Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Num 11,25-29)

25Der HERR kam in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Sobald der Geist auf ihnen ruhte, redeten sie prophetisch. Danach aber nicht mehr.

26Zwei Männer aber waren im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Auch über sie kam der Geist. Sie gehörten zu den Aufgezeichneten, waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen. Auch sie redeten prophetisch im Lager. 27Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm: Eldad und Medad sind im Lager zu Propheten geworden.

28Da ergriff Josua, der Sohn Nuns, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, das Wort und sagte: Mose, mein Herr, hindere sie daran! 29Doch Mose sagte zu ihm: Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte!

Überblick

Der Geist Gottes übergeht Formalien und überschreitet hoffentlich Grenzen.

 

1. Verortung 

Der für die Lesung ausgewählte Textabschnitt ist ein Hoffnungslicht innerhalb einer düsteren Erzählung, die in Vers 33 mit einer Gottesstrafe endet: „Sie (= die Israeliten) hatten das Fleisch noch zwischen den Zähnen, es war noch nicht gegessen, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk und der HERR schlug das Volk mit einem sehr schweren Schlag.“ Ausgangpunkt der Erzählung ist mal wieder das Murren des Volkes gegen Gott: „die Israeliten begannen wieder zu weinen und sagten: Wenn uns doch jemand Fleisch zu essen gäbe! Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und an den Knoblauch. Doch jetzt vertrocknet uns die Kehle, nichts bekommen wir zu sehen als immer nur Manna.“ (Verse 4-6). Das Mann-Wunder und somit die wunderhafte Versorgung des Volkes in der Wüste genügt nicht mehr, die Sehnsucht nach Fleisch füllt den Magen. Aufgrund der Undankbarkeit entbrennt der Zorn Gottes (Vers 10) und Mose verzweifelt: „Da sagte Mose zum HERRN: Warum warst du so böse zu deinem Knecht und warum habe ich keine Gnade in deinen Augen gefunden, dass du mir die Last dieses ganzen Volkes auflädst?“ (Vers 11). 

Gott wird den Wunsch seines Volkes erfüllen: Sie werden en masse Wachteln zum Essen erhalten – ihre Mäuler werden sozusagen gestopft, bevor Gott sie bestraft. Und den verzweifelnden Mose entlastet Gott: Er wird aufgefordert 70 Männer zu benennen, die führende Verantwortung übernehmen sollen – in diesem Akt der Entlastung, der Geistgabe an die siebzig Ältesten, verbirgt sich die eigentliche Spitze des Textes: Während das Volk undankbar gegen Gott murrt, hofft Mose, dass das gesamte Volk zu einem Volk aus Propheten wird. 

2. Erklärung einzelner Verse 

Vers 25: In den Büchern Samuel findet man zweimal einen Bericht darüber, dass der Geist Gottes auf jemanden herabgesprungen ist (1 Samuel 10,5-13; 19,20-24); mit dieser Wendung wird eine prophetische Ekstase angedeutet, die zeitlich begrenzt ist. Hier jedoch wird die Verleihung des Geistes statischer formuliert. So wie der Geist dauerhaft auf Mose ruhte, so ruht er nun auch auf den siebzig Ältesten. Auch über den Propheten Elischa wird in 2 Könige 2,15 ausgesagt, dass in seinem Leben der Geist auf ihm ruhte (vgl. auch Jesaja 11,2). Allerdings endet der Vers mit der Aussage, „und sie fügten nicht hinzu“, d.h. ihre prophetische Rede war ein einmaliges Ereignis, zur Amtseinführung. In Vers 14 hatte Mose zu Gott geklagt: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer“. Gott kündigte ihm daraufhin an: „Ich nehme etwas von dem Geist, der auf dir ruht, und lege ihn auf sie (= die siebzig Ältesten). So können sie mit dir zusammen an der Last des Volkes tragen und du musst sie nicht mehr allein tragen.“ (Vers 17). Hier nun in Vers 25 wird diese göttliche Amtsübertragung erzählt – die siebzig Ältesten werden nicht als Propheten eingesetzt, sondern als Anführer des Volkes unter der Autorität Mose. Es geht nicht nicht um Prophetie, sondern geisterfüllte Amtsgewalt und -gnade.

Verse 26-27: Gott hatte Mose beauftragt, die siebzig Ältesten vor dem Offenbarungszelt zu versammeln (Vers 16). Zu dem Amtseinsetzungsverfahren waren zwei, Eldad und Medad nicht erschienen – warum sie nicht zum Offenbarungszelt gekommen waren, wird nicht erzählt. Ihre Abwesenheit bei der Zeremonie hindert Gott jedoch nicht daran, auch ihnen den Geist zu verleihen. Das prophetische Reden der beiden wird Mose, der noch vor dem Offenbarungszelt steht, berichtet.

Vers 28: Josua ist der spätere Nachfolger Moses und er wird das Volk schlussendlich in das Verheißene Land hineinführen. In seinen Worten wird die Perspektive der Institution deutlich: Da Eldad und Medad nicht zum Offenbarungszelt gekommen und somit nicht förmlich eingesetzt waren, hält er ihr prophetisches Reden für eine Anmaßung.

Vers 29: Mose erkennt durch das prophetische Reden Eldads und Medads, dass Gott sich nicht an förmliche Grenzen hält; und er erklärt, dass seine Autorität nicht die maßgebende ist. Er erkennt, dass die Verleihung des Geistes auch an Eldad und Medad – auch wenn sie nicht zum Offenbarungszelt gekommen sind – eine grenzüberschreitende Aussage beinhaltet. Gott selbst entscheidet über die Geistgabe. Dort, wo sich Josua Begrenzung wünscht, erhofft Mose die Weitung: Mögen alle Israeliten durch den Geist unmittelbar zu Gott sein.

Auslegung

Auch große Anführer können verzweifeln. Kein Mensch kann alle Last allein tragen. Selbst Mose, der von Gott auserwählte Anführer seines Volkes, bricht unter der Last des Amtes zusammen: „Warum hast du [= Gott] an deinem Knecht Übel getan, und warum habe ich nicht Gnade gefunden in deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst?“ (Numeri 11,11). Im Gebet zu Gott erhebt er eine schwere Anklage und sucht zugleich Hoffnung, für den weiteren Weg. Er wendet sich an Gott, der ihn trägt, sodass er selbst die Last seines Amtes tragen kann. Gott erhört das Flehen – es erfolgt eine Strukturreform, die die Last auf mehrere Schultern verteilt.

Der Geist Gottes, der Moses leitet, legt sich zum Teil auch auf 70 auserwählte Männer. Aber das eigentliche Ziel ist doch ein ganz anderes. Das Volk Gottes soll keines Anführers bedürfen. Mose, der Anführer, wünscht sich, dass sein Amt überflüssig wird. Seine Aufgabe ist es, das Volk nicht nur anzuführen, sondern in eine direkte Beziehung zu Gott zu bringen. Seine Vision schielt nicht auf Macht oder Gewalt. Sie ist keine weltliche Verirrung, sondern der Wunsch: „Fürwahr, möge JHWH seinen Geist auf sie [= das Volk Gottes] legen.“ (Numeri 11,29), sodass Gott nicht nur an ausgewählten Orten oder in ausgewählten Personen erfahrbar wird. Möge jeder Mann und jede Frau zur Stimme Gottes in dieser Welt berufen werden!    

Kunst etc.

1737 übergab der holländische Künstler Jacob de Wit sein Bild „Mose erwählt die siebzig Ältesten“ an das Amsterdamer Rathaus. Er entschied sich dazu, in seinem Bild die Macht Moses zu betonen, der vom Glanz Gottes erstrahlt die Auserwählten bestimmt. Dass Mose eigentlich an einem Tiefpunkt seiner Autorität, bzw. seiner Kraft ist, wird nicht deutlich; kurz zuvor hatte er doch zu Gott noch gesagt: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich lieber um.“ (Verse 14-15) – und vielleicht deutet sich auch dadurch, dass Eldad und Medad seinem Ruf nicht gefolgt sind, seine Schwäche an. Doch die Erzählung in Numeri 11 betont, dass kein Mensch, sei es Mose oder das mürrische Volk die Entscheidungsmacht hat, sondern das Gott das Geschick bestimmt. In Vers 29 wird dies auch in Moses eigenen Worten deutlich: Er wünscht sich nicht seinen Machterhalt, sondern im Endeffekt wünscht er sich, dass sein Amt überflüssig wird und jeder unmittelbaren Zugang zu Gott hat.

Jacob de Wit, „Mose erwähöt die siebzig Ältesten“ (1737). Lizenz: gemeinfrei
Jacob de Wit, „Mose erwähöt die siebzig Ältesten“ (1737). Lizenz: gemeinfrei