Lesejahr B: 2023/2024

5. Lesung (Jes 55,1-11)

551Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! / Die ihr kein Geld habt, kommt,

kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld / und ohne Bezahlung Wein und Milch!

2Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, / und mit dem Lohn eurer Mühen, / was euch nicht satt macht?

Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen / und könnt euch laben an fetten Speisen!

3Neigt euer Ohr und kommt zu mir, / hört und ihr werdet aufleben!

Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: / Die Erweise der Huld für David sind beständig.

4Siehe, ich habe ihn zum Zeugen für die Völker gemacht, / zum Fürsten und Gebieter der Nationen.

5Siehe, eine Nation, die du nicht kennst, wirst du rufen / und eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir,

um des HERRN, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, / weil er dich herrlich gemacht hat.

6Sucht den HERRN, er lässt sich finden, / ruft ihn an, er ist nah!

7Der Frevler soll seinen Weg verlassen, / der Übeltäter seine Pläne.

Er kehre um zum HERRN, / damit er Erbarmen hat mit ihm,

und zu unserem Gott; / denn er ist groß im Verzeihen.

8Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken / und eure Wege sind nicht meine Wege - / Spruch des HERRN.

9So hoch der Himmel über der Erde ist, / so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege / und meine Gedanken über eure Gedanken.

10Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt / und nicht dorthin zurückkehrt,

ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, / dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,

11so ist es auch mit dem Wort, / das meinen Mund verlässt:

Es kehrt nicht leer zu mir zurück, / ohne zu bewirken, was ich will, / und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Überblick

Einordnung und Aufbau der Lesung

Die Vierte und Fünfte Osternachtlesung stammen aus zwei aufeinander folgenden Kapiteln desselben Prophetenbuches, nämlich des Buches Jesaja. Dabei dürfte Kapitel 55 aus noch etwas späterer Zeit stammen als Kapitel 54: Der Wiederaufbau Jerusalems ist vermutlich schon erfolgt oder hat zumindest begonnen. Die Perspektive ist jetzt also nicht mehr der Wandel vom Tod ins Leben durch die Rückkehr nach Jerusalem und den Wiederaufbau (wie in der Vierten Lesung aus Jes 54), sondern der Wandel vom Tod ins Leben durch innere Umkehr der Menschen.

Im Groben entwirft der Prophet dabei einen Dreischritt: Verse 1-5 benennen den Maßstab und den Ausgangsimpuls für die Umkehr, Verse 6-9 sind die Einladung zur Umkehr selbst und nennen deren göttliche Voraussetzung, Verse 10-11 führen zurück zum ersten Thema, um das es in den Versen 1-5 geht.

 

Verse 1-5: "Kauft umsonst!"

Zeiten des Wiederaufbaus sind eher dürftige und oft auch an Nahrungsmitteln knappe Zeiten. So war es wohl auch in Jerusalem nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft und Unterdrückung (538 v. Chr.). Da kann man sich die Wirkung eines Wortes wie Jes 55,1-2 gar nicht elektrisierend genug vorstellen: Gott steht wie ein Marktschreier da und bietet das so kostbare Gut des Trinkwassers sowie Brot zu essen gratis an. Unvorstellbar! Lebens-Mittel, die nichts kosten. Vers 3 löst das rätselhafte Bild auf: Die Rede war nicht wörtlich, sondern tiefsinniger gemeint: Es geht um das "Wort Gottes". Die starke Bildsprache ist zweischneidig: In ihr steckt ein stärkender, tröstender, frohmachender Zuspruch: "Ich, Gott, stelle mein Gespräch mit dir, Jerusalem, nicht ein. Ich wende dich mir redend zu und du darst davon ausgehen: In meinem Wort steckt Lebenskraft - dieselbe Kraft, die schon in meinem Wort bei der Schöpfung wirkte: 'Es werde ... und es wurde' (vgl. Genesis 1,3)." Auf der anderen Seite bedeutet die starke Bildrede aber auch: Gott muss offensichtlich zu sehr starken sprachlichen Mitteln greifen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Die Menschen sind derart mit sich selbst und den Problemen des Wiederaufbaus beschäftigt, dass sie für Gott gar kein Ohr haben. 

 

Verse 3-5: Das Volk als der neue David

Dabei hat Gott Großes vor mit seinem Volk vor. Den Bund, den er einst laut Tradition mit dem großen und berühmten König David geschlossen hat (vgl. Psalm 89,4 "Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David, meinem Knecht, geschworen: 5 Auf ewig gebe ich deinem Haus festen Bestand und von Geschlecht zu Geschlecht gründe ich deinen Thron.")  - diesen Bund will Gott jetzt mit dem königslosen Volk erneuern. Das Volk als ganzes übernimmt sozusagen die Rolle des Königs, wird Gottes bevorzugter Partner und Aushängeschild vor den anderen Völkern 

 

Verse 6-9: Gottes und des Menschen Wege

Angesichts so großer Zusagen Gottes laden die Verse 6-9 Israel dazu ein, im Alltagsverhalten seinem Gott zu entsprechen: Die Brücke zum ersten Lesungsteil läuft indirekt über die Aufforderung, Gott zu suchen (Vers 6). Sie greift vermutlich ein altes Prophetenwort auf, das lautet: "Sucht mich, dann werdet ihr leben! " (Am 5,4). Gottes Wort zu hören (Verse 1-3) oden HERRN zu suchen sind nur zwei Umschreibungen derselben Bewegung und Ausrichtung, die immer zum selben Ziel führt: zum Leben, zu größerer Lebendigkeit, zu der man auch bei anderen Menschen verhelfen will.

Dass dieses hehre Ziel nicht immer das Ziel eines Menschen ist, der schnell mehr an der eigenen Lebendigkeit als an der Lebendigkeit eines anderen interessiert ist, damit dürfte der Prophet nicht ganz falsch liegen. Gottes und des Menschen Wege sind nicht einfach deckungsgleich. In diesem Zusammenhang spricht Gott durch den Propheten von seiner unerschöpflichen Bereitschaft, immer wieder neue Versuche zu ermöglichen, wo der Mensch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. "Reiche Vergebung" ist das entscheidende Stichwort (Vers 7), das in der Osternacht als weitere österliche Lebensquelle von Gott her aufleuchtet.

 

Verse 10-11 "Wort des lebendigen Gottes"

Die letzten beiden Verse kehren zum Anfangsthema "Wort Gottes" zurück. Die Botschaft ist ebenso stark wie sie wirklichen Glauben herausfordert. Gottes Wort ist nicht "Bla-bla", sondern eine wirksame Kraft. In ihm steckt eine Dynamik, die etwas zu bewegen vermag. Das Wort schafft Lebendigkeit, weil ein wirksamer Gott dahinter steht: "Wort des lebendigen Gottes".  Er steht auch hinter der Osterbotschaft. In der Osternacht-Liturgie erklingt dieser Ausruf, wenn alle sieben alttestamentliche Lesungen und die neutestamentliche Lesung tatsächlich vorgelesen werden, insgesamt achtmal!

Auslegung

Vor der Sättigung steht der Hunger (Verse 1-3.10-11)

Die Lesung aus dem Buch Jesaja erinnert an einen anderen prophetischen Text, scheint ihn stimmungsmäßig geradezu vorauszusetzen:

11 Siehe, es kommen Tage - Spruch GOTTES, des Herrn - , da schicke ich Hunger ins Land, nicht Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern danach, die Worte des HERRN zu hören. 
12 Dann wanken sie von Meer zu Meer, von Norden nach Osten ziehen sie, um das Wort des HERRN zu suchen; doch sie werden es nicht finden.  (Amos 8,11-12)

Solche Worte, wie sie das Buch Amos festhält, sind in unserer Zeit, deren Zeichen geradezu eine Wortschwemme ist, vielleicht kaum nachvollziehbar. Wort-Mangel scheint nicht das Problem einer Generation zu sein, die besonders seit Erfindung des Smartphones und der Social Media in Dauerkommunikation zu leben scheint. Und doch: Der nervöse Blick auf auf den Bildschirm, das zeitweilige Zücken des mobilen Endgeräts, um den Eingang von Nachrichten oder Mails zu kontrollieren, verrät zumindest das unangenehme Grundgefühl: Das Wort könnte ausbleiben. Es bleibt spekulativ, welche tiefere Angst sich dahinter verbirgt: Angst vort dem Alleinsein; davor, nicht dazu zu gehören; nicht bedeutsam zu sein; ohne einen helfenden Rat zu bleiben; im Ungewissen sich aufhalten zu müssen, weil eine ausbleibende Antwort viele Gründe haben kann ...

Offensichtlich kennt der biblische Mensch dieses Grundgefühl der Angst im Blick auf das ausbleibende Wort Gottes. Der Mensch von heute wird fragen: Woran soll das Ausbleiben des Wortes denn erkennbar sein? Wenn ich wirklich will, kann ich es jederzeit in der Bibel nachlesen, auch in den digitalen Medien. Natürlich kommt es auch im jederman zugänglichem Gottesdienst zur Sprache - wenn er denn gefeiert werden kann und die Pandemie nicht ihre Grenzen setzt. Doch die Zeit der Bibel ist nicht die Zeit des Buches. Die Hauptverkünder waren auch nicht etwa die Priester am Tempel, sondern Propheten: hauptsächlich Männer, durchaus aber auch Frauen, die mit dem Anspruch auftraten, auf besondere Weise mit Gott im Gespräch zu sein und aus dieser Perspektive heraus ebenso kritisch wie maßgebend, verurteilend wie tröstend und stärkend etwas zur Gegenwart zu sagen. Dieses Phänomen der Prophetie ist nicht einfach machbar. Und so erhebt sich gerade für die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems (also nach 587/586 v. Chr,) die Klage: "Zeichen für uns sehen wir nicht, es ist kein Prophet mehr da, niemand mehr ist bei uns, der weiß, wie lange noch" (Psalm 74,9). Es fehlt offensichtlich - tatsächlich oder auch nur gefühlt - an Menschen, die besonders vom Wort Gottes erfüllt sind und aus solcher Fülle sprechen können. Ein Sehnsuchts-Vakuum bleibt leer!

Wenn Gott nun in Jes 55 sein Wort anpreist und zugleich zum Hören auf dieses Wort einlädt, dann ist der sprechende Prophet selbst das Zeichen dafür, dass die Sehnsuchtsleere sich von Gott her zu füllen beginnt. Dass das vernommene Wort "Leben" verheißt (Vers 3), wird man gerne hören - wenn vielleicht auch ungläubig. Wenn aber dann gleich schon wieder das Wort von der Umkehr folgt, hatte wahrscheinlich schon damals der ein oder die andere keine Lust mehr, weiter zuzuhören. Dass das Wort dennoch schriftlich festgehalten wurde, macht aber deutlich: Gottes Wort ist immer nur in der Spannung von Ermutigung und Zumutung zu haben. Gefallen ist kein Kriterium dafür, ob Gott in der Schrift, in Jesus oder auch durch einen Menschen von heute spricht. Die Heilige Schrift, vorab das Buch Jesaja, ist aber zutiefst überzeugt, dass die Kraft der Ermutigung weitaus größer ist als die Belastung der Zumutung. (Vgl. zu diesem Thema auch den Beitrag "Einsame, heilige Tage!" unter "Aktuelles").

Das gilt auch für die Osterbotschaft. Auch sie ist kein "leeres" Wort (vgl. Vers 11). Im Gegenteil: Sie will gerade Zeugnis geben von der Wirkkraft des Wortes Gottes. Die ihr glauben, sind überzeugt, dass sie das Sehnsuchts-Vakuum, von dem die Rede war, zu füllen vermag.

 

"Wort des lebendigen Gottes" (Verse 10-11)

Nach kaum einer Lesung aus dem Alten oder Neuen Testament dürfte der immer wieder auch einmal in Frage gestellte Ausruf (sog. "Akklamation") so passend und fast auch selbsterklärend sein, wie nach dieser Lesung, und ganz besonders nach den eindrücklichen Versen 10-11 mit ihrem sprechenden Gleichnis: "Wort des lebendigen Gottes". Der Zusammenhang mit der Osterliturgie macht darüber hinaus klar, dass der "lebendige" Gott ein ebenso wirksamer wie die Schranken des Todes überwindender Gott ist.

Kunst etc.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:El_aguador_de_Sevilla,_por_Diego_Vel%C3%A1zquez.jpg
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