Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Thess 5,16-24)

16Freut euch zu jeder Zeit!

17Betet ohne Unterlass!

18Dankt für alles;

denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus.

19Löscht den Geist nicht aus!

20Verachtet prophetisches Reden nicht!

21Prüft alles und behaltet das Gute!

22Meidet das Böse in jeder Gestalt!

23Er selbst, der Gott des Friedens, heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.

24Gott, der euch beruft, ist treu. Er wird es tun.

Überblick

Selten in der Leseordnung stellt die Zweite Lesung, die überhaupt nur an den Hochfesten des Kirchenjahres mit Bezug zum jeweiligen Festgeheimnis und damit auch zum Evangelium ausgesucht ist (Weihnachten, Ostern usw.), einen solch dichten Verklammerungstext dar wie an diesem Sonntag. Das Einleitungswort "Freut euch zu jeder Zeit" (lateinisch "Semper gaudete") passt zum Namen des 3. Adventssonntags ("Gaudete"), der allerdings tatsächlich aus Philipper 4,4 ("Freut euch!") genommen ist, und setzt inmitten der adventlichen Vorbereitungs- und Erwartungszeit einen markanten, eigenständigen Akzent. Dieser Akzent der Freude scheint bereits in der Ersten Lesung auf: "Von Herzen freue ich mich am HERRN. Meine Seele jubelt über meinen Gott" (Jesaja 61,10). Im heutigen Evangelium nach Johannes verbirgt sich die Freudenbotschaft im Verweis Johannes des Täufers auf den, der Anderes und mehr als eine "Taufe mit Wasser" (Johannes 1,26-27) anzubieten hat. Was hier noch eher rätselhaft klingt, wird Johannes 15,11 ausdrücklich im Blick auf Jesus ins Wort fassen ("damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird"), nachdem zuvor schon von der in Jesus "vollendeten Freude" die Rede war (Johannes 3,29).

Das zweite verbindende Thema beider Lesungen und des Evangeliums ist die "Prophetie", die im Prisma der ausgewählten Perikopen sehr unterschiedlich beleuchet wird: In Jesaja 61 spricht ein Prophet des 6. Jh. v. Chr. von sich selbst, seinem Selbstverständnis (Vers 1: "Der Geist GOTTES, des Herrn, ruht auf mir.") und seiner Botschaft, die er als Wort Gottes vernommen hat . Dieses Wort ist Verheißung zum Heil - in damaliger Zeit, aber mit einem Überschuss an Heilsversprechen, das Jesus auf sich selbst beziehen konnte (vgl. das Zitat aus Jesaja Lukas 4,18-19 und den zughörigen Kommentar Jesus in Vers 21: "Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt."). Das Evangelium stellt vor die Frage, ob und in welchem Sinn Johannes den Täufer Prophet ist (Johannes 1,21.23.25). Die Lesung aus dem Ersten Thessalonicherbrief macht deutlich, dass Paulus von einem Fortbestehen des Geistes der Prophetie in den christlichen Gemeinden ausgeht. Die ersten beiden Propheten passen als Verheißungsträger zur Ankunft (lateinisch: "adventus") des irdischen Jesus. Das Fortwirken des prophetischen Geistes gilt bis zur engültigen Ankunft Christi am Ende der Zeiten.

 

Einordnung der Lesung in den ganzen Brief

Der Erste Thessalonicherbrief bestimmte bereits die Zweiten Lesungen des ausgehenden Kirchenjahres seit dem 29. Sonntag im Jahreskreis (dort s. auch zu einer Einführung in den Brief). In Zeiten der Verunsicherung angesichts der bald erwarteten, aber sich letztlich hinziehenden Wiederkunft Christi versucht Paulus die thessalonikische Gemeinde im Glauben zu festigen und zugleich zu ermutigen, die "Zwischenzeit" im Sinne eines vorbidlichen christlichen Lebens aktiv und produktiv zu nutzen. Dieser letzte Aspekt wird noch einmal besonders deutlich in den generellen Weisungen, die Teil des Briefschlusses sind: In einem regelrechten Staccato - weniger musikalisch gesprochen: im Telegrammstil - reiht Paulus in Kurzsätzen Grundhaltungen aneinander, die den Lebensalltag der christlichen Gemeinde bestimmen mögen. Dabei trifft die Leseordnung aus dem so gestalteten Epilog des Briefes nur eine Versauswahl (s. u. das Fettgedruckte), wie die Gesamtgliederung des Schreibens mit ausführlicher Beleuchtung des Briefschlusses zeigt:

Gliederung des Ersten Thessalonicherbriefs

1, 1-10:          Briefeingang mit Anschrift/Gruß und Dank

2,1 - 5,11:      Hauptteil, sogenanntes Briefcorpus

                      2,1 - 3,13: Geschichte der gemeinsamen Beziehung

                      4,1 - 5,11:  Leben in der Erwartung der Wiederkunft

5,12-28:        Briefschluss

                      12-13: Bitte um Anerkennung der Verantwortungsträger

                       14-15: Bitte um Großmut mit Korrekturbedürftigen

                       16-18: Ermutigung zu drei Grundhaltungen

                       19-22: Drei Ermutigungen zur Nutzung von Charismen

                        23-24: Gebetswunsch und Zusicherung der Treue Gottes

                        25-28: Bitte um Gebet, Gruß und Grußwunsch.

 

Verse 16-18: Freude, Gebet und Dank

Schon gleich zu Beginn seines Briefes (1 Thessalonicher 1,3) hatte Paulus mit der Zusammenstellung "Glaube - Liebe - Hoffnung" sein "Faible" für Dreier-Ketten deutlich gemacht (vgl. auch kurz darauf in Vers 5: "Kraft - Heiliger Geist - Gewissheit"), das sich durch das ganze weitere Schreiben hindurch bemerkbar macht. Im Hintergrund können Prägnanz und leichte Merkbarkeit stehen, vor allem aber ist die Drei als Zeitraum (drei Tage, drei Jahre) wie auch als immer wieder genannte Personenzahl (3 Söhne Noachs, 3 Männer zu Besuch bei Abraham, bis hin zur Trinität von Vater, Sohn uind Heiliger Geist) eine biblisch durch und durch gefüllte Symbolzahl, die in der Regel positiv belegt ist und viel mit Gottes Heil zu tun hat.

Auf diesem Hintergrund wundert es nicht, wenn auch die Schlussmahnungen des Ersten Thessalonicherbriefes in Dreiergruppen zusammengestellt sind. Der Apostel startet mit der Ermutigung zu den drei Gundhaltungen Freude, Gebet und Dank. Grundhaltung meint dabei, dass sie "zu jeder Zeit", "ohne Unterlass" und in Bezug auf "alles" gelten. Weder ein bestimmter Anlass noch eine besondere Zeit (Bedrängnis, ein Fest, Krankheit bzw. Heilung  und was sonst noch vorstellbar wäre) stehen im Hintergrund und damit auch nicht so sehr eine Aktion, als eben ein "Grundton" des Lebens(alltags). Insofern geht es tatsächlich um Grundhaltungen.

Die zuerst genannte "Freude" ist Paulus so wichtig, dass sie in seinem später verfassten Brief an die Gemeinde von Philippi mit 14 Belegen (als Verb und Hauptwort) gar das zentrale Leitwort ist (vgl. besonders: Phil 2,18 "Ebenso freut auch ihr euch und freut euch mit mir!" und Phil 4,4 "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!"). Im Ersten Thessalonicherbrief kommt das Wortfeld insgesamt fünfmal vor. Der Philipperbrief hilft vielleicht am meisten, zu verstehen, was Paulus mit dieser Grundhaltung meint und worin ihre Quelle liegt.  "12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. 13 Alles vermag ich durch den, der mich stärkt" (4,12-13).Die "Freude" hat viel mit der Mischung aus Vertrauen und Gelassenheit zu tun, die in allen Situationen trägt (zum Näheren vgl. unter "Auslegung").

Das "Gebet" meint ebenfalls mehr als einzelne Gebetszeiten - egal ob privat oder im Gottesdienst. Auch hier geht es um eine Grundhaltung, und zwar diejenige des ständigen Bewusstseins, dass, was immer der Mensch tut, "vor Gott" geschieht. Diese Interpretation liegt insoweit auf der Hand, als Paulus mit den Worten "beten" und "ohne Unterlass" (griechisch: adialeiptōs) zurückgreift auf seinen Briefeingang 1 Thessalonicher 1,2-3: "2 Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken; 3 unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk eures Glaubens, an die Mühe eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn.") Gebet meint das Leben aus dieser grundsätzlichen Beziehung zu Gott, die Herkünftigkeit, Abhängigkeit, Getragen- und Getröstetsein, Verborgenheit wie Erfahrbarkeit gleichermaßen, Ferne und Nähe und schließlich je größere Hoffnung einschließt.

Der "Dank" ist die Voraussetzung für das "Gebet". Wieder bietet der Philipperbrief den passenden Kommentar: "Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!" (Philipper 4,6). Also auch das in den Psalmen des Alten Testaments so breit bezeugte Klagen ("flehen") wie auch das Bitten setzen den Dank voraus, denn sie wenden sich nur deshalb an Gott, weil man mit ihm bereits positive, wenn auch aktuell ausbleibende eigene Erfahrungen oder positive Erfahrungen anderer verbindet, auf die man dankbar zurückblicken kann. Sie sind der Grund, Gott zu neuer Erfahrbarkeit und damit Hilfe in gegenwärtiger Not zu bewegen.

Vers 18b schließt die Dreierreihe mit dem begründenden Hinweis auf den Willen Gottes ab, den Gott in Jesus Christus hat anschaulich werden lassen und vermitteln wollte. So ist ja z. B. die Freude eine Gabe des Heiligen Geistes (1 Thessalonicher 1,6), der schon Christus erfüllt hat, in dessen Spur die Getauften wandeln und den sie gleichsam wie ein Kleid "angezogen" haben (vgl. z. B. Römer 13,14: "Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen.").

 

Verse 19-22: Ermutigung zur Nutzung der vorhandenen Gaben

Es folgt eine zweite Dreierreihe, die zur Nutzung der Geistesgaben, der sogenannten Charismen ermutigt. Ob Paulus mit dem erstenSatz "Löscht den Geist nicht aus!" eher warnen will, dass Begabungen in der Gemeinde nicht unterdrückt werden, oder einfach nur zu deren intensiver Nutzung ermutigen will, ist nicht erkennbar.

Zielt die Gabe der Prophetie auf die Einheit der Gemeinde und hat darin ihr Beurteilungskriterium (vgl. ausführlicher unter "Auslegung"), so ist das Kriterium für "das Böse in jeder Gestalt", welches es zu meiden gilt, dass es (das Böse) der Liebe widerspricht.

 

Vers 23: Eine Gebetsbitte

Spornen die insgesamt 6 Ermutigungen die Gemeinde an, Haltungen zu leben bzw. ihre Charismen zu nutzen und alles zu meiden, was der Grundforderung der Liebe widerspricht, wehrt die Gebetsbitte der Gefahr eines aktionistischen Missverständnisses: In allem ist Gott selbst der Letzthandelnde. Er heiligt, bewahrt und sorgt für die "Tadellosigkeit". Wieder reiht Paulus drei Aussagen aneinander, wobei er das Beswahren auch noch einmal auf drei menschliche Dimensionen hin - Geist, Seele und Leib - entfaltet.

Zum ersten Mal verwendet Paulus hier sein Bekenntnis zum "Gott des Friedens", das er in weiteren Briefen wieder aufgreifen wird (Römer 16,20; Philipper, 4,9; 1 Kor 14,33; 2 Korinther 13,11). Frieden meint umfassendes Heil, ungestörte Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu den anderen und zu Gott. Dieser das Heil wollende Gott sorgt für die Heiligung des Menschen. Was Paulus damit meint, hat er vorher in 1 Thessalonicher 4,3-8 erklärt:

"3 Das ist es, was Gott will: eure Heiligung - dass ihr die Unzucht meidet, 4 dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, 5 nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen, 6 und dass keiner seinen Bruder bei Geschäften betrügt und übervorteilt, denn all das rächt der Herr, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. 7 Denn Gott hat uns nicht dazu berufen, unrein zu leben, sondern heilig zu sein."

Die eigentümlich Betonung der "Heiligung" als "ganz und gar" (griechisch: holotelēs) erinnert an das hebräische Wort "tammîm", das meistens mit "vollkommen" oder "untadelig" übersetzt wird, aber wohl genauer die "Ganzheit" und "Ungespaltenheit" meint, in der der Mensch nichts aus seiner Gottesbeziehung als nicht dazugehörig ausklammert. So darf man die Auforderung an Abraham in Genesis 17,1 wohl übersetzen: "Geh vor mir und sei ganz [Einheitsübersetzung: untadelig]!"

Dieser Aspekt der "Ganzheit" schwingt auch bei der "Unversehrtheit" mit (griechisch: holóklēros; wie holotelēs mit der Silbe holo- "ganz" gebildet). Während hier im Hintergrund des Bildes die Vollständigkeit des Körpers steht, dem kein Glied fehlt, bezieht sich die "Tadellosigkeit" ethisch auf das Fehlen eines jeglichen "Sündenfleckens" (das Bild rührt von den Opfertieren am Tempel her, die keinen körperlichen Makel aufweisen durften).

Das Ziel der paulinischen Gebetsbitte ist das Bestehen der ihm Anvertrauten beim Endgericht, das sich mit "der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus" verbindet.

 

Vers 24: "Amen"

Dass Gott alles für dieses Bestehen des Menschen am Ende von dessen irdischem Dasein tut, darin besteht seine Treue. Gott hält fest am Ja zu seiner Schöpfung, das er in Jesus Christus ausdrücklich wiederholt hat:

18 Gott ist treu, er bürgt dafür, dass unser Wort euch gegenüber nicht Ja und Nein zugleich ist. 19 Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündet wurde - durch mich, Silvanus und Timotheus - , ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. 20 Denn er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum ergeht auch durch ihn das Amen zu Gottes Lobpreis, vermittelt durch uns. (2 Korinther 1,1-20)

Dieses Zitat macht deutlich, dass des Paulus Bekenntnis zur Treue Gottes, mit dem er abschließend seine thessalonikische Gemeinde im Glauben festigen will, so etwas wie die feierliche Entfaltung des "Amen" am Ende eines Gebetes ist.

Auslegung

"Freut euch!" (Vers 16)

Die "Freude", von der Paulus spricht, erwächst  aus der unerschütterlichen Verwurzelung in Gott und Jesus Christus, die der Apostel für sich selbst in seinem Berufungserlebnis begründet sieht (vgl. Galater  1,15-16: "15 Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, 16 in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da ..."), für seine Adressaten in der Taufe und der dieser vorangehenden wie auch weiter wirksamen Verkündigung des Evangeliums (vgl. Römer 1,16: "Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt ...").

"Nach vorne" hin, also vorausblickend (als Ergänzungsbild zur Verwurzelung) begründet sich die "Freude" in der Erwartung der vollkommenen Christusgemeinschaft nach diesem irdischen Leben, das damit nie den Anspruch des Einzigen haben kann, worauf es ankommt. Denn dieser Anspruch führte entweder zur Verzweiflung (vgl. 1 Korinther 15,19: "Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.") oder zum verbissenen Kampf, dass dieses Leben nun auch wirklich hervorbringt, was dem Letztgültigen entspricht (vgl. die Negativliste in Römer 1,29-30: "Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden 30 und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, 31 sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen."), oder er führte schließlich nicht zu verbissener, aber zu rücksichtsloser und hemmungsloser Befriedigung der eigenen Triebe und Wünsche (vgl. kurz und prägnant Philipper 3,19: "Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn."). Diese Alternativen kommen bei Paulus in Negativlisten öfters zur Sprache und haben für ihn nichts mit der "Freude" zu tun, die er meint. Den genannten "Vorausblick" formuliert Paulus ebenfalls deutlich im Philipperbrief, wenn er schreibt:

"10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. 11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. 12 Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin" (Philipper 3,10-12).

Auch wenn das Wortspiel nur im Deutschen funktioniert, so kann man wohl dennoch im Blick auf Paulus sagen: Nur wer sich zu freuen vermag im Sinne des Apostels, wer also von (im Glauben verwurzelter) Gelassenheit, dem Blick auf den je größeren Gott und die Hoffnung auf eine das irdische Leben überbietende Zukunft erfüllt ist, vermag auch freundlich zu sein. Anders gesagt: Die innere Haltung der Freude (oder ihr Gegenteil) bestimmt das Verhalten gegenüber den Menschen, denen man begegnet (vgl. 1 Thessalonicher 2,7: "wir sind euch freundlich begegnet").

 

Die Gabe der Prophetie (Vers 20)

Wenn als konkretes Charisma  das prophetische Reden genannt wird, das für Paulus selbstverständlich zu sein scheint (1 Kor 14,29-31: "29 Auch zwei oder drei Propheten sollen zu Wort kommen; die anderen sollen urteilen. 30 Wenn aber noch einem andern Anwesenden eine Offenbarung zuteilwird, soll der erste schweigen; 31 einer nach dem andern könnt ihr alle prophetisch reden. So lernen alle etwas und alle werden ermutigt."), dann fällt zumindest innerneutestamentlich auf, dass es etwa in den deutlich nach Paulus geschriebenen Pastoralbriefen keine Rolle mehr spielt. Die Prophetie hat - gesamtbiblisch gesehen - etwas "Gefährliches", weil sie aus innerster Gottverbundenheit heraus den Menschen nicht nach dem Mund redet und durchaus, obwohl fest in der Glaubenstradition stehend, Neues zu sagen hat. Des Paulus Entschluss, das Evangelium auch unter den Heiden und ohne Einhaltung des jüdischen Reinheits- und Kultgesetzes zu verkünden, hatte mit Sicherheit auch etwas Prophetisches dieser Art an sich und erregte deshalb durchaus auch Anstoß. Prophetin und Prophet sind also eher Visionäre, im Gegensatz etwa zu "Lehrern", die eher das bereits geschriebene und (etwa von den Aposteln) gesagte Glaubensgutes weitergeben (2 Timotheus 4,3 nennt dies "die gesunde Lehre"). Paulus hält die prophetische Dimension für einen unverzichtbaren Bestandteil des Gemeindelebens, das keinesfalls verachtet werden sollte. Ist ihm hier bei den Thessalonichern eine Bewegung zu Ohren gekommen, die anders, abschätziger dachte? Doch nicht Verachtung ist angesagt, wohl aber Prüfung. Dabei ist für Paulus "gut", was dem Aufbau der Gemeinde dient und nützt (vgl. 1 Korinther 14,3-4: "3 Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost ... 4 ... wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf.").

Kunst etc.

Luther,
Luther, "Mit Fried und Freud" (1525) in Babstsches Gesangsbuch (1545), Wikimedia Commons

Es war Martin Luther (1483 - 1546) ein Anliegen, die Heilige Schrift in den Herzen der Gläubigen zu verankern. Dazu hat er biblische Texte sehr gerne in Liedtexte gekleidet. So gibt es von ihm zahlreiche Psalmendichtungen, die er auch selbst vertonte. Zu diesem Zweck hat Luther aber auch den Lobgesang des Simeon aus Lukas 2,29-32 zu einem Liedtext ausgeweitet, indem er den Einzelzeilen des Simeon-Hymnus jeweils eine Strophe zugeordnet hat. 

Das "Original" bei Lukas lautet:

29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht,

wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.

30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen,

31 das du vor allen Völkern bereitet hast,

32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet,

und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Interessanterweise hat Luther das biblisch vorgegebene  Wort "Friede" ( Vers 29: "in Frieden scheiden"; vgl. in der Lesung [Vers 23] die Rede vom "Gott des Friedens") um das Wort "Freude" ergänzt. Damit dürfte er genau die Haltung getroffen haben, die Paulus meint, wenn er ermutigt: "Freut euch zu jeder Zeit!". Simeon macht mit dieser Forderung ernst: Er ist von tiefer Freude erfüllt angesichts des Heilsbringers Jesus, den er in Händen halten darf, und er ist es, obwohl sein biologisches Lebensende ihm bewusst vor Augen steht. "Jede Zeit" schließt diejenige der Aktivität ebenso ein wie die letzte Phase, in der einem Menschen unter Umständen alle Aktivitätsmöglichkeiten genommen sind. Auch sie, so lehrt Paulus und so lehrt es das Beispiel von Simeon, kann und darf noch von "Freude" erfüllt sein.

Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) hat die Zeilen Martin Luthers, näherhin die drei fett gedruckten Strophen, wunderbar in Musik gesetzt. Auch dieser Komponist scheint sein Lebtag von diesem inneren Frieden und dieser inneren Freude erfüllt gewesen zu sein. Komponiert hat er die Musik anlässlich des Festes "Reinigung Mariens" (seit 1970: "Darstellung des Herrn") am 2. Februar 1725 im Rahmen einer Choralkantate.

 

1. Mit Fried und Freud ich fahr dahin / in Gotts Wille;
getrost ist mir mein Herz und Sinn, / sanft und stille,
wie Gott mir verheißen hat: / der Tod ist mein Schlaf worden.

2. Das macht Christus, wahr' Gottes Sohn, / der treu Heiland,
den du mich, Herr, hast sehen lan / und g'macht bekannt,
dass er sei das Leben mein / und Heil in Not und Sterben.

3. Den hast du allen vorgestellt / mit groß Gnaden,
zu seinem Reich die ganze Welt / heißen laden
durch dein teuer heilsam Wort, / an allem Ort erschollen.

4. Er ist das Heil und selig Licht / für die Heiden,
zu 'rleuchten, die dich kennen nicht, / und zu weiden.
Er ist deins Volks Israel / Preis, Ehre, Freud und Wonne.