Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Joh 10,11-18)

11Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

12Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht,

13weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

14Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

16Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.

17Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.

18Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Überblick

Der Hirt, der sein Leben gibt, und was die Beziehung zwischen Hirt und Herde auszeichnet.

1. Verortung im Evangelium
Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Joh) bilden den 2. Teil eines größeren Zusammenhangs über Jesus als den Hirten der Herde in Joh 10,1-21. Das gesamte Umfeld der Erzählung ist geprägt von einer zunehmend gereizten Stimmung der Juden gegenüber Jesus einerseits und Zeichenhandlungen Jesu andererseits. So hatte er in Joh 9,1-41 einen Blinden geheilt und wird in Joh 11,1-46 den verstorbenen Lazarus auferwecken. In dieses wirkmächtige Handeln Jesu hinein agieren die Gegner Jesu. Die Pharisäer stoßen den geheilten Blinden aus der Synagoge aus, weil er sich zu Christus bekennt (Joh 9,22 und 34). In Jerusalem will man Jesus steinigen (Joh 10,31-33), weil sie dort Jesu Rede über die Einheit mit dem Vater (Joh 10,30) nicht ertragen und als Gotteslästerung empfinden („du machst dich selbst zu Gott“, Joh 10,33).
Den Anfeindungen der jüdischen Autoritäten wird mit dem Bild des guten Hirten eine Deutung von Jesus gegenübergestellt, die das konfrontative Handeln seiner Gegner noch unverständlicher erscheinen lassen.

 

2. Aufbau
Der Abschnitt wendet sich in einem ersten Teil (Verse 11-15) dem Bild des Hirten zu. Vers 16 erweitert den Kreis derer, die zur Herde des Hirten gehören. Der zweite Gedanke des Abschnitts führt in den Versen 17-18 das Moment der Lebenshingabe aus den Versen 11 und 15 weiter und weist es zentrales Moment der Sendung Jesu aus.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 11: Der Vers ist wie eine Überschrift für die kommende Beschäftigung mit dem Bild des Hirten. „Ich bin der gute Hirt“ ist das vierte von insgesamt sieben „Ich-bin-Worten“ Jesu im Johannesevangelium. „Ich bin“ schließt an an die Offenbarung des Gottesnamens vor Mose: „Ich bin, der ich bin“ (Exodus 3,14). Jesus, der vom Vater gesandt ist und eins ist mit dem Vater (Joh 10,30), eröffnet in diesen Worten das Wesen Gottes in unterschiedlichen Bildern (Brot des Lebens; Licht der Welt; Tür; guter Hirte; Auferstehung und Leben; Weg, Wahrheit und Leben und Weinstock).
Was einen Hirten zum guten Hirten macht formuliert der Evangelist eindeutig: Er gibt sein Leben für die Schafe. Das heißt er kümmert sich um die Herde und geht bis zum Äußersten, um das Wohlergehen der Schafe zu sichern. Im Hintergrund des Nachdenkens über den guten Hirten steht das 34. Kapitel im Buch Ezechiel. Hier wird dem Negativbild der schlechten Hirten, das auf die Anführer des Volkes gemünzt ist, Gott selbst als Hirt seines Volkes gegenübergestellt: „Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.“ (Ezechiel 34,11). Das Hirtenamt, das alttestamentlich auf Gott selbst angewendet wird, wird nun auf den Sohn übertragen: Jesus ist (in Einheit) mit dem Vater der gute Hirt, der alles für die Schafe investiert.

 

Verse 12-13: Was den guten Hirten von schlechten Hütern einer Herde unterscheidet, zeigt der Evangelist nun auf. Das Negativbeispiel ist dabei ein „bezahlter Knecht“, dem nichts an den Schafen liegt und der deshalb flieht und sich selbst rettet, statt sich schützend vor die Herde zu stellen. Interessant ist, dass Johannes deutlich formuliert, dass dieser Knecht „nicht Hirt ist“, das bedeutet, ihm ist die Herde nicht als Eigentum anvertraut. Etwas später im Evangelium wird Jesus in seinen Abschiedsworten an die Jünger und im Gespräch mit dem Vater den Gedanken des Bewahrens des Anvertrauten noch einmal aufnehmen: „Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren“ (Joh 17,12).

 

Verse 14-15: Das Wort vom guten Hirten wird wiederholt, allerdings rückt nun die Herde in den Blick. Die Schafe, die Eigentum des Hirten sind, und der Hirt, sie kennen einander. Was „kennen“ wirklich bedeutet, zeigt die anschließende Analogie aus der innergöttlichen Beziehung zwischen Sohn und Vater. „Kennen“ wird zwischen Vater und Sohn zum Einswerden und kennzeichnet eine Bezogenheit aufeinander, die den jeweils anderen in und durch die Beziehung zu dem macht, was er ist. Der Vater ist Vater nur in Beziehung zum Sohn und der Sohn nur Sohn in Beziehung zum Vater. Hirt und Herde werden so zu einer Einheit, die den anderen in seiner Existenz prägt. Die „Seinen“ werden die Schafe, in dem sie sich auf ihren Hirten beziehen. Der Hirt kann nur Hirt sein, wenn er seine Schafe hat, für die er Verantwortung trägt. Die nochmalige Betonung der Lebenshingabe unterstreicht die Verantwortungsübernahme des Hirten.

 

Vers 16: Der Vers mutet wie eine Zwischenbemerkung an und weitet den Blick. Nicht nur die Angesprochenen sollen sich als Herde dieses Hirten Jesus Christus verstehen. Vielmehr gibt es noch weitere Schafe, die zu dieser Herde gehören und noch zusammengeführt werden müssen, so dass am Ende eine Herde entsteht.
Der Evangelist blickt hier aus nachösterlicher Perspektive auf das Bild und die Erfahrung, dass nicht nur Juden, sondern auch Heiden sich von diesem Hirten leiten lassen und sich ihm anschließen. Zugleich formuliert er in die Zukunft gerichtet, dass das Zusammenführen der einen Herde noch aussteht, die Lebenshingabe Jesu aber auch anderen gilt als denen, die hier konkret angesprochen werden.

 

Verse 17-18: Die Beziehung zwischen Vater und Sohn rückt in den Fokus. Die Liebe und der Sendungsauftrag des Vaters ist auf die Lebenshingabe des Sohnes ausgerichtet. Jesus ist in diesem Geschehen aber selbstmächtig, wie Vers 18 betont. Aus eigener Macht gibt er das Leben hin und nimmt es sich wieder – mit dieser Formulierung von der „Selbst-Auferstehung“ Jesu geht der Evangelist Johannes weiter als alle anderen Auferstehungsaussagen. Dass Jesus die Macht hat, sich das Leben „zurückzuholen“, wird ganz in der Logik des Evangeliums und der Wesenseinheit von Vater und Sohn aber grundgelegt in der Macht und dem Auftrag, mit denen der Vater den Sohn ausstattet. Der Vater bevollmächtigt, beauftragt den Sohn und in dieser Macht kann der Sohn sein Leben hingeben und zu neuem Leben erstehen.

Auslegung

Das Bild Jesu als des guten Hirten ist ein Urmotiv christlicher Bildsprache. Allzu leicht wird dabei das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Herde und Hirt dominant. Die Herde ist den Gefahren der Welt schutzlos ausgeliefert, wenn sie nicht von einem guten Hirten geführt und mit dem Leben beschützt wird. Die Rede vom guten Hirten im Johannesevangelium legt den Kern des Bildes aber eigentlich ganz anders an. Sicher, der Hirt ist es, der sein Leben hingibt und die Herde beschützt und leitet. Aber das Führen der Herde wird auf doppelte Weise entfaltet und so geht es im Wesentlichen um eine Beziehungsaussage. Dabei stehen die Verse 14-15 an zentraler Stelle. Denn sowohl das Motiv des Kennens als auch der Vergleich der Beziehung zwischen Hirt und Herde mit der zwischen Vater und Sohn lenken definieren das Miteinander zwischen Jesus und den Seinen. Und sie sind Richtschnur für alle „Hirtenämter“ und „Herden“ in der Nachfolge Jesu. Einander zu kennen, so wie es Johannes in Vers 14 formuliert, heißt voreinander nichts zu verbergen. Sich gegenseitig zu kennen bedeutet, in eine intensive und verlässliche Beziehung einzutreten, in der sich der eine auf den anderen verlässt. Einander zu erkennen meint, zu einer Einheit zusammenzuwachsen, ja eigentlich sogar im Wesen verbunden zu sein.
Indem der Evangelist Johannes das Bild des Hirten eng verknüpft mit der Beziehung zwischen Vater und Sohn nimmt er das Bild der Einheit (Joh 10,30) zur Grundlage. Hirt und Herde verweisen aufeinander, sie definieren die Identität des anderen, so wie der Vater nur in Bezug zum Sohn Vater ist und umgekehrt. Sie haben damit aber auch Anteil am gleichen Wesen, denn Vater und Sohn sind in Einheit mit dem Geist der eine Gott. Damit steht die Bezogenheit aufeinander im Mittelpunkt des Bildes. Ohne einander können Hirt und Herde nicht sein. Um als Hirt und Herde aber zusammenzuwachsen braucht es das gegenseitige Erkennen, den Blick auf das gemeinsame Wesen, das Vertrauen aufeinander.

Kunst etc.

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