schlachtung war oft nicht nachvollziehbar. Neben dieser sehr praktischen Frage, gab es noch freiheitliche Strömungen in der Gemeinde. Sie reklamierten für sich, durch die Taufe und Zugehörigkeit zu Jesus Christus den irdischen Dingen so weit entrückt zu sein, dass bestehende ethische Maßstäbe für sie nicht mehr gelten. Und es gab in Korinth eine Tendenz zu Parteiungen, die Paulus kritisch beobachtete.
Auch wenn Paulus hier in Kapitel 9 vor allem die Frage nach dem Umgang mit der heidnischen Religiosität vor Augen hat, spielen die anderen Themen immer wieder mit rein. Paulus positioniert sich gewohnt klar und eindeutig: Er nimmt die ihm geschenkte Freiheit als Christ nicht als Freibrief, sondern als Auftrag an. Gottes Erwählung, seine Berufung zum Apostel sind Geschenk und Auftrag zugleich. Für sich nimmt Paulus diesen Auftrag als „Zwang“ an, also eine Aufgabe, der er sich nicht verweigern kann und für die er sich selbst einschränkt, weil er sich ihr ganz widmen will. Aus der Erfahrung mit dem Glauben an Jesus Christus selbst beschenkt und damit in eine ganz neue Lebenstiefe geführt zu werden resultiert sein Wunsch, diese Chance möglichst vielen weiterzugeben. „Allen alles zu werden“ bedeutet für ihn, mit Menschen verschiedener religiöser Herkunft (Juden und Heiden), aber auch mit denen, die mit dem Glauben an Christus noch ringen oder neu darin sind, über das Evangelium ins Gespräch zu kommen. Er sucht mit all diesen Menschen den Dialog und findet in ihrem Leben und ihren Fragen Anknüpfungspunkte für die Botschaft Gottes. So wird er jedem und jeder der Gesprächspartner, der benötigt wird, um über die eigene Existenz nachzudenken und sich auf ein Leben mit Christus einzulassen.
So macht sich Paulus zum „Sklaven“ der Botschaft, er schränkt sich selbst ein, um den Auftrag ganz zu erfüllen, den er in seiner Berufung empfangen hat. Ziel dieser selbstgewählten Unfreiheit ist dabei „möglichst viele zu gewinnen“, d.h. möglichst viele Menschen für Christus zu begeistern. Warum Paulus diesen Lebensdienst so wenig als Einschränkung empfindet, darauf gibt Vers 23 eine Antwort: Glaube ist kein exklusives Geschenk, es ist die Einladung Gottes an alle Menschen, ein Leben im Vertrauen auf ihn zu wagen. Weil diese Grundbotschaft Gottes auf Gemeinschaft und nicht Individuen ausgelegt ist, realisiert sich für Paulus in der Weitergabe der Botschaft, im „gewinnen“ der anderen für den Glauben die Verheißung des Evangeliums: Die Einladung und Zusage Gottes an alle Menschen.