Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Kor 7,32-35)

32Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.

33Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.

34So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet.

Überblick

Gefällt mir? Die Sorge ums Gefallen und die Ausrichtung auf Christus bringen den Apostel in einen Abwägungsprozess, den er an seiner eigenen Person orientiert.

1. Verortung im Brief
Der 1. Korintherbrief (1 Kor) folgt dem Muster eines antiken Briefes. Dort folgt nach einem „Vorschreiben“ (von der lateinischen Bezeichnung „Präskript“) oder auch „Anschreiben“ mit Absender, Adressat und Gruß (1 Kor 1,1-3) das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet (1 Kor 1,4-9).
Mit 1 Kor 1,10 beginnt der Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“). Paulus, der die Gemeinde von Korinth gegründet hat (50/51 n. Chr.), nimmt darin Bezug zur aktuellen Situation der Gemeinde, mit der er in einem regen Austausch steht: Zum einen beantwortet er aktuelle Fragen der Gemeinde, die ihm über seine Mitarbeiter oder durch Briefe übermittelt wurden. Zum anderen greift Paulus Themen auf, die ihm selbst für die Gemeinde wichtig erscheinen. Bis zu einem neuerlichen Besuch, bleibt das Medium des Briefes ein wesentliches Mittel, um auf Fragen und Herausforderungen der jungen christlichen Gemeinde einzugehen. In dem in Ephesus verfassten Brief (ca. 54 n. Chr.) findet Paulus tröstende, ermahnende und klarstellende Worte und bringt sich selbst als Apostel und die Botschaft des Evangeliums in Erinnerung. War das erste große Thema des Hauptteils der Umgang mit verschiedenen Gruppen und Strömungen in der Gemeinde (1 Kor 1,10-4,21), schließen sich nun verschiedene Fragen rund um das sehr weite Oberthema „Sexualität“ an (1 Kor 5,1-7,40 – Ausnahme ist der Abschnitt 1 Kor 6,1-11, in dem es um Rechtstreitigkeiten unter Christen geht).

Bei der Argumentation des ausgewählten Abschnitts nimmt Paulus Bezug auf ein Thema, das die Gemeinde offenbar selbst in einem ihrer Briefe an den Apostel formuliert hatte: Die Ehe. Mit diesem Thema setzt er sich bereits seit Beginn des 7. Kapitels auseinander. Denn offenbar gibt es in der Gemeinde Christen, die eine grundsätzliche sexuelle Enthaltsamkeit predigen. Obwohl Paulus – für sich selbst, wie in seiner Argumentation – das ehelose und damit enthaltsame Leben bevorzugt, ist dieses für ihn nicht verpflichtend. Ob ein Christ ehelos (= enthaltsam) oder in einer Ehe lebt, ändert nichts an der Heilszusage Gottes (1 Kor 7,17-24). Vielmehr betont er, dass die Entscheidung für ein Eheleben wie für ein eheloses Leben auf einer Gnadengabe Gottes beruht und nicht einfach ein eigener Entschluss ist (1 Kor 7,7).
Paulus hatte zuvor (1 Kor 7,29-31) besonders auf die Ehe unter der Perspektive der nahen Wiederkunft Christi geschaut und betont, dass es wichtig sei, sich nicht zu sehr an Dinge und Personen zu binden, um am Ende der Zeit ohne großen Abschiedsschmerz in das Reich Gottes eingehen zu können. Nun schließt er daran an, indem er – an sich selbst Maß nehmend – ein Plädoyer für die Ehelosigkeit anschließt.

 

2. Aufbau
Die Verse 32 und 35 sind als Rahmung zu verstehen. Vers 32a gehört dabei eigentlich noch zum vorangehenden Gedanken. Vers 35 schließt für Paulus seine Argumentationskette ab.
In den Versen 32b bis 34 wirft Paulus einen Blick auf Männer und Frauen, jeweils als Verheiratete und Unverheiratete. Vers 34a ist das Scharnier zwischen der Betrachtung der beiden Geschlechter und gilt daher beiden.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 32a: Der Wunsch des Paulus, dass die Gemeinde „sorgenfrei“ sei, ist enger mit den Versen 29-31 verbunden als mit den folgenden. Paulus möchte den Korinthern „ersparen“, dass sie sich vor dem Kommenden (der Endzeit) ängstigen, weil sie dann von Liebgewonnenem schmerzvoll Abschied nehmen müssen (Rückbezug zu den Versen 29-31). „Sorgen bereiten“ kann den engagierten Gemeindemitgliedern aber auch, ob sie sich denn ausreichend um das Reich Gottes bemühen bzw. wie sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit priorisieren sollen: Ehepartner, Familie, Gesellschaft, Gott.
Paulus wird im Folgenden eine klare Antwort darauf geben, wo die Priorität der Gemeindemitglieder liegen soll.

 

Verse 32b-34: Was der Apostel in Vers 34a über den Ehemann aussagt („er ist geteilt“ – zwischen Ehefrau und Gott), gilt genauso über die Ehefrau und bildet ein Scharnier zwischen dem Blick auf die beiden Geschlechter. Deshalb sind die Aussagen über die Männer in den Versen 32b-33 mit denen über die Frauen in Vers 34b parallel gestaltet: Wer verheiratet ist, sorgt sich um „die Dinge der Welt“ und will dem Ehepartner „gefallen“. Wer unverheiratet ist, sorgt sich um „die Sache des Herrn“ und möchte ihm „gefallen“. Die „Sache des Herrn“ ist in Vers 34 ergänzt um die Beschreibung „heilig zu sein an Leib und Geist“. 
Gegenübergestellt wird also die Beziehung zu Christus als lebensbestimmende Ausrichtung und die Beziehung zu einem Ehepartner. Bereits der vorangehende Abschnitt hatte gezeigt, dass die Verbundenheit zu Christus nicht nur die Jetztzeit, sondern auch die Zukunft, das Reich Gottes betrifft. Die irdischen Beziehungen jedoch sind auf das Hier und Jetzt angelegt. Es kann sogar sein, dass sie einen in Bezug auf das, was kommt, in Bedrängnis führen (vgl. 1 Kor 7,29-31). 
In eine ähnliche Richtung ist auch hier zu denken, denn es geht um die Frage, wem man „gefallen möchte“. Das Wort „gefallen“ (aresko, griechisch: ἀρέσκω) ist bei Paulus sehr beliebt; 17 Mal wird das Wort im Neuen Testament verwendet, davon 13 Mal in den echten Paulusbriefen. Dabei schwingen in dem Wort durchaus verschiedene Konnotationen mit: Es geht darum, jemandem zu gefallen, kann aber auch bedeuten, jemanden zufrieden zu stellen bis hin zu dem Gedanken des Dienens, Ausgleichens, Versöhnens. Diese Bedeutungsebene schwingt beispielsweise in 1 Kor 10,33 mit, wenn Paulus sagt, dass er versucht hat, in seinem Handeln „allen zu gefallen“ bzw. „allen entgegenzukommen“. Auch in den Versen 32-34 geht es beim „Gefallen“ nicht bloß um eine gesuchte oberflächliche Zustimmung oder Beliebtheit. Es geht darum zu wissen, was von einem erwartet wird und dem zu entsprechen; es geht darum, Gefallen zu finden in den Augen eines anderen. Da Paulus das Wort auch auf sich selbst und sein Beispiel anwendet, ist es nicht in sich negativ zu verstehen. Aber – und das zeigt auch 1 Kor 10,33 – es ist mit einer gewissen Anstrengung, einem Aufwand verbunden. Angesichts dieses Verständnisses wird deutlich, warum Paulus möchte, dass sich jeder genau überlegt, bei wem und für wen er und sie die Anstrengung unternimmt „zu gefallen“.

 

Vers 35: Paulus bringt seinen Gedanken zu einem Abschluss und versucht den Korinthern in Erinnerung zu rufen, dass seine Hinweise nicht erschwerend, sondern helfend gedacht sind. Die Ehelosigkeit und damit die Freiheit von der Anstrengung einem anderen Menschen zu gefallen, setzt diese Kapazitäten für Christus frei.

Auslegung

Um die klare Parteinahme des Apostels für die ehelose Lebensform besser zu verstehen, ist es sinnvoll, diese in ein paar größere Perspektiven einzubetten. Zunächst einmal ist es für Paulus von großer Bedeutung, dass der Glaube an Christus, den die Christen durch ihre Taufe haben besiegeln lassen, nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Nicht umsonst ist die Metapher „Christus anziehen“ (vgl. Galaterbrief 3,27) damit verbunden, dass sich in der gesamten Lebensweise der Getauften etwas verändert. Das Geschenk des Glaubens soll eine Antwort finden im Leben der Menschen. In der Lebensweise, dem Reden, dem Verhältnis zu den Dingen, der Priorisierung etc. Paulus muss sich im Korintherbrief unter anderem gegen allzu freigeistige Tendenzen wehren. Die Anhänger dieser Strömung meinen, das Heil bereits sicher zu haben und sich deshalb nicht mehr um die Frage kümmern zu müssen, ob ihnen irdische Dinge etwas anhaben können. Sie sind z.B. in Fragen der Sexualität eher freizügig eingestellt und sehen auch kein Problem darin, Fleisch aus heidnischen Kulten zu essen. Nicht nur ihnen gegenüber betont Paulus immer wieder, dass es mit der Taufe nicht nur um einen neuen Status vor Gott geht, sondern um ein neues Miteinander – in der Gemeinschaft der Christen, aber auch nach außen, in die Welt hinein. Wer Christ ist, versucht in seinem Leben christusförmig zu werden. Das bedeutet auch, die Welt ernst zu nehmen und zugleich zu wissen, für eine andere Heimat im Himmel bestimmt zu sein. Dem entspricht, dass für Paulus diese innere Gewissheit immer mit einem Sendungsbewusstsein nach außen verbunden ist. Von Gott in ein neues Leben gerufen worden zu sein, soll auch für andere erkennbar sein. Dazu braucht es das mündliche Zeugnis, das mutige Handeln und die Entschlossenheit, das Leben an Christus auszurichten. Hier spielt ein dritter grundsätzlicher Aspekt der paulinischen Verkündigung herein. Paulus sieht sich als Apostel immer in der Vorbildrolle für seine Gemeinden. Er möchte in seiner Verkündigung, seinem Handeln und seiner radikalen Christus-Zentrierung deutlich machen, wie Leben „im Gewand Christi“ funktionieren kann. Er selbst hat sich entschlossen, dass diese Ausrichtung an Christus am Besten in einem enthaltsamen und ehelosen Leben zu verwirklichen ist. Er möchte sich ganz in den Dienst der Verkündigung stellen können und deshalb frei sein von anderen Bindungen. Dazu gehört im Übrigen auch, sich finanziell von niemandem abhängig zu machen – die Ehelosigkeit ist also nur ein Teil seines Vorbilds zum Loslösen von Bindungen und Abhängigkeiten. Dass der Apostel sehr wohl darum weiß, dass diese Lebensform nicht für jeden realisierbar ist und vor allem nicht jedem geschenkt ist, zeigt unter anderem sein Hinweis in 1 Kor 7,7 („Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“). Paulus argumentiert in 1 Kor 7,32-35 also wie so oft von sich selbst als Beispiel ausgehend, aber auch mit seinem Blick auf das menschliche Zusammenleben. Wer in einer Beziehung lebt, widmet seine Aufmerksamkeit dem Partner, dem Gelingen der Beziehung etc. Entsprechend kann sich derjenige oder diejenige nicht in der gleichen Weise auf Christus hin ausrichten und ihm zu gefallen suchen. Weil für ihn nicht beides die gleiche Priorität haben kann, entschied sich Paulus für die Zentrierung auf Christus und macht sein Beispiel zum Vorbild für die Gemeinde.

So sehr die Argumentation aus dem eigenen Lebensbeispiel des Paulus nachzuvollziehen ist, bleibt doch – nicht nur vor dem Hintergrund unserer Zeit – die Frage, wie eine Lebensausrichtung an Christus und ein kraftvolles Zeugnis mit Partnerschaft und Familie zu verbinden sind. Das Dekret über das Laienapostolat des Zweiten Vatikanischen Konzils formuliert dazu unter anderem: „Darum hat das Apostolat der Eheleute und Familien eine einzigartige Bedeutung für die Kirche wie für die menschliche Gesellschaft.“ (Dekret über das Laienapostolat „Apostolicam Actuositatem“) Auftrag von Verkündigung, Seelsorge und kirchlichen Strukturen sollte es also sein, Wege und Perspektiven aufzuzeigen, wie im partnerschaftlichen Leben das Zeugnis zu einem Leben aus und in Christus gelingen kann.